No Future

Proell1Die von konservativen Medien hochgelobte Rede von Vizekanzler Josef Pröll (ÖVP) erweist sich bei genauerem Hinsehen- bzw. hören als eine Mischung aus Perspektivenlosigkeit und gefährlicher Drohung. Den Menschen, die von den Brosamen, die man hierzulande Umverteilung nennt, etwas haben, soll es an den Kragen gehen.

Wäre Josef Pröll ehrlich, er müsste seinem Onkel folgen und seine Nicht-Kandidatur für höhere Ämter ankündigen. Erwin I. von Niederösterreich hatte wenigstens das Maß Selbsteinschätzung zu erkennen, welche Schuhe ihm zu groß waren. Oder zumindest, dass er gescheitert wäre. Dem Neffen fehlt dieser Realismus. Allerdings hat er eines vom Onkel gelernt. Man verstecke sich hinter salbungsvollen Worten und dresche Phrasen. Zur Not verdrehe man die Wahrheit und tue so, als sei man für nichts verantwortlich gewesen.

Beispiel Beamtendienstrecht: Pröll denkt laut darüber nach, dass es ein einheitliches Beamtendienstrecht in Österreich geben sollte. Ein an sich sinnvoller Vorschlag. Wohlweislich vergisst der Möchtegern-Kanzler, dass es die ÖVP war, auf deren Druck 1999 die Regelung abgeschafft wurde, wonach alle Landesregierungen Dienstrechtsreformen der Bundesregierung nachvollziehen müssen.

Pröll stellt ein Sparpaket ab 2011 in Aussicht. Die Republik hat mehr Geld für Banken ausgegeben, als sie sich leisten kann. Zahlen sollen das die Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer. Wenn er davon spricht, dass es keine neue Steuern geben solle, ist Misstrauen angebracht. Die "Volks"partei, die immer öffentlich gegen Steuern antritt, hat die höchste Steuer- und Abgabenquote der Zweiten Republik zu verantworten. Just in der Zeit, als sie mit Wolfgang Schüssel den Kanzler stellte. Finanzminister Karl-Heinz Grasser schaffte trotz der vielen Steuern und eines sozialen Kahlschlags das Nulldefizit doch nicht. Vielmehr würgte man die damals schwächelnde Wirtschaft ab und trieb die Arbeitslosigkeit in die Höhe. Was sich negativ auf den Staatshaushalt auswirkte. Wirtschaftskompetenz a la ÖVP und FPÖ.

Ähnliches ist zu erwarten, sollte Pröll sich durchsetzen. Auch den sozialen Kahlschlag spricht er an. Die Armen sollen wieder einmal für die Reichen zahlen. Kaschiert wird das mit Beschwörungen der Zukunft und der Generationensolidarität. Solidarität mit den Nichtstuern, die die "Volks"partei Leistungsträger nennt. Natürlich sagt er das nicht so offen. Wer zwischen den Zeilen lesen kann, versteht die gefährliche Drohung gegen die Million Österreicherinnen und Österreicher die unter der Armutsgrenze leben. Anders kann man seine Überlegungen nicht bezeichnen. Pröll droht diesen Menschen finanzielle Gewalt an.

Wie es die "Volks"partei derzeit so gern tut. 46 Prozent der Studierenden in Österreich leben unter der Armutsgrenze. "Wissenschafts"minister Johannes Hahn (ÖVP) hat keine anderen Sorgen als diese Menschen zu zwingen, wieder Studiengebühren zu zahlen. Sein deklariertes Ziel: Leute aus den Unis rauszwingen, die keine Zeit haben zum studieren. Menschen, die arbeiten müssen, um sich über Wasser zu halten, zum Beispiel. Das wären jene 46 Prozent, die unter der Armutsgrenze leben. Hacklerkinder sind von höherer Bildung fernzuhalten. Und das aus dem Mund eines Menschen, der selbst Bummelstudent war. 11 Jahre hat er gebraucht, sein Studium mit einer Dissertation abzuschließen, deren Qualität öffentlich infrage gestellt wurde und wird. Der Mann sollte die Studiengebühren nachzahlen müssen. Das würde auch bei einem Ministergehalt eng, sollte er sie auf einmal zahlen müssen.

