Florian P., 26. 10. 1994 - 5. 8. 2009

Der Tod von Florian P. beschäftigt nach wie vor die Menschen in Österreich. Wie mediales Bild und soziale Realität auseinanderklaffen, zeigt eine Reportage, die mein Freund Peter Sonnberger über das Begräbnis des Jugendlichen geschrieben hat. Mit seiner Genehmigung veröffentliche ich ihn hier.

Wer alt genug ist, um einzubrechen,
ist auch alt genug, um zu sterben.
(Kronenzeitungs-Kommentar).


Florian P. wäre am 26. Oktober 15 Jahre alt geworden. Dazu wird es nicht mehr kommen. Kein neuer iPod, kein neues Fahrrad. Das braucht er nicht mehr, denn Florian ist am Donnerstag, 13. August in Krems beerdigt worden. Das schmale Bürscherl liegt jetzt in einem schmalen Sarg. Mit einem Einschussloch im Rücken.

Ich habs gesehen, ich war dabei.

Glasscherbenviertel? Unterschicht? Abschaum? – mit nichten
„Österreich“ sah Jugendliche „im schrillen Outfit aus dem Glasscherbenviertel Lerchenfeld“. Unsinn.

Der Ortsteil Lerchenfeld ist ein klassisches Arbeiterviertel mit sehr scharfen Kanten rundherum: VOEST, Hafen und Donau auf der Südseite, das Mittelstandsviertel Mitterau mit Pädagogischer Hochschule auf der Westseite und nach Norden ein Balken mit Shopping- und Konsumtempeln, die ihre glatten Hinterseiten dem Ortsteil Lerchenfeld zuwenden, weil sich die Eingangsfronten zur Wachauer Straße hinwenden, der Einfallsstraße mit dem ständigen Strom an Mittelklasseautos. Ein Steinwurf entfernt und doch unendlich weit weg. Lerchenfeld gehörte eigentlich nie so richtig zu Krems. Für die Eisenindustrie wurden Arbeiter aus der Obersteiermark angesiedelt, deshalb auch die Straßennamen „Rottenmanner Straße“, „Liezener Straße“, „Leobener Straße“ usw.

Das bürgerliche Krems war immer schon sehr weit weg. Völlig in der Versenkung auch die Kremser Bürgermeisterin, die über Monate in jeder NÖN-Ausgabe groß vorkommt, der aber zu den sozialen Verhältnissen in ihrer Stadt momentan nichts einfällt.

Lerchenfeld hat auch ein klassisches Volksheim. Es versprüht den Charme der frühen Arbeiterbewegung und ist für die Jugendlichen wohl nicht so attraktiv (ich kenne es von einer Modellbahn-Börse, Jugendliche sind kaum gekommen). Attraktiv sind – und bitte, nicht nur in Krems -, Autobahnraststätten, Tankstellen, Sonnenstudios und Parkplätze.
Eigentlich ein Trauerspiel, wenn wir ehrlich sind.

Der „Kurier“ – die einzige Zeitung, die in der Berichterstattung über die Tragödie die Menschenwürde aller Beteiligten gewahrt hat – hat in einer Reportage einen Soziologen so zitiert: „Das ist auch ein Zeichen der Auflösung der Organisationen der Arbeiterbewegung.“ Sollte zu denken geben.

In „Österreich“ war weiters vom Glasscherbenviertel Lerchenfeld die Rede. Ebenfalls blanker Unsinn. Der gute Herr Redakteur hat noch nicht die heruntergekommenen Wohnanlagen im 2. oder 20. Bezirk gesehen (Vorgartenstraße, Wehlistraße 16 u. a.).

120 Jugendliche solidarisieren sich mit Florian
Ein Poster im „Kurier“ verstieg sich zur Behauptung, ein „Berufsverbrecher muss damit rechnen, erschossen zu werden“, in der „Kronenzeitung“ – nein, lassen wir das, das ist zu abstoßend und ekelhaft, was dort ausgedrückt und abgedruckt wird.

Ein 14-jähriges Schulkind (egal ob Haupt-, Poly-, Sonderschule) ist eines nicht: ein Berufsverbrecher.

