Tag: Österreich

Zur Ehre der Griechen

greece-flagDie griechische Regierung ist zum Buhmann der EU geworden. Seitdem bekannt wurde, dass die Griechen den Euro-Stabilitätspakt nicht einhalten, werden sie von der EU-Kommission gegängelt und von der deutschen und der österreichischen Regierung verhöhnt. Zu Unrecht.

Ein Jahrzehnt haben die Deutschen ganz gut gelebt auf Kosten der Griechen. Jetzt beschweren sie sich und zwingen gemeinsam mit Österreich über den Umweg EU-Kommission die griechische Regierung zum millionenfachen Diebstahl am eigenen Volk. Das geht auf die Straße. Die Greichen wollen nicht hinnehmen, dass ihnen die Löhne und Gehälter gekürzt, die Steuern heraufgesetzt und die Lebenshaltungskosten erhöht werden. Zu Recht. Massenwohlstand herrscht nicht in Griechenland.

Sich zu allem Überfluss verhöhnen zu lassen, schlägt dem Fass den Boden aus. Seit Wochen müssen sich die Griechen nachsagen lassen, ein verschlagenes, betrügerisches und faules Völkchen zu sein, das auf Kosten anderer lebe. Und denen obendrein schade. Unverhohlen schwingt teutonisches Überlegenheitsgefühl gegenüber den als minderwertig empfundenen Griechen mit. Nichts könnte ferner der Realität sein. Die meisten Griechen arbeiten härter als die Zumtobels und Ackermanns, oder wie auch immer die heißen, die besonders laut Haltet den Dieb schreien.

Griechenland hat Deutschland mitfinanziert
Diese Griechen haben den deutschen Lebensstil mitfinanziert. Deutschland hat dank seiner Exporte einen Leistungsbilanzüberschuss. Den muss irgendjemand finanzieren. Das sind zum Teil die Griechen. Solcherart verschwindet viel Geld aus dem Land, das man brauchen könnte, die eigene Industrie zu modernisieren. Die EU-Beihilfen gleichen den dauernden Geldabfluss nicht aus. Griechenland muss sich verschulden, will es nicht verarmen. Maschinen, die man unter anderem aus Deutschland bezieht, sind notwendig, um die wenigen Eigenexporte wie Olivenöl und Textilien bereitstellen zu können. (Die Importe in Griechenland sind jährlich das drei bis vierfache der Exporte wert.)

Verschärft wird das mit dem Euro-Stabilitätspakt, den sich die Deutschen auf den Leib schneidern haben lassen. Ökonomisch gesehen gibt es keine Rechtfertigung, warum gerade drei Prozent Defizit die Obergrenze der Neuverschuldung sind. Außer, dass Deutschland zu dem Zeitpunkt, als die Maastricht-Kriterien gerade etwas weniger als drei Prozent Defizit hatte. Und Deutschland wollte eine harte Währung. Einen Nachfolger der D-Mark. Der hat die deutsche Exportwirtschaft ermöglicht. Die Franzosen konnten damit leben. Für andere Länder war das ein Problem. Die konnten sich jahrzehntelang nur durch Abwertungspolitik, um den Preis hoher Inflation, gegen die D-Mark wehren. Nur, als der Euro eingeführt wurde, schien ein neues Zeitalter eingebrochen, die Bedenken wurden beiseite gewischt. Sparen war geil. Neokonservative Fiskalpolitik war in. Was die Wirtschaft wirklich brauchte, interessierte niemanden. Die Vorteile, die der Euro dem Tourismus bringen würde, würden die Nachteile schon irgendwie ausgleichen, hoffte man.

Griechenland machte mit. Warum auch immer. Es hat seitdem die gleichen Probleme wie Italien, Spanien oder Portugal. Nur eben etwas härter. Das liegt auch daran, dass Griechenland aus historischen Gründen weniger Industrie hat. Die Deutschen und das mittlerweile auch zur Exportnation aufgestiegene Österreich verkauften flott nach Griechenland - und kauften wenig im Gegenzug. Was die Griechen mit massiven Budgetdefiziten auszugleichen versuchten (verschärft durch den Volkssport Steuerhinterziehung). Das wirft man ihnen jetzt vor. So, als sei man selbst unschuldig an der griechischen Tragödie.

Statt Griechenland zu zwingen, sich kaputtzusparen, sollte man den Leuten lieber mit der einen oder anderen Milliarde aushelfen. Und froh sein darüber, dass die griechischen Budgetsorgen den Euro billiger gemacht haben. Das wird auch die deutschen und österreichischen Exporte in den Rest der Welt ankurbeln. Was langfristig wesentlich mehr einbringt als eine Finanzhilfe für Griechenland kosten würde.

