Wider den Mief - Politwatch 2009
Neun Monate alt und schon ein Jahresrückblick? Wann soll man ihn sonst machen? Ich nutze diese innenpolitisch ruhigen Tage, um Bilanz über Politwatch im zu Ende gehenden Jahr zu ziehen.Dieser Blog ist wie so manches, was ich angepackt habe, ausgeufert. Das ist nichts Schlechtes. Zumindest nicht in Bezug auf Politwatch. "Hej, bist du nicht der von Politwatch?" oder "Du kommst mir so bekannt vor" hör ich immer wieder bei Veranstaltungen. Dieser Blog hat eine kleine Fangemeinde. Menschen, die zumindest mir das Gefühl geben: Hier steht endlich jemand auf gegen den Mief in diesem Land.
So groß wollte ich das Ding nicht anlegen. Ein paar Freunde haben vor dem EU-Wahlkampf angeregt, dass ich diesen Blog machen soll. Ein links-kritischer Blick würde fehlen, haben sie gemeint. Und ich sie "goschert" genug, das auch amüsant und verständlich zu machen. Ich hab vielleicht eine halbe Sekunde überlegt und Ja gesagt. Und irgendwie konnte ich seitdem nicht davon lassen. Auch wenn ich nicht behaupten kann, an einem Übermaß an Freizeit zu leiden.
Es ist auch zu viel passiert, das die Aufmerksamkeit eines kritischen Journalisten und leidenschaftlichen Satirikers auf sich gezogen hat. Die Umtriebe von Bumsti Strache wären ein genialer Beitrag zur allgemeinen Erheiterung, wären sie nicht ernst gemeint. In der Konstellation dessen, was man Realität ernennt, hat die zur Schau gestellte geistige Verwahrlosung ein Ausmaß erreicht, das an Widerwärtigkeit kaum zu überbieten ist. Für eine aus meiner Sicht unbeschreiblich lächerliche Gestalt - nie habe ich einem Politiker so angemerkt, wie mühsam er seine Gesten und Gesichtsausdrücke vor dem Spiegel auswendig gelernt hat, wie gering sein Repertoire an Stehsätzen ist, die nicht einmal von ihm sind - eine beinahe bemerkenswerte Leistung. Wenigstens von den Neonazis, die sehr häufig bei FPÖ-Veranstaltungen auftauchen, wird das honoriert. Wir haben einen solchen Auftritt dokumentiert. In Summe hat dieser Mensch wesentlich mehr Aufmerksamkeit und Energie gebunden als ihm in einem Land mit einer halbwegs funktionierenden Kultur eigentlich zustehen würde.
(Foto: Maja Bačer)Und dann das BZÖ. Oder heißen die jetzt FPK oder FIK? Und sind die klinisch tot? Was zählt die Meinung des Grasserklons, der sich für den Bundesobmann hält? Mit Ausnahme Kärntens, das unter der Misswirtschaft dieser besten Stegreifkabaretttruppe Österreichs zu leiden hat, ein Quell stetiger Freude. Die fleischgewordene intellektuelle Anspruchslosigkeit. Wenn sie nur nicht so überbezahlt wären, diese Herren mit der Neigung zur unfreiwilligen Komik. Als Stätte der Selbstverwirklichung tät's ein Wiener Vorstadttheater auch. Ein ewiges Highlight für mich war die Ankündigung Stefan Petzners, bei den Wiener Gemeinderatswahlen antreten zu wollen. Der Tag, an dem die Realität die Satire überholte. Unfreiwillig komisch auch die Reaktionen auf den Friedensnobelpreis für Barack Obama.
In die gleiche Kategorie gehört aus meiner Sicht Maria Fekter. Ihre stetigen Versuche, die FPÖ rechts zu überholen, würden in anderen Ländern Massen auf die Straße treiben. Hierzulande ist man dergleichen offenbar schon zu sehr gewöhnt. Menschen mit humanistischer Grundhaltung haben vor der christlich-sozialen Politik kapituliert. Die "Volks"partei sitzt demokratischen Widerstand offenbar aus. Die SPÖ bekleckert sich nicht gerade mit Ruhm. In wesentlichen Punkten wie dem Fremdengesetz kann sie sich wenn überhaupt nur ungenügend durchsetzen gegen den Koalitionspartner. In der öffentlichen Wahrnehmung wirkt das stärker als zwei Arbeitsmarktpakete. das Gratis-Kindergartenjahr oder die finanzielle Rettung der Krankenkassen.
Und das Audimax. 20 Beiträge hab ich zum Thema geschrieben. Selbstkritisch angemerkt: Viel zu wenig. Allerdings fielen die sozialen Proteste an den Unis in eine Zeit, in der ich am Rande der Erschöpfung stand. Mein Engagement für die Studierenden hat mich zeitweise darüber hinaus getrieben. Besonders stolz bin ich auf meine Reportage "Spunk von der Studienzulassung". Sie hat einen bis dahin neuen Blick auf die Proteste geworfen.
Am erfolgreichsten waren die Einträge, in denen ich meinem Hang zum Sarkasmus nachgegeben habe. Vor allem jene, die ich um das Wunder von Allhartsberg drehen, der Gemeinde, deren Bürgermeister auf einem NÖN-Foto doppelt erschienen ist.

Oder der Mailwechsel mit einem FPÖ-Sympathisanten. Und dann natürlich jene, die eindeutig gegen den rechten Mief Stellung genommen haben,
Eine ganze Reihe von Themen, die ich bearbeitet habe. Auf jedes einzugehen, wäre zu viel. Nur, offen gestanden: Ohne die Motivation, die mir viele Fans gegeben haben und geben, hätt ich Politwatch vermutlich lange eingestellt. In guten Monaten sind es um die 200 Besucherinnen und Besucher pro Tag. Für einen kleinen Blog wie meinen nicht wenig, denke ich. Wenn ich etwas mehr Zeit hätte, würd ich versuchen, ein paar Features einzubauen, die das Ding attraktiver machen würden. Vielleicht schaffe ich es ja in den Tagen nach Silvester. Danke für die Treue.
Und danke Daniel Novotny für das Titelfoto.
Christoph Baumgarten - 26. Dez, 11:14


