Kläffender "Dobermann"

Ewald-StadlerEwald Stadler, Nationalratsabgeordneter des BZÖ, kläfft wieder. In der morgen erscheinenden Info-Illustrierten zieht der früher als "Dobermann" berüchtigte Politiker einen Vergleich zwischen Fristenlösung und NS-Regime.

„Ich halte es mit Bischof Andreas Laun, der gemeint hat, moralisch führen die gleichen Gleise zur Abtreibung und in die Vernichtungslager der Nazis“, sagt Stadler in „News“.
http://www.politspiegel.at/?p=1608

Ein ungustiöser Vergleich, an Absurdität kaum zu überbieten. Es bedarf katholisch-metaphysischer Logik, um irgendeine Ähnlichkeit zwischen dem Recht der Frau auf den eigenen Körper und dem NS-Regime zu erkennen. Auch auf welch abstruser moralischen Ebene auch immer sich Stadler und Konsorten bewegen mögen. Ein jeder Jesuit würde den Abgeordneten auslachen. Würden Vergleiche wirklich an den sprichwörtliche Haaren herbeigezogen, Stadler hätte das halbe Land zur Kahlköpfigkeit verdammt.

Historisch falsch obendrein. Im NS-Regime stand auf Abtreibung im Extremfall die Todesstrafe. Einem radikalen Abtreibungsgegner dürfte das nicht an sich unsympathisch sein. Es galt, Söhne für das Vaterland zu gebären. Söhne, die für das Vaterland sterben würden. Oder eher, um's mit General George Patton zu halten, "to make some other poor son of a bitch die for his country". Wobei die Wehrmacht an letzterem trotz Anfangs"erfolgen" glücklicherweise gescheitert ist. Aber das ist eine andere Frage, in Bezug auf die Stadlers Meinung für diesen Beitrag uninteressant ist.

Stadler versucht, mit billiger Polemik aufzufallen. Die hat er sich von Laun und anderen abgeschaut. Die NS-Vergleiche kommen in Bezug auf die Abtreibung bei uns gerade in Mode. Da darf ein "wehrhafter Christ" wie Stadler nicht fehlen. Was kümmert es einen Fundi, dass es die Sowejtunion war, die als erstes Land der Welt 1920 den Schwangerschaftsabbruch legalisierte. Unter der Stalinschen Terrorherrschaft wurde Abtreibung wieder verboten.

Tradition von Diktaturen
Auch im heimischen Klerikalfaschismus wurde hart gegen Frauen vorgegangen, die abtrieben. Gegen solche aus der Arbeiterschaft zumindest. Nicht anders Chile oder Spanien unter Franco. Die Reihe ließe sich endlos fortsetzen. Mit seinem apodiktischen Nein zur Fristenlösung stellen sich Stadler, Laun und Co umstandslos in die Nachfolge von Diktaturen und deren Frauenbildern. Ein harter Vergleich vielleicht, aber einer, der sich historisch argumentieren lässt.

Der böse Atheismus
Die Geschichte scheint ihn wenig zu kümmern. Lieber versteigt sich Stadler in irgendwelche moralischen Mutmaßungen. Irgendwie schwingt hier die katholische Geschichtslüge vom atheistischen Nationalsozialismus mit. Gerne bemüht, um Menschen zu diffamieren, die's nicht so haben mit der Frömmelei. Historischer Schwachsinn. Manche Nazi-Größen waren antiklerikal, einige wenige planten, eine neue Religion zu etablieren. Etwa Alfred Rosenberg, dessen politische Tagebücher ich erst vor kurzem gelesen habe. Alle gingen sie aber davon aus, dass es Gott gebe und Religion geben müsse. Das ist das Gegenteil von Atheismus.

