Zur Ehre der Griechen

greece-flagDie griechische Regierung ist zum Buhmann der EU geworden. Seitdem bekannt wurde, dass die Griechen den Euro-Stabilitätspakt nicht einhalten, werden sie von der EU-Kommission gegängelt und von der deutschen und der österreichischen Regierung verhöhnt. Zu Unrecht.

Ein Jahrzehnt haben die Deutschen ganz gut gelebt auf Kosten der Griechen. Jetzt beschweren sie sich und zwingen gemeinsam mit Österreich über den Umweg EU-Kommission die griechische Regierung zum millionenfachen Diebstahl am eigenen Volk. Das geht auf die Straße. Die Greichen wollen nicht hinnehmen, dass ihnen die Löhne und Gehälter gekürzt, die Steuern heraufgesetzt und die Lebenshaltungskosten erhöht werden. Zu Recht. Massenwohlstand herrscht nicht in Griechenland.

Sich zu allem Überfluss verhöhnen zu lassen, schlägt dem Fass den Boden aus. Seit Wochen müssen sich die Griechen nachsagen lassen, ein verschlagenes, betrügerisches und faules Völkchen zu sein, das auf Kosten anderer lebe. Und denen obendrein schade. Unverhohlen schwingt teutonisches Überlegenheitsgefühl gegenüber den als minderwertig empfundenen Griechen mit. Nichts könnte ferner der Realität sein. Die meisten Griechen arbeiten härter als die Zumtobels und Ackermanns, oder wie auch immer die heißen, die besonders laut Haltet den Dieb schreien.

Griechenland hat Deutschland mitfinanziert
Diese Griechen haben den deutschen Lebensstil mitfinanziert. Deutschland hat dank seiner Exporte einen Leistungsbilanzüberschuss. Den muss irgendjemand finanzieren. Das sind zum Teil die Griechen. Solcherart verschwindet viel Geld aus dem Land, das man brauchen könnte, die eigene Industrie zu modernisieren. Die EU-Beihilfen gleichen den dauernden Geldabfluss nicht aus. Griechenland muss sich verschulden, will es nicht verarmen. Maschinen, die man unter anderem aus Deutschland bezieht, sind notwendig, um die wenigen Eigenexporte wie Olivenöl und Textilien bereitstellen zu können. (Die Importe in Griechenland sind jährlich das drei bis vierfache der Exporte wert.)

Verschärft wird das mit dem Euro-Stabilitätspakt, den sich die Deutschen auf den Leib schneidern haben lassen. Ökonomisch gesehen gibt es keine Rechtfertigung, warum gerade drei Prozent Defizit die Obergrenze der Neuverschuldung sind. Außer, dass Deutschland zu dem Zeitpunkt, als die Maastricht-Kriterien gerade etwas weniger als drei Prozent Defizit hatte. Und Deutschland wollte eine harte Währung. Einen Nachfolger der D-Mark. Der hat die deutsche Exportwirtschaft ermöglicht. Die Franzosen konnten damit leben. Für andere Länder war das ein Problem. Die konnten sich jahrzehntelang nur durch Abwertungspolitik, um den Preis hoher Inflation, gegen die D-Mark wehren. Nur, als der Euro eingeführt wurde, schien ein neues Zeitalter eingebrochen, die Bedenken wurden beiseite gewischt. Sparen war geil. Neokonservative Fiskalpolitik war in. Was die Wirtschaft wirklich brauchte, interessierte niemanden. Die Vorteile, die der Euro dem Tourismus bringen würde, würden die Nachteile schon irgendwie ausgleichen, hoffte man.

Griechenland machte mit. Warum auch immer. Es hat seitdem die gleichen Probleme wie Italien, Spanien oder Portugal. Nur eben etwas härter. Das liegt auch daran, dass Griechenland aus historischen Gründen weniger Industrie hat. Die Deutschen und das mittlerweile auch zur Exportnation aufgestiegene Österreich verkauften flott nach Griechenland - und kauften wenig im Gegenzug. Was die Griechen mit massiven Budgetdefiziten auszugleichen versuchten (verschärft durch den Volkssport Steuerhinterziehung). Das wirft man ihnen jetzt vor. So, als sei man selbst unschuldig an der griechischen Tragödie.

