Systemfehler

Stein27 Jahre Haft. Angst vor der Freiheit. Das Schicksal eines gebürtigen Burgenländers. Kaum draußen, wollte er wieder rein. Analyse eines Scheiterns.

So sehen sie aus. Die Mauern, hinter denen 56-Jährige für immer verschwinden will. Fast sein halbes Leben hat er in Krems Stein verbracht. "Schwere Jungs" nennt man euphemisch die Insassen des Gefängnisses für Schwerverbrecher. Es gibt angenehmere Aufenthaltsorte. Für jeden. Nur nicht für diesen Menschen.
Stein
Die Welt draußen hat ihm Angst gemacht. Kaum draußen, hat er in ein Kaffeehaus eingebrochen, wie ORF:at berichtet. Nicht des Geldes wegen. Um geschnappt zu werden. Um zurückzukehren in seine Heimat.

Nichts anderes ist Krems Stein für ihn geworden. Wen wundert es? Das Gefängnis mit seiner Disziplin ist eine eigene Welt. Mit dem da draußen hat es denkbar wenig zu tun. Man ist nicht Herr seiner selbst. Die Insassen werden täglich geweckt, die Essenszeiten sind fremdbestimmt, die Schlafzeiten genauso. Ebenso, wann man sich wo einigermaßen frei bewegen darf. Ob man etwas sinnvolles zu tun hat, bestimmt man nicht selbst. Und mit jedem, den man trifft, verbindet einen ein gemeinsames Schicksal. Weggesperrt zu sein.

Das soll den Justizwachebeamtinnen- und beamten gegenüber kein Vorwurf sein. Sie werden trotz Personalmangels das Beste tun. Oder zumindest tun wollen. Sie kämpfen mit Erschöpfung, häufig mit Enttäuschung, mit Überarbeitung, manchmal mit Erbitterung. Ihre Arbeit ist keine einfache.

Verbesserung durch Wegsperren
Sie sollen aus denen, die die Gesellschaft für zu gefährlich hält, um sie in ihrer Mitte leben zu lassen, sozial verträgliche Menschen machen. Nach der Logik unseres Gefängnissystems geht das nur, indem der Betroffene normiert wird, umgeformt wird. Das setzt bis zu einem gewissen Grad voraus, dass er oder seltener sie gebrochen wird. Um sich an das Leben draußen vorzubereiten müssen die Betroffenen lernen, in einer Umgebung zu existieren, die denkbar wenig mit der Umgebung zu tun hat, aus der sie ausgesperrt wurden.

Die Logik unserer Gesellschaft. Man konzentriere die Unerwünschten auf einen Haufen, sperre sie weg, mache sie unsichtbar. Das soll sie "resozialisieren". Oder gesundmachen. Krankenhäuser funktionieren nach dem gleichen Prinzip. Das mag oft funktionieren. Genauso oft schlägt es fehl. Nirgends infiziert man sich so leicht wie im Spital. Und kaum etwas macht Menschen so kriminell wie der Knast.

Langjährige Haftstrafen sind Unfug
Langjährige Haftstrafen sind Unfug. Sie resozialisieren Menschen. Sie desozialisieren sie. Dieser Steiner mag ein Extremfall sein. Doch er zeigt einen Systemfehler auf. Irgendwann ist die Zeit vorbei, in der man einen Häftling auf ein neues Leben draußen vorbereitet hat. Wo er oder sie lernwillig- und fähig ist. Einsichtig, vielleicht. Dann gewöhnen sich die Betroffenen an ihre Umgebung. So wie man sich irgendwann an eine neue Stadt gewöhnt, in der man lebt.

Und was dann? Wenn man einen Menschen 15 oder 20 Jahre lang einsperrt, ist es eine gewaltige Aufgabe, ihn auf das Ende seines Gefängnisaufenthaltes vorzubereiten. Je länger der Aufenthalt, desto schwieriger wird es. Da kann sich der oder die Betroffene noch so sehr auf die Freiheit freuen. Es hat unbestreitbarermaßen gewaltige Fortschritte gegeben. Die Möglichkeit, draußen zu arbeiten. Hafturlaube etc. Nur, das alles ist vermutlich zu wenig, um die negativen Folgen einer langen Haftstrafe aufzuwiegen.

