Ein Königreich für eine Lupe

"Wien unzensuriert". So heißt ein dummdreistes, rassistisches Video, auf das mich ein Freund aufmerksam gemacht hat, der aktiv gegen Rassismus kämpft. Zielgruppe: verängstigte, kleinbürgerliche Jugendliche. Ich stelle es hier online, auch auf die Gefahr hin, dass ich dafür kritisiert werde, diesem billigen Machwerk zu viel Aufmerksamkeit zu schenken.

Wäre nicht der Aufruf zum bewaffneten Kampf, man könnte glatt glauben, das Video wäre in der Pressestelle der FPÖ geschnitten worden. Argumente, oder was man dafür hält, und Stil gleichen einander aufs Haar. Ein Königreich für eine Lupe, die man braucht, die Unterschiede zu finden. Ich sehe sie nicht.

Und es ist auffälliger Zufall, dass im Titel das Wort "unzensiert" vorkommt. "Unzensuriert" hieß bis vor kurzem Martin Grafs Blog. Heute ist die Domain reigistriert auf: "Unzensuriert - Verein zur Förderung der Medienvielfalt", die Inhalte sind wie gehabt stramm rechts, zumindest am Rande des Revisionismus. Man könnte sagen, geändert hat sich nichts. Die Ähnlichkeit ist groß.

Es spricht viel dafür, dass die extreme Rechte diese sperrigen und in der Umgangssprache nicht gebräuchlichen Wörter für sich gekapert hat. Außerhalb dieser Denkrichtung kommen die Begriffe so gut wie nie vor. Verwendet scheinen sie dort zu werden, wo die Grenzen zwischen Legalem und Illegalem verschwimmen. In jenem Dunstkreis, aus dem auch die Glatzköpfigen mit einem Bedürfnis zum Arm-hochreißen kommen, die so begeistert Bumsti Straches Tiraden gegen alles lauschen, was er nicht versteht. Das sind vor allem Migrantinnen und Migranten.

Aus diesem Dunstkreis stammt offenbar auch dieses Video. (Aus juristischen Gründen sei hier auch für Leseschwache festgehalten: Niemand hat hier behauptet, die FPÖ habe das in Auftrag gegeben oder wisse, wer es fabriziert hat.) Wen überrascht das auch? Die Argumente von Bumsti Strache fallen auf fruchtbaren Boden. Und das beste Beispiel gegen jugendliche Aufrufe zu wehrsportähnlichen Aktivitäten ist er auch nicht gerade. Wenn ihm seine Arm hochreißenden Fans die Geschichte vom Paintball ähnlich begeistert abgenommen haben wie der kritische Teil der Öffentlichkeit - sie müssen direkt glauben, auf seinen Spuren zu wandeln. Auch die verharmlosenden Äußerungen Straches den Jugendlichen von Ebensee gegenüber sind nicht geeignet, seine jungen Bewunderer von derartigen Aktivitäten abzuhalten.

Es ist unerheblich, was er heute davon hält. Die Wahrscheinlichkeit ist hoch, dass regelmäßige Betrachter dieses Videos auch regelmäßige Besucher seiner Veranstaltungen sind, ihm begeistert zujubeln und ihn als den betrachten, der die Angst vor dem bekämpft, was sie nicht verstehen. Er spricht ihre Sprache und er versorgt sie mit den "Argumenten" für dieses und ähnliche Videos. Er ist - ob bewusst, gewollt oder nicht - zumindest Mitschöpfer der Produzenten dieses Videos. Er hat mitgeholfen, sie zu radikalisieren.

Wenn Bumsti Strache das nicht sein will, muss er sich überlegen, ob er wieder "Abendland in Christenhand" plakatieren lässt. Vorher wird er mich nicht davon überzeugen, dass er solche Auswüchse ablehnt und bekämpft.
Thomas (Gast) - 29. Dez, 21:27

Irgendwie eine absurde Mischung aus lächerlich und erschreckend. Aber nachdem das von Mai 2007 ist, frag ich mich, wo der Volkssturm bleibt...

Christoph Baumgarten - 29. Dez, 21:30

Das ist aber auch das einzig beruhigende an der Sache.

dagmar (Gast) - 30. Dez, 10:50

Unzensiert.. unzensuriert, alle die sich ein wenig mit den Postings der Nachläufer vom Bumsti mit der Flöte beschäftigen, wissen das so ein Tippfehler tagtäglich vorkommt..

konnte das Video nicht anschauen, Peter Alexander und danach die rechten Gesänge sind einfach zuviel für meine Ohren

Cahit (Gast) - 30. Dez, 11:00

2:06 wirkte wie ein ÖVP-Plakat.

Im Video kam auch was von "bleibt unabhängig" vor. Ausgerechnet dieser FPÖ-Wähler sagt das. Der unterwürfigste geht zur FPÖ.

Phil (Gast) - 30. Dez, 13:02

Ich nehme mal an, dass das Video aus dem Dunstkreis der Alpen-Dodel-Info stammt (quasi der neonazistische Fanclub der FPÖ)
Im Prinzip ist das Video einfach nur grottenschlecht gemacht, aber für den durchschnittlichen IQ eines FPÖ-Wählers/Wählerin genau zugeschnitten.
Interessant, dass ein paar GemüsehändlerInnen mit Migrationshintergrund für Neonazis so erschreckend sind, dass sie den Brunnenmarkt gleich zur No-Go Area für WienerInnen erklären. Wieder mal typische Opfer-Täter-Umkehr der Rechten: unter einer No-Go-Area versteht mensch primär Gegenden, die derart rechtsextrem geprägt sind, dass man sich als MigrantIn und/oder Linke/r seines/ihres Lebens nicht sicher sein kann.

hans huber (Gast) - 30. Dez, 17:32

Seltsam, dass dieses Drecksvideo der untersten Schublade seit mehr als zweieinhalb Jahren ungestraft auf Youtube verweilt und es scheinbar niemand für notwendig hält, den Ersteller des Videos mit einem IQ eines Kieselsteins oder Gummistiefels wegen Verhetzung und Rassismus nicht zu sperren.

20th Century Fox ist hier etwas konsequenter: Als ich eine Filmszene von The Last Of The Mohicans ohne Text (!!) und nur mit dem Score auf Youtube veröffentlicht habe, hatte ich 2 Tage später eine Beschwerde am Account. Bei wiederholtem Publizieren eines Clips, deren Copyright ich nicht hätte, würde mir der Account gelöscht !!

hans huber (Gast) - 30. Dez, 17:36

... meinte natürlich gegen Ende des 1. Absatzes "zu sperren" und NICHT "nicht zu sperren". ;-)

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Mein Name ist Christoph Baumgarten und bin seit mehr als einem Jahrzehnt im Journalismus. Dieser Blog soll meine Sicht auf die politischen Entwicklungen in Österreich wiedergeben. Wobei im Moment der Ausdruck Zustand angebrachter wäre, wenn man an die heimische Politik denkt. Politwatch zeigt gerne vergessene Zusammenhänge auf und soll den Menschen eine Stimme geben, die auch angesichts der zunehmenden geistigen Verwahrlosung in diesem Land ihre fünf Sinne zusammen haben und nicht vergessen haben, was bei Politik im Mittelpunkt stehen sollte: Der Mensch mit seinen Bedürfnissen. Ein Hinweis für InhaberInnen eines Accounts auf twoday.net: Es gibt einen e-mail-Abodienst für neue Beiträge und Kommentare.

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