Warum ich nur mehr Guten Tag sage

Foto: Daniel NovotnyHeute vor zehn Jahren wurde die erste schwarz-blaue Bundesregierung angelobt. Was die einen als "Wende" sahen, sahen andere als unverzeihlichen Tabubruch. Unabhängig von der jeweiligen politischen Ausrichtung hat vermutlich jeder diesen Tag und die unmittelbar folgenden Ereignisse als spannend erlebt. Ein persönlicher Rückblick.

Es war die erste Regierungsbildung, die ich live im Fernsehen ansah. Im Büro. Radioplatz 1, 3109 St. Pölten. Es war das Zimmer, das für ständige Freie Mitarbeiter und Volontäre reserviert war. Das gab's damals noch. Ich hatte die Aufgabe, aufzupassen, ob etwas besonderes passieren würde. Abgesehen von der steiernen Miene von Bundespräsident Thomas Klestil. Und den Demonstranten vor der Hofburg.

Parallel suchte ich mir mal die verfügbaren Nummern der neuen Regierungsmitglieder aus dem Telefonbuch. Man weiß nie, wozu man sowas braucht. Außerdem wusste ich, dass ich für den frühen Nachmittag einen Radiobeitrag mit den Ressortzuständigkeiten machen würde müssen. Da war das auch eine gute Gedächtnisübung im Vorfeld. Was ich mir damals dachte, hat damals niemand mitbekommen, denke ich. Mit Ausnahme der wenigen Kolleginnen und Kollegen, mit denen ich darüber sprach. Das Publikum hörte bestimmt nichts. Das zählt nicht zu den Aufgaben eines Journalisten.

Is eh wurscht
Gut kann ich nicht ausgeschaut haben an dem Tag. Ich war, wie man so schön sagt, "übernachtig". Die Ankündigung des Vorabends, morgen werde die schwarz-blaue Regierung angelobt, raubte mir den Schlaf. "Is eh wurscht". Mit diesen Worten wälzte ich mich im Bett hin und her und versuchte mich zu beruhigen. Wohl wissend, dass es nicht "wurscht" sein werde, dass die FPÖ in der Regierung war und die ÖVP den Kanzler stellte. Die Vorstellung hatte etwas zutiefst beunruhigendes.

Als 20-Jähriger machte mir die Sache sicher mehr Angst als mir eine vergleichbare Situation heute machen würde. Was wunder? Die Parolen eines Jörg Haider waren nicht ohne. Die "ordentliche Beschäftigungspolitik im Dritten Reich" hatte ich im Ohr, ebenso die Ehrung der Waffen-SS'ler von Krumpendorf. Dazu das Ausländervolksbegehren. Ich fürchtete um meine vielen Freunde, die verschiedene Schicksale und Pläne aus verschiedenen Erdteilen nach Österreich gebracht oder gespült hatten. Es erschien mir nicht ausgeschlossen, dass diese Regierung alle "Ausländer" rauswerfen würde, die sie konnte.

Brennende Straßenbahnen und eine politische Bilanz
Das war auch Thema eines Gesprächs am Abend, in irgendeinem Lokal in Wien. Vielleicht war es das Sagya, ein sehr empfehlenswertes afrikanisches Restaurant. Ich weiß nur, dass neben mir ein Bekannter aus dem Senegal stand, und irgendwo in der Nähe war ein weiterer Bekannter aus Indien. Wir waren alle aufgewühlt von der Berichterstattung, angeheizt von Gerüchten, die Demonstrationen seien eskaliert und eine Wiener Straßenbahn stünde in Flammen. Dazwischen Meldungen von Knüppelaktionen der Polizei, die die Runde machten. Und die Überlegung, was mit den Leuten passieren würde, die nicht her geboren waren. Die Überzeugung, bald würde es Massendeportationen geben, war zumindest in diesen Kreisen durchaus verbreitet.

