Pickelhaube auf dem Baum

Nein, ich habe mich noch nicht an die Weihnachtslieder in den Supermärkten und sonstwo gewöhnt. Das liegt vielleicht daran, dass ich als einigermaßen vernunftbegabter Mensch um die Weihnachtszeit herum tunlichst alles vermeide, was irgendwie mit einkaufen zu tun hat. Reicht ja, wenn das Millionen Wahnsinniger tun. Oder Mitbürgerinnen und Mitbürger, je nach Betrachtung halt. Ganz lässt es nicht vermeiden. Ich brauch ja was zum essen oder ein Duschgel. Die Dinge des täglichen Bedarfs halt.
Wenn man Pech hat, bleibt man auch am Brunnenmarkt nicht von der Weihnachtsmusik verschont. Jingle Bells tönt es aus irgendeinem Plastikspielzeug mit Elektromotor. Der Stand gehört Sikhs, die potentiellen Käuferinnen und Käufer sind türkischer Abstammung. Weihnachten ist eben ein globalisiertes Fest. Da darf der kitschig-furchtbare Plastikchristbaum mit blinkenden Lichtern am gleichen Stand natürlich nicht fehlen. Zugeschnitten ebenfalls auf die türkische Kundschaft. Obwohl, auch die Serben fahren auf die blinkenden Lichter ab. Einer der geheimen Codes am Balkan. Wenn du in einer Gegend bist, wo die Lichterketten in der Nacht blinken, hast du die serbisch-ungarische Grenze überquert. Oder die serbisch-kroatische. Jedenfalls sind dort keine Katholiken mehr zuhaus. Was den charmanten Vorteil hat, dass dort Weihnachten zwei Wochen später gefeiert wird. Zumindest als großes Fest. Ein bisserl feiern tun die Serben eigentlich die ganzen zwei Wochen lang. Soll heißen: Es wird getrunken. Die Bosniaken sind sowieso überall dabei, wo’s was zu feiern gibt. Die feiern wahrscheinlich gleich doppelt. Sofern es keine Religiösen sind.
Rakija zum Frühstück
Das Angenehme an Wien ist, dass man dort die Weihnachtsfeiertage ein bisserl unbehelligt verbringen kann. In den Balkanlokalen wird man schon beim späten Frühstück auf eine Rakija eingeladen, meist ein selbst importierter Slivovic. An der Theke lehnen ein paar Bosnier und Serben, man unterhält sich ganz angenehm und verbringt einen langsamen Tag zusammen. Wobei die Rakija zum Frühstück dem Langsam sein schon ziemlich entgegenkommt. Eine sehr angenehme Art, Weihnachten zu feiern, muss ich sagen. Bei dem Tempo kriegt man ab dem Nachmittag nix mehr mit. Auch nicht die blinkenden Lichter der Weihnachtsbäume. Man kann streiten, ob das die produktivste Art des Ignorierens dieser Feiertage ist. Das Fernsehprogramm treibt einen geradezu vor die Tür.
Treffen mit Freunden scheiden aus. Die wünschen einem entweder andauernd Frohe Weihnachten oder sind zu den Eltern gefahren. Irgendwas muss man ja machen. Und nach Möglichkeit Lokale mit vorwiegend hier geborener Kundschaft vermeiden. Dort werden sie zu Weihnachten immer so sentimental. Und Einsamkeitsgeschichten will ich mir wirklich nicht anhören. Bei aller Liebe zu meinen Mitmenschen. Ich geh nicht weg, weil ich mich zu Weihnachten einsamer fühle als sonst. Ich geh weg, weil mir fad ist. Da steh ich nicht auf Depressionspatienten mit sentimentalen Anflügen. Drum auch die Balkanlokale. Dort sind die Leute, die nicht über die Feiertage weg gefahren sind und denen auch fad ist.
Was macht ein Chinese zu Weihnachten?
Die einzigen, deren Weihnachtskoller ich nachvollziehen kann, sind die St. Pöltner. Wer dort nicht bei irgendeiner Familie Unterschlupf finden kann, ist wirklich eine arme Sau. Dort sperren sogar die türkischen und chinesischen Lokale zu Weihnachten zu. Selbst der McDonalds, die Ikone des schrankenlosen Kapitalismus, macht den Laden dicht. Da kriegt man nicht einmal was zu essen. Das kann was eher ernüchterndes haben. Davon, dass man dann auf Weihnachtsfernsehprogramm angewiesen ist, ganz zu schweigen. Da muss man depressiv werden.