Statt Griechenland zu zwingen, sich kaputtzusparen, sollte man den Leuten lieber mit der einen oder anderen Milliarde aushelfen. Und froh sein darüber, dass die griechischen Budgetsorgen den Euro billiger gemacht haben. Das wird auch die deutschen und österreichischen Exporte in den Rest der Welt ankurbeln. Was langfristig wesentlich mehr einbringt als eine Finanzhilfe für Griechenland kosten würde.
Roman Korecky (Gast) - 24. Feb, 19:58

Mit dieser Logik ist auch der Verkäufer schuld, wenn sich der Käufer etwas nicht leisten kann und deshalb in den Ruin getrieben wird. Für die eigenen Finanzen ist jedes Land selbst verantwortlich. Auch Kärnten muss sich im Moment einige gefallen lassen. Beide Länder haben eines gemeinsam: Beides sind Demokratien und die Menschen haben jene Personen zu ihren Politikern gemacht, die sie in den Ruin getrieben haben.

Christoph Baumgarten - 24. Feb, 20:04

Du machst es dir sehr einfach. Zu einfach. Das Problem Griechenlands ist durchaus mit der sog. Dritten Welt vergleichbar. Ab einem bestimmten ökonomischen Gefälle herrscht eine ziemliche Ausweglosigkeit.
Kapitalismus basiert darauf, dass einer draufzahlt. Nur so kommt Mehrwert zustande. Besonders problematisch wird's wenn, wie etwa hier, auch noch der Verkäufer diktieren kann, unter welchen Bedingungen der Käufer kauft und wie er sich verschuldet, wenn er es nicht kaufen kann. Anders gesagt: Die EZB agiert hier nicht wesentlich anders als der IWF.

Michael (Gast) - 24. Feb, 20:50

Griechenland hat ein Leistungsbilanzdefizit, d.h. sie leben über ihre Verhältnisse. Wenn z.B. Deutschland einen Leistungsbilanzüberschuss hat, dann bedeutet das, dass es diesen zu hohen Lebenstandard der Griechen ermöglichen. Mit anderen Worten deutsche Arbeiter arbeiten einen Teil ihrer Arbeitszeit (natürlich sind das nur wenige Minuten, könnte man selbstverständlich irgendwie ausrechnen) - dafür, dass die Griechen ihren zu hohen Lebenstandard halten können.

Im Prinzip werden also die Deutschen durch die Griechen ausgebeutet (das Selbe gilt natürlich auch für die USA und China - nur in viel extremerem Ausmaß: da sind es nicht einige Minuten, die Chinesen währen viel besser dran, wenn sie das Zeug, das sie produzieren selber behalten würden/könnten).

Es stimmt zwar, dass die 3% Begrenzung willkürlich ist. Aber ich verstehe nicht, was an einer Schuldenpolitik so sozial sein soll: schlussendlich bedeutet das massive Zinszahlungen - und das kommt wiederum den Banken und Fonds zugute (in Österreich sind es 7,5 Milliarden pro Jahr).

Eine Politik der Geldabwertung führt wiederum zur Inflation - und diese ist wieder nicht sozial, da sie alle gleichermaßen betrifft und es keine Möglichkeit gibt die Inflation sozial zu staffeln.

Die einzige ehrliche Politik sind Leistungskürzungen, Steuererhöhungen und eine Flexibilisierung des Arbeitsmarkt, so dass auch Lohnkürzungen möglich sind. Natürlich versteh ich, dass Lohnkürzungen politisch schwerer durchzusetzen sind als eine höhere Inflation. Aber es ist wirklich beides genau das gleiche.

Christoph Baumgarten - 24. Feb, 21:13

Diese Rechnung ist - Schwachsinn. Sie widerspricht den simpelsten mathematischen Regeln. Bitte geh zurück in die Volksschule und komm wieder, wenn du das mit Plus und Minus beherrscht, OK?

Michael (Gast) - 24. Feb, 22:21

Mein Volksschullehrer hat mir folgendes Vorgerechnet:

Der deutsche Leistungsbilanzüberschuss gegenüber Griechenland betrug 2008 €6,32 Mrd. Das deutsche BIP ist €2.239,24 Milliarden, es gibt 40.279.000 Erwerbstätige, die im durchschnitt 1.361 Stunden pro Jahr arbeiten.