Zum „schrillen Outfit der Jugendlichen“: Das Begräbnis und die Trauerfeier war aus meiner Sicht eine der eindrucksvollsten Jugenddemonstrationen, die es in der jüngeren Vergangenheit gegeben hat. Die Jugendlichen waren ausnahmslos in Trauerkleidung erschienen, viele trugen offenbar frisch gekaufte schwarze Hosen und T-Shirts. Ja, ein gutes Drittel der Mädchen hatte grellblond gefärbte Haare. Das ist in Floridsdorf genau so. Oder man sehe sich das heutige Titelblatt der NÖN Wiener Neustadt an: „Mit der NÖN ins Kino“ am Titelblatt 3 Mädchen, zwei davon blond gefärbt. Das ist so üblich geworden – und es muss ja Eltern geben, die das bezahlen. In Wiener Neustadt, ebenfalls in der aktuellen NÖN zu lesen, hat sich die Zahl der Friseure in 20 Jahren von 38 auf 62 erhöht. Die Kremser Jugendlichen waren also nicht „schrill“ sondern schichtspezifisch in Ihrer Aufmachung. 120 Jugendliche weinen sich die Augen aus, wenn ein Einbrecher begraben wird! Das war eindeutig einen von ihnen. Nicht weil sie alle einer Einbrecherbande angehören, sondern weil sie die gleichen Interessen haben: Sie wollen nicht an den Rand gedrängt werden, sondern dazugehören, eine Perspektive haben, die über den Parkplatzrand und das nächste Sonnenstudio hinausreicht.

„Die Eltern sind nicht mehr da“
Die Direktorin der Pädagogischen Hochschule Wien, Dagmar Hackl, heute (Montag, Anm.) im Kurier: Frage: „Die Problemschüler sind ja nicht nur die Migrantenkinder. Vernachlässigt die Gesellschaft die Kinder?“ Ihre Antwort: „Es hat sich sehr viel im Erziehungsgeschehen verändert. Eltern sind oft nicht mehr da.“

Wo sind sie? Weggezaubert? Wer übrigens nicht da war beim Begräbnis in Krems: Von der Altersstruktur der Trauergäste (fast alle unter 18, dazu einige Onkeln und Tanten) scheint es unmöglich gewesen zu sein, dass irgendein Lehrer, ein Schuldirektor (Florian muss ja wegen diverser Auffälligkeiten etliche „Bezugspersonen“ in den Schulen gehabt haben), irgend ein Stadtamtsdirektor oder Stadtrat oder Gemeinderat oder Jugendamtsleiter wenigstens einen Sprung vorbeigeschaut hat. (Ich unterstelle jetzt, dass unter dieser Personengruppe mehr als Hälfte männlich sein müsste, es war wie gesagt kein Mann zwischen 40 und 60 anwesend.)

Bei Florian Pirker ist so viel zusammengekommen. Zu viel für ein 14-jähriges Arbeiterkind aus nicht seltenen zu beobachtenden, also schwierigen, Verhältnissen.

Zum Sterben durch einen Pistolenschuss in den Rücken war er noch nicht alt genug.

So darf kein Kind sterben. Unter keinen Umständen.
Peter Sonnberger

(Die einzige Änderung, die ich an diesem Text vorgenommen habe, war, den Nachnamen des Toten abzukürzen. Ich tue das aus Respekt gegenüber der Familie.)
Andy (Gast) - 18. Aug, 20:53

Bei aller Sympathie, und ob diese "Sozielbauten" oder "Sozialviertel", die seinerzeit hochgestampft wurden, schuld sind oder nicht:

Gestern wurde eine "Bande" Jugendlicher in Gmunden geschnappt, ohne erschossen zu werden, und einiger der Eeltern haben noch die Polizei beschimpft, weil das eh nix schlimmes ist? Der jüngste war 7!!! Jahre jung.
Sollte dieser Florian P., was nicht abwegig ist, eine ähnliche Karriere hinter sich haben und das Glück gehabt haben, nicht in flagranti erwischt worden zu sein mit 7 oder 8, dann war er mit 14 sehr wohl ein Berufsverbrecher ;-)

Dass die Welt voll ist mit unfähigen Eltern, sollte man aber auch mal thematisieren....

Christoph Baumgarten - 18. Aug, 20:55

Oder vielleicht mit überforderten: Ich denke, ein Kind in einer tendenziell kinderfeindlichen, durchkommerzialisierten, Gesellschaft aufzuziehen, ist auch nicht einfach. Und dazu kommt: Wohlhabende Eltern haben andere Möglichkeiten, die Erziehungsverantwortung auszulagern und nutzen sie im Regelfall auch, wenn sie überfordert sind. Da wird halt aus den Kindern nur ein Arschloch, der Rest bleibt ihnen erspart.

