Ein geistiger Lebensretter aus Prag

Schwejk2Die Sommersaison hat mit den Schulferien offiziell begonnen. Zeit, ein wenig Abstand zu nehmen von der politischen Szene, die einen krank machen kann. Zeit, für alle, die etwas dagegen tun wollen, Kraft zu sammeln für den Herbst und seine politischen Auseinandersetzung. Der Politwatch-Tipp für die Urlaubslektüre kann vielleicht dem einen oder anderen erschöpften Kämpfer gegen die geistige Verwahrlosung und für die Menschlichkeit die nötige Atempause bringen. Vergnügen ist garantiert.

Satire ist nicht nur eine Form der Kritik, die im deutschen Sprachraum etwas aus der Mode gekommen ist. Sie ist auch und vielleicht vor allem eine Art geistiger Notwehr. Jaroslav Hašeks berühmtestes Werk, "Die Abenteuer des braven Soldaten Schwejk" steht in beiden Traditionen. Für den Autor und für seine Millionen LeserInnen. Auch in Österreich, wo man diese geniale Satire leider mehr als eine Sammlung von Schwänken sieht, die mit viel Schenkelklopfen zur Harmlosigkeit bagatellisiert wurde. Verständlich im Land des Sisi-Kults.

Ein bisserl "gute alte Zeit" will man sich irgendwie behalten. "Wie Böhmen noch bei Österreich war" war doch schließlich alles besser. Und hatten die vielleicht schöne Uniformen in der Armee, wenn's auch mit dem Kriege-gewinnen nicht so weit her war. Um diese These zu stützen, wird auch der "Schwejk" uminterpretiert, bis er passt. Tragische Ironie für diese Parade-Satire.

Passiver Widerstand vom feinsten
Natürlich ist der "Schwejk" auch und vielleicht vor allem unglaublich komisch. Nur - der Witz ist alles andere als harmlos. Da irrt ein Tscheche, amtlich für blöd erklärt, mit sehr viel Schläue durch das Chaos eines willkürlichen Apparates und eines Krieges, den jeder vernünftige Mensch ablehnen hätte müssen. Die Tschechen, zu zehntausendfachem Blutzoll gezwungen durch die Habsburger-Monarchie, taten das mehrheitlich. Hašeks einzige Möglichkeit damit umzugehen, ist beißende Ironie, die sich als Schenkelklopfer verkleidet.

Schwejk landet als "Putzfleck" bei einem Feldkuraten, der ständig besoffen ist und sein Geld verspielt. Als der Pfarrer wirklich pleite ist, schickt er Schwejk zu befreundeten Offizieren, um sich 100 Kronen zu leihen. Sicherheitshalber gibt er ihm drei Namen - irgendeiner von den drei wird ja wohl spendabel sein. Schwejk soll sich was ausdenken, damit wenigstens einer das dringend benötigte Geld herausrückt. Der ehemalige Hundeverkäufer erzählt den hohen Herren, dass der Herr Kurat Alimente zahlen müsse. Prompt gibt ihm jeder 100 Kronen.

Schwejk ist alles andere als der harmlose Idiot, für den man ihn hält. Dass er sich vor der Einrückung drücken will, beweist seine Vernunft. Sein Mittel lautet Hurra-Patriotismus. Mit Krücken und einem einbandagierten Bein lässt er sich von seiner Haushälterin zur Stellungskommission fahren. Am Weg schreit er Parolen, die zu Treue zum Kaiserhaus usw. auffordern. Die Prager lynchen ihn beinahe. Und Schwejk wird für seine Parolen beinahe eingesperrt - nachdem man ihm erst vorher den Prozess wegen Hochverrats machen wollte. Vor der Einrückung bewahrt ihn das nicht. Im Arrest der Stellungskommission krepieren Tuberkulose-Kranke, die in den Augen der Behörde nichts weiter sind als Simulanten.

Dieser Mann kann lügen. Und muss es. Irgendwie kommt man da durch. Fälschte er in Prag die Stammbäume von Hunden, macht er beim Militär nichts anderes. Statt auf direktem Weg zu seinem Infanterieregiment in Budweis zu gehen, wandert er durch halb Tschechien - und behauptet, er habe sich verirrt. Einem Mann, der amtlich für blöd erklärt wurde, und der das alles mit ehrlich-gutmütigem Gesicht sagen kann, glaubt man das sogar. Wenn auch meist nicht beim ersten Anlauf. Schwejk verbringt bis er an die Front kommt wahrscheinlich mehr Zeit im Arrest als bei der Truppe. Und treibt seine Vorgesetzten mit endlosen Anekdoten, die zum Geschehen eher frei asoziiert sind, und den wörtlich genommenen Befehlen, zur Weißglut. Der halbe k.u.k-Militärapparat muss sich mit ihm beschäftigen. So mogelt er sich durch den Krieg ohne einen einzigen Schuss abzugeben. Das ist passiver Widerstand vom feinsten.