Ein durchschnittlicher Erwerbstätiger muss also €157 für den Griechen produzieren. Die Produktivität eines deutschen Erwerbstätigen ist BIP/#Erwerbstätige=€55.593.

Der durchschnittliche Deutsche braucht also 3,8 Stunden um €157 zu erwirtschaften. Das ist die Zeit, die der Durchschnittsdeutsche aufwendet, um den zu hohen Lebensstandard der Griechen zu ermöglichen.

Einschränkungen:
1. Da sowohl Deutschland als auch Griechenland noch in/von anderen Ländern exportieren/importieren stimmt die Rechnung so natürlich nicht ganz (z.B. könnte Griechenland mit einem anderen Land einen Leistungsbilanzüberschuss haben und Deutschland mit diesem Land ein Leistungsbilanzdefizit).
2. Neben Arbeitsleistung gibt es natürlich auch noch andere Ressourcen, wie z.B. Bodenschätze. Diese spielen im Handel zwischen Deutschland und Griechenland aber praktisch keine Rolle.

Christoph Baumgarten - 24. Feb, 22:24

Und wieder: Zirkelschuss, der absoluter Schwachsinn ist. Griechenland zahlt Deutschland 6,3 Mrd. Euro mehr als es von Deutschland bekommt und nicht umgekehrt. Plus und Minus. So ganz einfach ist das. Alles andere ist dummes Moralisieren.

Michael (Gast) - 24. Feb, 23:06

Das stimmt nicht - Deutschland liefert dafür Waren im Wert von 6,3 Milliarden. Griechenland überweist dafür Geld - das es sich irgendwo ausgeborgt hat. Und das wäre eigentlich kein Problem, aber Griechenland bettelt Deutschland jetzt um Geld an. Wenn Deutschland jetzt zahlt bedeutet das nichts anderes als, dass z.B. die Steuern eines deutschen VW-Arbeiters benutzt werden, um den VW zu bezahlen, den ein Grieche gekauft hat.

Wenn Deutschland nicht zahlt ist es egal. Griechenland muss dann halt irgendwann in Zukunft Waren im Wert von €6,3 Milliarden produzieren, und an Deutschland liefern (wenn man vereinfachend annimmt, dass das griechisch-deutsche Handelsbilanzdefizit ausschließlich von Deutschland finanziert wird).

darkdidi (Gast) - 25. Feb, 03:03

Net bös sein, aber warum soll Deutschland schuld sein, wenn es viel produziert und exportiert und andere Staaten Deutschland diese Exporte abnehmen? Sie könnten ja auch ihre Waren von wo anders beziehen?

Abgesehen davon ist Deutschland Nettozahler innerhalb der EU, meines Wissens der größte. Griechenland hingegen Nettoempfänger.

Insgesamt ist die Sichtweise deines Artikels imho verkürzt und ideologisch belastet. Deutschland muß natürlich, ebenso wie der Kapitalismus, schlecht weggkommen....

Ich teile deine Meinung aber was das normale griechische Volk angeht. Das kommt unverdient zu Handkuß, unter anderem weil die griechischen Politiker schlecht gewirtschaftet haben.

Christoph Baumgarten - 25. Feb, 15:13

So: Strukturelle Ungleichheiten wirken sich nun mal aus. Erwirtschaftet ein Land Leistungsbilanzüberschüsse, muss die irgendjemand bezahlen. Faktum. Das schafft weltweit Ungleichgewichte - und sorgt u.a. dafür, dass Entwicklungsländer dort bleiben, wo sie sind. Ihre Kapitaldecke wird strukturell ausgedünnt, was es schlicht und ergreifend unmöglich macht, eine eigene Wirtschaft aufzubauen.
Kapitalismus ist nun mal kein Wirtschaftssystem, das Wohlstand für alle schaffen soll. Kapitalismus ist ein Wirtschaftssystem, das Kapital vermehren soll. Die Warenproduktion ist daher nie Selbstzweck sondern immer nur Mittel zum Zweck. Der Massenwohlstand ist nicht Folge des Wirtschaftssystems, er wurde politisch abgetrotzt. Mit der für das System nicht unangenehmen Folge, dass das auch systemstabilisierend wirkt - politisch und zu einem Teil ökonomisch. Aber eben nur zu einem Teil. Kaum lassen sich Absatzmärkte billiger erschließen, ist auch der ökonomische Vorteil des Massenwohlstands dahin - und er wird sukkzessive abgeschafft. Siehe jetzt.

dieter (Gast) - 25. Feb, 15:13

Michael hat Recht mit seiner Darstellung des Handelsbilanzdefizits.