Auf Urlaub fahren ist halt auch so eine Sache. Nicht einmal in Saudi Arabien entkommt man Weihnachten mehr zur Gänze, hab ich mir sagen lassen. Womit dann der einzig denkbare positive Effekt einer theokratischen Diktatur sich irgendwie in Luft auflöst.
Ein bisschen Weihnachtsmuffel bin ich schon
Ein bisschen was von einem Weihnachtsmuffel hab ich schon an mir. Falls es noch niemandem aufgefallen ist. Es hat halt was ziemlich totalitäres, dieses Fest. Wirklich entkommt man ihm nicht.
Und es ist ja sehr interessant, für wie naturwüchsig die Menschen jeweils ihre Art Weihnachten zu feiern halten. Das Christkind gilt als Symbol des alpenländisch-katholischen Weihnachtens. Neuerdings ist es Träger des Widerstandes gegen eine globalisierte Kommerzindustrie und den US-Kulturimperialismus. Was in mehrfacher Hinsicht bemerkenswert ist. Es ist meines Wissens nach nicht empirisch belegt, dass das Christkind weniger Geschenke bringt als sein böser imperialistischer Gegenspieler. Ja, oft bringen die beiden die gleichen Sachen. Was die Kommerzkritik der Christkind-Fetischisten natürlich eindrucksvoll belegt.
Christkind vs. Weihnachtsmann
Abgesehen davon, dass der Weihnachtsmann vielleicht den Fehler hat, dass ihn Coca Cola rot gemacht hat ist er historisch nicht wirklich der böse Christkind- und Kulturmörder. Die beiden sind Erfindungen der Reformation. Martin Luther hat den Kult um Christkind wie Weihnachtsmann selbst gefördert, um den Heiligen Nikolaus auszubooten. Heilige sind in protestantischen Kreisen nicht wirklich beliebt. Wenn der Weihnachtsmann jemanden geschluckt hat, war’s der Nikolaus. Mit dem ist er eins geworden. Und hat’s als halb-katholischer Bastard vor allem in protestantischen Ländern zu großer Beliebtheit gebracht. Und das immer noch rein-protestantische Christkind wird von den kampfkatholischen Alpenländern angehimmelt.
Schunkeln tun sie um einen Nadelbaum. Der ist erst im 19. Jahrhundert als deutsche Modeerscheinung in die Alpentäler gebracht worden, verkauft zum Teil als Neubelebung eines germanischen Kultes. Zumindest der Teil dürfte authentisch sein. Was immer noch nicht erklärt, warum Weihnachten bei uns in der Nacht vor dem Fest des römischen Sonnengottes gefeiert wird. Und, wie ich jüngstens im BIPA beobachtet habe, geht der neueste Trend in Richtung protziger Weihnachtsbaumspitzen.
Die Pickelhaube auf dem Baum
Mit kugelrunder Basis und langer Spitze erinnert das Ding sehr an preußische Pickelhauben. Was an sich auch nicht ganz authentisch österreichisch wäre, wenn auch eine unfreiwillige Rückbesinnung auf die Berliner Wurzeln des Christbaums. In etwa so originär österreichisch wie der Weihrauch, den manche gerne um diese Jahreszeit zuhause haben. Vor allem die, die so gerne ein echtes österreichisches Weihnachten feiern wollen, so richtig besinnlich.
Der Weihrauch kommt eher nicht aus Gramatneusiedl. Dort werden vielleicht andere THC-haltige Produkte angebaut, aber mit Sicherheit kein Weihrauch. Aber vielleicht liegt ja darin das Geheimnis des wahrhaft besinnlichen Weihnachtens. Im Weihrauch, nicht in Gramatneusiedl.
Bleibt die Frage, warum man dann auf den 24. Dezember angewiesen ist. Und auf Christkind und Geschenke. Und die religiöse Kiste.
von Christoph Baumgarten
am 23. Dezember