So weit kam es doch nicht. Etwas hysterisch waren wir schon. Was diese "Wenderegierung" zu keiner Wohltat für diese Republik macht. Sozialabbau, Kahlschlag bei öffentlichen Infrastrukturen von Bezirksgerichten, Postämtern bis zu Gendarmerieposten. Da war alles drin. Nebenbei die Verstaatlichte verscherbelt, oder was von ihr übrig war. Und offensichtlicher politischer Postenschacher wie beim Hauptverband der Sozialversicherungsträger. Das alles war Schwarz-Blau I. Schwarz-Blau II machte dort munter weiter und enteignete Millionen Arbeitnehmer mittels so genannter Pensionssicherungsreform.

Der abgeschaffte Konsens
Diese Entwicklungen waren am ersten Tag der Angelobung nicht absehbar. Oder vielleicht auch nur für mich nicht vorstellbar. Ich kannte nichts anderes als die Große Koalition. An Fred Sinowatz konnte ich mich nur rudimentär erinnern, und dass damals eine - wenn auch ihrem Wesen nach ganz andere - FPÖ in der Regierung war, war nicht Teil der aktiven Erinnerung. Ich wusste es aus Schulbüchern.

Nicht, dass mir die Große Koalition als die Verkörperung meiner Ideale erschienen wäre. Ich hätte damals eine Ampel-Koalition bevorzugt. Nur ging sich die hint und vorn nicht aus. Allein schon mangels LIF im Nationalrat. Aber es reichte, um mir die schwarze Zusammenarbeit mit der blauen Truppe suspekt zu machen. Mehr als suspekt, um genau zu sein.

Und bis zum 4. Februar 2000 galt - bei allen Breschen, die die FPÖ geschlagen hatte - so etwas wie ein Grundkonsens in punkto des politischen Anstands in diesem Land. Zumindest bei den 73 Prozent der Bevölkerung, die die FPÖ nicht gewählt hatten. Deutsche oder französische Standards erreichte der Konsens nicht, aber er war da.

Von heute aus betrachtet nehmen sich die bald anschließenden Haiderschen Exkurse (der französische Staatspräsident Jacques Chirac als Westentaschen-Napoleon, die Anspielungen auf die "Ostküste" als Gegensatz zum "goldenen Wiener Herz) beinahe wie unschuldige Redewettbewerbe in einem Mädchenpensionat aus. "Wien darf nicht Chicago werden" sorgte ein paar Jahre davor noch für helle Aufregung. Was ist das im Vergleich zu "Daham statt Islam" oder "Abendland in Christenhand"? Nur hat die Tatsache, dass diese gezielten Ausrutscher Jörg Haiders keinerlei Konsequenzen hatten, den Boden für die aktuelle Stimmung in diesem Land aufbereitet. Jeder darf alles sagen - Hauptsache, es kommt von rechts.

Wir rechneten mit einem baldigen Ende
Dass so etwas passieren konnte, war schon damals allen klar, die sich irgendwie mit Politik beschäftigten, auch mir als 20-Jährigem. Den Menschen, die auf den Donnerstagsdemonstrationen waren, sowieso. Irgendwie sympathisierte ich mit ihnen, hielt aber ihre Versuche für fruchtlos. Dennoch ging ich wie viele davon aus, dass es diese Regierung bald zerreißen würde. Dass Wolfgang Schüssel bei aller seiner amoralischen Paktiererei nach irgendeinem allzu argen Haider-Sager die Koalition würde platzen lassen müssen. Allein schon seiner Eitelkeit halber.

Dass Schüssel die Sanktionen der EU-14 ignorierte, darf nicht darüber hinwegtäuschen, dass für ihn eine gewisse Reputation Österreichs eine Wichtigkeit hatte. Er erwartete zumindest, als "Europapolitiker" hofiert zu werden. Ob Österreich als rassistisches Land galt, schien ihn nur insofern zu interessieren, als es sich auf seine Ambitionen auswirkte. Im Regelfall also nicht. Die Vorstellung mag Wunschdenken gewesen sein. Vielleicht hielt sich Haider auch gerade genug zurück.