Andy (Gast) - 18. Aug, 21:07

Na und was sollte das einem Erzroten sagen?
*grins*

Hab die Tage wiedermal den legendären Satz aus den 70ern gelesen:
"Antiauthoritäre Erziehung kann nur Menschen ohne Kindern eingefallen sein!"

Der "Erfolg" dessen lässt sich ja in zweiter und dritter Generation mittlerweile ganz gut beobachten.

Christoph Baumgarten - 18. Aug, 21:13

Das liegt, denk ich, weniger an der Erziehungsmethode als solcher (über die denken die wenigsten bewusst nach, denk ich) sondern mehr an einer nicht wirklich einfacher werdenden Welt. Ich finde, die antiautoritäre Erziehung war ein enormer Fortschritt im Vergleich zu den Methoden davor. Das hat vieles aufgebrochen. Dass sie selbst nicht das Gelbe vom Ei ist, ist auch klar. Aber nur weil sie nicht optimal ist, ist nicht notwendigerweise das Gegenteil erstrebenswert. Die Erfolge dieser Methode hat man ja in diesem Jahrhundert gleich zweimal eindrucksvoll gesehen.

Andy (Gast) - 18. Aug, 22:57

Naja, erstmal sorry für mein "h", das nicht passt.
Die Gschicht ist die:
Frpher war es so, dass eine generation besonders streng war, die nächste nicht so streng, die übernächste aber wieder von den Grosseltern "inspiriert", quasi wie bei einer Sinuskurve.
Dann kamen Bücher, die versch. Ratschläge gaben, wie man Kinder erziehen soll. Dann zogen die Eltern in Plattenbausiedlungen, verloren den Kontakt zur Familie und waren nur mehr auf Bücher und TV angewiesen. Heute darben die Alten in Heimen, die Kinder werden erschossen in Supermärkten (die es damals auch nicht gab), und die Kinder der ersten und der zweiten generation der antiautoritären Erziehung labern etwas daher von Nazis und was man nicht alles tun muss und den ganzen anderen Müll, weil sie ja niemanden hatten, der sie erzogen hat.Sei mir nicht böse, aber das Schulsystem gehört nicht gelockert, sondern wieder verschärft. Die Stelllungskommision gehört genauso wieder her, denn so, wie es jetzt läuft, wird alles nur noch schlimmer - lauter Idioten auf den Strassen:
Linke, Rechte, Ausländer, ganz egal, alles Chaos!

PS: Ich bin froh, ein Nachkriegskind zu sein, denn esrtens bin ich dem Irrsinn entgangen (Gnade der späten Geburt), aber ich bin auch froh, nicht die Ungnade der verspäteten Geburt zu durchleben!

Christoph Baumgarten - 18. Aug, 23:10

@Andy: Dass die Jugend immer schlechter wird und die schlechteste jugend von allen bisherigen ist, das hören wir auch schon seit mittlerweile 3.000 Jahren oder so... Übrigens meisten mit dem Argument der Verderbtheit und des Chaos.
Jede Generation hat ihre spezifischen Probleme. Diese hat die Orientierungslosigkeit. Praktisch sämtlicher sozialer Kitt ist weggebrochen. Illusionen, die diese Gesellschaft zwei Generationen lang zusammengehalten haben, haben sich als die Träumereien herausgestellt, die sie waren (dass relativer Wohlstand und Leistung etwas miteinander zu tun haben, zum Beispiel), das Dauer-Lamento vom Sparen müssen (meist faktischer Unsinn) macht's auch nicht einfacher. Diese Generation ist die erste seit langer Zeit, die davon ausgeht, der eingeredet wird, dass es ihr nicht mindestens gleich gut und im Idealfall besser gehen wird als ihren Eltern. Im Gegenteil: Seitdem die heutigen Teenager denken können, hören Sie: Für dich wird's das alles nimmer geben. Unterstützung bekommen sie keine. Und das Schulsysten stammt aus dem 19. Jahrhundert. Es soll Soldaten und Arbeiter produzieren, aber keine mündigen Menschen. In Wahrheit ist doch jeder, der da rauskommt, und dessen Kreativität ncht ausgelöscht wurde, ein Glücksfall. Das überfordert die Kids total und iher Eltern nicht weniger.
Und, wenn du von antiautoritärer Erziehung sprichst: Das war nie ein Mehrheitsprogramm. Und wenn ich an meine eigene Kindheit denk, kann ich das nur umso mehr bestätigen.
Wo du sicher recht hast: Die vielen Erziehungsratgeber, egal welchen Mediums, sind großteils schlicht unverantwortlich. Das schadet mehr als es nützt. Und sicher muss man werdenden Eltern auch mal Selbstvertrauen geben statt ihnen ständig einzureden, dass sie als Eltern die totalen Versager sein könnten. Das ist ja ein Irrsinn. Ich weiß zwar nicht, wie das am besten gelöst werden kann, aber darum sollen sich mal die Leute Gedanken machen, die dafür bezahlt werden.