Warum ich nur mehr Guten Tag sage

Foto: Daniel NovotnyHeute vor zehn Jahren wurde die erste schwarz-blaue Bundesregierung angelobt. Was die einen als "Wende" sahen, sahen andere als unverzeihlichen Tabubruch. Unabhängig von der jeweiligen politischen Ausrichtung hat vermutlich jeder diesen Tag und die unmittelbar folgenden Ereignisse als spannend erlebt. Ein persönlicher Rückblick.

Es war die erste Regierungsbildung, die ich live im Fernsehen ansah. Im Büro. Radioplatz 1, 3109 St. Pölten. Es war das Zimmer, das für ständige Freie Mitarbeiter und Volontäre reserviert war. Das gab's damals noch. Ich hatte die Aufgabe, aufzupassen, ob etwas besonderes passieren würde. Abgesehen von der steiernen Miene von Bundespräsident Thomas Klestil. Und den Demonstranten vor der Hofburg.

Parallel suchte ich mir mal die verfügbaren Nummern der neuen Regierungsmitglieder aus dem Telefonbuch. Man weiß nie, wozu man sowas braucht. Außerdem wusste ich, dass ich für den frühen Nachmittag einen Radiobeitrag mit den Ressortzuständigkeiten machen würde müssen. Da war das auch eine gute Gedächtnisübung im Vorfeld. Was ich mir damals dachte, hat damals niemand mitbekommen, denke ich. Mit Ausnahme der wenigen Kolleginnen und Kollegen, mit denen ich darüber sprach. Das Publikum hörte bestimmt nichts. Das zählt nicht zu den Aufgaben eines Journalisten.

Is eh wurscht
Gut kann ich nicht ausgeschaut haben an dem Tag. Ich war, wie man so schön sagt, "übernachtig". Die Ankündigung des Vorabends, morgen werde die schwarz-blaue Regierung angelobt, raubte mir den Schlaf. "Is eh wurscht". Mit diesen Worten wälzte ich mich im Bett hin und her und versuchte mich zu beruhigen. Wohl wissend, dass es nicht "wurscht" sein werde, dass die FPÖ in der Regierung war und die ÖVP den Kanzler stellte. Die Vorstellung hatte etwas zutiefst beunruhigendes.

Als 20-Jähriger machte mir die Sache sicher mehr Angst als mir eine vergleichbare Situation heute machen würde. Was wunder? Die Parolen eines Jörg Haider waren nicht ohne. Die "ordentliche Beschäftigungspolitik im Dritten Reich" hatte ich im Ohr, ebenso die Ehrung der Waffen-SS'ler von Krumpendorf. Dazu das Ausländervolksbegehren. Ich fürchtete um meine vielen Freunde, die verschiedene Schicksale und Pläne aus verschiedenen Erdteilen nach Österreich gebracht oder gespült hatten. Es erschien mir nicht ausgeschlossen, dass diese Regierung alle "Ausländer" rauswerfen würde, die sie konnte.

Brennende Straßenbahnen und eine politische Bilanz
Das war auch Thema eines Gesprächs am Abend, in irgendeinem Lokal in Wien. Vielleicht war es das Sagya, ein sehr empfehlenswertes afrikanisches Restaurant. Ich weiß nur, dass neben mir ein Bekannter aus dem Senegal stand, und irgendwo in der Nähe war ein weiterer Bekannter aus Indien. Wir waren alle aufgewühlt von der Berichterstattung, angeheizt von Gerüchten, die Demonstrationen seien eskaliert und eine Wiener Straßenbahn stünde in Flammen. Dazwischen Meldungen von Knüppelaktionen der Polizei, die die Runde machten. Und die Überlegung, was mit den Leuten passieren würde, die nicht her geboren waren. Die Überzeugung, bald würde es Massendeportationen geben, war zumindest in diesen Kreisen durchaus verbreitet.

So weit kam es doch nicht. Etwas hysterisch waren wir schon. Was diese "Wenderegierung" zu keiner Wohltat für diese Republik macht. Sozialabbau, Kahlschlag bei öffentlichen Infrastrukturen von Bezirksgerichten, Postämtern bis zu Gendarmerieposten. Da war alles drin. Nebenbei die Verstaatlichte verscherbelt, oder was von ihr übrig war. Und offensichtlicher politischer Postenschacher wie beim Hauptverband der Sozialversicherungsträger. Das alles war Schwarz-Blau I. Schwarz-Blau II machte dort munter weiter und enteignete Millionen Arbeitnehmer mittels so genannter Pensionssicherungsreform.

Der abgeschaffte Konsens
Diese Entwicklungen waren am ersten Tag der Angelobung nicht absehbar. Oder vielleicht auch nur für mich nicht vorstellbar. Ich kannte nichts anderes als die Große Koalition. An Fred Sinowatz konnte ich mich nur rudimentär erinnern, und dass damals eine - wenn auch ihrem Wesen nach ganz andere - FPÖ in der Regierung war, war nicht Teil der aktiven Erinnerung. Ich wusste es aus Schulbüchern.