Präzise Analyse des Apparats
Hašek analysiert die Willkür und die Inkompetenz eines Militärapparats und seiner Bürokratie. Und so nebenbei wird aufgezeigt, unter welchen Bedingungen die Menschen in der "guten alten Zeit" leben. Dass sich Frauen an Soldaten verkaufen (oder sonstwen mit Geld), ist normal. An jeder Bahnhaltestelle stehen sie. Schwejk bekommt eine Liebesnacht mit einer Jungbäuerin für das Versprechen, ihr ein Band zu kaufen. Dass sich die deutschs- und die ungarischsprachigen Österreicher als Herren aufspielen, ist auch Standardprogramm. Hašek kritisiert das nie offen, spricht nie direkt an, was er sagt. Alles kommt beiläufig daher, meist in komischen Situationen. Nur bei der Beschreibung des Schlachtfelds des Stellungskrieges geht auch ihm der Humor aus. Besser hat das nur Erich Maria Remarque beschrieben.

Die Bedeutung des Werks geht weiter über diese Epoche hinaus. Eine bissige Satire auf das Militär mit seiner Absurdität und Willkür verliert nie seine Bedeutung. Joseph Heller kommt in seinem berühmtem "Catch 22" zu sehr ähnlichen Resultaten wie Hašek. Was sehr dafür spricht, dass Hašek mit seinen Befunden nicht weit von der Realität entfernt ist. Das gilt in gleichem Maß für die Beschreibung der Bürokratie. Kritiker mögen einwenden, ein Mensch könne gar nicht so blöd sein, wie sich Schwejk stellt. Ein Blick auf die heimische Innenpolitik beweist, es geht. Vor allem rechts des gesunden Menschenverstands.

Und der Kampf gegen willkürlich agierende Autoritäten, die ihre Stellung oft ihrer Geburt und sonst nur ihrem Titel zu verdanken haben, wird wohl nie unaktuell sein. Besonders in Österreich. Leider. Das gleiche gilt für den selbst ernannten Patriotismus. Für alle, die gegen diese beiden Zustände, vorgehen wollen, ist der "Schwejk" eine hervorragende Motivation. Und manchmal eine Anleitung. Besonders für die, die der Kampf in jüngster Zeit erschöpft hat. Gerade die können das Lachen, das das Buch bei ihnen auslösen wird, gut gebrauchen. Für sie wird Schwejk zu einem geistigen Lebensretter werden.
Franz Parteder (Gast) - 5. Jul, 07:49

Bitte auch "Die Partei des maßvollen Fortschritts in den Grenzen der gesetze" lesen udn rezensieren.

Christoph Baumgarten - 5. Jul, 15:39

Franz: Bei Gelegenheit mach ich das sicher.

Darkdidi (Gast) - 5. Jul, 16:09

Der Artikel gewährt einen recht guten Einblick in einen Teil der tristen österreichischen Vorkriegszustände. Allerdings würde ich die damalige Stimmung, welche die Urkatastrophe des 20.Jh. ausgelöst hat, nicht als patriotisch, sondern als extrem nationalistisch bzw. chauvinistisch bezeichnen.

Christoph Baumgarten - 5. Jul, 16:18

Und worin genau liegt der Unterschied? Bis jetzt ist es noch niemandem wirklich gelungen, eine eindeutige Grenzlinie zu ziehen - was v.a. daran liegt, dass seit der Aufklärung über die Bedeutung des Begriffs Patriotismus gestritten wird. Der Begriff Hurra-Patriotismus stammt übrigens aus dem wilhelminischen Deutschland und beschreibt genau dieses wahnsinnige Verhalten, mit Hurra-Rufen auf Kriegserklärungen zu reagieren, sich massenweise freiwillig zu melden, jeden noch so absurden Befehl mit Freude auszuführen und es als Ehre zu betrachten, für das "Vaterland" zu sterben.

Darkdidi (Gast) - 5. Jul, 17:14

Ich schätze sie als gebildet genung ein, um mit den von mir verwendeten Begriffen etwas anzufangen. Es läßt sich in jedem guten Lexikon oder bei Wikipedia darüber nachlesen, trotzdem führe ich kurz meine persönliche Sicht der Dinge aus.
Sie werden wohl auch wissen, daß die Ziehung "eindeutiger Grenzen" in den Geisteswissenschaften nicht immer möglich ist.
Der Mensch hat in der Regel einen gewissen positiven Heimatbezug, der sich in erster Linie auf die ihn umgebenden Menschen und in zweiter Linie auf das ihn umgebende Land bezieht. Diese Heimatbezug, der sich oft dann bemerkbar macht, wenn man die Heimat verlassen hat und sie vermisst, ist ein Beispiel für Patriotismus. Ein weiteres ist z.B. das Verhalten der Menschen bei der aktuellen Fußball WM.
Im Gegensatz zum Nationalismus und zum Chauvinismus, sieht der Patriotismus fremde Nationen, Kulturen,etc....nicht negativ, minderwertig oder gar feindlich. Patriotismus und Pazifismus schließen sich also nicht aus. Patriotismus ist ein Positivbegriff, der bei den meisten Mitgliedern historisch gewachsener Nationen zu beobachten ist. Sobald er in Richtung Nationalismus kippt, fägt er an problematisch zu werden. Im Gegensatz zum Nationalismus ermöglicht er auch, die eigene Nation kritisch zu sehen.

