Eine Stimme gegen Gewalt

Ich würde am Sonntag „Die Linke“ wählen, wenn ich Deutscher wäre. Als Sozialdemokrat könnte ich nicht anders.
linke_fest
Als österreichischer Sozialdemokrat tue ich mir mit der SPÖ schon schwer genug. Was die deutsche Sozialdemokratie in den vergangenen Jahren an den Lohnabhängigen verbrochen oder zugelassen hat, geht auf keine Kuhhaut mehr, wie man bei uns sagt. Vor konservativen Verbrechen an Wählerinnen und Wählern muss man sich da nicht mehr fürchten. Sicher, einen Mindestlohn zu fordern, ist ein Fortschritt. Ich halte ihn für eine enorm wichtige Maßnahme, um Menschen aus der Armutsfalle zu holen. Allein, wie glaubwürdig ist eine solche Forderung, wenn sie von einer Partei kommt, die Hartz IV und Ein-Euro-Jobs eingeführt hat? Und bei allen Absagen der deutschen Genossinnen und Genossen an einen allzuharten Sozialabbau: Eine Partei, die das Budget genauso wie die Konservativen in Deutschland zum Fetisch macht, ist auch dort nicht glaubwürdig.

Wenn man deutschen „Experten“ lauscht, steht in der nächsten Legislaturperiode sozialer Raubbau bevor. Das Budget muss saniert werden! Von heiligem Schauer erfüllt, nicken Reaktion, SPD, zum Teil die deutschen Grünen und leider viele Wählerinnen und Wähler diese Aussage ab. Ein Abnicken, das der Zustimmung zu Gewalt gleich kommt. Nichts anderes ist es, wenn man Harzt-IV-Empfängern und Empfängerinnen, wenn man Teilzeitbeschäftigten, prekär Beschäftigten, Migrantinnen und Migranten Sozialleistungen nimmt, beim Gesundheitswesen und bei den Renten spart. Nichts anderes als die unverhohlene Drohung, jeden, den dieses Wirtschaftssystem ausgelaugt und ausgespien hat, auf die Straße zu setzen und um körperliche und geistige Gesundheit zu bringen. Wer mal unten ist, kommt nie wieder rauf. Dafür wird das zu Tode reformierte Sozialsystem schon sorgen. Ein Aufruf zur Budgetsanierung durch Sozialkürzungen ist nichts als ein Aufruf zu nackter Gewalt. Bürokratischer, sozialer und psychischer Gewalt. Eine subtile Erscheinungsform, zugegeben. Besser macht es das nicht.

Machen wir uns nichts vor: Derartige Einschnitte werden auch zu mehr direkter physischer Gewalt führen. Wenn das, was in den Köpfen der Vertreter der selbst ernannten Leistungsträger und der so genannten Budgetexperten herumspukt, umgesetzt wird, wird die Kriminalität steigen. Das ist eine der hässlichen Begleiterscheinungen von Armut und sozialer Ausgrenzung. Repression statt Sozialstaat. Welch demokratischer Ansatz.

Nicht alles war schlecht an Rot-Grün. Deutschland hat im gesellschaftspolitischen Bereich beachtliche Fortschritte gemacht. Vielleicht sogar in einem Ausmaß, das nicht einmal Hart-IV wettmachen konnte. Deutschland hat die Nachkriegszeit beendet. Wurde in der einen oder anderen Hinsicht zu einem normalen europäischen Land. Das war gut. Nur: Fällt einem nichts anderes ein als Krieg, um das vor der Welt zu demonstrieren? Ein illegaler Militärschlag im Kosovo, der völkerrechtlich nicht weniger bedenkliche Einsatz in Afghanistan. Muss deutsche Normalität unbedingt mit militärischer Gewalt gefeiert werden? Habt Ihr nichts gelernt, werte Genossinnen und Genossen? 64 Jahre nach dem Weltenbrand ist Deutschland wieder im Krieg. CDU, CSU, SPD, FDP und Grüne sind zufrieden. Befürworter von Gewalt an Menschen, die vielleicht nicht einmal wissen, wo Deutschland liegt. Die Deutschland nicht den Krieg erklärt haben. Schaffer einer weiteren Generation von Afghanen, die nichts kennen als Gewalt.

Und, sieht man sich die Integrationskonzepte der meisten deutschen Parteien an: Nicht viel anders als in Österreich steckt auch dort der Wurm drin. Generalverdacht gegen Migrantinnen und Migranten, die „Leitkultur“ spukt in den Köpfen herum. Auch wenn der Diskurs nicht so rassistisch geführt wird wie hierzulande: Wer Migrantinnen und Migranten die Teilnahme am öffentlichen Leben und in der Vertretung ihrer eigenen Interessen so schwer macht, gibt jenen recht, die Zugewanderte von Haus aus für andersartig, gefährlich usw. halten.

