Österreichs AtheistInnen fordern Entschuldigung von Finanzminister Josef Pröll

Proell2Österreichs atheistische und humanistische Organisationen fordern umgehend eine Entschuldigung von Finanzminister und Vizekanzler Josef Pröll für seine Aussagen im „Kurier“ vom Mittwoch. Dort hatte der ÖVP-Obmann die Rechte von AtheistInnen wörtlich als „pervers“ bezeichnet. Diese Aussagen seien für ein amtierendes Regierungsmitglied ungeheuerlich und menschenverachtend.

„Von Heinz Christian Strache und Gerhard Dörfler ist man eine derartige Wortwahl gewohnt, auch von Erwin Pröll. Dass jetzt auch ein amtierender Finanzminister und Vizekanzler auf ein derart menschenverachtendes und beleidigendes Niveau heruntersinkt, überrascht und irritiert“, kommentieren die Vorsitzenden Österreichs atheistischer und humanistischer Vereine die Aussagen Josef Prölls, das Recht von AtheistInnen, von Religion in öffentlichem Raum verschont zu bleiben, sei pervers. „Offenbar hat man bei den Parteien rechts der Mitte ein Problem mit dem Rechtsstaat und dem gesunden Menschenverstand.“ Vor wenigen Tagen hatte der Onkel des Finanzministers, der niederösterreichische Landeshauptmann Erwin Pröll, noch mit der Bemerkung provoziert, so lange er Landeshauptmann sei, würden die Kreuze in den Klassenzimmern bleiben – egal, ob es ein Urteil des EGMR gebe oder nicht.

„Die Aussagen des Neffen übertreffen das tiefe Niveau des Statements des Onkels bei weitem. Das Urteil des EGMR ist eindeutig: Kreuze in Schulklassen widersprechen den Menschenrechten. Wer das als pervers bezeichnet, hat offenbar den Sinn von Menschenrechten nicht verstanden“, sagen Theo Maier (Freidenkerbund), Erich Eder (AG-ATHE), Karl Linek (AHA) und Niko Alm (Giordano Bruno-Stiftung). „Was kommt als nächstes? Will Pröll konfessionsfreie Kinder in den Religionsunterricht zwingen? Oder AtheistInnen zwingen, den Kirchenbeitrag zu zahlen? Ist es für ihn vielleicht überhaupt pervers, dass man aus einer Religionsgemeinschaft austreten darf?“

Jedenfalls wisse man, was vom liberalen Image der ÖVP zu halten sei. „Mit dieser Aussage reiht er sich nahtlos in die Tradition der Kampfkatholiken der Ersten Republik ein. Gut, dass wir das Recht, aus Religionsgemeinschaften auszutreten, schon erkämpft haben.“ Das Ziel der Entgleisung sei klar. „Hier sollen wieder einmal Menschen gegeneinander aufgehetzt werden. In dem Fall Konfessionsfreie gegen Mitglieder von Religionsgemeinschaften.“

Pröll muss sich bei zwei Millionen Menschen entschuldigen

„Auch die Begründung, warum die Kruzifixe für Pröll in den Klassen bleiben müssen, spricht von Ahnungslosigkeit. Offenbar hält Pröll das ursprünglich von den Klerikalfaschisten ausgehandelte Konkordat für sakrosankt. Dass man mit bilateralen Verträgen Menschenrechte nicht nach Belieben aushebeln kann, hat er offenbar noch nicht verstanden“.

Pröll solle zur Kenntnis nehmen, dass in Österreich fast zwei Millionen Menschen leben, die keiner Konfession angehören. „Auch diese Menschen haben Rechte. Der Obmann einer Regierungspartei wäre gut beraten, das zu akzeptieren. Diesen Menschen schuldet er eine umgehende Entschuldigung,“ sagen Maier, Eder, Linek und Alm.
dieter (Gast) - 13. Nov, 20:53

Ich, als Atheist distanziere mich hiermit von der Vereinnahmung durch diese Erklärung und den darin enthaltenen wehleidigen und hysterischen Ton.

Josef Pröll hat das Folgende gesagt:
"Es ist pervers, Religionsfreiheit so zu interpretieren, dass es ein individuelles Recht für Atheisten und Religionskritiker gebe, im öffentlichen Raum vom Anblick religiöser Symbole 'befreit' zu sein. Wenn der Staat religiöse Symbole verbannt, ist er nicht neutral, sondern nimmt Partei für den Atheismus", sagte der Vizekanzler im "Kurier"."
Nach dieser Logik wäre jede Wand, auf der kein Kreuz hängt, eine atheistische Wand. Außerdem soll der Staat ja keine Symbole verbannen, sondern erst gar keine aufhängen.

