In einem fernen Land oder Die liebe Verwandschaft

ProellEin Vizekanzler, der einen Bundespräsidenten in Interviews über den grünen Klee lobt und ihm am nächsten Tag vorwirft, sein Amt parteilich auszuüben. Der mit dieser Argumentation einen Gegenkandidaten seiner eigenen Partei in Aussicht stellt. Hü und hott mit einer problematischen Familienkonstruktion im Hintergrund, die vielleicht etwas zu diesem plötzlichen Meinungsumschwung beigetragen hat. In unserem gefestigten demokratischen System gibt es so etwas nicht. Muss Produkt meiner Fantasie sein oder in einem fernen Land passiert sein. Wie, stelle ich mir gerade vor. Ähnlichkeiten mit lebenden Personen sind natürlich reiner Zufall.

Sepp schaut betroffen zu Boden und reibt seine schwitzenden Handflächen gegeneinander. Wenn die Tür aufgehen würde und er seinem Onkel die Hand geben würde, sollte der nicht merken, wie nervös er war. Andere würden eine Privataudienz beim Onkel als Ehre empfinden. Nur, diese heute war nicht ganz freiwillig. Sepp räuspert sich und bemüht sich, sich nicht zu verkrampfen. Er richtet sich auf. Schultern durchstrecken, sagt er sich. Nur jetzt nicht auf und ab gehen. Das hätte er wohl gerne. Souverän würde er hier hereingehen. Er würde es dem Onkel schon zeigen. So etwas kann man mit ihm nicht machen. Er ist nicht niemand. Was bildet sich der Onkel ein? Umgekehrt müsste es sein. Andererseits: Diese Art von Unterhaltung will man vor den Kindern nicht haben. Der Sekretär des Onkels war deutlich genug gewesen: „Der Herr Landeshauptmann wünscht deine Anwesenheit. Du mögest am Abend um neun vorbeikommen. … Ja, bei ihm. Nein, der Herr Landeshauptmann wird nicht zu dir kommen. Du kommst zu ihm. … Nein. Das ist nicht verhandelbar. Jetzt hör auf zu flennen...“

Es ist halb elf. Sepp fragt sich, ob sich diese Tür jemals öffnen wird. Dass ihn der Onkel warten lässt, so viel weiß Sepp, soll ihn mürbe machen. Er ist nicht von gestern. Auf diese Machtdemonstration würde er entsprechend antworten, denkt er sich. Er wird... Die Tür öffnet sich. Schnell. Sepp hält den Atem an. „Der Herr Landeshauptmann hat jetzt Zeit für dich“. Der Sekretär würdigt Sepp kaum eines Blickes. Sepp atmet ein, richtet sich auf und macht einen großen Schritt hinein in das Zimmer, den Atem anhaltend. Möglichst aufgerichtet sein, denkt er sich. Dem Onkel muss auch mal wer zeigen, dass das so nicht geht.

„Was lies ich da in der Zeitung? Bist deppat worden?“ tönt es aus dem Inneren des Zimmers, bevor Sepp wirklich eingetreten ist. Sepp erstarrt, sein Fuß hängt in der Luft, einen halben Zentimeter über den Boden. Er dreht sich in Richtung Onkel. Den ganzen Mut zusammennehmen, denkt sich Sepp. Jetzt muss es raus. So geht das nicht. „Onkel, ich... .“ Die angehaltene Luft schießt auf einmal, nahezu unkontrollierbar aus seinen Lungen. Die wenigen Worte sind kaum hörbar. Er hat sich keinen Zentimeter weiter bewegt, sein Fuß schwebt noch immer einen halben Zentimeter über dem Boden. Falscher Start, denkt sich Sepp. Souverän wirken. Jetzt eine Bemerkung, die dem Onkel zeigt, wo der Bartel den Most holt. „Onkel Erwin, darf ich mich hinsetzen?“

„Nix da. So, jetzt kumm einmal her, da bleibst stehen. Frech werd'n ah no. Das hättest wohl gern. Frech warst schon genug in den letzten 24 Stunden. Was fällt dir eigentlich ein? Bist wo ang'rennt?“ „Aber Onkel Erwin, der Onkel Hans hat gemeint...“ „Aha, auf wen heast jetzt? Auf den Alten oder auf mi? I hab's ja g'wusst! Des kummt davon, dass man seine Familienmitglieder in die Bundeshauptstadt schickt. Die Großstädter haben dir wohl den Kopf verwirrt, du weißt nimmer, was sich g'heat“. „Aber Onkel, des ist wirklich schwierig. Ich mein, du sagst das eine, der Onkel Hans was anderes. Da soll sich noch wer auskennen!“ „Zum Auskennen haben wir dich net in die Bundesregierung g'schickt, so viel ist klar. Hast du alles vergessen, was wir dir beigebracht haben?“ Sepp schaut betroffen zu Boden. „Na, aber... .“ „Was, aber? Da gibt’s kein Aber. Mir so in den Rücken fallen. Da glaubt ja da Präsident wirklich, er wird wieder g'wählt. So weit kummt's no, dass der glaubt, i kandidier gar net. Und das von meinem eigenen Neffen! Weißt du, was das ist? Verrat ist das, jawohl! Verrat!“ „Des hab ich doch net so g'meint, Onkel“. „Ah, wie denn dann? Da war net viel zum missverstehen! Dass er des Amt guat macht, hast du g'sagt!“ „Naja, eh. Macht er ja ah!“ Sepp hat sich wiedergefunden. Jetzt wird er's ihm geben, dem Onkel.