Radfahrer an der Macht
Ich habe keine Ahnung, wie ich auf diese Regierungsbildung reagiert hätte, wenn ich jünger, aber schon politisch interessiert gewesen wäre. Vielleicht wäre es mir als normaler Regierungswechsel erschienen. Vielleicht wäre ich auf die Straße gegangen. Ich bin froh darüber, dass ich es nicht erfahren musste. Die FPÖ mit ihren diversen Abspaltungen oder Doch-nicht-mehr-Abspaltungen ist für mich bis heute keine "normale" Partei, mit der man leben kann. Höchstens Bestandteil der österreichischen Realverfassung.

Für Menschen, die fünf oder zehn Jahre jünger sind, ist das anders. Die haben diese Entwicklung nicht miterlebt. Sie können sich nur erinnern, dass rechtslastige Gestalten in höchste Staatsämter gekommen sind und fragen sich wahrscheinlich, was die Aufregung damals sollte. Für viele sind verhöhnende, menschenverachtende Sprüche und Diffamierungen einfach ein Bestandteil der Realität. Immer schon da gewesen. Warum sich aufregen? Ist doch normal.

Das gleiche gilt für die Radfahrer-Mentalität, die die FPÖ so gut verkörpert. Nach oben vielleicht ein bisserl schimpfen, aber nach unten kräftig treten. Die Angriffe richten sich immer gegen Menschen, die sich nicht wehren können. Migrantinnen und Migranten, Menschen in finanziellen Notlagen, Studierende und so weiter. Menschen ohne einflussreiche Lobby in dem Land. Dass man sich zum Opfer hochstilisiert, gehört heute auch zur politischen Kultur. Vor allem, wenn zufällig wieder einmal ein Mandatar oder eine Mandatarin vor Gericht steht. Für heute 20-Jährige waren diese Radfahrer einen großen Teil ihres Lebens an der Macht.

ÖVP-Programm mit blauen Placebos
Schwarz-Blau brachte mich dazu, vieles zu hinterfragen. Natürlich erkannte ich irgendwann, dass hier in Wahrheit ein ÖVP-Regierungsprogramm durchgeboxt wurde, mit ein paar blauen Placebos drin. Damals war meine Entrüstung über die ÖVP eher moralischer Natur. Sie hatte den Cordon Sanitaire durchbrochen, den konservative Parteien in ganz Europa errichtet hatten. Nur der Macht wegen.

Was sie ist, zeigt sich mir wenig später: Eine Mischung aus beinharter Unternehmervertetrung und alpenländisch-miefiger Fortschrittsfeindlichkeit in gesellschaftlichen Belangen, mit ein wenig Dekoration aus salbungsvollen Worten über katholische Soziallehre, Zuckerstreuseln auf einer Torte gleich. Damit man die bitteren Pillen nicht schmeckt, die in der Mehlspeise stecken. Nicht, dass mir die Clique vorher sympathisch gewesen wäre. Aber größer wurde die Sympathie seitdem auch nicht.

Warum ich "Guten Tag" sage
Ich flüchtete mich damals in eine teilweise innere Emigration, die einige Jahre anhielt. Ganz hinnehmen wollte ich das Geschehene nicht. Kleine Zeichen des Widerstands im Alltag setzen. Zeigen, dass ich nicht Teil dieser fremden- und intelligenzfeindlichen miefigen Allianz bin. Den ersten Schritt tat ich an diesem 4. Februar. Ich beschloss, mir diese Verkörperung des katholischen Miefs abzugewöhnen, dieses furchtbare "Grüßgott", das die rechte Reichshälfte so sehr zum österreichischen Gruß hochzustilisieren versucht. Der Gruß, der die weltanschauliche Haltung zu einer Frage des Patriotismus macht - oder zu einer des mangelnden Reflexionsvermögens. Bis dahin hatte ich mir - wie viele - wenig dabei gedacht. An diesem 4. Februar änderte sich das. Ich sage nur mehr "Guten Tag".