Andy (Gast) - 18. Aug, 23:25

Hast du Kinder?
Oder Stiefkinder?
Exakter gefragt: Hast du eigene Erfahrungen damit oder spekulierst du damit rum?

Christoph Baumgarten - 18. Aug, 23:44

Nein, ich hab keine Kinder. Ich biete auch kein Erziehungsrezept an sondern versuch mal einen Kontext herzustellen, indem sich Erziehungsarbeit abspielt. Und wie du hier liest: Mit großem Respekt vor und Verständnis für Eltern wie Kinder. Und die Aussagen, die ich hier getroffen habe, sind weniger Spekulation als Resultat genauer Beobachtungen.

Klaus Bergmaier (Gast) - 19. Aug, 08:48

Der Kremser SPÖ-Vizebürgereister Prim. Dr. Reinhard Resch MSc war am Begräbnis anwesend. Er ist auch auf allen Fotos deutlich zu erkennen.

Karl-Hannes (Gast) - 19. Aug, 19:35

"Heute darben die Alten in Heimen, die Kinder werden erschossen in Supermärkten (die es damals auch nicht gab), und die Kinder der ersten und der zweiten generation der antiautoritären Erziehung labern etwas daher von Nazis und was man nicht alles tun muss und den ganzen anderen Müll, weil sie ja niemanden hatten, der sie erzogen hat."

Das schon, das stimmt, die Generationen wurden auseinandergerissen, das kann ja wohl keiner bestreiten. Und da muss soviel Selbstkritik drin sein das die Roten da sehr stark mitverantwortlich sind. zB. Die "Befreiung der Frau", es wurde erkämpft, dass die Frau arbeiten gehen darf und sich selbst versorgen kann, soweit so gut. Das kapitalistische System ist aber nunmal eines das sich anpasst und weiterentwickelt. Heute ist es oft so, dass beide Elternteile arbeiten MÜSSEN. Dann kommt natürlich die Erziehung noch kürzer. Ich glaube nicht, dass man das gewollt hat, aber das kommt halt davon wenn man Sachen nur halbherzig reformiert anstatt sie zu revolutionieren und auch die richtigen Rahmenbedingungen zu schaffen ;-). Was natürlich nicht heißt eine andere politische Strömung wäre besser, die Roten habens wenigstens probiert, von den anderen kann man das nicht behaupten...

Und das mit der Sinuskurve stimmt auch, mein Vater hält mir oft genug vor ich wäre im Verhalten und Ansichten gleich wie meine (leider viel zu früh verstorbenen) Großeltern. Klaro, ich hab ja auch viel Zeit bei der Oma verbracht ...

Man kann eben keine zukunftweisenden Gesellschaftsmodelle(die ja an und für sich gut wären) in einem gänzlich sozialfeindlichen System erschaffen und dann erwarten, dass es funktioniert. Es muss einleuchten, dass dann irgend eine pervertierte Mischform herauskommt die irgendwann in kompletter Kulturlosigkeit ausarten wird....

Und unser Schulsystem ist nicht schlecht. Ich konnte meine Kreativität zur genüge in Deutsch, Bildnerische Erziehung und Musik ausleben, zur Not gab es auch freie Aktivitäten wie Schulband oder Chorgesang. Dem System hab ich auch zu verdanken, dass ich in Mathematik viel kann, auch wenn ich Mathematik nicht wirklich mag und viele erlente Sachen nicht wirklich sinnvoll finde, ABER ich kanns, und das ist viel Wert. Und bei mir is die Schulzeit grade mal 1 Jahr her.


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