Das allgemeine Griechenbashing finde ich widerlich und unbegründet. Das Problem wurde in den PIGS-Ländern durch die Währungsunion ausgelöst. Unterscherschiedliche Produktivität und auch die Mentalität, was Schulden, Lohnzurückhaltung bei Inflationsgefahr usw. angeht, wurden früher durch unterschiedliche Wechselkurse und Zinsniveaus ausgeglichen.

Heute gibt es keinen Wechselkurs und ein Zinsniveau muss alle glücklich machen. Für den Süden war der Zins zu niedrig, also entwickelten sich Spekulationsblasen durch verlockende, billige Kredite und überhöhte Lohnerhöhungen wurden nicht mehr durch die Währungsabwertung automatisch gedämpft. In den ehemaligen Hartwährungsländern passierte das Gegenteil. Der Euro vergrößerte die wirtschaftlichen Unterschiede.

Nun heißt es, die Griechen müssten europäischer werden. Wörtlich verstanden eine absurde Forderung. Gemeint ist freilich, dass die Griechen gefälligst Deutsche werden sollen. (was Produktivität, Schuldnermentalität, Steuern, Einstellung zum Staat und dergleichen angeht)

Die EU wird durch ihren Zentralismus und ihre Gleichmacherein zunehmend zum Unfriedensprojekt. Gemeinsame Wirtschaftspolitik und Vereinheitlichung führt unweigerlich zum Konflikt darüber, wie diese Politik aussehen soll.

Und so kommen wir zu einer Situation, in der die Deutschen genötigt sind, die Griechen herum zu kommandieren und die Griechen mit der Nazi-Keule heftig zurückschießen.

verinus (Gast) - 25. Feb, 20:06

eigentlich ist doch genau das gegenteil wahr.

die griechen lassen die anderen für sich arbeiten, genießen die importe und lassen anschreiben. früher hätte sie einfach das geld entwertet und wären somit die schulden losgeworden- auf kosten der gläubiger.

mit dem euro spielts das jetzt nicht mehr- gut so.

wer schon diverse berichte über griechenland gelesen hat wird entsetzt sein über das maß und die verbreitung der korruption sowie des parteienfilzes- erinnert doch etwas an österreich.

die erwiderung der griechen mit der nazikeule hat wohl international endgültig sämtliche glaubwürdigkeit flöten gehen lassen. nicht nur, dass die griechen seit jahren eu gelder einfach versickern ließen, nein die kommen noch zu einem großen teil genau aus dem land das die so primitiv attackieren. hier wär ein rücktritt fällig.

Michael (Gast) - 25. Feb, 21:30

Entwicklungsländer haben eher ein Leistungsbilanzüberschuss als entwickelte Länder. Die Entwickelten Länder hatten 2008 ein Defizit von 9,7%, die Entwicklungsländer einen Überschuss von 9,0% und die Übergangsstaaten einen Überschuss von 25,1% (siehe UNCTAD Handbook of Statistics).

Deutschland mit den 22% Überschuss ist eigentlich ein ziemlich spezieller Fall - kein anderes OECD-Land hat mehr als 5% Überschuss und die Meisten haben ein Defizit (auch Österreich).

Griechenland bekam 2008 €6,28 Milliarden (entspricht also ziemlich genau dem Handelsbilanzdefizit) von der EU, €2,3 Milliarden davon zahlte Deutschland.

dieter (Gast) - 26. Feb, 13:23

rüher hätte sie einfach das geld entwertet und wären somit die schulden losgeworden- auf kosten der gläubiger.
Die Gläubiger hatten das freilich eingepreist und eben höhere Zinsen verlangt. Darüber hinaus wären griechische Waren und Dienstleistungen (Tourismus) billiger gewesen. So hielt sich die gerechte Balance in der Vergangenheit.

Es war ein Fehler der Griechen, dem Euro beizutreten. Ich vermute, dass die griechische Spitzenpolitik nicht kompetenter ist, als unsere, und somit das Problem nicht erkannte. Darüber hinaus besteht in den EU-Zirkeln der Druck zu mehr Integration, koste es, was es wolle.

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