Zweierlei Maß

Stiefm_weisz-red-1_psdDie Atheisten-Buskampagne hat für Aufregung gesorgt. Zahlreiche Medien haben berichtet. Am Freitag vergangener Woche sah sich Kardinal Christoph Schönborn in seiner Kolumne in der Gratiszeitung "heute" gezwungen, auf die Aktion von AG-ATHE, AHA und Freidenkerbund Österreich einzugehen. Hier eine Entgegnung des Vorsitzendes des Freidenkerbundes, Martin Luksan.

Der Kardinal nahm die Laizisten von seiner Kanzel in der Massenzeitung aus zur Kenntnis. Das ist nicht nichts. Er schrieb auch gute Worte:
Wir haben Religionsfreiheit. Und daher auch die Freiheit, nicht an Gott zu glauben. Das ist gut so. Gut ist auch, dass es vielen nicht gleichgültig ist, ob Gott existiert oder nicht. Gut ist die öffentliche Debatte darüber.
Doch gleich wechselte er das Thema, schrieb über Werbung weiter und
schloss mit: Werbesprüche sind keine Argumente.
Schoenborn-Kolumne-in-heute (jpg, 472 KB)

Worum geht es diesmal? Eine Meinungsgruppe in Österreich möchte ihre säkulare Botschaft genauso in die Mitte der Öffentlichkeit stellen wie die katholische Kirche ihre religiösen Mythen. Sie möchte der österreichischen Gesellschaft drei Sätze mitteilen: Es gibt mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit keinen Gott. Werte sind menschlich. Auf uns kommt es an.
Nun treten allerlei Nebenaspekte hinzu, ob die säkulare Botschaft eine
Religion ist, ob sie die Botschaft der Großen Kirche verächtlich macht,
ob die Wiener Linien noch nie oder immer schon religiöse und politische
Werbung erlaubt haben. Der Teufel sitzt diesmal nicht im Detail, sondern in einer allgemeinen, österreichischen Mentalität.

Die Wiener Linien könnten einfach sagen: Die Katholische Kirche hat noch nie eine Botschaft auf einen unserer Busse aufgeklebt und bevor
diese ehrwürdige Institution das noch nicht gemacht hat, dürft ihr das sowieso nicht. Doch das wäre kein juristisches Argument, sondern der wilde, katholische, Osten.

Rein theoretisch könnten öffentliche und private Verkehrsbetriebe in
Österreich politische und religiöse Inhalte auf ihren Werbeflächen verbieten und immer schon verboten haben. Doch dann erhebt sich
die Frage, wie weit entfernt von den Werbewänden der Verkehrsbetriebe sich im Dezember 2008 folgender Spruch befand:Zu Weihnachten wurde Jesus Christus geboren. Ein Fest der Freude für die Menschen.

Diese zwei Sätze sind alles andere als harmlos, weil sich der erste
Satz auf ein Datum und auf eine angeblich historische Person
bezieht, die ein Gegenstand der Wissenschaften ist, und weil der zweite Satz suggeriert, dass alle Menschen an einen Gott glauben, der Mensch geworden ist, obwohl die Zahlen der Erdbevölkerung das glatt widerlegen. In Österreich befanden sich diese beiden Sätze auf 2300 Plakatflächen und in 600 Citylights. Sie kosteten 300 000 Euro.

Die Gruppe der Laizisten ließ Klebefolien in Deutschland herstellen, weil
sie dort billiger sind, und mietete für 1100 Euro zwei Busse. Sie hätte
lieber tausende Plakatflächen und hunderte Citylights beklebt, um
die öffentliche Debatte in Gang zu bringen, aber es reichte nur für
zwei Busse ein Monat lang. Noch ehe die Busse mit der säkularen Botschaft durch Wien fuhren, wurde der bereits unterschriebene Werbevertrag gekündigt.
gewista_buskampagne_90526
Kardinal Schönborn begrüßt also die öffentliche Debatte. Und er bewundert auch die Wirksamkeit von Werbung. Deshalb war er am 3. Dezember 2008 über den weihnachtlichen Werbespruch so erfreut: gerade durch die Reduzierung auf das Wesentliche ist eine Konzentration der Botschaft möglich. Doch die Laizisten lässt er nunmehr durch die Zeitung wissen: Sie (die öffentliche Debatte) muss argumentieren. Gründe nennen, warum wir an Gott glauben und warum nicht. Ja warum wurde denn vor Weihnachten 2008 damit nicht begonnen? Warum glauben denn Christen, dass am 24. Dezember Gott geboren wurde. Das fehlte auf dem Plakat.

Martin Luksan, Vorsitzender Freidenkerbund Österreich

Aus technischen Gründen ist die Homepage des Freidenkerbunds derzeit nicht auf dem neuesten Stand. Nähere Informationen findet Ihr auf:
http://www.buskampagne.at
und natürlich laufend hier.
Thomas (Gast) - 17. Jun, 19:15

Ihr solltet dankbar sein dass sich der KARDINAL herablässt über euch zu schreiben. Übrigens sind Werbesprüche natürlich von Natur aus kein Argument, den Gott hat das (quasi, indirekt eben) gesagt, und er hat auch die Natur gemacht. Vielleicht solltet ihr mal das Buch "Wer braucht Gott?", vom KARDINAL gemeinsam mit Barbara Stöckl geschrieben, lesen, damit ihr versteht wie es wirklich ist...