Sicher werden jetzt viele argumentieren: Aber die Abschreckung! Dass Abschreckung nicht funktioniert, belegen zahlreiche Studien. Die Aussicht auf eine langjährige Haftstrafe hält niemanden von einer Straftat ab. Nur eine relativ hohe Wahrscheinlichkeit, erwischt zu werden.

Wenn lange Gefängnisstrafen nicht präventiv wirken und Menschen nicht resozialisieren, stellt sich die Sinnfrage. Rache kann und darf nicht die Aufgabe eines modernen Strafvollzugs sein. Die "Schuld an der Gesellschaft", die getilgt werden muss, sollte endlich am Misthaufen entbehrlicher Ideen entsorgt werden. Bleibt einzig der Aspekt der Sicherheit. Es gibt Menschen, die zu gefährlich sind, um auf die Gesellschaft losgelassen zu werden. Die meisten Häftlinge gehören nicht zu dieser Gruppe. Nicht einmal die meisten Mörder. Diese gefährlichen Menschen wird man wirklich wegsperren müssen. Das passiert schon jetzt. Die anderen Häftlinge sollte man bitte auf eine Art und Weise behandeln, die es ihnen ermöglicht, sich schnell wieder in diese Gesellschaft einzugliedern. Sofern es wirklich keinen anderen Weg gibt, sie davon abzuhalten, wieder kriminell zu werden. Was in den meisten Fällen nicht gegeben ist.
Andy (Gast) - 15. Dez, 15:54

Ich kommentiere das mal hier statt in FB. In Stein sind keine "Seicherln", da kommen sowieso nur schwere Fälle rein, meist mit dem Urteil "Lebenslang". Und genau da liegt der Systemfehler: Lebenslang sollte auch lebenslang bleiben, nicht ständig durch Reformen aufgeweicht und verkürtzt werden, denn dann wäre auch die Abschreckung noch gegeben!!!

Wenn man heutzutage "Lebenslang" bekommt, rechnet jeder Jurist mit 15 Jahren, und das ist der Systemfehler ;-)

Christoph Baumgarten - 15. Dez, 16:18

Nein. Erstens haben nicht alle Steiner lebenslang. Zweitens sind auch die wenigstens Lebenslangen so gefährlich, dass man sie für längere Zeit wegsperren müsste. Mordgründe gibt es glücklicherweise nicht beliebig viele. Bei vielen wäre eine Psychotherapie sinnvoller als eine Haftstrafe.

Andy (Gast) - 15. Dez, 16:27

Ich habe vor ewigen Zeiten mal für Donauland Abos verkauft, da hats mich auch nach Stein verschlagen in den Gemeindebau, wo ausschliesslich die Wärter gewohnt haben. Die hatten alle einen an der Waffel. Die sind gar nicht eingestellt auf resozialisierung, die bräuchten selbst Psychotherapie. Und das hat auch so gepasst, Stein und Karlau sind eben der Ersatz für die Todesstrafe gewesen.....

PS: Check dir endlich mal eine Kommentarfunktion mit Mailbenachrichtigung, ich bins langsam leid, selbst dran denken zu müssen, dass eventuell ein Antwort gekommen ist!

Michael (Gast) - 15. Dez, 19:59

Ich glaube, Du solltest Dir auch mal Gedanken über die Opfer machen und nicht nur die Täter. Opfer (bzw. deren Hinterbliebene) haben das Recht, dass die Täter bestraft werden - und zwar unabhängig davon, ob eine Wiederholungsgefahr oder eine Präventionswirkung besteht.

Die Vorstellung von Gerechtigkeit, und dass ein Unrecht gesühnt werden muss, ist so tief im Menschen verankert, dass das nicht einfach auf dem Misthaufen der entbehrlichen Ideen entsorgt werden kann.