10 Kommentare

Guter Artikel - besonders der letzte Absatz.
Ich verwende sage auch nie "grüß Gott", weil ich ja sonst erklären müsste, welchen. Wen mich jemand so grüßt, sage ich immer, dass ich ihn wahrscheinlich in nächster Zeit nicht sehen würde, welchen Gott auch immer.
Leide gibt es im "Österreichischen" kein so nettes Wort wie "Gruezi" oder das in Italien gebräuchliche "salve", das nicht ganz so unverbindlich ist, wie unser "servus" (das ja etymologisch auch nicht ganz - bald hätte ich "koscher" geschrieben - bedeutungslos ist)...
Die Verunglimpfung ökologisch verantwortungsvoller Radfahrer kann ich nicht nachvollziehbar, entspricht aber der Wiener Verkehrspolitik. Im Übrigen waren die 'Christdemokraten' schon einige Jahre länger in der Regierung. Insofern kann ich diese Reaktion auch nicht nachvollziehen.
Doch das, was sich verändert hat, da stimme ich völlig zu, ist der politische Anstand, ist die ganz alltägliche Grenzvermischung. Nach kürzester Zeit hatte die ÖVP sich an die FPÖ angepasst. Die Nivellierung nach unten hatte begonnen, und inzwischen längst schon die SPÖ erreicht - nicht nur Niessls Alltagsrassismus, auch die Rolle der Krone, die bloße Politik der Schlagworte bis hin zur jetzigen - oder schon gestrigen? - Bankabgabendiskussion. Die österreichische politische Diskussion findet fast nur mehr auf FP-Niveau statt. Und die Entrüsterei finde selbst ich inzwischen lächerlich. Wenn Alltagsrassismus in allen Parteien (außer den Grünen) irgendwie akzeptabel und gewöhnlich geworden ist, ist es nur mehr lächerlich sich aufzuregen, vor allem wenn es nur mehr den politischen Gegner betrifft. Man denke nur an die heuchlerische Empörung von Schwarz-Blau vor annäherend 10 Jahren gegenüber den angeblich neonazistischen Äußerungen Exfinanzminister Edlingers.
Wenn (fast) alle Rassismus fallweise zulassen, wird der Rassismusvorwurf tatsächlich nur mehr zur durchschaubaren Strategie. Und das ist das Traurige, was Österreich (oder auch Italien) von Deutschland so grundlegend unterscheidet.
Den Ausdruck "Radfahrermentalität" kanntest du vorher nicht?
Helmut: "Hallo" erfüllt die Funktion meist ganz gut. Ist nicht ganz förmlich, aber nicht notwendigerweise salopp.
Ich versuche, die Sache vom Blickpunkt der unteren und mittleren Einkommensschichten zu sehen. Grundsätzlich war ich auch mehr als skeptisch, als Klestil die Schwarz-Blau Regierung mit Weltuntergangsstimmungsmiene anloben musste.

Hört man sich um, hat diese Regierung für oben genannte Schichten auch sehr viel Positives gebracht: Abfertigung Neu, Kinderbetreuungsgeld, um nur ein paar zu nennen.

Jeder Arbeitnehmer - und da gibts doch ein paar in Österreich - war froh, als er plötzlich sofort nach Eintritt in ein Dienstverhältnis Anspruch auf Abfertigung hatte und zusätzlich auch noch bei Kündigung.

Viele alleinerziehende Mütter, die vor 2002 nicht wussten, wie sie überleben sollen, haben sich über das Kinderbetreuungsgeld gefreut. Ich hatte das Glück mit sehr vielen dieser Mütter zu sprechen, weil meine Schwester aufgrund ihres Sozialarbeiterberufes täglich mit ihnen zu tun hat. Dabei konnte ich feststellen, dass sehr viele arme und insbesondere politisch eher links stehende Frauen das Kinderbetreuungsgeld sehr begrüßt haben.

