Wertlose Wertestudie
Die "Europäische Wertestudie" weist Österreich als Land der Frömmler aus, wenn auch mit sinkender Tendenz. 79 Prozent der Bevölkerung bezeichnen sich laut der Studie als "religiös". Bei den statistischen Werten erscheinen erhebliche Zweifel angebracht.79 Prozent der Österreicherinnen und Österreicher sind religiös. Sagen sie laut einer Studie, bei der laut ORF.at Paul Zulehner maßgeblich beteiligt war. Ein katholischer Pastoraltheologe. Warum man für so eine Studie einem Theologen eine federführende Stellung zuweist und keinem Wissenschaftler, ist nicht ganz schlüssig. Statistikerinnen, Politologen oder Soziologinnen wären ausgebildet, solche Befragungen durchzuführen und zu analysieren. Sie wären auch qualifiziert so etwas zu leiten. Ein Theologe ist das aufgrund seiner Ausbildung nicht.
http://oesterreich.orf.at/stories/375080/
Zudem hat er das, was man in der Wissenschaft "Bias" nennt. Er ist per defitionem voreingenommen, unabhängig von einem persönlichen Bemühen, das nicht zu sein. Er kann nicht anders. Er hat gelernt, die Welt durch die Brille seiner Disziplin zu sehen. Irgendwie muss alles wahlweise mit Gott oder Religion erklärbar sein. Ich erinnere mich an ein hier zititertes e-mail. Ein offenbar theologisch interessierter oder geschulter Mensch hatte gemeint, dass Menschen Werte machen würden, würde die Existenz des Göttlichen beweisen. Das sei Stand der Theologie. Ich halte Paul Zulehner für gescheiter. Aus seiner Haut kann er auch nicht.
Wertestudie ist wertlos
Philippe, ein guter Freund und ebenfalls Atheist, hat sich entrüstet gezeigt, als er den Artikel auf ORF.at gelesen hat. Ob wir ein Land der Pfaffen und der Mullahs seien, hat er gefragt. Beim Nachfragen stellt man fest: Das europaweite Projekt "Wertestudie" geht maßgeblich von der katholischen und der evangelischen Kirche aus.
Was "Werte" sind, geben beide Institutionen vor. In ihren Augen können "Werte" nur aus religiöser Überzeugung entstehen. Das erklärt auch die eingeengte Fragestellung. Die Studie fragt nicht ab, was die Bürgerinnen und Bürger der EU denken, was sie für erstrebenswert halten, für gut oder schlecht und warum. Die Studie fragt nicht ab, warum die Menschen so handeln wie sie handeln und ob es ihnen gut geht dabei. Ausschlaggebend ist hier, ob man einer Religionsgemeinschaft angehört und "religiös" ist und fertig ist der Mensch. Dass ein Mensch aus mehr besteht, auf diese Idee kommt die Studie offenbar nicht. Dass auch die Einstellung zu Demokratie und Menschenrechten abgefragt wird, mutet eher als pro forma Aktivität an.
http://www.univie.ac.at/ktf/content/site/pt/forschung/wertestudie2008/index.html
http://www.rezensionen.ch/buchbesprechungen/kulturelle_unterschiede_in_der_europaeischen_union/3531343211.html
(Der letzte Link bezieht sich auf eine frühere Ausgabe. Das ändert aber nichts an der generellen Ausrichtung der Studie)
Dem Menschen wird in dieser Studie eine Identität aufgezwungen. Kultur und Religion sind mehr oder weniger identisch. Der Mensch darf nicht aus dem Korsett, das ihm die Religionsgemeinschaften aufgezwungen haben. Und wenn doch, ist er ein Gottloser. Die Zahl der "bekennenden Atheisten" habe sich verdoppelt, meldet etwa die "Presse". Erklärt wird das mit der "Entkirchlichung" aufgrund Personalmangels der Kirche.
http://diepresse.com/home/panorama/religion/494952/index.do
Was das alles mit Werten wie Solidarität und Humanität zu tun haben soll, oder meinetwegen mit dem Bedürfnis nach einer heilen Familie, kann nur ein Theologe erklären. Jedem vernünftig denkenden Menschen drängt sich kein Zusammenhang auf. Das macht die Wertestudie - wertlos. Wissenschaft ist das nicht, und mag sie hundertmal mit dem Deckmäntelchen daherkommen. Sie bestätigt nur Vorurteile.
Das einzig wertvolle Ergebnis findet sich zwischen den Zeilen: Wenn es stimmt, dass Menschen nicht an Gott glauben, wenn sie nicht in Dauerkontakt mit dem kirchlichen Personal stehen, heißt das nur: In einer modernen Gesellschaft braucht ein vernünftig denkender Mensch Gott nicht. Der Gottesglaube wird ihm vom Klerus eingeimpft. Sagt die katholische Kirche via Wertestudie.
Andere Studien liefern andere Ergebnisse
Laut anderen Studien etwa dürfen nur etwa 47 Prozent der Österreicherinnen und Österreicher als religiös gelten. Mit einer statistischen Unschärfe lässt sich dieser Unterschied nicht erklären.
http://www.politwatch.at/stories/land-der-heuchler
Auch die Österreichische Akademie der Wissenschaften kommt in einer Studie zum Darwin-Jahr zu Ergebnissen, die sich deutlich von denen der "Wertestudie" unterscheiden.
http://www.oeaw.ac.at/shared/news/2009/pdf/pk_presseunterlagen_web.pdf
Zugegebenermaßen lässt sich hier nur indirekt darauf schließen, wie religiös die Menschen sind. Die Fragestellung war eine andere. Allerdings liegen die Antworten, die ein religiöser Mensch geben würde, eher im Bereich der IMAS-Umfrage als in dem der "Wertestudie". Einer Studie der Akademie der Wissenschaften vertraue ich wesentlich stärker als einer Studie, wo die Katholisch-Theologische Fakultät federführend beteiligt war. Wissenschaft sollte von Wissenschaftlern betrieben werden. Nicht von Theologen.
Christoph Baumgarten - 15. Jul, 07:38