Oder das Dauergesudere um die "soziale Hängematte" Mindestsicherung. Skandal! Da werden Menschen nicht mehr um einen Hungerlohn arbeiten müssen! Das darf es in einem Land nicht geben, in dem die ÖVP das Sagen hat. Der eigentliche Grund, warum diese Partei gegen einen Betrag ist, von dem man irgendwie leben kann. Das drückt die Löhne. Nicht die geheuchelte Solidarität mit den Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmern ist es, die sie antreibt. Es ist abermals Soldarität mit den Nichtstuern, die sie Leistungsträger nennt. Die, die trefflich von der Arbeit anderer leben.

Das hat Pröll heute offen gelegt. In schwammigeren Worten als dieser Autor, vielleicht auch in schöneren. Für jeden der Ohren hat, waren seine Drohungen vernehmbar genug. No Future für alle, die es sich nicht richten können.

P.S.: Trotz mehrerer Anregungen treuer Leserinnen und Leser habe ich die Nicht-Kandidatur des Onkels nicht kommentiert. Dass ein chancenloser Kandidat sagt, er trete nicht an, halte ich ehrlich gesagt für nicht sonderlich bedeutsam. Wiewohl ich angesichts der sonstigen Neigung zum Größenwahn den raren Anflug von Realismus ausdrücklich loben möchte. Mir tun nur die Menschen in Niederösterreich Leid, die den Onkel noch bis 2013 ertragen werden müssen. Interessant nur, wen Pröll als gemeinsamen Kandidaten mit der FPÖ im Auge hat. Karl-Heinz Grasser? Gottfried Waldhäusl? Ich denke auch nicht, dass der Verzicht des Onkels die Chancen des Neffen auf höhere Weihen erhöht. Wiewohl das Naheverhältnis doch vermutlich irgendjemand aufgefallen wäre.
Einen guten Überblick über die Posse um die Nicht-Kandidatur Prölls bietet übrigens der Politspiegel, wo alle relevanten Medienmeldungen gesammelt sind. Erspart viel unnötige Recherchearbeit.
martin p. (Gast) - 16. Okt, 01:36

Verbreiten sie wissentlich oder unwissentlich Unwahrheiten?

Das Geld wurde den Banken nicht geschenkt. Die Banken zahlen dafür Zinsen und werden es dem Staat zurück zahlen. Die Banken haben sich bis jetzt ung. 8 Mrd. Euro vom Staat geborgt. Die Republik hat dieses Geld nicht ausgegeben, wie sie es schreiben sondern hat es verborgt und jenes ist ein großer Unterschied. Der Rest vom Bankenpaket in der Höhe von 85 Mrd. Euro sind staatliche Garantien, die Gott sei dank bis jetzt nicht gebraucht worden sind.

Sozialer Kahlschlag, haben sie dieses Formulierung von der SPÖ übernommen?

Das einzige was in Österreich steigt sind die Schulden und die Ausgaben für die Sozialleistungen. 1980 lagen die Ausgaben für Sozialleistungen bei 19 Mrd. €, 1999 - 55,7 Mrd. €, 2000 - 57,1 Mrd. €, 2006 - 70,8 Mrd. € und 2008 bei ung. 76 Mrd. €. Die große Frage wo wurden hier Sozialleistungen gekürzt? Sie wissen schon, dass unter der Regierung Schüssel die Einkommen bis 14.500 Brutto von der Lohnsteuer befreit wurden. Die Reichen haben von dieser Reform nicht profitiert. Das Bruttojahreseinkommen ab dem der Grenzsteuersatz von 50% gilt wurde nicht angehoben, jenes waren vor der Reform 51.000 € und auch nach der Reform. Die größten Entlastungen gab es für die niedrigen Einkommen. Wir wissen es für die Linken war Schüssel einfach nur unsozial, weil Fakten für Linke absolut kein Beweis sind.

Sie sagen 46% der Studierenden in Österreich leben unter der Armutsgrenze, woher haben sie diese Zahlen? Ich kenn die Unis und die Studierenden schauen mir nicht so arm aus. Frage, jammern uns nicht die Linken seit dem Jahr 2001 die Ohren voll, das sich die ärmeren Mensche das Studium nicht leisten können? Sie behaupten jetzt, dass die Hälfte der Studierenden arm wäre? Ich will nur wissen wer lügt, oder kommt jetzt die Aussage die Linken jammern nur aus reiner Prophylaxe?