Nicht, dass mir die Große Koalition als die Verkörperung meiner Ideale erschienen wäre. Ich hätte damals eine Ampel-Koalition bevorzugt. Nur ging sich die hint und vorn nicht aus. Allein schon mangels LIF im Nationalrat. Aber es reichte, um mir die schwarze Zusammenarbeit mit der blauen Truppe suspekt zu machen. Mehr als suspekt, um genau zu sein.

Und bis zum 4. Februar 2000 galt - bei allen Breschen, die die FPÖ geschlagen hatte - so etwas wie ein Grundkonsens in punkto des politischen Anstands in diesem Land. Zumindest bei den 73 Prozent der Bevölkerung, die die FPÖ nicht gewählt hatten. Deutsche oder französische Standards erreichte der Konsens nicht, aber er war da.

Von heute aus betrachtet nehmen sich die bald anschließenden Haiderschen Exkurse (der französische Staatspräsident Jacques Chirac als Westentaschen-Napoleon, die Anspielungen auf die "Ostküste" als Gegensatz zum "goldenen Wiener Herz) beinahe wie unschuldige Redewettbewerbe in einem Mädchenpensionat aus. "Wien darf nicht Chicago werden" sorgte ein paar Jahre davor noch für helle Aufregung. Was ist das im Vergleich zu "Daham statt Islam" oder "Abendland in Christenhand"? Nur hat die Tatsache, dass diese gezielten Ausrutscher Jörg Haiders keinerlei Konsequenzen hatten, den Boden für die aktuelle Stimmung in diesem Land aufbereitet. Jeder darf alles sagen - Hauptsache, es kommt von rechts.

Wir rechneten mit einem baldigen Ende
Dass so etwas passieren konnte, war schon damals allen klar, die sich irgendwie mit Politik beschäftigten, auch mir als 20-Jährigem. Den Menschen, die auf den Donnerstagsdemonstrationen waren, sowieso. Irgendwie sympathisierte ich mit ihnen, hielt aber ihre Versuche für fruchtlos. Dennoch ging ich wie viele davon aus, dass es diese Regierung bald zerreißen würde. Dass Wolfgang Schüssel bei aller seiner amoralischen Paktiererei nach irgendeinem allzu argen Haider-Sager die Koalition würde platzen lassen müssen. Allein schon seiner Eitelkeit halber.

Dass Schüssel die Sanktionen der EU-14 ignorierte, darf nicht darüber hinwegtäuschen, dass für ihn eine gewisse Reputation Österreichs eine Wichtigkeit hatte. Er erwartete zumindest, als "Europapolitiker" hofiert zu werden. Ob Österreich als rassistisches Land galt, schien ihn nur insofern zu interessieren, als es sich auf seine Ambitionen auswirkte. Im Regelfall also nicht. Die Vorstellung mag Wunschdenken gewesen sein. Vielleicht hielt sich Haider auch gerade genug zurück.

Radfahrer an der Macht
Ich habe keine Ahnung, wie ich auf diese Regierungsbildung reagiert hätte, wenn ich jünger, aber schon politisch interessiert gewesen wäre. Vielleicht wäre es mir als normaler Regierungswechsel erschienen. Vielleicht wäre ich auf die Straße gegangen. Ich bin froh darüber, dass ich es nicht erfahren musste. Die FPÖ mit ihren diversen Abspaltungen oder Doch-nicht-mehr-Abspaltungen ist für mich bis heute keine "normale" Partei, mit der man leben kann. Höchstens Bestandteil der österreichischen Realverfassung.

Für Menschen, die fünf oder zehn Jahre jünger sind, ist das anders. Die haben diese Entwicklung nicht miterlebt. Sie können sich nur erinnern, dass rechtslastige Gestalten in höchste Staatsämter gekommen sind und fragen sich wahrscheinlich, was die Aufregung damals sollte. Für viele sind verhöhnende, menschenverachtende Sprüche und Diffamierungen einfach ein Bestandteil der Realität. Immer schon da gewesen. Warum sich aufregen? Ist doch normal.

Das gleiche gilt für die Radfahrer-Mentalität, die die FPÖ so gut verkörpert. Nach oben vielleicht ein bisserl schimpfen, aber nach unten kräftig treten. Die Angriffe richten sich immer gegen Menschen, die sich nicht wehren können. Migrantinnen und Migranten, Menschen in finanziellen Notlagen, Studierende und so weiter. Menschen ohne einflussreiche Lobby in dem Land. Dass man sich zum Opfer hochstilisiert, gehört heute auch zur politischen Kultur. Vor allem, wenn zufällig wieder einmal ein Mandatar oder eine Mandatarin vor Gericht steht. Für heute 20-Jährige waren diese Radfahrer einen großen Teil ihres Lebens an der Macht.

