Meine Feiertagslektüre

Heuer habe ich Weihnachten produktiv genützt. Nicht nur für Zeit mit meinem Hund (der gerade fasziniert auf den PC-Bildschirm starrt) sondern auch für gute Lektüre.
Wer die aktuelle Ausgabe der "Volksstimme" auftreiben kann (sofern er oder sie nicht abonniert hat): Eine gute Idee. Ich finde sie ausnehmend gelungen und sie war eine wunderbare Lektüre, die für mich Weihnachten erträglich gemacht hat. Eine optimale Mischung aus aktuellen Beiträgen wie über den Parteitag der Europäischen Linken in Paris und dem theoretischen Schwerpunkt "Solidarische Gesellschaft."
Wer Angst vor moderner marxistischer Theorie hat, muss ob des theoretischen Schwerpunkts nicht vor dem Kauf/dem Ausborgen der aktuellen Volksstimme zurückschrecken. Die Beiträge sind leicht lesbar, wenn auch die Tendenz, in klassische Phrasen zu verfallen, nicht immer ganz in den Griff zu kriegen ist (was allerdings fairerweise gesagt bei politischen Kommentaren aller Provenienz ein Problem ist). Man muss kein Kommunist sein, um die Beiträge zumindest diskussionswürdig zu finden. Und es gibt genug andere Artikel, die lesenswert sind.
Nicht zu vergessen, gute Rezensionen und ein meiner Meinung nach sehr gelungenes Interview von Bärbel Mende-Dannenberg mit Lisa Markstein. Die Tochter des Langzeit-KP-Vorsitzenden Hans Koplenig war als Kind auf der Flucht vor den Nazis und wurde 1972 aus der KP ausgeschlossen. Sie hatte gewagt, die Moskauer Politik zu kritisieren und bringt jetzt ihre Biografie "Moskau ist schöner als Paris" heraus.
Hinter den Möglichkeiten zurückgeblieben ist (leider) Heidi Ambrosch, die versucht zu beschreiben, wie sich die Frauen innerhalb der Europäischen Linken Gehör verschaffen bzw. sich auf die Beine stellen. Der Artikel leider darunter, dass er zu einem großen Teil im Passiv geschrieben ist und eine Tendenz zur Verhauptwörterung hat. Das macht ihn schwierig zu lesen und verschleiert Verantwortungen. In Polit-Kreisen sind solche Formulierungen leider üblich. Ich habe mich nachher, sagen wir's offen, eher abgespeist als informiert gefühlt. Und das beim Thema feministische Politik, das mich immer interessiert hat. Das habe ich als etwas ärgerlich empfunden. Eine vergebene Chance darzustellen, dass auch in der Linken Feminismus oft nur ein Feigenblatt ist und sich Frauen dagegen wehren müssen, dass nur Männer Politik machen.
Max Wachter merkt man in seiner im Ganzen gelungenen Schilderung der Situation in Portugal an, dass er nicht unbedingt vom Journalismus lebt. Er erzeugt sehr lebendige Bilder, die ausreichen würden, um die Angst und die Wut der Bevölkerung vor den Sparpaketen zu illustrieren. Und warum sie mit Generalstreiken gegen die Pläne der sozialistischen Regierung ankämpft. Die Wertungen, die er gelegentlich vornimmt (Liste der Grausamkeiten, Bullen, Bullentransporter) schaden der Glaubwürdigkeit. Manchmal ist weniger mehr.
Zwei Kritikpunkte für eine ganze Zeitschrift - das ist eine sehr gute Bilanz. Ehrlicherweise muss ich sagen: Als ich die "freidenkerin" geleitet habe, habe ich keine Nummer herausgebracht, die an diese heranreicht. Allerdings war mein Team kleiner und Budget hatten wir auch keins. Ich freue mich auf die nächste Nummer der "Volksstimme".
Christoph Baumgarten - 25. Dez, 18:43