Christoph Baumgarten - 16. Okt, 10:32

Bitte, welche Unwahrheiten? Ist etwa unwahr, die Unwahrheit nicht zu verbreiten, dass die Sozialausgaben 2008 bei 76 Mrd. Euro lagen - was dem Gesamtbudget der Bundesregierung entsprechen würde? Lt. Gebarungserfolg des BMF gab die Bundesregierung im Bereich Soziales 7,6 Mrd. Euro aus. Ich denke, hier liegt ein Irrtum um eine Zehnerpotenz vor. Rechnet man diverse sonstige Förderungen des Sozialministeriums dazu, kommt man auf ca. 9,7 Mrd. Euro - immer noch ein Bruchteil der Summe. (siehe http://www.bmf.gv.at). Hier werden wohl Kraut und Rüben vermischt.
Einen Armutsbefund aus dem Aussehen der Menschen erstellen zu wollen, finde ich höflich gesagt abenteuerlich. Die von mir zitierte Untersuchung stammt übrigens von der Österreichischen Hochschülerschaft.
Es ist auch eine sehr übliche bürgerliche Verschleierungstaktik, Reichtum in irgendeiner Form an Arbeitseinkommen zu koppeln, was du hier mit dem Grenzsteuersatz versuchst. Das ist in mehrfacher Hinsicht Unfug. Erstens ist der Grenzsteuersatz durch die Sozialversicherung und das 13. und 14. Monatseinkommen stark degressiv, beträgt daher de facto eher 42 - 44%, im Vergleich zu ca. 35 % effektivem Eingangssteuersatz. Zweitens galt meine Kritik auf dem Blog nie den besser verdienenden ArbeitnehmerInnen sondern der besitzenden Klasse. Und die werden nachweislich von den ArbeitnehmerInnen gesponsert. Die erarbeiten und zahlen die Steuern. Die Reichen tragen nichts bei. Die ÖVP redet uns ein, das sei sozial gerecht und solle verstärkt werden.

F (Gast) - 16. Okt, 20:50

Das mit den 46% Studenten unter Armutsgrenze stand diese Woche in der allseits geschätzten - bei Faymann beruht die Wertschätzung auf Gegenseitigkeit - 'Heute'. Dass die Ungleichheit seit Jahrzehnten zunimmt ist eigentlich ziemlich unbestritten (von Caritas und Diakonie bis zum WIFO). Dass immer weniger Menschen Steuern zahlen, ist sozialpolitisch kaum positiv zu bewerten, heißt es doch hauptsächlich dass immer weniger Menschen genug verdienen, um (direkte) Steuern zu zahlen. Wer wenig Einkommen hat, zu wenig, um etwas auf die Seite zu legen, bekommt nicht nur keine Bauspar- und Pensionsförderungen etc, sondern zahlt durchwegs auf sein Einkommen 20% Umsatzsteuer. Sieht man sich Transfers und Steuerleistungen an, sieht man, dass bei den unteren Einkommen, die Steuerlast kaum geringer ist als ganz oben. Hauptsteuerzahler in diesem Land sind die 'mittleren' Einkommen, d.h. jene die vielleicht ganz gut verdienen, aber kaum über große Vermögen verfügen und die vielleicht dumm genug sind, sich mit den 'großen Vermögen' zu solidarisieren.

F (Gast) - 16. Okt, 20:52

Im Übrigen würde ich das Wort 'Klasse' eher meiden. So eindeutig sind die Dinge nicht mehr. Nicht alles hängt an den Produktionsverhältnissen. An der Umverteilung von der Mitte nach Oben ist auch die Politik nicht unbeteiligt.

martin p. (Gast) - 16. Okt, 21:13

Frage, habe ich nur vom Bund gesprochen?
http://www.statistik.at/web_de/statistiken/oeffentliche_finanzen_und_steuern/oeffentliche_finanzen/einnahmen_und_ausgaben_des_staates/019897.html
und
http://www.staatsschuldenausschuss.at/de/img/sta_bericht_komplett_tcm163-139822.pdf
Bitte Seite 52 lesen.