ÖVP-Programm mit blauen Placebos
Schwarz-Blau brachte mich dazu, vieles zu hinterfragen. Natürlich erkannte ich irgendwann, dass hier in Wahrheit ein ÖVP-Regierungsprogramm durchgeboxt wurde, mit ein paar blauen Placebos drin. Damals war meine Entrüstung über die ÖVP eher moralischer Natur. Sie hatte den Cordon Sanitaire durchbrochen, den konservative Parteien in ganz Europa errichtet hatten. Nur der Macht wegen.

Was sie ist, zeigt sich mir wenig später: Eine Mischung aus beinharter Unternehmervertetrung und alpenländisch-miefiger Fortschrittsfeindlichkeit in gesellschaftlichen Belangen, mit ein wenig Dekoration aus salbungsvollen Worten über katholische Soziallehre, Zuckerstreuseln auf einer Torte gleich. Damit man die bitteren Pillen nicht schmeckt, die in der Mehlspeise stecken. Nicht, dass mir die Clique vorher sympathisch gewesen wäre. Aber größer wurde die Sympathie seitdem auch nicht.

Warum ich "Guten Tag" sage
Ich flüchtete mich damals in eine teilweise innere Emigration, die einige Jahre anhielt. Ganz hinnehmen wollte ich das Geschehene nicht. Kleine Zeichen des Widerstands im Alltag setzen. Zeigen, dass ich nicht Teil dieser fremden- und intelligenzfeindlichen miefigen Allianz bin. Den ersten Schritt tat ich an diesem 4. Februar. Ich beschloss, mir diese Verkörperung des katholischen Miefs abzugewöhnen, dieses furchtbare "Grüßgott", das die rechte Reichshälfte so sehr zum österreichischen Gruß hochzustilisieren versucht. Der Gruß, der die weltanschauliche Haltung zu einer Frage des Patriotismus macht - oder zu einer des mangelnden Reflexionsvermögens. Bis dahin hatte ich mir - wie viele - wenig dabei gedacht. An diesem 4. Februar änderte sich das. Ich sage nur mehr "Guten Tag".

Es muss nicht sein

Und hier wieder eine sehr gelungene Analyse von Robert Misik zum Thema Minarette und deren Verbot in der Schweiz.

Happy Blog Day!

Blog Day 2009

Heute ist Blog Day. Hab ich offen gestanden zufällig erfahren. Mein Freund Marko Zlousic (http://politx.twoday.net) hat das vor einigen Tagen beiläufig erwähnt. Was soll man da schreiben? Über die Macht oder eher Ohnmacht von Blogs ist viel gesagt worden. Unsereins hat weniger Einfluss als wir gern glauben. Zynisch gesagt: Nimmt man den Anspruch mancher Bloggerinnen und Blogger zum Maßstab, globale Kommunikation mitzugestalten, betreiben wir eher eine Mischung aus Inzest und Selbstbefriedigung.

Natürlich, da könnte man das Beispiel Iran einwenden. Blogs und Twitter haben eine weltweite Öffentlichkeit mobilisiert. Möchte man meinen. Sie haben viel beigetragen, das Interesse aufrecht zu erhalten. Nur: Ohne das westliche Vorurteil, dass der Iran sowieso böse ist, hätten sie das nicht geschafft. Sie haben dieses Vorurteil bestätigt. Die Brutalität und die Systematik, in der die Jugendrevolte niedergeschlagen wurde, haben dem westlichen Klischee durchaus entsprochen. Leider. Ich wünsche, es wäre anders gekommen. Nicht um des Iran willen. Um der Menschen willen, die auf demokratische Weise versucht haben, gegen ein unmenschliches Regime vorzugehen. Nur: Wäre das gleiche in sagen wir Südafrika passiert, das weltweite Interesse wäre halb so groß gewesen.

Und bei allem großen Respekt vor den jungen Menschen, die ihr Leben riskiert haben, um eigene Erfahrungen, Augenzeugenberichte, Bilder und Videos der Welt mitzuteilen: Das Beispiel Iran zeigt auch die Grenze der individuellen Kommunikation a la Blog. Bis heute kennt niemand mit Ausnahme der Regierungsverantwortlichen im Land das wahre Ausmaß der Proteste und die Anzahl der Opfer. Wir wissen, dass in einigen Großstädten Hunderttausende vor allem jugendliche Demonstranten auf der Straße waren. Wir wissen, dass sie niedergeknüppelt wurden. Wir wissen, dass Polizei oder Revolutionsgarden in die Mengen geschossen haben. Wir wissen, dass Menschen willkürlich verhaftet und viele wahrscheinlich brutal gefoltert wurden. Wir wissen nicht, wie groß die Revolte war. Wir wissen auch nicht, ob es hundert Opfer gibt oder eher tausende.

