Einfach so?

88028_m1t1w468q75s1v42834In Wien hat ein Mann einen Polizisten angeschossen und lebensgefährlich verletzt. Ein Vorfall, der betroffen und sprachlos macht.

Wenigstens gelähmt wird er nicht sein. Sagt Harald Hertz, einer der bekanntesten Unfallchirurgen Österreich. Sonst lässt sich leider wenig positives berichten über den Zustand des 27-jährigen Polizisten, der im Dienst fast erschossen worden wäre. Er wird auch in den nächsten Tagen im künstlichen Tiefschlaf liegen. Und ein Projektil wird bis auf weiteres in bzw. in der Nähe der Wirbelsäule verbleiben. Es ist nur Ärztinnen und Ärzten wie Harald Hertz zu verdanken, dass er überhaupt noch lebt.

Niemand kann wirklich nachvollziehen, warum der flüchtende Autolenker geschossen hat. Abgesehen davon, dass es nie eine Rechtfertigung geben kann, auf einen rechtsmäßig handelnden Polizisten loszugehen - hier fehlen einem die Worte für das Schussattentat. Fast hat man den Eindruck als habe der Mann einfach so auf einen Polizisten geschossen, der in nach einer Verkehrskontrolle verfolgt hat. Quasi aus Prinzip. Die Vorstellung ist furchtbar.

Wenn die bisherigen Ermittlungsergebnisse der Polizei zutreffen, soll ein 33-jähriger serbischer Staatsbürger geschossen haben. Er soll sich illegal in Österreich aufhalten. Selbst wenn das stimmt, wäre auch Panik vor einer Abschiebung keine Erklärung für seine Verhaltensweise. (Und niemals eine Rechtfertigung.) Menschen in ähnlicher Lage laufen davon. Stürzen sich vielleicht selbst aus dem Fenster. Manche drohen mit Selbstmord. In Einzelfällen schlagen sie vielleicht auf Polizistinnen und Polizisten ein. Aber ich habe noch nie erlebt, dass jemand in einer solchen Situation auf Beamte geschossen hätte. Da muss etwas anderes dahinterstecken. Etwas, das mir Angst macht. Etwas, das jeder halbwegs normale Mensch vermutlich nie verstehen kann. Etwas, das einem 27-jährigen Menschen, der seine Arbeit gemacht hat, fast das Leben gekostet hätte.

Ich bin ein bekennender Gegner der Forderung, Migrantinnen und Migranten wegen Straftaten abzuschieben. Das ist im Regelfall sachlich nicht gerechtfertigt. Jeder und jede kann einmal auf die schiefe Bahn geraten. Ich sehe nicht ein, warum der falsche Geburtsort eines Menschen sein Verbrechen schlimmer machen soll als wenn er in Österreich geboren wäre. Nur, in diesem Fall ist es gerechtfertigt. Schüsse auf einen Polizisten dürfen niemandem eine Aufenthaltsberechtigung erkaufen. Das wäre ein fatales Signal. Und gefährlich für Polizistinnen und Polizisten. Sollte der Schütze der Verdächtige sein, hat er sofort nach Verbüßung seiner Haftstrafe in seine Heimat geschickt zu werden. Sofern er nicht ohnehin Opfer seiner eigenen Brutalität wird und bei der Festnahme erschossen wird, weil er glaubt, wieder schießen zu müssen. Das hätte er selbst zu verantworten.

Mit Krems hat das nichts zu tun
Realistischerweise ist auch zu erwarten, dass die Polizei bei seiner Verhaftung besonders darauf bedacht ist, das Leben der Beamtinnen und Beamten zu schützen. Heißt in diesem Fall wahrscheinlich: WEGA-Einsatz. Sofern die bisherigen Ermittlungsergebnisse nicht auf einem Riesenirrtum beruhen ist dieser Verdächtige besonders gefährlich.

Anders als bei dem Supermarkteinbruch in Krems ist es hier mehr als gerechtfertigt, wenn die Polizistinnen und Polizisten mit entsicherter Waffe vorgehen. Allerdings: Sofern der Verdächtige nicht wieder durchdreht, wird er lebend gefasst werden. Im Allgemeinen geht die heimische Exekutive sehr zurückhaltend mit Schüssen um. Sie besteht nicht aus schießwütigen Idioten. Wie ich übrigens damals bereits über Krems geschrieben habe. Daran, dass ich die Anklage gegen den Polizisten dort für gerechtfertigt halte, ändert das nichts.

Lebensgefahr darf kein Berufsrisiko sein
Auf eine sehr tragische Weise zeigt der Vorfall, dass Österreich ein sehr sicheres Land ist. Anders als in den USA hatte der Polizist bei der Verkehrskontrolle keine Waffe gezückt. Das gilt hierzulande nicht als notwendig. Autolenkerinnen und Autolenker rennen vielleicht gelegentlich davon. Auf Polizisten schießen tun sie nie. Taten sie nie. Es bleibt zu hoffen, dass das ein einzigartiger Vorfall war. Ich möchte nicht in einem Land leben, wo Polizistinnen und Polizisten aus Angst um ihr Leben Verkehrskontrollen mit gezückter Pistole oder auch nur mit der Hand am Halfter durchführen müssen. Ich will auch nicht in einem Land leben müssen, in dem es zu einer realistischen Berufsgefahr für die Exekutive wird, im Dienst erschossen zu werden.

Diese Art von Sicherheit wird nicht von der Polizei alleine kommen können. Diese Art von Sicherheit kann nur ein funktionierendes Sozialsystem auf Dauer garantieren. Ein System, das es Menschen ermöglicht, auf einem halbwegs erträglichen Niveau zu leben ohne auf Verbrechen angewiesen zu sein. Ein System, das auch eine faire Verteilung dessen gewährleistet, was die Menschen erarbeiten. Das ist in Gefahr. Wer Geld hat, wird reicher. Wer keines hat wird, wenn er oder sie Glück hat, wenigstens nicht ärmer. Am wachsenden Wohlstand haben immer weniger Teil. Wenn das so weitergeht, wird das dieses Land destabilisieren. Irgendwann müssen Polizistinnen und Polizisten dann wirklich jede Amtshandlung mit gezückter Pistole durchführen. In einem solchen Land möchte ich nicht leben. Ich finde, Einzelfälle wie der jüngste, sind schon mehr als genug. Das haben sich weder Exekutive noch Bevölkerung verdient.

Ich wünsche dem verletzten Polizisten, dass er möglichst schnell und möglichst vollständig gesund wird. Ich hoffe, die Projektile haben keinen bleibenden körperlichen Schaden hinterlassen. Und ich hoffe, dass er eine gute psychologische Betreuung bekommt. Er soll nicht sein ganzes Leben für etwas leiden müssen, das jemand anderer verursacht hat.

P.S.: Der Verdächtige ist international zur Fahndung ausgeschrieben. Details auf der Homepage des Bundeskriminalamts.

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