Sorry, aber der ÖH glaub ich nix und wenn ein Studierender der bei den Eltern lebt mit weniger als 912 € pro Monat auskommen muss ist er wirklich sehr arm!
http://www.heute.at/news/oesterreich/wien/Unsere-Studenten-Jeder-Zweite-ist-arm-;art931,133526

MFG

Christoph Baumgarten - 17. Okt, 10:11

Wobei die Zahlen nicht nachvollziehbar sind. Aufgrund der genannten Summen ist äußerst wahrscheinlich, dass hier Gesundheits- und Pflegeausgaben schlicht und ergreifend hineingerechnet wurden (wie es auch die nö. Landesregierung macht, damit sie auf ein Sozialbudget von 3 Mrd. Euro kommt). Zudem müssen hier sämtliche parafiskalischen Effekte mithineingerechnet sein (ergo Arbeitslosen- und Pensionsversicherungsbeiträge). Das legt auch die Art der Statistikführung nahe, weil sie eben exakt diese Dinge, die größere Geldtransferposten sind, nicht erwähnt. Ich hab keine Ahnung, was etwa die Statistik Austria damit aussagen wollte, jedenfalls ist ein so geführter Überblick über die Staatsfinanzen wertlos. Hier wird alles vermanscht und irgendwie unter die Kategorie Soziales gesteckt. Ansonsten kommt man schlicht und ergreifend nicht auf diese Beträge.
Außerdem: Selbst dann sind die Beträge noch weit von deinen 76 Mrd. Euro entfernt. Also bitte, wenn schon seriöse Quellen, die auch gewichtet angegeben werden sollten und nicht Kraut und Rüben.
Interessant, dass du seriösen Studien der ÖH nicht glaubst, aber das ist dein Problem. Diese Studie ist jedenfalls weit detallierter als die von dir gemachten Angaben.

martin p. (Gast) - 18. Okt, 21:13

Frage, was sind für sie Sozialausgaben? Sie wollen eine genauere Statistik, hier eine Link für sie.

http://www.statistik.at/web_de/statistiken/soziales/sozialschutz_nach_eu_konzept/sozialausgaben/020177.html

Die Statistik zeigt deutlich wohin das Geld fließt und in dieser Statistik werden die Ausgaben mit 85,681 Mrd. € angeben. Sie sagen Gesundheits- und Pflegeausgaben sind keine Sozialleistungen, ja was sind sie dann? Ich würde ihnen raten Österreich zu verlassen und einmal in einem anderen Land als arbeitsloser mittelloser europäischer Einwanderer ihr Glück versuchen. Ich kann ihnen Thailand oder ein Land in Süd- und Mittelamerika dafür nur wärmstens empfehlen. Die Länder haben entweder kein soziales Sicherungssystem oder jene sind absolut nicht ausreichend.

Der ÖH vertrau ich nicht, weil dort nur Linke drin sitzen und diese betreiben einfach nur Populismus. Die ÖH veröffentlicht nur diesen einen Wert, aber sie sagt nicht dazu ob diese Studierend alleine leben, von den Eltern finanziert werden etc. …. Sorry, die schreien doch immer die Welt ist so ungerecht und ignorieren alle Fakten.

MFG

Christoph Baumgarten - 18. Okt, 21:45

Gesundheitsleistungen sind VERSICHERUNGSLEISTUNGEN, ebenso die Arbeitslosenversicherung. Außerdem kommen sie auch jenen Leuten zugute, die sich diese Dinge durchaus leisten könnten. Ergo sind sie keine Sozialleistungen. Das gilt auch für die Pensionen. Sozialleistungen sind nur insofern gegeben, wenn sie Zuschüsse zu Versicherungsleistungen sind. Dass die EU ein politisches Interesse hat, die Sozialleistungen so hoch wie möglich darzustellen, ist klar. Sie will staatliche bzw. selbstverwaltete Systeme durch private ersetzen. Wie gut die funktionieren, sieht man ja. Im übrigen sollte dir die Unsinnigkeit der Aussage klar sein: Die von dir zitierte Zahl entspricht grob genommen dem gesamten Budget der Bundesregierung. Selbst wenn man die Summe der Länder- und Gemeindebudgets mit einbezieht, ergibt das einen Prozentsatz, der schlicht und ergreifend nicht stimmen kann. Das sollte sogar ein neoliberaler Dolm wie du kapieren.


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