Es waren schlicht zu viele Meldungen, die aus dem Iran auf uns hereingeprasselt sind, als dass man sie einer kritischen Überprüfung unterziehen hätte können. Das spricht für die Blogger, die sich keinen Maulkorb verordnen ließen. Und das spricht dagegen, der individuellen Kommunikation eine zu große Bedeutung zukommen zu lassen. Für solch große Geschichten ist sie als alleinige Informationsquelle nicht zu gebrauchen. Das ist beileibe keine Kritik. Es ist eine Beschreibung. Als Mitglieder einer aufgeklärten und zumindest oberflächlich demokratischen Gesellschaft sollten wir froh, dankbar und solidarisch sein, dass es in anderen Teilen der Welt Menschen gibt, die für Rechte wie Meinungs- und Informationsfreiheit kämpfen. Gleichzeitig sollten wir uns fragen, ob wir genug getan haben, sie zu unterstützen. Die Weltöffentlichkeit ist der einzige Schutz, den diese Menschen haben.

Wirkungsvoll im kleinen
Im kleinen haben sich Blogs als sehr wirkungsvoll erwiesen. Siehe die grünen Vorwahlen. Dem widmet auch Thomas Knapp einen Teil seines Blog Day-Eintrags auf http://feuerhaken.org/ Oder im Kampf gegen Rechtsextremismus. Siehe etwa http://www.rigardi.org/ Ein Blog, den ich gerne als Quelle heranziehe und wo diverse Verstrickungen penibel dokumentiert sind. Oder http://raetischerbote.blogspot.com/ Ein Blog, der die jüngsten Auswüchse in Vorarlberg sehr konsequent analysiert. Und siehe Augarten. Dass eine Bürgerinitiative dagegen kämpft, dass der Augartenspitz verbaut wird, würden viele auch nicht wissen, gäbe es den Blog nicht. http://augartenspitz.wordpress.com/ Auch Journalistinnen und Journalisten ziehen ihn als Informationsquelle heran. Danke hier auch an Christian Voigt, ohne dessen Engament der Blog kaum möglich gewesen wäre. Er betreibt übrigens seinen eigenen. http://www.kellerabteil.org

Christians Blog ist für mich auch immer wieder eine Art Gedankenfutter. Etwas, was man liest, um nicht ständig im eigenen Saft zu kochen. Unter die Kategorie fällt auch Andy Gabmeyers http://www.alteknacker.at. Unverzichtbar ist für mich auch http://www.siegiblog.at . Ein gutes Beispiel, dass ein Politikerblog auch mehr sein kann als Termine und Parteisprech herunterzubeten. Und, um nicht alle aufzuzählen verweise ich gern auf meine Links rechts unten. Ich überarbeite sie seltener als ich möchte.

Ich geb zu, ich beschäftige mich erst mit Blogs, seitdem ich selbst blogge. Das sind mittlerweile knapp fünf Monate. Ich vermuten vielen Menschen geht es ähnlich. Das ist auch die Schwäche dieses Kommunikationsmittels. Noch, wie ich hoffe. Gerade, wenn man wie ich politisch interessiert ist, sollte man öfter mal nachschauen. Blogs sind eine hervorragende Form, sich mit anderen Menschen auszutauschen. Sie lassen mehr Raum für Gedanken als e-mails, erlauben elegantere Formulierungen und sind schneller zu schreiben und auszutauschen als Briefe. Das ist die Stärke dieses Kommunukationsmittels. Nie war es so einfach, zu sehen, welche Gedanken sich andere Menschen zu bestimmten Themen machen. Und vermutlich hat es nie so viele Menschen gegeben wie heute, die ihre Gedanken artikulieren (können).

Vielleicht machen Blogs nicht die ganze Welt oder auch nur das Internet wirklich demokratischer. Aber sie bringen Menschen zusammen. Und ihre Gedanken. Etwas besseres kann es kaum geben. Allen Bloggern da draußen: Happy Blog Day!
http://www.blogday.org

P.S.: Einen guten Überblick auch über Blogs bietet http://www.scoop.at
Und ein sehr nettes blogähnliches Ding ist http//www.politspiegel.at . Hier findet man eine sehr gelungene Artikelauswahl zu politischen Themen.

Atheisten-Kampagne in "Orientierung"

Unsere Atheisten-Kampagne hat es auch ins ORF-Religionsmagazin "Orientierung" geschafft. Klaus Ther hat einen sehr ausgewogenen, nachdenklichen Beitrag gestaltet. Bereichert unter anderem von Robert Misik.