Allein diese beiden Quantensprünge waren unter SPÖ/ÖVP Zeiten nicht denkbar. Die SPÖ Finanzminister der Großen Koalition vor 2000 haben es in den 90ern nicht mal durch das massenhafte Verscherbeln des Großteils von Staatseigentum (VÖEST, etc.) geschafft, schwarze Zahlen zu schreiben. Eine Unfähigkeit, die wohl kaum übertroffen werden kann. Und als Grasser die letzten Teile verkaufte und ein "Nulldefizit" erreichte, wurde gerade von der SPÖ ausgelacht. Seine Nähe zu Meischberger et al. im Fall BUWOG ist natürlich ein Kapitel, das tiefgehender Untersuchungen bedarf, passt aber nicht in diese Diskussion.

Es ist der grenzenlose Neid der SPÖ Sympathisanten, durch ununterbrochenes Verdammen der ÖVP und FPÖ in Sachen Asylpolitik und Fremdenhass von ihrem eigenen Versagen und der eigenen Unfähigkeit abzulenken, auch wenn die Kritik an ÖVP und vor allem an der FPÖ natürlich voll berechtigt ist.

Seit 2006 gibts wieder Rot-Schwarz - inzwischen bereits zum 2. Mal - und es ist eingetreten, was die meisten befürchtet haben: Kaum nennenswerte Entscheidungen, insbesondere nach der NR-Wahl 2008. Und da sind beide Parteien dafür verantwortlich. Eigentlich sollten Regierungsmitglieder und NR-Abgeordnete einen Teil ihres Einkommens, erwirtschaftet seit 2006, an die Bevölkerung - insbesondere an die ärmsten in unserer Mitte - zurückzahlen.

Bei einer Sache konnte ich bei Gesprächen mit verschiedensten Menschen - egal ob Grüne, ÖVP, FPÖ oder BZÖ Wähler - immer wieder Konsens feststellen:
Auch wenn die Plakatsprüche der FPÖ und Strache in 99 % der Fälle menschenfeindlichst und primitiv sind, 3 Wörter eines Plakats sollten wir uns einprägen, auch wenn diese bei erstem Lesen etwas populistisch klingen mögen:

"Sozial statt sozialistisch"

Besser kann man die Doppelmoral der "Sozial"-Demokraten nicht beschreiben.

Zu "Grüß Gott":
Es gibt wichtigere Dinge, mit denen wir uns beschäftigen sollten:
Weniger Verdienende, Alleinerziehende Mütter, Professionelle Integration von Ausländern (Bewusstmachen in den Gehirnen vieler vieler Österreicher, dass Integration nur funktionieren kann, wenn auch diese einen wesentlichen Beitrag dazu leisten !!!!), Menschenwürdigere Asylpolitik, etc. etc.

Ausserdem gibts genug Atheisten, die auch mit "Grüß Gott" grüßen. Ich bin gegen jegliche engstirnige Art der Ausgrenzung und Verdammung, auch wenns noch so "gottesfürchtige" Menschen sind und dann erst recht "Grüß Gott sagen.
@F: Deinem Kommentar kann ich nichts mehr hinzufügen. Ich geb Dir in allen Punkten recht ! ;-)