Aber gut, diese Geschichtslüge soll gemeinsam mit der Mär von der Märtyrerrolle der Kirche und ihrer angeblich heldenhaften Rolle im Widerstand nur kaschieren, wie massiv alle Ebenen des katholischen wie des protestantischen Klerus mit dem Regime kollaborierten. Zum Teil aus Begeisterung, zum Teil um die eigene Rolle auszubauen. Siehe das Reichskonkordat mit der katholischen Kirche. Die Sorge um die eigene Existenz oder Angst vor Verfolgung spielte eine untergeordnete Rolle. Es wäre auch weitestgehend unberechtigt gewesen. Widerstand war nicht gern gesehen. Auch nachher nicht. Es brauchte mehr als 60 Jahre, bevor die katholische Kirche einen Franz Jägerstätter anerkannte. Den wüsten Antisemiten Maximilian Kolbe sprachen sie wesentlich schneller selig.

Es ist auch diese Tradition, in der sich Ewald Stadler stellt, wenn er schwachsinnige NS-Vergleiche zählt. Ob das etwas ist, auf das man stolz sein kann, wage ich zu bezweifeln. Vielleicht ein weiteres Beispiel für das etwas diffuse Geschichtsbild des Herrn Stadler, der hinter allem und jedem eine Freimaurer-Verschwörung sieht und in dessen Augen die Befreiung 1945 auch nur eine angebliche war.

Auffallend ist die Zurückhaltung Stadlers. Sonst nicht um einen Aufreger verlegen scheut er hier davor zurück, verbal den "Dachau-Rauch" vor dem Wiener Rathaus wehen zu lassen. Das ist vielleicht sogar ihm zu viel. (Abgesehen von der eher kuriosen Formulierung. Ein echter Vertreter der Babycaust-Psychose könnte ein Mindestmaß an historischer Bildung demonstrieren und es wenigstens den Rauch von Auschwitz sein lassen. In dem ganzen Wahnsinn wär das wenigstens ein sprachlich einigermaßen korrektes Bild.) Vielleicht fürchtet er sich auch davor, dass ein allzu harter Holocaust-Vergleich doch juristisch verfolgbar sein könnte. Der Biss eines Dobermanns sieht anders aus. So klingt vielleicht ein kläffender Dackel.
hc voigt (Gast) - 9. Sep, 17:30

Schon auffällig, nazi-vergleiche werden bei den rechtsextremen immer beliebter.
Hier besonders passend, hat sich doch das nationalsozialistische regime und haben sich die nazi ideologen wie auch die nazi ärzteschaft extrem auf die zwangssterilisation gestanden.

Karl-Hannes (Gast) - 9. Sep, 17:50

Die Fristenlösung ist derwegen lebensfeindlich, solange es keinen angemessenen Grund(medizinisch oder kriminalogisch) braucht um innerhalb der ersten 3 Monate abzutreiben. Jeder der halbwegs was für die ungeborenen Menschen übrig hat sollte das einsehen. Hier wird ein "Recht der Frau auf den eigenen Körper"(wobeis ja eigentlich hauptsächlich den Körper des Kindes betreifft, aber das ist den Befürwortern in arroganter Manier ja egal) herbei phantastisiert ... dabei muss man gar keine "katholisch-metaphysischer Logik" benutzen... Es ist die einfache Aussage, dass die Frau kein Recht hat ein Kind töten zu lassen solange es keine medizinischen oder kriminalogischen Gründe dafür gibt, also aus einem privaten Interesse heraus -.- ...

In den unbegründeten Fällen innerhalb der ersten 3 Monate kann man ohne Weiteres bei einer Abtreibungsklinik von "vorsätzlich geplanten und industriell organisierten*" Kindstötungen sprechen. Nur weil sie ungeboren sind, sind sie nicht weniger Mensch.

Oder noch vereinfachter: Das Leben des Kindes ist wertvoller und schützenswerter, als die Lust und Laune der Frau sich keine 9 Monate Schwangerschaft antun zu wollen.
Denn genau das ermöglicht die Fristenlösung, Abtreibung *nach Lust und Laune* innerhalb der ersten 3 Monate.


