Ebensee zeigt, dass rechtsradikale, dass neonationalsozialistische Verhaltensweisen in Bereichen akzeptabel sind, die bislang als immun gegolten haben. Wenn ein Mitglied der Kinderfreunde bedenkenlos bei so etwas mitmachen kann, ist das mehr als besorgniserregend. Die FPÖ tut das ihre, um diese Entwicklung voranzutreiben.
Zunächst eine kurze Entschuldigung bei meinen Leserinnen und Lesern. Mein Brotberuf hat es mir in den vergangenen Tagen unmöglich gemacht, Gedanken zu den neuen Entwicklungen im Fall Ebensee zu formulieren. Bei aller Polemik, bei allem Zynismus, mit vorschnellen Urteilen habe ich mich immer zurückgehalten. Hier und anderswo. Das soll so bleiben.
Einer der Jugendlichen, die das KZ-Ebensee überfallen, die KZ-Überlebende retraumatisiert, die vor Veranstaltungsteilnehmern mit Hitlergruß vorbeimarschierten, die mit Softguns auf Menschen geschossen haben (juristisch korrekt sei hinzugefügt: sollen), war Mitglied der Kinderfreunde und der Roten Falken. Das ist eine erschütternde Erkenntnis. Organisationen wie diese hatten als bislang weitgehend immun vor rechtsextremen und neonationalsozialistischem Gedankengut gegolten.
Unbestritten stehen mir diese Organisationen nach wie vor unendlich näher als das RFJ, der gerade in Oberösterreich Kontakte zum rechtsextremen BFJ hat. Das ändert nichts daran, dass ich den Überfall auf die Befreiungsfeier in Ebensee für einen widerwärtigen Vorfall halte. Dass einer der Beteiligten laut Medien und Kinderfreunden Mitglied einer mir sympathischen Organisation war, macht aus ihm keinen "Lausbuben".
Vielleiht erhöht diese Erkenntnis die persönliche Betroffenheit. Auch ich habe das Entsetzen gespürt, dem die oö. Kinderfreunde so deutlich Ausdruck verliehen haben. Milder stimmt mich das nicht. Nur nachdenklicher und trauriger. Was ist passiert, dass es ermöglicht hat, dass Mitglieder SPÖ-naher Organisationen gar nichts dabei finden, den Arm zum Hitlergruß auszustrecken und mit Softguns auf Menschen zu schießen?
Nichts anderes kennen als die Straches dieser Welt
Die Jugendlichen von Ebensee kennen nichts anderes als die Straches dieser Welt. Seitdem sie politisch denken können, haben sie erlebt, dass Menschen mit einem äußerst unklaren Verhältnis zu alten und jungen Anhängern des NS-Regimes höchste Staatsämter bekleiden. Wolfgang Schüssel (ÖVP) hat sie in die Regierung geholt und legitimiert. Seitdem diese Jugendlichen denken können, haben sie eine Integrationspolitik erlebt, die nichts anderes ist als mehr oder weniger offen eingestandene Diskriminierung. Seitdem diese Jugendlichen ihr politisches Umfeld bewusst wahrnehmen können, hören sie, dass Menschen mit anderer Herkunft diffamiert werden dürfen, dass niemand mehr dem offenen Haß gegen das Fremde offen entgegentritt. Sie haben erlebt, dass Menschen, die das tun wollen, beschimpft und verunglimpft werden. Das ist für sie normal geworden. Dass die Straches und Grafs dieser Welt rechtsextreme und neonationalsozialistische Äußerungen, Gesten und Übergriffe verharmlosen, gehört für sie zum Alltag. Die Demokraten und Antifaschisten in diesem Land waren in dieser Zeit - hilflos. Das ist für diese Jugendlichen normal.
In meiner Jugend wäre es undenkbar gewesen, so etwas zu tun. Wir wären nicht auf die Idee gekommen, den Arm zum Hitlergruß zu heben. Bei allen Versuchen der Neonazi-Szene in Braunau einzusickern. Nicht, dass es bei uns keine jugendlichen Nazis gegeben hätte, die so etwas gemacht hätten. Aber das waren die einzigen. Und das waren wenige. Zwischen denen und uns - welche politische Einstellung wir auch immer gehabt haben - war eine Kluft. Berührungspunkte gab es nicht. Punktum.
