Kein Fest ohne Rechte
Es war eine der besten Marketing-Aktionen einer österreichischen Brauerei, an die ich mich erinnern kann. Ottakringer kauft die ungeliebte Heinekengruppe aus und lädt in seinen Shops zum Freibier. Wenn auch aufgrund des Massenansturms die Bierausbeute pro Person überschaubar blieb - alle Voraussetzungen zu einer gelungenen Party wären da gewesen.Eine halbe Stunde anstellen für ein Bier. Gut. Drei. Kleine. Wenn man so lange ansteht, lässt man sich gleich auf Vorrat einschenken. Langsam waren sie nicht beim Ausschenken, die Mitarbeiter der Ottakringer Brauerei. Nur hatten Facebook, ORF und Co Massen in den Shop neben der Brauerei gebracht. Vor mir vielleicht hundert Leute, vorwiegend Studentinnen und Studenten. Drei Bier pro Person, macht 300 Bier. Oder zehn Bier pro Minute. Nicht schlecht. Nur der Ottakringer-Mitarbeiter mit der Palette Dosen war schneller. 24 16er Blech in zwei Minuten geöffnet und ausgeteilt. Respekt.
Es ist so etwas ähnliches wie ein Volksfest. So gelöst ist die Stimmung selten in Wien. Mag am Durchschnittsalter liegen. Oder daran, dass viele Menschen Freunde gebracht haben. Und, dass man Leute trifft, die man schon lange nicht gesehen hat. Einen ehemaligen Praktikanten und eine ehemalige Praktikantin vom ORF. Einen Genossen aus dem 12. Endlich lerne ich meinen Facebook-Freund Bernhard Kölbl kennen. Und treffe Michael Sigmund, den ich von der Vorstellung der Atheisten-Plakate auf der Mariahilfer Straße kennen. Meine Laizismus.-Flyer gehen weg wie nix. Beim Anstellen braucht man was zum Lesen.

Foto: http://www.ottakringer.at
Es wäre ein gelungenes Fest gewesen. Dass es etwas getrübt wurde, lag nicht in der Verantwortung der Brauerei. Zwei Zeltfesttische weiter haben sich Funktionäre vom RFS breit gemacht, schildern mir mehrere Leute. "Die stänkern", sagt mir ein Genosse. "Ich hab mich weggesetzt."
Der Anführer hat am linken und am rechten Ärmel je eine Deutschland-Flagge aufgenäht. Die Recken grölen, versuchen Stimmung zu machen. Eine solche Gelegenheit ein paar hundert vorwiegend junge Menschen anzusprechen, darf man sich nicht entgehen lassen. Die Sauflieder haben sie drauf, das muss man ihnen lassen. In einem gewissen Grad sogar kreativ. "Wir scheißen auf die Brau Union", singen sie zur Melodie von "Guantanamera". Und dann: "SJ - verlorene Jugend". Kann auch "SJ - verdorbene Jugend" gewesen sein. Der Alkohol macht die Worte nicht verständlicher.
Den Nebentisch reißen sie mit den Trinkliedern mit. Die ebenfalls Betrunkenen stapeln die Bierbecher so hoch auf, wie sie können. Und wenn sie können, grölen sei mit. Die SJ-Schmählieder haben sie bald drauf. Die Parole ist nicht so kompliziert, dass sie nicht auch ein Volltrunkener verstehen könnte. Weiter reicht der Aktionsradius der rechten Recken diesmal nicht.
Trotz Saufliedern - die meisten hier haben Lunte gerochen. Die Leute sind entweder Grün- oder SPÖ-Sympathisanten oder haben mit Politik nichts am Hut. Zumindest heute nicht. Heute soll gefeiert werden. So lange es noch Freibier gibt. Das Angebot ist bis kurz nach 19 Uhr beschränkt. Was angesichts der fortschreitenden Alkoholisierung einiger keine schlechte Idee ist. Und die Schlangen vor dem Klo werden auch nicht kürzer.
Wer nach 17 Uhr oder so gekommen ist, kommt zu kaum mehr als einmal Bier holen. Zu dieser Gruppe gehöre ich. Andererseits: Bis jetzt war's mit Ausnahme der zugegebenermaßen immer lauter werdenden Blauen sehr nett. Man übersieht die Zeit. Sieben ist vorbei. Wir werden freundlich aber bestimmt über die Hofeinfahrt hinausgebeten.
Und wieder ein Hitler-Gruß
Am Gehsteig steht der RFS-Trupp. Der Anführer grinst. Es werden sich ein, zwei Neue angeschlossen haben. Ein roter Kleinwagen fährt vorbei. Offenbar mit Blauen auf dem Heimweg. Der Bursche, der links neben dem Anführer gesessen ist und jetzt auch neben ihm steht, streckt den Arm zum Hitler-Gruß aus, versucht eine militärische Haltung einzunehmen und grinst. Ein Missverständnis ist das nicht. Fünf Bier kann er nicht bestellen. Die Schank hat zu. Und zum Winken ist der Arm eine Spur zu steif und ein paar Sekunden zu lange oben. Offen. Kein Genierer. Der Anführer grinst weiter. Kein Wort der Zurechtweisung, keines der Distanzierung. Offene Duldung. Anders kann man das nicht interpretieren. Der rote Kleinwagen fährt weiter. Der Nebenmann lässt den Arm wieder sinken. Die RFS'ler gehen ihrer Wege. Als hätte nicht gerade ein Gruppenmitglied offen gegen das österreichische Strafrecht verstoßen. Der Armstrecker, so erzählt mir ein Bekannter, sei ebenfalls im RFS aktiv. Ich kann diese Information bislang weder bestätigen noch dementieren. Der RFS stellt die Bilder seiner Funktionäre so gut wie nicht ins Internet.
Ein Schelm, wer denkt, derartige Vorkommnisse seien in diesen Kreisen alltäglich oder würden schlimmstenfalls als lässliche Fehler betrachtet. Im Zweifelsfall redet man sich immer auf "linke Provokateure" aus, hat drei oder wahlweise fünf Bier bestellt oder wurde Opfer widriger Umstände. Wie bei der Abschlusskundgebung der Blauen zum EU-Wahlkampf am Viktor-Adler-Markt. Oder in Graz. Oder in Linz. Jetzt auch in Ottakring. Das hab ich gebraucht zu meinem Glück. Danke, Herr Strache.
von Christoph Baumgarten
am 16. September
Wieder ist es am Rande einer FPÖ-Veranstaltung zu einem Zwischenfall mit einem Neonazi gekommen. Der Mann pöbelte in der Lugner City einen SPÖ-Funktionär an. Unvermittelt und als ob es selbstverständlich wäre.


Für Martin Graf wird's langsam eng. SPÖ, Grüne und ÖVP fordern, dass der Dritte Nationalratspräsident zurücktritt. Einzig seine jetzigen Parteifreunde halten ihm die Stange. Seine ehemaligen vom BZÖ donnern gegen die FPÖ und schließen sich gleichzeitig einer gemeinsamen Initiative von SPÖ. ÖVP und Grünen nicht an. Einzig die FPÖ verharrt in Nibelungentreue zu ihrer größten politischen Hypothek. Die Zivilgesellschaft beeindruckt das wenig. Sie macht gegen Graf mobil. Unabhängig von Parteizugegehörigkeiten. Plattform ist einmal mehr das Internet.








