Liebe im Puff
Ein bisschen Off-Topic. Kürzlich war ich im Theater. Präzise: In einer Theateraufführung in einem Etablissement in der Wieden. Mein lieber Freund Paul Schmitzberger trat in zwei Einaktern von Anton Chekhov auf. Sehenswert.Einen besseren Ort für diese Einakter über die Liebe als ein Bordell hätte man nicht finden können. Auch wenn die Besitzerin darauf besteht, die Arena Bar bloß "Etablissement" zu nennen. Da geht es um den "Bären", einen Mann (genial gespielt von Paul Schmitzberger) der die Schulden eines Verstorbenen bei dessen Witwe (Eva Agal) eintreibt. Es kommt, wie's in einer Komödie kommen muss. Nach viel Zank verlieben sich die beiden.

Im "Heiratsantrag" scheitert Rene Magul als alternder Junggeselle beinahe an einem Streit um ein Stückchen Land, die Ochsenwiese. Seine Familie wie auch die Familie der Braut betrachten das Land seit jeher als ihr Eigentum.

Es sind Analysen, dessen was sich für die bessere Gesellschaft hält. Liebe ohne eine Verbindung mit Vorstellungen von Ehre oder Geld ist kaum vorstellbar. Im "Heiratsantrag" etwa geht's dem Brautwerber nicht nur um das Nachbarsmädchen. Die Aussicht, die Ländereien der beiden Familien zusammenzulegen, ist für ihn wie für den Vater der Braut verlockend. Dass die Braut in den Bräutigam verschossen ist, ist bestenfalls eine nette Draufgabe.

Ob die Stücke, wie die Einladungen versprechen, die "russische Seele", diese viel zitierte romantische Vorstellung, enthüllen, vermag ich nicht zu sagen. Ich bin in dieser Hinsicht unsentimental. Vielleicht liegt die russische Seele in der Derbheit der Dialoge, die man bei vergleichbaren Stücken der gleichen Epoche aus Westeuropa eher nicht finden würde. Das Setting der Stücke, die präzise Analyse gesellschaftlicher Zu- und Missstände, ist es nicht. Auch die Thematik ist nicht ganz fremd.
Und: um ehrlich zu sein: So rein historisch ist diese Sicht auf die Liebe auch nicht. Nach wie vor gesellt sich Geld gerne zu Geld. Einzig Männer sind etwas flexibler. Der unbestrittene Alleinversorger zu sein, die finanzielle Abhängigkeit der Frau, das bestätigt nach wie vor viele in ihrer Vorstellung von Männlichkeit. Nur, dass der Kuhhandel etwas weniger offen stattfindet. Die Vorstellungen, die die gleichen Phänomene, wie sie Chekhov beschreibt, perpetuieren, wirken unbewusster. Das Bordell als Aufführungsort war so gesehen ein Glücksgriff. Wenn auch ein zufälliger.
Aber lassen wir die Interpretation. Es hat enormen Spaß gemacht, die Stücke zu sehen. Ich habe mich köstlich unterhalten. Für Schnellentschlossene gibt's noch zwei Aufführungen: 10. und 16. Dezember, jeweils 20 Uhr, Arena Bar, Margaretenstraße 117.
Christoph Baumgarten - 10. Dez, 12:10