Zweierlei Maß

Stiefm_weisz-red-1_psdDie Atheisten-Buskampagne hat für Aufregung gesorgt. Zahlreiche Medien haben berichtet. Am Freitag vergangener Woche sah sich Kardinal Christoph Schönborn in seiner Kolumne in der Gratiszeitung "heute" gezwungen, auf die Aktion von AG-ATHE, AHA und Freidenkerbund Österreich einzugehen. Hier eine Entgegnung des Vorsitzendes des Freidenkerbundes, Martin Luksan.

Der Kardinal nahm die Laizisten von seiner Kanzel in der Massenzeitung aus zur Kenntnis. Das ist nicht nichts. Er schrieb auch gute Worte:
Wir haben Religionsfreiheit. Und daher auch die Freiheit, nicht an Gott zu glauben. Das ist gut so. Gut ist auch, dass es vielen nicht gleichgültig ist, ob Gott existiert oder nicht. Gut ist die öffentliche Debatte darüber.
Doch gleich wechselte er das Thema, schrieb über Werbung weiter und
schloss mit: Werbesprüche sind keine Argumente.
Schoenborn-Kolumne-in-heute (jpg, 472 KB)

Worum geht es diesmal? Eine Meinungsgruppe in Österreich möchte ihre säkulare Botschaft genauso in die Mitte der Öffentlichkeit stellen wie die katholische Kirche ihre religiösen Mythen. Sie möchte der österreichischen Gesellschaft drei Sätze mitteilen: Es gibt mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit keinen Gott. Werte sind menschlich. Auf uns kommt es an.
Nun treten allerlei Nebenaspekte hinzu, ob die säkulare Botschaft eine
Religion ist, ob sie die Botschaft der Großen Kirche verächtlich macht,
ob die Wiener Linien noch nie oder immer schon religiöse und politische
Werbung erlaubt haben. Der Teufel sitzt diesmal nicht im Detail, sondern in einer allgemeinen, österreichischen Mentalität.

Die Wiener Linien könnten einfach sagen: Die Katholische Kirche hat noch nie eine Botschaft auf einen unserer Busse aufgeklebt und bevor
diese ehrwürdige Institution das noch nicht gemacht hat, dürft ihr das sowieso nicht. Doch das wäre kein juristisches Argument, sondern der wilde, katholische, Osten.

Rein theoretisch könnten öffentliche und private Verkehrsbetriebe in
Österreich politische und religiöse Inhalte auf ihren Werbeflächen verbieten und immer schon verboten haben. Doch dann erhebt sich
die Frage, wie weit entfernt von den Werbewänden der Verkehrsbetriebe sich im Dezember 2008 folgender Spruch befand:Zu Weihnachten wurde Jesus Christus geboren. Ein Fest der Freude für die Menschen.

Diese zwei Sätze sind alles andere als harmlos, weil sich der erste
Satz auf ein Datum und auf eine angeblich historische Person
bezieht, die ein Gegenstand der Wissenschaften ist, und weil der zweite Satz suggeriert, dass alle Menschen an einen Gott glauben, der Mensch geworden ist, obwohl die Zahlen der Erdbevölkerung das glatt widerlegen. In Österreich befanden sich diese beiden Sätze auf 2300 Plakatflächen und in 600 Citylights. Sie kosteten 300 000 Euro.

Die Gruppe der Laizisten ließ Klebefolien in Deutschland herstellen, weil
sie dort billiger sind, und mietete für 1100 Euro zwei Busse. Sie hätte
lieber tausende Plakatflächen und hunderte Citylights beklebt, um
die öffentliche Debatte in Gang zu bringen, aber es reichte nur für
zwei Busse ein Monat lang. Noch ehe die Busse mit der säkularen Botschaft durch Wien fuhren, wurde der bereits unterschriebene Werbevertrag gekündigt.
gewista_buskampagne_90526
Kardinal Schönborn begrüßt also die öffentliche Debatte. Und er bewundert auch die Wirksamkeit von Werbung. Deshalb war er am 3. Dezember 2008 über den weihnachtlichen Werbespruch so erfreut: gerade durch die Reduzierung auf das Wesentliche ist eine Konzentration der Botschaft möglich. Doch die Laizisten lässt er nunmehr durch die Zeitung wissen: Sie (die öffentliche Debatte) muss argumentieren. Gründe nennen, warum wir an Gott glauben und warum nicht. Ja warum wurde denn vor Weihnachten 2008 damit nicht begonnen? Warum glauben denn Christen, dass am 24. Dezember Gott geboren wurde. Das fehlte auf dem Plakat.

Martin Luksan, Vorsitzender Freidenkerbund Österreich

Aus technischen Gründen ist die Homepage des Freidenkerbunds derzeit nicht auf dem neuesten Stand. Nähere Informationen findet Ihr auf:
http://www.buskampagne.at
und natürlich laufend hier.