Stauni (Gast) - 17. Jun, 20:37

Ihr Zitat:
---------
Ja warum wurde denn vor Weihnachten 2008 damit nicht begonnen? Warum glauben denn Christen, dass am 24. Dezember Gott geboren wurde. Das fehlte auf dem Plakat.

Sg. Christoph
Sie verwechseln hier zwei Dinge. Religion und Gott.
Gott muss nicht zwangsläufig mit Religion zu tun haben.
Ich gestatte mir, Ihnen meinen Beitrag "Gibt es Gott? TEIL 2" zu empfehlen.
MfG
Stauni

Christoph Baumgarten - 17. Jun, 21:04

Lieber Stauni,
Das war nicht mein Zitat sondern das unseres Vorsitzenden Maritn Luksan, macht aber nix.
Wenn sich eine Religion auf Gott beruft, muss man wohl auch die Basis hinterfragen, oder? Religion kann sich nicht mit dem Hinweis, sie habe nicht notwendigerweise etwas mit Gott zu tun, der Pflicht entschlagen, Behauptungen plausibel zu erklären. Wiewohl: Natürlich dürfte eine Religionsgemeinschaft behaupten, nicht zwangsläufig etwas mit Gott zu tun zu haben. Dann aber hätte sie ein ernsthaftes Legitimationsproblem. Ein unauflösbares Paradoxon.
Man kann Gott nicht willkürlich aus dem Spiel nehmen indem man behauptet, er/sie habe nicht zwangsläufig etwas mit Religion zu tun.So einfach kann man die katholische Kirche nicht davonkommen lassen, Öffentliche Behauptungen müssen genauso überprüfbar sein wie das von allen anderen Statements verlangt wird. Sonderrechte darf es nicht geben.
Zudem war es ja Schönborn, der von uns Argumente einforderte, die er selbst nicht zu erbringen bereit ist. Er muss sich gefallen lassen, daran gemessen zu werden.
Und, sollte es Menschen geben, die an eine christlich geprägte Gottesvorstellung glauben, aber nichts mit organisierter Religion zu tun haben: Steht auf und wehrt euch gegen die ständige Vereinnahmung. Das können wir Atheistinnen und Atheisten euch nicht abnehmen. Unser Respekt wäre euch aber sicher.

Alles liebe,
Christoph
P.S.: Net bös sein, aber unter Bloggern empfind ich das Sie irgendwie als, naja, beinahe unhöflich. Ich würd hier einfach das kollektive Du vorschlagen.

Stauni (Gast) - 17. Jun, 21:51

Hallo Christoph
Ich gehöre nicht dem christlichen Glauben an, sondern einer anderen Konfession. Allerdings bin ich nicht religiös, zumindest bis zum heutigen Tage.
Was die Zukunft bringt kann man nie wissen. Man wird ja älter.
Aus diesem Grund trifft Dein Schlussatz auf mich nicht zu.
Um wieder zu dieser Werbekampagne zurückzukommen.
Wenn es nur darum geht zu demonstrieren, dass man auch ohne Religion leben kann (was auch korrekt ist), sollte auf dem Plakat stehen:

EINEN GOTT DEN EINE RELIGIONSGEMEINSCHAFT GEPACHTET HAT, GIBT ES NICHT !

Ich betrachte "Gott" als emotionale Hilfe, der ausschließlich im Kopf der Menschen existiert und bei Bedarf abgerufen werden kann.
Ergo kann ich zwar nicht sicher bestätigen ob es einen Gott wirklich gibt,
jedoch kann ich für mich sicher sagen, der Ausspruch "Es gibt keinen Gott" ist unkorrekt.
MfG
Stauni

Mathias (Gast) - 18. Jun, 02:40

@Stauni: Wie so oft bei philosophisch-metaphysischen Themen verfängt man sich hier leicht in Defintionsrelativierungen. Fakt ist, dass sich jeder unter dem Begriff "Gott" etwas anderes vorstellen kann. Fakt ist aber auch, dass sich viele Menschen darunter eine metaphysische Entität vorstellen, die Einfluss auf unser Leben ausübt oder das irgendwann einmal getan hat. Und wenn die Atheisten-Kampagne die wahrscheinlich nicht vorhandene Existenz eines Gottes proklamiert, bezieht sie sich klarerweise auf dieses Gottesbild, weil es nun mal das am meisten verbreitete ist. Das mag reiner Pragmatismus sein, doch umgekehrt ist eine vernünftige Debatte über Gott und Religion (die ja auf irgendeiner Art der Gottesvorstellung basiert) gar nicht erst möglich. Und ich denke, dass auch beim Begriff "Gott" eine weitestgehende Übereinkunft besteht, wenn man sich des Sprachspiels der Religion und Metaphysik bedient.

x x3 (Gast) - 20. Jun, 12:06

[ ... Eine Meinungsgruppe in Österreich möchte ihre säkulare Botschaft genauso in die Mitte der Öffentlichkeit stellen wie die katholische Kirche ihre religiösen Mythen. ...]

Nun, dass was ich an den Kirchen (kath., auber auch anderen) am allerwenigsten mag, ist ihr penetranter Zwand, zu missionieren und andere zu beglücken.
Willkommen im Club der Beglücker :-/

Christoph Baumgarten - 20. Jun, 12:10

Naja, siehst du: Jetzt artikulierst du, wie belästigend das ist. Hättest du das auch ohne die Kampagne gesagt?
Wir machen damit auf die Schieflage in unserer Gesellschaft aufmerksam. Nicht mehr und nicht weniger.

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