*(Quelle:http://www.orf.at/ticker/340659.html)

Christian (Gast) - 10. Sep, 19:15

@KH
Wie kommst du eigentlich auf diesen *nach Lust und Laune* Blödsinn? So wie du das hier darlegst lassen Frauen Abtreibungen ja nur rein zum Spaß und so beiläufig, als würden sie schnell mal beim Billa Äpfel kaufen gehen, machen.
Und wieso glaubst du, dass deine Vorstellungen die einzig gültigen wären?

Christoph Baumgarten - 10. Sep, 20:55

@Erwin: Der Link ist äußerst zurückhaltend formuliert einfach Schwachsinn. Ich will noch nicht einmal darauf eingehen, dass der Autor hier bewusst Äpfel mit Birnen vergleicht. Mit sehr braunen Birnen, um genau zu sein. Aber allein schon die Chuzpe zu haben, zu behaupten, dass 46 Mio. Kinder pro Jahr abgetrieben würden, ist beeindruckend. (Wobei Chuzpe in dem Fall eher falsch ist. Ein jiddisches Wort versteht der Autor dieses Offenen Briefs nicht bzw. würde es nicht wollen) Das wären grob geschätzt ein Viertel aller Schwangerschaften, die pro Jahr abgetrieben würden. Weltweit. In Österreich sind's ungefähr 1,2 Prozent. Und das bei - dank eines relativ liberalen Gesetzes - gutem und sicherem Zugang zu entsprechenden medizinischen Leistungen. Die Absurdität des Arguments wird wohl jedem einleuchten. Mit Ausnahme des Autors dieser Beleidigung der einfachsten Intelligenz.

Karl-Hannes (Gast) - 10. Sep, 20:57

@Christian

Es ist möglich... allein weils möglich ist, ist die Fristenlösung nicht ok. Und wenns nur *eine* Frau ist die so unmenschlich ist und abtreiben lässt weil sie keine Lust auf "neun Monate kotzen und eine ruinierte Figur" hat, dann gibt ihr dieses Gesetz alles Recht der Republik dazu, und das ist ganz einfach lebensfeindlich ...

Karl-Hannes (Gast) - 10. Sep, 21:25

@Christoph: Jap, der hat falsch gerechnet was die Zahlen angeht. Seine Rechnung geht auf wenn mann annimmt, dass alle weiblichen Menschen(50% von 6,8 Milliarden, also 3400000000) schwanger wären und 1,35 Prozent abtreiben würden ... tatsächlich steigen die Bevölkerungszahlen aber nur um ca 0,1 Milliarden... was dann 1,35 Millionen ausmachen würde... wobeis auch eine paar mehr sein könnten, denn die Geburtenrate ist ja höher als der Bevölkerungsanstieg... Geburten pro Jahr sind 135 Millionen, das wären bei den 1,35% die angenommen sind 1,8225 Millionen Abtreibungen ... ist zwar auch nicht wenig aber keine 46 Mio ...

Christoph Baumgarten - 10. Sep, 21:35

@Charly: Nein, der hat nicht falsch gerechnet. Der hat einfach gelogen. Der hat einfach frei erfunden, wie sie das alle tun.

Christian (Gast) - 10. Sep, 22:43

@KH
Weisst, dieser einen "unmenschlichen Frau" wird es ziemlich am A* vorbeigehen, ob es eine Fristenlösung gibt, oder nicht. Was sollte sie deiner Meinung nach daran hindern, stattdessen zu einer Engelmacherin zu gehen?

Das Argument, dass die Fristenlösung falsch sei nur weil möglicherweise eine aus der Reihe tanzen könnte, ist sehr schwach. Wenn es nach dem ginge, düefte niemand Auto fahren etc.

Karl-Hannes (Gast) - 11. Sep, 09:08

@Christian

Mag sein, beim Autofahren ist wenigstens nicht Sinn ung Ziel der Tod. Aber ich versteh schon worauf du hinaus willst. Man könnte ja auch dafür kämpfen den werdenden Müttern bessere Rahmenbedingungen zu schaffen(damit abtreiben gar nicht erst nötig ist!!!), anstatt sich *nur* für die Fristenlösung einzusetzen oder ??? Also Vorbeugen, statt Nachsehen...

