Wo der Neid fehlt

Finanzminister und Vizekanzler Josef Pröll (ÖVP) beschwört wieder einmal das Neidgespenst im Abwehrkampf gegen eine Steuerreform, die seine Klientel treffen würde. Mit der Moral-Keule will er jene mundtot machen, die Vermögenssteuern aus guten und rationalen Gründen einfordern. Die Warnung vor dem "Neid" soll verhindern, dass eine rationale Debatte in Gang kommt. Die könnte die "Volks"partei nur verlieren.

54 Prozent der Wirtschaftsleistung bedienen - je nach Berechnung - 80 bis 90 Prozent der Steuerlast. So hoch ist die Lohnquote in Österreich bzw. ist der Anteil der arbeitenden Bevölkerung am Steueraufkommen in diesem Land. Den zehn Prozent der Bevölkerung mit den höchsten Einkommen gehören zwei Drittel der gesamten Vermögen. Ihr Anteil am Steueraufkommen entspricht nicht annähernd dem, was die leisten, die über keinerlei nennenswerten Vermögen verfügen.

Wer hierzulande aus unselbstständiger Arbeit so viel verdient, um irgendwie von diesem Lohn oder Gehalt leben zu können, zahlt 38 Prozent Steuern. Mit Betonung auf irgendwie und nicht gut. Wer es sich leisten kann, eine Stiftung einzurichten, zahlt 25 Prozent Steuern.

Das sind nur einige der Argumente für eine höhere Besteuerung von Vermögen bzw. Vermögenszuwächsen. Mit Neid haben sie allesamt nichts zu tun. Langfristig eher mit einer Sorge um die Finanzierbarkeit des Landes. Selbst nach kapitalistischen Kriterien lässt sich die in der Form nicht dauerhaft aufrecht erhalten. Der Anteil der nationalen Wertschöpfung, aus dem die meisten Steuern finanziert werden, die Lohnquote, sinkt beständig. Das schränkt langfristig den budgetären Spielraum erheblich ein. Steuern, die Menschen bezahlen müssen, die von Einkommen aus unselbstständiger Arbeit leben, sind nicht beliebig erhöhbar, wenn sich nicht zulasten des Konsums gehen sollen. Von dem hängt die Wirtschaft in Österreich ab. Und von den Gewinnen aus der Wirtschaft hängt ab, ob die sich die Vermögen der besitzenden Klasse erhöhen oder nicht. Andere Staaten, auch solche mit weitaus schlechterem Sozialsystem und geringerer Steuerquote, haben das längst erkannt. Sie besteuern Vermögenszuwächse, Erbschaften und Schenkungen. Das, wohlgemerkt kapitalistische Argumente für eine Vermögenssteuer. Wo Pröll hier Neid entdecken will, ist mir schleierhaft.

Die ÖVP und die Gerechtigkeit
Niemand wird bestreiten können, dass dieses Wirtschaftssystem darauf aufbaut, dass einige Leute davon leben, dass sie anderen Menschen weniger zahlen als die für sie erwirtschaften. Man mag das wie die "Volks"partei für erstrebenswert halten oder verdammen. Es ist so. Daran würde auch eine Vermögenssteuer nichts ändern.

Was eine Vermögenssteuer, wie auch immer sie aussieht, ändern könnte, ist, dass die, von deren Arbeit andere leben, nicht auch noch diese anderen mit ihren Steuern subventionieren. Auch das passiert in Österreich. Das halten viele für einen Missstand. Pröll hält das für erstrebenswert. Leute, die diese Tatsache offen aussprechen, diffamiert er als neidisch.

Das sagt mehr über Pröll und seine Gefolgschaft aus als über die Kritiker des Systems. Es hat nichts mit Neid zu tun, zu verlangen, dass jeder nach seinen Fähigkeiten zum Steueraufkommen in diesem Land beiträgt. Es hat auch nichts mit Neid zu tun, wenn Menschen nicht auch noch mit ihren Steuern die finanzieren wollen, die systematisch und gut von fremder Arbeit leben. Neid wäre, wenn man anderen etwas wegnehmen wollte, um es selbst zu genießen. Das hat niemand gefordert.