Könnte man in Deutschland wählen, hätte man die Qual der Wahl. In Österreich ist die Entscheidung - traurigerweise muss man sagen - sehr einfach:
Ist man gegen Menschenfeindlichkeit und Rassismus, kann man eigentlich nur eine im derzeitigen Parlament vertretene Partei wählen.
Hans: Ein bisschen hintergründiger hätte dein Kommentar schon sein können. Fakt ist, dass Schwarz-Blau gerade den unteren Einkommensschichten mehr weggenommen als gegeben hat. Man denke an die Erhöhung von Massensteuern, Einsparungen beim Arbeitslosengeld, nicht zuletzt die Pensionsreform, deren Auswirkungen erst in einigen Jahren voll sichtbar sein werden - und was man jetzt schon sieht, reicht, um zu wissen, dass es grauslich wird. Dazu darf man die massiven Steuererhöhungen nicht vergessen, die Schwarz-Blau gleich zu Beginn durchzog. So eine hohe Steuer- und Abgabenquote hat es unter keinem roten Bundeskanzler je gegeben. Nachher hat man ein bisserl zurückgegeben und ein bisserl hat's auch die Richtigen getroffen. In Summe war's gerade für die Wenigverdienenden ein Verlustgeschäft, wie die Reallohnverluste dieser Jahre zeigen.
Auch die Verscheblung von Staatsvermögen ist von dir sehr einseitig dargestellt. Ja, das hat es - unter Druck des Koalitionspartners - auch unter roten Finanzministern gegeben, allerdings unter ganz anderen Bedingungen. Damals, in einer internationalen Stahlkrise, wurden Teile der VOEST verkauft, damit die Republik die Sanierung des Konzerns nicht alleine schultern musste. (Kostete auch so Milliarden Schilling). Das war zweifelsohne eine Fehlentscheidung, allerdings eine, die nicht auf Schnell-Kasse-Machen-Wurscht-Was-Ist bzw. auf "Mehr privat weniger Staat" ausgerichtet war.
Grasser verscherbelte hingegen alles, was nicht niet- und nagelfest war, und wenn du dir die Summen anschaust, ging's da um ein Vielfaches der Privatisierungen unter Lacina und Edlinger. 49 Prozent der Post, Telekom, der Rest der VOEST (übrigens zum schlechtest möglichen Zeitpunkt zum Geld lukrieren), die Austria Tabak, das Dorotheum, die BUWOG. Auch die ÖBB sollte an die Börse gebracht werden. Und das ist jetzt nur das, was mir spontan einfällt. Zusätzlich bediente man sich hemmungslos am Rest dessen, was verblieben war - etwa durch Sonderdividenden der OeNB bzw. an deren Goldverkäufen. Trotzdem ging sich das Nulldefizit auch nur einmal aus und die Budgetdefizite des Herrn Grasser waren nicht wirklich niedriger als die eines Hannes Androsch. Nicht zuletzt musste man ja die Unternehmerschaft reichlich beschenken. KöST-Senkung und Gruppenbesteuerung kosten bis heute Riesensummen. Übrigens war die Steuersenkung für Unternehmer unter Schwarz-Blau deutlich größer als für Arbeitnehmer. Was brachte uns das? In Zeiten einer Konjunkturdelle genauso viele Arbeitslose wie jetzt in einer echten Wirtschaftskrise.
Fazit: Schwarz-Blau hatte einige wenige sinnvolle Ansätze, die verkamen aber eher zu Placebos. In Summe wurde den Arbeitnehmern ein vielfaches dessen genommen, was man ihnen später zurückgegeben hat. Profitiert haben in diesem Einkommenssegment nur einige wenige.
Was meine Ablehnung des "Grüß Gott" betrifft - Politik funktioniert auch sehr stark über Symbole und Sprache. Wer eine menschenwürdigere Gesellschaft will, muss auch bei der Sprache anpacken. Ich gebe dir vollkommen recht, was deine EInschätzung der Migrations- und Asylpolitik betrifft. Nur wird die nicht funktionieren, wenn wir dieses Land sprachlich und geistig weiter so verwahrlosen lassen wie jetzt. Es gibt tiefe Bruchlinien, es tobt ein Kulturkampf - aber nur sehr einseitig. Es wird Zeit, dass Menschen mit einem humanistischen Weltbild endlich begreifen, dass der Kampf stattfindet - und sich wehren. Das muss auch über die Sprache geschehen.
Das deckt sich zum Teil mit meinen Gedankengängen damals.

Ich halte es für verfehlt, die Aufregung damals nachträglich als jugendliche Unerfahrenheit abzutun. Ich war auf ein paar Demos und daran beteiligten sich nicht wenige ältere Herrschaften. Es gab jede Menge ältere Personen, von Intellektuellen, bis zu einer meiner einfachen Oma, die höchst besorgt und beunruhigt waren und Altnazis, die fest davon überzeugt waren, dass Haider der nächste Hitler ist, auf den sie so lange gehofft hatten.