Christian (Gast) - 11. Sep, 20:56

Generell ist es beim Autofahren nicht Sinn und Ziel jemanden niederzuführen, richtig. Dennoch gibt es Menschen, die eines schönen Tages genau mit dieser Absicht in ihr Auto steigen und losfahren.
Anyway...

Werdenden Müttern bessere Rahmenbedingungen schaffen klingt ja ganz gut, wäre dafür diese *zusätzlich* einzurichten. Wenn diese nur alleine dastehen, dann lässt man den betroffenen Frauen nämlich nur eine aufgezwungene Möglicheit. Ziemlich wahrscheinlich würden viele erst recht auf eine, dann natürlich illegale und eher gefährlichere, Abtreibung ausweichen. Oder die Mülltonnen freuen sich über in Handtücher eingewickelte Neugeborene.

Viele Frauen, die eine Abtreibung "anstreben", möchten vielleicht keine Mütter werden. Andere sollten es vielleicht nicht. Wiederum sind nicht alle Schuld an ihrer Situation. Aber zur Gänze wird von ihnen erwartet, dass sie es hinnehmen und ausbaden.

Hinter so einer Entscheidung steckt enormer psychischer Druck, daher gibt es ja auch eine Beratung + Bedenkzeit etc.

hans huber (Gast) - 9. Okt, 23:31

Klar ist es das Recht der Frau über ihren Körper zu bestimmen. Ein ungeborenes Kind ist aber nicht Teil des Körpers einer Frau (auch bis zur 12. Schwangerschaftswoche) und somit hat sie grundsätzlich nicht das Recht, über Leben und Tod ihres Kindes zu entscheiden. Extrem schwierige Fälle gibts natürlich (Gefahr des Lebens der Mutter, Vergewaltigung der Frau, Feststellung von Behinderungen des Kindes) und müssen anders beurteilt werden, ganz klar.

Wenn man sich jedoch im Freundes- und Bekanntenkreis ein wenig umhört, erfährt man nur allzu oft, wie häufig tatsächlich aus Bequemlichkeit abgetrieben wird: Es ist erschreckend, wie wenige Paare wirklich ernsthaft verhüten und beispielsweise Kondome verwenden. Ich habs nicht nur einmal erlebt, dass auf die Frage einer eventuellen Schwangerschaft, die Antwort kommt: "Abtreiben können wir immer noch." So geschehen bei einem verheirateten(!) kapitalistischen Bekannten, der mit seiner Frau entschieden hat, abzutreiben, weil sie bereits ihre zwei Wunschkinder haben, gleichzeitig aber aufgrund nicht gerade armer Eltern in Geld schwimmen.

Weitere Beispiele möchte ich bewusst nicht nennen, weil jedes einzelne Leben für sich so wertvoll ist, dass es eigentlich keiner weiteren Beispiele bedarf, um auf die Schwere des Problems des Missbrauchs der Fristenlösung hinzuweisen.

Ich möchte auch nicht behaupten, dass meine erlebten Beispiele der Regelfall und repäsentativ für die Grundgesamtheit sind, glaube aber dennoch - auch wenn ich es nicht beweisen kann -, dass die Dunkelziffer dieser egoistischen Menschen um ein vielfaches höher ist, da gerade diese Fälle nicht so oft nach aussen getragen werden.

Auch Depressionen, Selbstmordgedanken von Frauen (in den schlimmsten Fällen ein Leben lang), die eine Abtreibung hinter sich haben, dürfen nicht ignoriert werden. Erste Verzweiflungen bei Nachricht einer Schwangerschaft wirken dagegen beinahe "harmlos", um es sehr überspitzt und provokant auszudrücken.

Gut, dass es auch noch Menschen wie Karl-Hannes gibt, die sich mit Abtreibung und Fristenlösung intensiver beschäftigen und für die das Leben eines ungeborenen Menschen genauso zählt wie das eines geborenen Menschen, umso mehr als die Tötung nicht mehr rückgängig gemacht werden kann !

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