Dass Pröll hier moralisiert überrascht auch insofern als es die Partei Prölls war und ist, die alles tut, um Sozialleistungen zurückzufahren. Und es war die Partei Prölls, die Millionen Menschen in Österreich mittels Pensionsreform teilenteignet hat. Es ist die Partei Prölls, die ständig so tut, als könne man von einer Pension von 700 Euro oder einen durchschnittlichen Arbeitslosengeld von nicht einmal 900 Euro in Saus und Braus leben. Mit Argumenten, die Neid schüren sollen. Es ist auch die Partei Prölls, in der namhafte Vertreter die arbeitenden Menschen in diesem Land aufgefordert haben, auf Lohnsteigerungen oder auf Teile des Lohns zu verzichten. Damit heimische Firmen "wettbewerbsfähig bleiben". Soll heißen: Damit sie weiter hohe Gewinne machen, die de facto steuerfrei an die Eigentümer überwiesen werden. Eine solche Partei hat kein Recht, moralische Argumente in eine Debatte einzubringen. Zumal solche, die nicht einmal zutreffen.

Ahnungsloser Finanzminister
Dass Pröll die ökonomische und budgetäre Dimension der Debatte nicht versteht, weist ihn als ahnungslosen Finanzminister aus. Er betreibt Klientelpolitik, die sicherstellt, dass das Budget langfristig ein Problem wird. Das schadet der Republik.

Auch andere Antworten Prölls in der "Pressestunde" weisen ihn als inkompetent aus. Einen ausgezeichneten Überblick bietet Roman Korecky in seinem Blog.
http://roko.blog.at/2009/06/28/josef-proll-als-finanzminister-uberfordert-amtsmude-oder-unwillig/
Michael (Gast) - 28. Jun, 17:28

Das mit den Stiftungen ist - soweit ich weiß - nicht ganz richtig: Wer Geld in eine Stiftung gibt, hat dafür schon Einkommensteuer bezahlt. Es ist nicht möglich Geld direkt in eine Stiftung "hineinverdienen" und dann nur 25% zu zahlen. Grundsätzlich war der große Vorteil der Stiftungen, dass man so Vermögen der Erbschaft- und Schenkungsteuer entziehen konnte - da diese beiden jetzt aber sowieso weggefallen sind, sind die steuerlichen Vorteile nicht mehr so gravierend (allerdings wird es früher oder später wieder eine Erbschaftsteuer geben (müssen)).

Und selbst wenn "reiche" nur 25% Steuern bezahlen müssten (was sie nicht tun), dann würde das noch lange nicht bedeuten, dass sie von denen, die 38% bezahlen ausgehalten würden. Absolut würden sie ja trotzdem sehr viel mehr EK bezahlen.

Christoph Baumgarten - 28. Jun, 18:52

@Michael: Du sitzt hier einem kleinen Denkfehler auf: Es wird nicht nur Geld in Stiftungen eingebracht. Das würde nur wenig Sinn machen, da sich die steuerlichen Vorteile hier in Grenzen halten. Vielmehr werden ganze Konzerne bzw. andere gewinnbringende Vermögenswerte in diese Stiftungen eingebracht. Damit kann man vereinfacht gesagt die Einkommenssteuer auf ausbezahle Gewinne von 50 auf nominell 25 Prozent in Form der Stiftungssteuer drücken, effektiv sind es noch weniger. Anders als du hier darstellst fällt keine persönliche Einkommenssteuer an, weil das Einkommen nominell ja nicht vom tatsächlichen Besitzer stammt sondern in der Stiftung als juristischer Eigentümerin geschaffen wird. Ergo ist es auch kein mehrfach besteuertes Geld, auf das hier zusätzlich 25 Prozent Stiftungssteuer anfallen würden. Ergo ist die Stiftungssteuer juristisch am ehesten vergleichbar mit der Kapitalertragssteuer, allerdings versehen mit anderen Möglichkeiten, die Steuer hinunterzudrücken. Ökonomisch gesehen ist sie eine sehr niedrige Einkommenssteuer und genau das ist der Kritikpunkt.
Noch etwas: Auch wenn es mir gelingt, etwas Geld beiseite zu legen und auf ein Sparbuch einzuzahlen, zahle ich nochmal Steuer. In dem Fall KEST. Obwohl ich für das Geld bereits Lohnsteuer bezahlt habe - die höher ist als die de facto Einkommenssteuer Stiftungssteuer.
Und: Wenn du dir die Werte oben ansiehst, wirst du durchaus feststellen, dass die, die von Lohnarbeit leben, steuerlich die aushalten, die über Geld verfügen. Die zahlen nämlich absolut wesentlich weniger in das Steuersystem ein als die Lohnabhängigen in diesem Land. Direkt über die Lohnsteuer und über indirekte Abgaben, deren Gros von der Mehrheit der Menschen bezahlt wird. Dazu rechne die so genannten Dienstgeberanteile an der Lohnsumme, die nur aus kosmetischen Gründen nicht auf dem Lohnzettel aufscheinen, de facto aber aus dem Lohn/Gehalt des Betroffenen bezahlt werden...
Aber du stellst ja selbst fest: Nicht einmal die 25 Prozent EInkommenssteuer werden von der besitzenden Klasse bezahlt. Ansonsten würde die Steuerstatistik ganz anders aussehen.