Christoph Baumgarten - 16. Dez, 10:38

Michael: Die Vorstellungen von Strafe/Wiedergutmachung/Sühne darf man keinesfalls als so tief verankert im Menschen sehen, wie du es tust. Die haben sich allein im Laufe dieses Jahrhunderts sehr stark gewandelt. Und sehr viele dieser Vorstellungen lassen sich gesellschaftspolitisch steuern - siehe auch Michel Foucaults "Überwachen und Strafe". Alles andere wäre eine ahistorische und deshalb falsche Interpretation.
Für die meisten Opfer ist es bereits Gerechtigkeit, wenn der Täter (seltener die Täterin) vor Gericht steht und das Delikt öffentlich behandelt wird. Ein Schuldspruch gegen den Angeklagten gibt ihnen die Gewissheit: Mir ist Unrecht geschehen. Das wird jetzt anerkannt. Auch das ist Gerechtigkeit.
Ein Staat ist auch nicht dazu da, die individuellen Vorstellungen von Gerechtigkeit umzusetzen (siehe zum Teil oben). Würde man die Vorstellungen der Opfer zum Maßstab für die Strafe machen, ein moderner Rechtsstaat wäre unmöglich, selbst wenn man berechtigterweise davon ausgeht, dass diese Vorstellungen weitestgehend den Maßstäben des heutigen Strafrechts entsprechen.
Es war auch nur so nebenbei hier nicht die Rede von den Vorstellungen der Opfer sondern von einem abstrakten Gedanken, der die juristische Praxis beherrscht. Ich würde nie bestreiten, dass der Täter dem Opfer gegenüber eine Schuld hat. Im Gegenteil ist es diese abstrakte Idee der "Schuld an der Gesellschaft", die das Verbrechen an sich normiert und entmenschlicht. Nicht dem Opfer wurde Unrecht getan, das Gesetz wurde verletzt. Das ist im Grundprinzip wesentlich opferfeindlicher als jede Interpretation meinerseits sein könnte.
Ich sehe den Staat in solchen Fragen sehr wohl auch als Mediator, wenn man so will. Und natürlich sollten sich neue Konzepte der Re-Integration Straffälliger auch damit auseinandersetzen, wie man Wiedergutmachung am Opfer leisten kann. (Was zugegebenermaßen bei vielen Delikten unmöglich ist). Ich denke, eine kluge Lösung dessen würde sehr viele Haftstrafen unnötig machen und würde die Wiederholungsgefahr erheblich eindämmen.

Paul (Gast) - 21. Dez, 12:39

Sorry, das halte ich für ausgemachten Blödsinn. Ein Gefängnis sollte kein Ersatz für einen AMS-Kurs 'Wie verhalte ich mich richtig?' sein, sondern eine Strafe. Gerade in Stein sitzen jene ein, die nicht unbedingt durch gruppendynamisches Händchenhalten resozialisiert werden können. Da handelt es sich um Verbrecher, die Menschen Schaden zugefügt haben. Das sind keine Fälle von Nichtwissen, das hat meist bis immer mit Vorsatz zu tun. Wenn irgend was, dann sollten die Strafen verschärft werden.

Dazu passt auch, dass lebenslang lebenslang sein sollte. So wie das bisher gehandhabt wird, reicht die Strafe gerade eben aus, um ein Leben vollkommen zu ruinieren. Natürlich werden dann viele rückfällig, allein schon deshalb, weil sie nach der Entlassung keine andere Perspektive haben. 15 Jahre Kugelschreiber zusammenbauen in Stein bereitet nicht auf einen Arbeitsmarkt vor, der Ältere sowieso benachteiligt und Ex-Knackis gegenüber noch skeptischer ist.

Nicht zuletzt geht es auch um die Opfer. Ich kann die Befriedigung unter selbigen verstehen, wenn sie wissen und sicher sein können, dass ein Gewaltverbrecher hinter Gittern ist und nicht auf einem steuergesponserten Erholungsurlaub mit entspannten Gesprächsrunden und Entlassung nach einem halben Jahr. Es muss einfach eine Unterscheidung geben zwischen Leuten, die 'nur' Geld oder Sachen stehlen und Gewaltverbrechern.

Christoph Baumgarten - 21. Dez, 15:26

Das kommt mir vor wie der Blinde, der von der Farbe redet. Strafe bringt nix. Weder schreckt sie ab noch resozialisiert sie. Den Opfern kann auch weit besser geholfen werden. Also, was soll der Unfug? Vielleicht führen wir dann gleich wieder die Todesstrafe ein?

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