Atheisten-Kampagne live auf 88,6

gewista_buskampagne_90526Die Atheisten-Kampagne schlägt hohe Wellen. Montagmorgen waren mit Erich Eder (AG-ATHE) und mir zwei Vertreter der unterstützenden Organisationen in der Morning Show von Hary Raithofer zu Gast

Hier die Mitschnitte vom Live-Interview.
Atheisten-Kampagne-bei-Hary-Raithofer-Teil-1 (mp3, 6,545 KB)
Atheisten-Kampagne-bei-Hary-Raithofer-Teil-2 (mp3, 5,608 KB)

Einen Überblick findet ihr auch auf
http://www.buskampagne.at

Atheisten-Kampagne in ZiB 2

Die Atheisten-Kampagne ist am Mittwoch auch Thema eines Beitrags in der ZiB 2 geweisen.

Die Dimension des "Göttlichen"

HeiligKreuzKirche1Die Aufregung um die Buskampagne, die die Wiener Linien gestoppt haben, wird größer. Mittlerweile kann auch die katholische Kirche nicht mehr dran vorbei. Kath.Press berichtete heute - freilich ohne die Namen der beteiligten Organisationen zu nennen. Und die Verantwortlichen, mich eingeschlossen, bekommen wirre e-mails.

Ein Thomas R. (Name von mir gekürzt) hat mir heute ein e-mail geschrieben, in dem er sich über die Slogans der Buskampagne "amüsiert" zeigt. Das rechtfertigt er unter anderem mit folgendem "Argument", dessen Logik bestechend ist. Damit zeigen Sie eigentlich nur ihre ideologische Verengung. Auch von "außen", als Atheist/in oder Agnostiker/in (...) muss man der philosphisch-theologischen Wissenschaft und der Religionswissenschaft gemäß festhalten, dass die Tatsache, dass die sogenannten "Werte" letztlich als Ausgang und Ziel immer den Menschen haben, eigentlich "Gott" sind - diese Tatsache bzw. Erfahrung ist eine wesentliche Dimension des Göttlichen!

Soll heißen: Werte werden von Menschen gemacht und haben den Menschen als Objekt. Sogar laut theologischer "Wissenschaft". Wie diese Tatsache die "Dimension des Göttlichen" beweisen soll, ist mir schleierhaft. Werte sind, und das schreibt auch Thomas R., Produkt menschlicher Geschichte, werden von Menschen formuliert und sollen Normen für menschliches Handeln sein. Gott sehe ich in dieser Überlegung, die auch Thomas R. anstellt, nicht. Wir haben nie etwas anderes behauptet. Wir haben nur die "göttliche Dimension" explizit herausgenommen, die selbst ein ausgewiesener Logiker wie Thomas R. durch nichts belegen kann als durch die Behauptung, dass sie halt irgendwie da sei und sich dadurch beweise, dass Werte von Menschen gemacht wurden.

Mit diesem Spruch widersprechen Sie sich eigentlich selbst. , fährt Thomas R. fort. Ich stelle zerknirscht fest: Dass wir feststellen, dass Werte Menschenwerk sind, was auch Thomas R. zugibt, ist ein Widerspruch in sich. Ein Fall von metaphysischer Dialektik. Oder es braucht einen Immanuel Kant, um das zu verstehen.

Kritik nur bei Nicht-Kritik erlaubt
Der Umstand, dass solche und andere pauschalkritische Meldungen gegenüber allem, was irgendwie "Religion" ist, von Ihnen immer wieder aufgegriffen und gefördert werden wollen, lässt eine tiefsitzende ideologische Verengung erkennen, die in einer zeitgemäßen Ausrichtung Ihrer Einstellung und Richtung eigentlich doch ein bisschen offener und reflektierter betrachtet werden sollte. , heißt es weiter. Soll heißen: Wir dürfen gemäß dem allseits geachteten Genie Thomas R., dem fähigsten aller logischen Denker, Religionen kritisieren, wenn wir sie nicht kritisieren. Er nennt das "offener und reflektierter". Wir nennen es eine Aufforderung mit unserer Meinung hinter den Berg zu halten.

Ein weiterer wesentlicher Aspekt ist z.B. die soziale Dimension der christlichen Botschaft. Thomas R. interpretiert hier das Christentum halb neu. Er erliegt einer Post-68-er-Projektion. Das sei ihm unbenommen. Solange er anerkennen würde, dass es Menschen gibt, die sich mit Ideologie-Geschichte beschäftigen. Aber ich vergaß seine ansonsten bestechende Logik.