Das ist die Logik eines Tölpels. Aber eine menschenverachtende Entgleisung? Rückkehr zum Klerikalfaschismus? Da bleiben wir einmal auf dem Teppich. Menschenverachtend und menschenrechtswidrig war die gestrige Hincrichtung Ehsan Fattahians.

hans huber (Gast) - 13. Nov, 23:19

Zum Beitrag im Kurier: "Besteht eigentlich auch die völkerrechtlich verankterte Pflicht", in Schulklassen mit einer Mehrheit z.B. muslimischer Schüler, Symbole des Islam anzbringen ? Und wenn es diese Pflicht nicht gibt, was tun Sie dafür, Herr Vizekanzler Pröll, um beispielsweise die Gleichstellung des Islams zu gewährleisten ?

Ein Tipp: Sie könnten in öffentliche Schulen mit einer Mehrheit muslimischer Schüler (z.B. einige Wiener Hauptschulen) vorbildlich und persönlich einen Halbmond vor laufender Kamera aufhängen ... dann würde ich Ihnen vielleicht abnehmen, dass Ihre Aussagen im Kurier-Interview genau so ernst genommen werden können wie sie dort abgedruckt sind.

hans huber (Gast) - 14. Nov, 13:01

@Kraut: Ich verstehe die Kirche ja überhaupt nicht, wenn sie sich immer mit so weltfremden Aussagen bezüglich Abtreibung lächerlich macht. Das einzige, was sie damit erreicht ist, dass sie allein mit ihren primitiven Statements die Befürworter der Fristenlösung stärkt, welche es somit nicht mal mehr notwendig haben, eine der wenigen Argumente, die es für die Fristenlösung gibt, wenigstens zu erwähnen.

antipholos (Gast) - 15. Nov, 20:32

Ich denke, dass Atheist_innen einfach den Nachteil haben, keine lobbying zu betreiben. Aber man sollte Atheismus und Laizität voneinander klar trennen. Laizität heißt, dass Religion und Staat vollkommen getrennt sind, was man sich von einem Staat im 21. Jahrhundert eigentlich erwarten sollte.

Kreuze in Klassenzimmern sind autoritär und ein Relikt aus der Zeit des Ständestaats. Was dafür spricht, Kreuze in mehrheitlich nicht-christlichen Klassenzimmern aufzuhängen ist mir vollkommen rätselhaft.

Vernunft vor allen Religionen! Ob Christentum oder Islam, oder was weiß ich!

Das hat ja mehr mit Realitätsverweigerung zu tun, denn wie viele katholische Menschen sind noch wirklich gläubig? Die Gruppe der Atheist_innen wächst und wächst, und wird konstant unterschätzt... gerade von den Rechten Parteien.

@Dieter: Deswegen finde ich die Kritik richtig, auch in ihrer Stärke.

ps: der Faymann ist ein Schlappschwanz

hermann graf (Gast) - 11. Aug, 11:09

Habt bloß keine Angst vor dem Klerikalfaschismus vergangener Zeiten, die Islamisten übernehmen schon in Kürze diesen Job.
Dann, liebe FreidenkerInnen, werdet Ihr nicht nur religiösen Symbolen in der Öffentlichkeit BEGEGNEN, sondern selber als solche herumlaufen - Männer Pflichtbärte, Frauen Säcke mit Sehschlitzen (aber scheinbar scheinen linke Emanzinnen eh schon längst die Welt durch solche verengt zu sehen....).

Christoph Baumgarten - 11. Aug, 17:44

Diese Befürchtung ist vollkommener Humbug. Wie bitte sollen "die Islamisten" "den Job übernehmen", noch dazu in Kürze? Wie bitte stellst du dir eine solche Machtübernahme vor? Auf welcher Basis soll die real erfolgen und nicht nur in deiner kleinbürgerlichen Angst, die an Paranoia grenzt. Und diese Angst soll wohl der Grund sein, den neuen Klerikalfaschismus zu unterstützen? Welche Art von Logik soll denn das sein?
Wenn du schon politischen Unfug postest, solltest du bitte imstande sein, ihn irgendwie zu argumentieren.

hermann graf (Gast) - 11. Aug, 19:07

1.Warnung vor einem Islamfaschismus bedeutet noch lange kein Sehnen nach Klerikalfaschismus.
2.Kleinbürgerliche Angst, was ist das? Meinst du Angst vor dem Klimawandel? Angst vor den Neonazis? Angst vor Feinstaub? Angst vor Argumenten, die dir nicht in dein Weltbild passen? Na, da habe ich ja den echten Spieß-und Kleinbürger aufgeweckt!........
3.Die Logik hat dir wohl noch nicht das DU-Wort angeboten.....Wird sie auch in Zukunft nicht,jede Wette?