Michael (Gast) - 28. Jun, 21:01

Naja, ganz so einfach ist es nicht. Das Steuerrecht ist sehr kompliziert und ich kenn mich eigentlich auch nicht wirklich aus. Ich denke mir nur, dass wenn es so ist wie Du schreibst eigentlich jeder ab einem bestimmten Einkommen bescheuert wäre, wenn er keine Privatstiftung einrichtet.

Normalerweise muss die Privatstiftung 25% KöSt bezahlen und dann nachher bei der Zuwendung nochmal 25% KeSt. Bestimmte Erträge sind aber von der KöSt befreit, z.B. Gewinnausschüttungen. Das würden dann die 25% ergeben, von denen Du sprichst. Aber: die Firma, von der die Gewinnausschüttung stammt, muss selber ja auch 25% KöSt bezahlen.

Zweimal 25% ergibt natürlich nicht 50%, sondern ca. 44%, also 6% Steuerersparnis. Aber so großartig ist das auch wieder nicht.

Christoph Baumgarten - 29. Jun, 06:49

Du vergleichst hier Äpfel mit Birnen. Ausschlaggebend für die Steuerersparnis sind ja die Steuern, die auf das persönliche Einkommen bezahlt werden. Bis zum Zeitpunkt der Auszahlung hat die Stiftung Steuerprivilegien vergleichbar einer AG (die hat auch einen nominellen KöST-Satz von 25 Prozent, effektiv eher 19%). Während Gewinnausschüttungen einer Firma, sofern sie nicht als Dividende erfolgen, der Einkommenssteuer unterliegen, unterliegen sie bei einer Stiftung der Stiftungssteuer. Die ist nominell 25 Prozent, effektiv weit geringer. Macht also eine Steuerersparnis von mindestens 25 Prozent... Sprich: Tendenziell senkbare KEST auf Millionenbeträge. Das ist ein Steuerprivileg, das man bestenfalls durch Winkelzüge verschleiern kann.

Michael (Gast) - 29. Jun, 22:01

Gewinnausschüttungen sind nicht EkSt.-Pflichtig, sondern die Firma muss zunächst 25% KöSt. für den Gewinn und bei der Ausschüttung 25% KeSt. einbehalten (siehe Selbststaendigenbuch Seite 32). Da besteht zwischen mit und ohne Stiftung also gar kein Unterschied.

Ich bezweifle Deine These, dass es eine Möglichkeit gibt mit einer Stiftung ein Einkommen zu erzeugen, auf das in Summe nur 25% Steuer bezahlt werden muss (das ohne Stiftung EkSt. Pflichtig wäre). Ich werd schauen, ob ich das eventuell unseren Steuerberater fragen kann (ich muss nur schauen, dass er mir dafür nix verrechnet :-) ).

Andreas Lindinger (Gast) - 30. Jun, 01:01

Super Artikel und interessante Diskussion darunter! Genau so gehört die Absurdität des ÖVP-Neidarguments aufgezeigt!


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