Nur damit ich richtig verstanden werde: Ich spreche hier nicht im Namen einer Religion oder der von Ihnen wahrscheinlich nicht gerade geschätzten Kirche. Es hat freilich jede/r das Recht, Atheist/in oder Agnostiker/in zu sein. Aber auch von diesem Zugang her sollten Religionsthemen zeitgemäß, offen und reflektiert angegangen werden - und nicht aus einer für Ihre Einstellung scheinbar so sein müssenden Ideolgie heraus., schließt Thomas R. etwas kryptisch.

Ein wahrer Beweis für eine "Dimension des Göttlichen". Der "objektive" Thomas R. gibt uns den guten Ratschlag, zu kritisieren, indem wir nicht kritisieren. Und spricht selbstverständlich nicht aus der Position eines Angehörigen einer Religionsgemeinschaft heraus. Bei so viel bestechender Logik ziehen wir die Kampagne selbstverständlich mit dem Ausdruck des Bedauerns zurück.

P.S.: Auch die Religionsabteilung des ORF kommt mittlerweile nicht mehr an uns vorbei.
http://religion.orf.at/projekt03/news/0906/ne090609_buskampagne_fr.htm

Atheisten-Kampagne jetzt auch in Österreich

„Es gibt mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit keinen Gott. Werte sind menschlich. Auf uns kommt es an“. Diese Botschaft ist ab 5. Juni auf Bussen der Linien 13A und 14A in Wien zu lesen. Erstmals in Österreich. Ermöglicht wird das von mehreren humanistischen und atheistischen Organisationen in Österreich. Sie hoffen, eine Diskussion um die Rolle von Religion in der Politik in Gang zu bringen.
gewista_buskampagne_90526
„Die jüngsten Vorfälle zeigen, dass man Religion aus Politik und dem öffentlichen Raum heraushalten muss“, sagt Erich Eder, Obmann des Vereins AG-ATHE, Atheistinnen und Agnostikerinnen für ein säkulares Österreich. AG-ATHE ist eine der Organisationen, die Absender der atheistischen Botschaft sind, die ab 5. Juni auf Bussen der Wiener Linien zu sehen sein wird. Unterstützung kommt auch von Martin Luksan, Bundesvorsitzendem des Freidenkerbunds, Österreichs ältester laizistischer Organisation: „Ein Blutbad in einem Tempel, ein hetzerischer Politiker, der mit dem Kreuz auf Stimmenfang geht, eine Kampagne gegen muslimische Zuwanderer, da braucht es ein deutliches Zeichen für die Vernunft“, sagt Luksan. „Religion muss Privatsache sein. Solche Kampagnen und Vorfälle wären nicht möglich, wenn Religion nicht einen so unterhinterfragten Stellenwert im öffentlichen Leben hätten“, ergänzt Karl Linek, Obmann der Allianz für Humanismus und Atheismus (AHA). Es ist die erste gemeinsame Aktion der drei Organisationen.

Die Sujets gehen auf eine Werbeaktion britischer Atheistinnen und Atheisten zurück, die von Richard Dawkins inspiriert wurde, und werden seitdem international verwendet. „In Deutschland und Italien haben die Verkehrsbetriebe mehrerer Städte die Sujets aus Angst vor öffentlichem Protest abgelehnt“, sagt Niko Alm, Geschäftsführer von Super-Fi, der Agentur, die die Kampagne unentgeltlich abwickelt. „Dass es in Wien besser läuft, ist ein gutes Zeichen. Immerhin gibt es allein in der Bundeshauptstadt hunderttausende Menschen ohne religiöses Bekenntnis“, sagt Luksan. „Katholische Werbung auf Bussen und Plakatflächen ist selbstverständlich. Jetzt verschaffen sich einmal die Konfessionslosen Gehör.“

Mit öffentlichen Debatten sei dennoch zu rechnen, zeigen sich Eder und Linek einig. „Das ist gut so. Damit machen wir Menschen Mut, sich dazu zu bekennen, nicht an Gott zu glauben. Und wir machen auf die eine Million Konfessionsloser in Österreich aufmerksam. Auf diese Gruppe wird meist vergessen. Da nehmen wir eine vielleicht sogar heftigere Debatte in Kauf.“

Aktion auf einen Monat befristet
Die Aktion ist vorerst auf einen Monat befristet. Die Vereine haben ein Spendenkonto eingerichtet, um die Kampagne weiterführen zu können. „Im Gegensatz zu Religionsgemeinschaften verfügen wir nicht über die finanziellen Mittel, eine solche Kampagne flächendeckend und unbefristet weiterzuführen“, appellieren die Vertreter der Organisationen an potenzielle Spender.

http://www.buskampagne.at
http://www.EsgibtmitanSicherheitgrenzenderWahrscheinlichkeitkeinenGott.at
http://www.ag-athe.at
http://www.freidenker-oesterreich.at
http://www.atheisten.at
http://www.super-fi.eu
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