Mut haben aufzustehen
Heute abend werden sich hoffentlich tausende Menschen vor dem Parlament zu einer Lichterkette versammeln. Ich werde einer sein. Nach den Widerlichkeiten der vergangenen Wochen ist es mir wichtig, ein Zeichen zu setzen. Ich hoffe, dass diese Aktion der Studentinnen Romy Grasgruber und Maria Sofaly etwas bewirkt.Ich will mir nicht bestätigen, irgendwie besser oder toleranter zu sein, indem ich an dieser Lichterkette teilnehme. Ich versuche täglich, dafür zu kämpfen, dass Menschen nicht nach ihrer Hautfarbe, ihrem Reisepass, ihrer Religionszugehörigkeit (oder Nicht-Zugehörigkeit) oder ähnlich willkürlichen Kriterien beurteilt werden. Das tun viele andere. Jeder auf seine/ihre Weise. Mal besser, mal schlechter. Wie viele andere habe ich mitunter den Eindruck, im Alltag allein auf weiter Flur zu sein. Der Prediger in der emotionalen und intellektuellen Wüste, die Alltagsrassismen und Alltagsfaschismen erzeugt haben. Mit dieser Erfahrung weiß ich mich nicht allein. Ich fühle mich aber oft so.
Wenn ich heute abend an dieser Lichterkette teilnehmen werden, wird dieses Gefühl zumindest eine Zeit lang verschwinden. Es wird vielen anderen so gehen. Wir bestätigen einander, nicht die einzigen zu sein. Das motiviert. Insofern ist eine solche Aktion immer auch und vielleicht sogar vor allem eine Motivation für die Teilnehmerinnen und Teilnehmer.
Eine solche Aktion hat auch eine Außenwirkung. Viele Medien werden berichten, die meisten vermutlich wohlwollend. Hunderttausende werden diese Lichterkette in einem positiven Zusammenhang wahrnehmen. Auch viele, die sich bisher ähnlich allein gefühlt haben wie wir Teilnehmerinnen und Teilnehmer. Menschen, die vielleicht offen aufgestanden sind gegen den Alltagsrassismus. Und Menschen, denen die Hetze zuwider ist, die aber aus verschiedenen Gründen kaum mehr tun (können) als sich ihren Teil zu denken. Sie sind die eigentlichen Adressaten dieser Veranstaltung. Ihnen soll heute abend gezeigt werden: Ja, man darf. Ja, man soll. Ja, man muss. Das eigene Unbehagen artikulieren, das man fühlt, wenn man sieht, wie Menschen diskriminiert werden. Hinschauen, hinterfragen. Warum ausgerechnet der Afrikaner in der Straßenbahn kontrolliert wird und sonst niemand. Warum der Kollege rassistische oder sexistische Witze macht.
Das "andere Österreich" ist so klein nicht
Ungeachtet des Gefühls, als Kämpferin oder Kämpfer gegen Diskriminierung und Rassismus oft alleine zu stehen: Meine Erfahrung sagt mir, dass mehr Menschen sympathisieren als man glaubt. Das "andere Österreich" ist so klein nicht. Sicher, die vergangenen Wochen vor allem haben den Eindruck erzeugt, dieses Land sei ein zutiefst rassistisches, ein Plädoyer für Menschlichkeit ein Minderheitenprogramm. Aber oft habe ich die Erfahrung gemacht, dass es genügt, wenn ein Einzelner gegen rassistische Äußerungen auftritt um die Stimmung in einem Raum, einem U-Bahn-Waggon etc. zu drehen. Es wird nicht immer funktionieren. Aber oft genug. Das meinen die Initiatorinnen auch mit mehr Zivilcourage. Heute abend soll zeigen, dass es Menschen gibt in diesem Land, die bereit sind, diese Rolle zu übernehmen.
Nicht alle, die heute abend teilnehmen werden, werden die größten, besten oder mutigsten Kämpferinnen gegen den rechten Rand sein, der versucht, sich in Richtung Mitte der Gesellschaft zu verbreiten bzw. vorwiegend arbeitende Menschen gegeneinander ausspielen will. Für viele wird das das erste, vielleicht auch das einzige, Mal sein, dass sie offen Stellung beziehen. Aber auch das ist wichtig und darf nicht unterschätzt werden. Auch diese Menschen leisten einen Beitrag.
Gleichzeitig wird vielen, die aus verschiedenen Gründen und Überlegungen nicht teilnehmen können oder wollen, Mut gemacht. Das Gefühl, nicht allein zu sein, kann Flügel verleihen. Zumindest vorübergehend. Aber wenn in diesem Land nur eine Zeit lang die Humanität so herausgebrüllt wird wie in den vergangenen Wochen die Inhumanität, hat sich schon etwas verändert. Dafür gehe ich heute abend auf die Straße.
http://lichterkette2009.blogspot.com/
Christoph Baumgarten - 18. Jun, 10:38