Dass Haider Hitler II werden würde, dachte ich nicht, aber politisch motivierte Verhaftungen, Zensur, Drangsalierungen, strikte Indoktrination in Schulen und dergleichen mit langfristigem Steigerungspotential hätte ich für möglich gehalten. Haider sagte schließlich, dass er die "roten und schwarzen Filzläuse" mit "Blausäure" bekämpfen wolle. Er stellte politische Gegner und Andersdenkende unversöhnlich als Problem an sich dar und war von sich selbst überzeugt alles richtig und besser machen zu können und die Ehrlichen und Anständigen auf seiner Seite zu haben und den Unehrlichen und Unanständigen gegenüber zu stehen.

Der Wille zu herrschen und die kompromisslose Feindschaft zu seinen politischen Gegnern und deren Sympathisanten zog sich wie ein roter Faden durch seine Aussagen. Aus genau solchem Holz sind Leute von Robespierre bis Franco geschnitzt.

Dass Haider viel zu selbstzerstörerisch war und letztlich doch zu feige, um im entscheidenden Moment nach der Macht zu greifen, konnte man ja nicht wissen. Auch nicht, dass diejenigen, die er um sich gesammelt hatte, harmlose Befehlsempfänger waren, die Wolfgang Schüssel treu dienen würden.
Jedenfalls konnte man nicht ausschließen, dass Haider so regieren würde, wie er sich gab.

Letztlich ist alles anders gekommen, als man dachte. Schwarz-Blau laste ich primär an, dem Wirtschaftsliberalismus einen Bärendienst erwiesen zu haben. Heute wird Marktliberalismus mit Freunderlwirtschaft gleichgesetzt und dass Linke und Grüne ihre anarchistische Ader völlig vergessen haben und nur mehr über staatliche Lösungen nachdenken.
Christoph, das mit den Radfahrern ist heutzutage wirklich kein Bonmot mehr, sondern eher ein Fauxpas. Es gab einmal eine Zeit, da wurde radelnde Demonstranten von der Wiener Polizei für gefährlicher angesehen als die Autonomen. Weil: Sie hinderten den Autoverkehr an seine Leichtigkeit und Flüssigkeit - und das ist schlimmer als jeder Molotov-Cocktail...
"Autofahrermentalität" wäre auch viel passender: Nach vorne drängeln, zur Seite schneiden und nach hinten stinken ;-)
(okayokay, ich weiß, das ist hier nicht das thema ;-)
@Christoph:
Ok, die größeren Privatisierungen fanden natürlich nicht vor 2000 statt. Jedenfalls wurden aber einige der großen Privatisierungsschritte der großen Koalition in der Schüssel Ära fortgesetzt: Telekom, Austria Tabak. Die 73 Mio. für das Dorotheum erscheinen aufgrund der anderen Beträge hier schon fast vernachlässigbar. Und wenn man sich die letzten 6 Jahre der großen Koalition ansieht: 4,8 Mrd. 1994-1999 im Vergleich mit 5,4 Mrd. von 2000-2005, in einer Zeit von ebenfalls 6 Jahren. Da von einem "Vielfachen" zu sprechen, finde ich auch übertrieben, selbst wenn man auch noch 2006 mit ca. 970 Mio. dazurechnen würde, sprich: den Zeitraum von vergrößert. Ausserdem ists ein rein statischer Vergleich. Jedenfalls ist eine vergleichende Darstellung beider Koalitionen keinesfalls "einseitig".

Und wenn man den Sinn von Privatisierungen hinterfragt, gehen die Meinungen sowieso komplett auseinander.

Zum Ideal eines gesunden humanistischen Weltbildes:
Eigentlich sollte damit in der Schule begonnen werden. Aber solange Strache & Co "lehren" können und dürfen, werden sie bereits bei vielen Jugendlichen die besseren Karten haben, weil populistischer. "Daham statt Islam" ist eine 100%ige Nichtanerkennung der Religionsfreiheit. Eigentlich seltsam, warum diese Hetze nicht strafrechtlich verfolgt werden kann.

Zu den unteren und mittleren Einkommensschichten unter ÖVP/FPÖ ein andermal, wenn ich wieder mehr Zeit hab. ;-)

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