Rhapsody in Blue

Gerhard-DoerflerBZÖ Kärnten und FPÖ fusionieren. Politwatch trauert. Österreichs begabteste (und höchst überbezahlte) Truppe von Stegreifkabarettisten wird auseinandergerissen. Zeit der Wahrheit ins Auge zu blicken.

Das Gefühl, das sich meiner bemächtigt, könnte man vermutlich als beginnende Depression beschreiben. Seit heute ist es nicht mehr möglich, den rechten Rand als fehlgeschlagenes Freiluftexperiment einer Kabarettistenschule zu sehen. Das hat mir in den vergangenen fünf Jahren einiges an Trost vermittelt. Eskapismus vielleicht. Angesichts der Realität eine psychologische Notwehrmaßnahme. Es schützt vor dem Verzweifeln. Hat geschützt.

Obwohl die mehr oder weniger feindliche Übernahme des BZÖ Kärnten auch komische Momente hat. Insofern ist sich der rechte Rand treu geblieben. Erst gestern attackierte die FPÖ den Kärntner Landeshauptmann Gerhard Dörfler wegen der Hypo Alpe Adria. Erst gestern tat man so, als würde man sich lieber duellieren als einander je wieder die Hand zu geben. Wiewohl, das mit dem Duell so eine Sache wäre. Beim BZÖ dürfte eigentlich nur der Stadler, von wegen Satisfaktionsfähigkeit.

Theater, nichts als Theater diese lächerlichen, oft genug vor Rechtschreibfehlern strotzenden Beschimpfungen, diese Wiedergaben geballter Sinnbefreitheit, die man am rechten Rand sich traut als Presseaussendung zu bezeichnen. Wo die jeweils eine Partie das über die andre Partie sagte, was sich ein aufrechter Demokrat aus Furcht vor einer Klage nie öffentlichen zu sagen trauen würde. Unterhaltsam an regnerischen Tagen. Eine Dosis unfreiwilliger Komik, groß genug um einen aus einer beginnenden Depression zu reißen. Wenn's ganz arg war, konnte man im Nationalrat zuhören, wie sie einander beflegeln. Zumindest die letzten Monate nichts als Theater für ein Publikum, das um psychisch irgendwie zu überleben, sich einreden musste, die Realität, die der rechte Rand geschaffen hatte, sei keine.

Aus der Traum
Aus der Traum. Willkommen in der Realität. Sie ist mehr, als ein gesunder und vor allem vernunftbegabter Mensch ertragen kann. Die Koalition der Verhaltensoriginellen wird wechselweise von Wien und Kärnten versuchen, die Menschen in diesem Land weiter für dumm zu verkaufen. Kärnten wird als nicht vor dem Bankrott stehend erklärt werden, Graf zum aufrechten Demokraten und Strache zum Vertreter der Arbeiterinnen und Arbeiter. Für die HAA war nicht das BZÖ verantwortlich, ein genialer Plan der Bayern war's um die slowenischen Ortstafeln durchzusetzen. Und das Finanzdesaster hat so was von nichts mit dieser amour fou zu tun, dass das Wort nichts nicht ausreicht um diesen Nicht-Zusammenhang zu beschreibe. Es ist zum Verzweifeln.

Herzig die Beteuerungen des Dörfler, den die Staatsanwaltschaft für zu deppert erklärt um angeklagt zu werden, man könne seine Meinung ja auch ändern. Nicht anders Bumsti Strache. Auf einmal will man wieder Freund sein. Das zeugt vom Erinnerungsvermögen der Herrschaften. Geschichte ist, was man gerade mal braucht. Andererseits: Ehrlichkeit hat man von ihnen nie erwarten können. Und Verrat an der eigenen Gesinnung kann man ihnen kaum vorwerfen. In den politischen Kreisen, in denen sie verkehren, gehört so etwas zum guten Ton.

Das Ende des Stegreifkabarettes
Das wirklich tragische ist, dass Österreichs beste Stegreifkabaretttruppen auseinandergerissen wird. Stefan Petzner, Gerald Grosz und Peter Westenthaler - in der Ernsthaftigkeit, mit der sie ihre unfreiwillige Komik betrieben haben, waren sie unschlagbar. Auch die Gastauftritte von Gerhard Dörfler auf Bundesebene waren grandios.

Man kann zurecht argumentieren, die Herren seien überbezahlt. Als Bühne für ihre Selbstverwirklichung würde es ein Vorstadttheater auch tun. Andererseits: Die Geballtheit, in der das völlige Fehlen irgendeines intellektuellen Anspruchs in der Kombination auftrat, das hatte etwas einzigartiges. Das kommt nie wieder. Westenthaler und Grosz werden alleine die Truppe mimen müssen, die so tut als sei sie eine ernsthafte Partei.

Dörfler und Petzner werden die Sidekicks des in dieser Hinsicht wesentlich untalentierteren Strache geben. Dem sieht man zu sehr an, wie sehr er sich anstrengt. Stegreifspezialist ist er keiner. Da ist ihm sogar der Dörfler über. Bei Strache sind's die mühsam auswendig gelernten Phrasen, die unterhalten sollen. Um wie viel öder ist das als improvisierte Sinnbefreitheit, die so tut, als sei sie ernst gemeint wie in Kärnten. Vermutlich hat das auch Strache eingesehen. Das würde erkläre, warum er die beiden Stegreifkabarettisten engagiert hat.

Jetzt ist's aus. Das tut weh. Die österreichische Politik hat an Unterhaltsamkeit verloren. Und an Tragik gewonnen. Das letzte, was ich gebraucht hätte.
exilignostikerin (Gast) - 17. Dez, 10:36

Weiß zufällig jemand, ob sie jetzt per Du sind?


Christoph Baumgarten - 17. Dez, 12:33

Ich vermute es beinahe...

exilignostikerin (Gast) - 17. Dez, 17:09

... bis zum nächsten Mal :)

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Mein Name ist Christoph Baumgarten und bin seit mehr als einem Jahrzehnt im Journalismus. Dieser Blog soll meine Sicht auf die politischen Entwicklungen in Österreich wiedergeben. Wobei im Moment der Ausdruck Zustand angebrachter wäre, wenn man an die heimische Politik denkt. Politwatch zeigt gerne vergessene Zusammenhänge auf und soll den Menschen eine Stimme geben, die auch angesichts der zunehmenden geistigen Verwahrlosung in diesem Land ihre fünf Sinne zusammen haben und nicht vergessen haben, was bei Politik im Mittelpunkt stehen sollte: Der Mensch mit seinen Bedürfnissen. Ein Hinweis für InhaberInnen eines Accounts auf twoday.net: Es gibt einen e-mail-Abodienst für neue Beiträge und Kommentare.

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