Gut gemeint mag sie sein, die Integrationsdebatte. Was bekanntlich das Gegenteil von gut gemacht ist. Dass die rechten Recken im halben Land aufstehen, sich offen zeigen, offen Gewalt ausüben, ist nicht die Schuld derer, die es trifft. Ist nicht Resultat mangelnder Anpassung. Es ist das Ergebnis einer jahrelangen Debatte um eine „Leitkultur“ und anderen Unfug. Es ist das Ergebnis des Sozialabbaus, das Ergebnis einer verpfuschten Wiedervereinigung, das Ergebnis einer Generation, die vor allem im Osten Deutschlands sich selbst überlassen wurde. Eine verängstigte Generation, die keine Perspektiven sieht und die ihr verwehrte Selbstbestätigung holt, indem sie auf andere herabblickt. Die Gewalt ausübt, der ein ganzes Land hilflos gegenüber steht.

Diesen vielen Formen von Gewalt muss am 27. September eine Absage erteilt werden. Die SPD hat keine tauglichen und vor allem keine glaubwürdigen Konzepte. Als Sozialdemokrat sehe ich die nur bei der Linken.
Es fällt mir nicht leicht, diesen Wahlaufruf schreiben. Viele ehrliche Genossinnen und Genossen der SPD, die weiter auf den innerparteilichen Kampf setzen, die noch sozialdemokratische Inhalte vertreten, werden das als Sabotage ihrer Bemühungen empfinden. Sie möchte ich um Verzeihung bitten. Angesichts der Entwicklung, die die deutsche Schwesterpartei genommen hat, kann ich nicht länger schweigen. Mag sein, dass das Einmischung in deutsche Anlegenheiten ist. Aber, ist nicht gerade unsere Bewegung eine internationale?

Welchen politischen Kurs mein Nachbarland nehmen wird, kann und darf mir nicht egal sein. Daher rufe ich jene Genossinnen und Genossen, die sich vor vier Jahren irgendwie durchgerungen haben, doch noch einmal SPD wählen, auf: Wählt nicht das kleinere Übel. Das hat die vergangenen vier Jahre nichts verbessert.

Bleibt nicht zuhause. Folgt Eurem Gewissen! Stimmt gegen Gewalt und Sozialabbau! Wählt die Linke!

In herzlicher Freundschaft!
eierwerfer (Gast) - 25. Sep, 18:32


Michael (Gast) - 25. Sep, 21:07

Ja - Hauptsache mehr Umverteilung, alles andere ist im Prinzip eh wurscht.

Und dass Du Dich so über den Dieter Egger aufgeregt hast ist, wenn man sich gewisse Leute von der Links-Partei wie z.B. Norman Paech anschaut auch nicht gerade sehr glaubwürdig.

ich (Gast) - 25. Sep, 22:17

Das schöne ist, dass Paech nicht mehr zur Wahl steht. Aber stimmt schon, es gibt da auch genug Idioten. in der Abwägung stimmt die Kommenatr aber!

Karl-Hannes (Gast) - 26. Sep, 13:41

Wenn man Zionismus, also rechtsradikale Juden ablehnt ist man ein Idiot ???

Michael (Gast) - 26. Sep, 15:57

@Karl-Hannes: Zion ist Israel. Eine Ablehnung von Zionismus ist eine Ablehnung des Staates Israel. Fast alle Israelis sind auch Zionisten. Eine Ausnahme sind Teile der ultraortodoxen Juden, die der Auffassung sind, dass nur der Messias einen jüdischen Staat errichten darf.

Der Staat Israel ist der Garant für die Juden, dass es für sie einen Ort gibt, an dem sie vor Verfolgung sicher sind. Bekanntlich gab es so einen Ort während der Zeit des Nationalsozialismus nicht und viele Juden hätten gerettet werden können, wenn es einen Staat gegeben hätte, der sie aufgenommen hätte.

Jedenfalls hat Rechtsradikalismus und Zionismus nichts miteinander zu tun.

ich (Gast) - 26. Sep, 18:23

waeum ist die debatte schon jetzt langweilig? genau! es gibt keinerlei reflexion, warum, man sich immer nur aus israel fokusiert. wegen des zionismus'? glauben sie doch selber nicht!

Michael (Gast) - 27. Sep, 15:58

Man muss sich nicht unbedingt auf Israel fokussieren. Z.B. auch auf Hugo Chavez, einen der Lieblinge der Links-Partei, der anscheinend nicht so viel von Meinungsfreiheit hält und sich perfekt mit dem Irren von Tehran versteht.

Die Links-Partei ist eine extremistische Partei. Wenn man sich übrigens anschaut, wer die Wähler der Links-Partei sind, dann wird man erkennen, dass die Links-Partei in Deutschland die Funktion der FPÖ in Österreich einnimmt. Die Schill-Partei in Hamburg orientierte sich an Haider und der FPÖ. Nachdem diese Partei kollabierte zeigten Wählerstromanalysen, dass der größte Wählerblock der Links-Partei von der Schill-Partei kam.