Christoph Baumgarten - 11. Aug, 22:59

Du postest hier, also musst du dir meine Höflichkeitsregeln gefallen lassen. Und ja: Jemand, der mir Angst vor einem "Islamfaschismus" machen will - was bei aller Abscheu vor einem irgendwie radikalen Islam - historischer Unfug ist, der muss sich gefallen lassen, dass ich ihm Angst unterstelle. Selbst radikale Muslime verfügen in Österreich über keine wie auch immer geartete Einflussmöglichkeit, die es auch nur annähernd möglich erscheinen lassen würde, dass sie eine wie auch immer geartete Machtposition jemals erlangen können. Die fundamentalistischen Katholiken hingegen - aber hallo. Allein in der Medienszene. Und da red ich noch nicht von den sonstigen Möglichkeiten. Also, vor denen fürcht ich mich bestimmt mehr als vor 5% der islamischen Bevölkerung (die ihrerseits kaum mehr als 5 oder 6 Prozent der Bevölkerung ausmacht), und die noch innerhalb ihrer selbst zerstritten sind.

hermann graf (Gast) - 11. Aug, 23:37

1.Was die Höflichkeitsregeln betrifft: Lies deinen vorigen Beitrag noch einmal durch....
2.Deine Angst vor der kath.Kirche, die ist, um bei deiner "höflichen" Diktion zu bleiben, paranoid. Die kath.Kirche ist sowas am Sand, Austrittswellen, ausgelöst durch Vorkommnisse, die ein Problem offenbaren: frömmeln, was das Zeug hält, doch das Gegenteil davon treiben.Ich sehe die Situation der Kirche so: Ein Teil drückt sich ängstlich in die Ecke und hofft, die Skandale aussitzen zu können,der andere/kleinere Teil gibt sich kämpferisch sozialpolitisch links.
3.An Prozenten kannst du die Gefährlichkeit/Ungefährlichkeit einer Gruppierung (ob Islamisten, Rechts-oder Linksfaschisten,usw.) nicht festmachen. Da du ausgebildeter Journalist bist, weißt du ja, wie sich hierarchische/diktatorische Systeme oft mit erstaunlich wenig Sympathisanten etablieren können.

Christoph Baumgarten - 12. Aug, 07:34

Punkt 3 trifft hier schlicht und ergreifend nicht zu. Muslimische Organisationen verfügen weder über gesellschaftliche Machtpositionen noch über irgendeinen Massenrückhalt. Im Vergleich dazu sind Neonazis eine weitaus realere Gefahr - und ich halte eine Machtübernahme durch diese schon für eher unrealistisch, trotz massiven Rückhalts für ihre Positionen in einer bestimmten Parlamentspartei. Es gibt kein einziges historisches Beispiel, wie ein demokratisches System von derart zerstrittenen Gruppierungen wie im politischen Islam, die ohne Rückhalt und Machtmittel irgendeiner Art agieren, erfolgreich unterhöhlt worden wäre.
Im Vergleich dazu genießt die kath. Kirche nicht nur breite und offene politische Unterstützung - sie verfügt über ausgedehnte Machtmittel und eine auch heute nicht zu unterschätzende Mobilisierungskraft. Zumal, wenn sie jetzt übers Hintertürl, über einen Abwehrkampf gegen eine imaginierte islamische Gefahr, zurückkehrt. Dazu kommen Finanzmittel, dazu kommt reale ökonomische Macht, dazu kommt ein gewaltiger Einfluss im Erziehungswesen (anders beim Islam: Dort sind 50 Prozent der Kinder von Haus aus abgemeldet, in vielen anderen Fällen gibt es am Land mangels Kindern keinen konfessionellen Religionsunterricht)
D.h. nicht, dass ich die IGGIÖ sympathisch finde, ihre Anliegen unterstütze oder sonstwas. Nur - die ist keine ernsthafte Gefahr für die Demokratie, die anderen Organisationen sind es auch nicht. Die kath. Kirche kann hingegen zumindest ernsthaften Schaden anrichten. Und sie bemüht sich ja laufend darum.


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