Ich nehme äußerst betroffen zur Kenntnis, dass sich das nach sieben Jahren Schwarzblau und vier Jahren Bumsti Strache geändert hat. Für einen heute 16- oder 18-Jährigen gehören die Straches und Grafs dieser Welt mehr oder weniger dazu. Auch, wenn sie nicht dem RFJ angehören.
Kämpfen, nicht resignieren
Mit sehr viel Bitterkeit muss ich mich zu dem Schluss durchringen, dass es vielleicht sogar etwas gutes hatte, dass einer der Jugendlichen nicht aus dem klassischen Rekrutierungsmilieu der Neonazis kommt. Es zeigt, welche Ausmaße die Entwicklung angenommen hat. Es macht es uns Demokraten und Antifaschisten unmöglich, die Augen zu verschließen. Es hat einen Ruck durch unsere Reihen gegeben. Kämpfen, nicht resignieren.
Das erste Mal seit Langem gibt es eine breite Bewegung gegen die Hetze Straches.
http://www.youtube.com/watch?v=bl6kVPAQPy0
http://www.orf.at/090519-38489/index.html
(Für weitere Beispiele deutlicher Aussagen wäre ich dankbar. Bitte posten. Ich werde sie so schnell wie möglich in diesen Beitrag einarbeiten)
Das macht etwas Mut. Mut macht auch, dass sich die oö. Kinderfreunde eindeutig von ihrem Ebenseer Mitglied distanziert haben und ihre Jugendarbeit den Gegebenheiten anpassen werden. Dass sie das erst jetzt tun, ist der Tatsache geschuldet, dass sie, wie nahezu die gesamte Gesellschaft, die Gefahr unterschätzt haben. Seit Ebensee ist das anders.
Die eindeutigen Reaktionen zeigen auch den Unterschied zwischen Demokraten und Antifaschisten und denen, die, gewollt oder nicht, diese Entwicklung befördert haben. RFJ-Obmann Johann Gudenus etwa spielt Ebensee weiter herunter. Für ihn sind die Jugendlichen nach wie vor "Lausbuben".
http://www.fpoe.at/index.php?id=477&backPID=390&tt_news=36277
Und wenig überraschend fordert er ausdrücklich, dass die Jugendlichen nicht bestraft werden. Bei kleineren Ausschreitungen Jugendlicher mit linker Gesinnung bringt er diese Toleranz nicht zustande. Etwas kryptisch der Satz:
Der RFJ spreche sich zudem dafür aus, die jungen Buben schnellstmöglich aus der U-Haft zu entlassen und damit die Behandlung von Schwerstverbrechern zu beenden.
Warum dieser Mann Bildungssprecher der Wiener FPÖ ist, wird einem durchschnittlich intelligenten Menschen bei solchen Sätzen ewig ein Rätsel bleiben. Fast bin ich versucht, von der freiheitlichen Chuzpe zu sprechen, jemanden mit solchen Sprachdefiziten an diese Position zu setzen. Nach dem jüngsten Eklat mit der freiheitlichen Kampagne für die EU-Wahl mit Anspielungen, die man durchaus als antisemitisch sehen kann, habe ich nur meine Zweifel, ob dieses wunderbare jiddische Wort dort auch verstanden würde. Zumal man angesichts der mangelnden Geschichtskenntnisse von Johann Gudenus' Vater John durchaus davon ausgehen kann, dass der junge Mann aus einer eher bildungsfernen Familie stammt.
Verharmlosern wie ihm gilt es, entgegenzutreten. Sagen, was ist muss die neue Strategie sein. Nicht mehr über solche Aussagen hinwegsehen sondern sie dokumentieren und publik machen. Nicht nur in den einschlägigen Kreisen sondern überall. Man darf sich nicht mehr drauf verlassen, dass das schon niemanden kümmern wird. Sonst haben wir bald ein neues Ebensee.