„Dir tut die Bundeshauptstadt wirklich net guat. Sog mal, von welcher Partei kommt der Präsident noch einmal?“ „Naja, net von uns“ „Dann muss dir aber klar sein, wie er das Amt ausübt. Das kann nicht gut sein. Das ist Parteipolitik, was er da macht“. „Naja, aber die sagen immer...“ „Lass dir nix einreden in der Bundeshauptstadt. Die anderen, des is Parteipolitik“. „Aber wir wären doch auch eine Partei!“ „Wos san mia? Sog mal, du hast wohl vergessen, wo du herkommst. Gar nix hast g'leant hier. Wir? Eine Partei! Dass ich net lach!“ Die Stimme des Onkels verrät, dass er wirklich böse ist. Das ist schlimm, denkt sich Sepp. Das hat man davon, wenn man ihm widerspricht. Jetzt ist Schluss mit Lustig. Und eigentlich mag er ja sein Leben, so wie es ist. Minister sein ist schon ganz angenehm. Er hätte ruhig sein sollen.

„Wir sind keine Partei, wir sind das Land. Schau dich doch nur um hier, wo i des Sagen hab. Das Land ist die Partei und die Partei ist das Land. Wir haben den Bauernbund, den Wirtschaftsbund und die Hackler glauben, sie haben auch einen Bund bei uns. Und wir haben die Kirche. Ja, kann man denn noch mehr überparteilich sein?“ „Aber Onkel, wieso haben wir dann immer no die anderen?“ „Querulanten gibt’s immer. Außerdem, dann glauben die Bürger, wir haben wirklich a Demokratie. Net, dass es so passiert, wie bei den Personalvertretungswahlen. Da sind die anderen nicht einmal an'treten! Eine Gemeinheit war das! Aber für die Frechheit werden die noch zahlen müssen, ich sag's dir. So geht man um mit denen. Und Demokratie, wozu brauchen wir das hier? Ich weiß doch eh, was die Leut wollen. Ob sie wollen oder net.“ „Aber Onkel...“, schießt es aus Sepp heraus. Ungeachtet der Konsequenzen, die erneuter Widerspruch für ihn und seine Familie haben könnte. „Bei uns sind die anderen die Stärkeren. Und der Werner...“. „Wer ist schon der Werner?“ „Naja, mei Chef, heißt's in der Verfassung!“ „Was ist schon eine Verfassung? Brauchen wir hier bei mir ane? Na. Siehst. So einfach ist des. Da kann dein Werner glauben, was er mag. Verfassung, da könnt ja jeder kommen!“

Sepp hat es aufgegeben. Innerlich weiß er, der Onkel hat recht. Er muss nur rundherum schauen. Die Partei ist das Land! Jeder Blasmuskikverein, jedes Kaffeekränzchen beweist das Tag für Tag. Und warum wohl jeder Schuldirektor Mitglied dieser großartigen Organisation ist? Sicher nicht, um an den Posten zu kommen. Und wenn wer glaubt, es ist anders, den belehrt man eines besseren.

„Also, i sieh schon, bei dir müssen wir wieder einen Auffrischungskurs machen. Damit du wieder weißt, wo du herkommst. Und wem du das alles zu verdanken hast. Das ist ja unglaublich, welche Flausen die meinem Neffen in den Kopf setzen. Verfassung! Dass ich net lach! Andererseits: Dein Vater war auch immer ein bisserl eigenartig.“ „Nein, Onkel, bitte keinen Auffrischungskurs. Wenn ich wieder in die Volksschul' muss, des könnt leicht peinlich werden. Da glauben ein paar Leut', ich bin net ganz dicht!“ „Jeder, der dein Interview gelesen hast, weiß, dass das so ist. Zu sagen, wer anderer ist besser als Präsident als i! Na, da heißt es: Zurück an den Start. Nach der Schul hat bei uns no jeder g'wusst, was Sache ist!“

Sepp ist zerknirscht. Der Onkel hat ja so recht. Wie konnte er das nur vergessen? Nur um dem Werner einen Gefallen zu tun. Der hat's eh so schwer im Moment. Und der Onkel Hans hat auch gesagt, das soll er sagen. Damit es nicht so auffällt. Da soll sich wer auskennen. Das ist alles so verwirrend. Der Onkel sieht auf die Uhr. Etwas besänftigend sagt er: „Naja, und jetzt bügeln wir das aus. Ich ruf einen Chefredakteur an. Dann kannst morgen in der Zeitung sagen, das hast net so g'meint. Damit's net gar so blöd ausschaut, weißt! Ich kümmer' mich ja um dich, ich schau doch, was das beste ist für dich.“ Auch da hat der Onkel recht, denkt sich Sepp. Ohne ihn wär er nie in der Regierung. Stolz kann man sein, auf ihn. Und dankbar. Wenn er mit dem Chefredakteur telefoniert, wird er ihm schon sagen: Der Onkel ist der beste. Außerdem mag er das Leben, so wie es ist.
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Christoph Baumgarten

Mein Name ist Christoph Baumgarten und bin seit mehr als einem Jahrzehnt im Journalismus. Dieser Blog soll meine Sicht auf die politischen Entwicklungen in Österreich wiedergeben. Wobei im Moment der Ausdruck Zustand angebrachter wäre, wenn man an die heimische Politik denkt. Politwatch zeigt gerne vergessene Zusammenhänge auf und soll den Menschen eine Stimme geben, die auch angesichts der zunehmenden geistigen Verwahrlosung in diesem Land ihre fünf Sinne zusammen haben und nicht vergessen haben, was bei Politik im Mittelpunkt stehen sollte: Der Mensch mit seinen Bedürfnissen. Ein Hinweis für InhaberInnen eines Accounts auf twoday.net: Es gibt einen e-mail-Abodienst für neue Beiträge und Kommentare.

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