Karl-Hannes (Gast) - 27. Sep, 16:41

@Michael
Bitte lernen sie den Unterschied zwischen Zion, Zionismus und dem Staat Israel. Ansonsten hat die Diskussion, ob ihrer eklatanten historischen und politischen Wissensdefizite, keinen Sinn.

Michael (Gast) - 27. Sep, 17:00

@Karl-Hannes: Ich weiß nicht, woher sie die Idee haben, dass Zionisten Rechtsradikale sind, aber man muss keine höheren Studien betreiben um zu wissen dass das falsch ist. Es reichen die diversen Einträge in der Wikipedia oder z.B. in der Jewish Virtual Library.

Karl-Hannes (Gast) - 27. Sep, 17:27

@Michael

Rechtfertigt der Wunsch der Juden nach einem eigenen Staat das Vorgehen gegen die Araber, die Palästinenser ? Nichts gegen den Urgedanken des Zionismus, meiner Meinung nach steht jeder Nationalität ein Nationalstaat, ein Platz zum leben unter sich zu. Aber das macht das israelische Vorgehen gegen die Palästinenser nicht richtiger. Es gibt Zionisten, die Araber als Menschen zweiter Klasse sehen. Besonders die "illegalen" jüdischen Siedler sind oft rassistisch geprägt, und auf der Suche nach Lebensraum im heiligen Land. Raum den sie sich dann einfach nehmen. Eine Zweistaatenlösung wäre vollkommen gerecht gewesen, wenn man einen friedlichen Ausgleich mit den Palästinensern findet. Und genau diese "ganz Israel gehört uns, wir nehmen es uns einfach, denn die Araber sind uns wurscht"-Mentalität macht die Zionisten zu Rechtsradikalen, sie nehmen keine Rücksicht, sind teilweise rassistisch. Besonders die Juden müssten wissen, wie gefährlich es ist, so rücksichtslos mit anderen Volksgruppen zu verfahren. Allein dieser Anspruch, das "heilige" Land gehört den Juden, allein der reicht ja schon um es als rechts zu klassifizieren ... Ansonsten hätten die Deutschen auch jedes Recht Ostpreußen als historisch deutsches Gebiet wieder in Besitz zu nehmen...

Nehmen wir als Beispiel die Kurden, ihnen würde auch ein eigener Staat zustehen. Jedoch würde es niemand gutheißen wenn sie sich einfach ein Stück aus Irak und Iran herausschneiden und dann dort Kurdistan errichten.

Christoph Baumgarten - 27. Sep, 18:00

@Charly: Nicht jeder Zionist ist per se ein Rechtsradikaler. Im Gegenteil: Ich würde den historischen Zionismus als Grundkonsens der israelischen Gesellschaft bezeichnen. Den verlässt auch die große Friedensbewegung nicht, die eine Zwei-Staaten-Lösung anstrebt. Die widerspricht ja dem Zionismus in keiner Weise. Was nicht heißt, dass der Zionismus als Grundlage für eine zutiefst undemokratische und rassistische Politik untauglich wäre.
Aber sei's wie's sei: Ich hab offen gestanden keine Ahnung, wie diese Diskussion auf meinen Blog kommt. Und was das alles mit der Linken zu tun hat.

Karl-Hannes (Gast) - 27. Sep, 18:06

Angefangen hats ja damit, dass ein Funktionär der Linken sehr antizionistisch agitiert hat. Und das bringen manche Leute als Gegenargument gegen die Linke.

Michael V. (Gast) - 28. Sep, 12:11

Die Sozialdemokratie steckt in der Krise. Und in D gibt es eine echte Alternative dazu. Leider hat die Abwahl der SPD aber bewirkt das unser Nachbarland jetzt von einer rechtsliberalen Regierung geführt wird. Vielleicht sollte die SPD diese Situation nutzen und sich auf die Grundwerte der Sozialdemokratie besinnen. Sprich wieder für die "kleinen" da zu sein.
Und man sollte als SPD aufhören die Linke auszugrenzen den eine mögliche SPD Regierung wird nur mit Unterstützung der Linken möglich sein.

Wobei es meiner Meinung nach doch ein Spiel mit dem Feuer ist denn die Linke ist und bleibt die Nachfolgepartei der SED und daher finden sich in den Führungsgremien auch die Leute die für die Verhältnisse in der DDR zuständig waren.

Es ist ein bißchen das "Linke" spiel mit den feuer, so wie bei uns in Österreich die Rechtskonservativen mit dem rechten Rand spielen. Und ich meine damit die ÖVP, die mit der FPÖ gerne regieren würde.

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