Geschichtstunde für Kickl, Jobs für Strasser
Wenn sich jemand ein anderes Abendland wünsche als ein von
Christentum und Aufklärung geprägtes und aus dieser Motivation heraus
einen EU-Beitritt der Türkei befürworte, so möge er dies laut sagen,
erklärte heute FPÖ Generalsekretär NAbg. Herbert Kickl zur haltlosen
Kritik am freiheitlichen Wahlkampfslogan. Zitat aus einer freiheitlichen Presseaussendung vom Mittwoch.
Wenn etwas haltlos daran ist, den Mord an der deutschsprachigen Lyrik zu kritisieren, den die FPÖ seit einiger Zeit zum Wahlkampfmittel hochstilisiert, dann, dass man das überhaupt ernst nimmt. "Abendland in Christenhand" weist die Freiheitlichen als Gesinnungsgemeinschaft auf, deren Wurzeln in eine Zeit lang vor 1848 zurückreichen. Die Lyrik-Mörder im Sold der FPÖ schwelgen wahrscheinlich in Vorstellungen der Epoche Karls des Großen. Blöd nur aus Sicht eines Burschenschafters wie Kickl, dass der Kaiser vor allem Sachsen hinmetzeln ließ und nicht .... Lassen wir das. Kickl ist mit seinen Schmissen schon gestraft genug. Und dem historischen Schwachsinn, den er verzapft. Es würde mich nicht überraschen, wenn manch sanftmütiger Geschichtslehrer, der über die jüngste Presseaussendung Kickls stolperte, über die Wiedereinführung der Prügelstrafe nachdenken würde.
Abgesehen davon, dass man bei den Bestrafungsfantasien und Beschimpfungsorgien der FPÖ nichts vom Gedankengut der Aufklärung bemerken kann: Die Aufklärung ist die Antithese zum Staatskirchentum, das Kickl im gleichen Satz verficht. Die Aufklärung ist der Versuch, die christlichen Wurzeln Europas zu überwinden. Diese hatten auch im 17. und 18. Jahrhundert den Großteil der europäischen Bevölkerung zu Leibeigenschaft, Ausbeutung, Elend und Hunger verdammt. Jenes Zeitalter, in dem sich Philosophen daran machten, Wissenschaft und Mensch von der Kirche zu befreien. Und den Resten des Feudalismus, der seine Legitimation immer über den Klerus und das Gottgnadentum suchte. Sich auf Christentum und Aufklärung im gleichen Satz berufen zu wollen, zeugt entweder von eigener Dummheit oder einem gewaltigen Zynismus dem Wähler gegenüber, den man für so dumm hält, dass er darauf hereinfiele. Glücklicherweise sind nicht alle Wahlberechtigten so, wie ich sie in "Die Bumsti-Wähler" beschrieben habe.
Strasser will wieder neue Jobs schaffen
Ernst Strasser hat offenbar nichts besseres zu tun, als im Wahlkampf über das gleiche nachzudenken, was ihn als Innenminister beschäftigt hat: Wie schaffe ich neue Posten? Er fordert einen EU-Koordinator für Maßnahmen gegen die Wirtschaftskrise.Ob Strasser da an seine berühmten rot-weiß-roten Postenvergaben denkt oder ob die anlässlich seiner Kandidatur in Anlehnung an die EU-Fahne blau gelb heißen, bleibt Gegenstand von Spekulationen.
"Ich bin naiv"
Österreichs beste Stegreif-Kabaretttrupe bemühte sich gleichzeitig, seriös zu wirken. Parteichef Josef Bucher spricht von einem Tag der Wahrheit. Spitzenkandidat fordert Bundespräsident Heinz Fischer auf, sich für einen parteipolitisch unabhängigen EU-Kommissar aus Österreich einzusetzen. Womit er klar die politische Rolle eines EU-Kommissars und des Bundespräsidenten in dieser Frage verstanden hat.Den Bock abgeschossen hat das orange Zeichen für Wirtschaftskompentenz, ein Banker. Der Listendritte und Quereinsteiger Matthäus Thun-Hohenstein eklärte beim offiziellen Wahlkampfauftakt, warum es ihn gerade zum BZÖ gezogen hat: "Ich will was verändern. Ich bin naiv. Politisch naiv."
Christoph Baumgarten - 7. Mai, 19:27