Christoph Baumgarten - 7. Jul, 12:40

Didi: Unsere selbsternannten Vaterlandsbewahrer sehen das ein wenig anders. Nicht, dass das Beherrschen der deutschen Sprache oder Reflexionsfähigkeit zu deren Kardinaltugenden zählen. Aber es zeigt, dass die Abgrenzung nicht so eindeutig möglich ist, dass der Begriff Patriotismus nicht missbraucht werden kann. Oder anders gebraucht?

Anonym (Gast) - 7. Jul, 21:50

Es ist ein wenig schade, hier am Ausklang des ansonst recht guten Artikels von Kampf zu lesen.

Patriotismus muss nichts schlechtes sein, solange er daraufhin gerichtet ist, ein Ziel gemeinsam zu erreichen. Wobei es mich ärgert, dass die "Partei der ehrlichen und anständigen" seit geraumer Zeit versucht, alle derartigen Begriffe (Heimat, Patriot usw.) unter den Nagel zu reißen und all diejenigen, die nicht zur Partei gehören, mal eben als Heimatfeinde zu diffamieren. Die Taktik gab es aber auch schon früher.

Da ist es dann auch schade, wenn z.B. hier zumindest zwischen den Zeilen voll auf diese Begriffsumdefinition eingestiegen wird.

Dem Rest stimme ich uneingeschränkt zu. Während militärische Umgangsformen zum Zweck der Landesverteidigung ihren Sinn haben (auch wenn ein Heer sehr oft von der Politik missbraucht wird), haben sie im alltäglichen Leben nichts zu suchen. Ein militarisierter Staat ist ohnehin gräßlich und abzulehnen.

Christoph Baumgarten - 7. Jul, 22:55

Genau genommen ist in diesem Absatz sehr bewusst vom selbst ernannten Patriotismus die Rede...

Alfred Koch (Gast) - 11. Jul, 18:07

"Die letzten Tage der Menschheit" auf Tschechisch also. Dem pflichte ich, seit ich mit diesem Stück Literatur in Berührung gekommen bin, bei. Ich habe den Schwejk damals als als Jugendlicher zwar nicht gelesen, aber Fritz Muliar im Film ihn spielen gesehen. Lachen, das weiß ich noch heute, konnte ich dabei selten bis nie, vielmehr ist mir eine Abscheu erinnerlich für diese letzten Zuckungen einer Gesellschaft, die nicht einmal der Schwejksche Humor lindern konnte. Vielleicht rührt meine Sissi & Antel-Allergie genau daher.

Christoph Baumgarten - 11. Jul, 18:09

Eine gesunde Allergie, wie ich bemerken darf.


logo

Politwatch

Blog für alle, die sich nicht länger für dumm verkaufen lassen wollen

Über Politwatch

Christoph Baumgarten

Mein Name ist Christoph Baumgarten und bin seit mehr als einem Jahrzehnt im Journalismus. Dieser Blog soll meine Sicht auf die politischen Entwicklungen in Österreich wiedergeben. Wobei im Moment der Ausdruck Zustand angebrachter wäre, wenn man an die heimische Politik denkt. Politwatch zeigt gerne vergessene Zusammenhänge auf und soll den Menschen eine Stimme geben, die auch angesichts der zunehmenden geistigen Verwahrlosung in diesem Land ihre fünf Sinne zusammen haben und nicht vergessen haben, was bei Politik im Mittelpunkt stehen sollte: Der Mensch mit seinen Bedürfnissen. Ein Hinweis für InhaberInnen eines Accounts auf twoday.net: Es gibt einen e-mail-Abodienst für neue Beiträge und Kommentare.

Free Text (2)

Christoph Baumgarten

Letzte Kommentare

Schießen als „politische...
Die rechtsradikale FPÖ sorgt zum zweiten Mal innerhalb...
Christoph Baumgarten - 1. Sep, 21:46
Es gibt aber nun mal...
Es gibt aber nun mal Flüchtlinge, die in ihren...
Michael (Gast) - 31. Aug, 21:13
vielleicht kann mir der...
vielleicht kann mir der gut informierte (sarkasmus...
Dagmar (Gast) - 31. Aug, 13:10
hehe
Also: Wir ignorieren die Realität oder biegen...
Christoph Baumgarten - 31. Aug, 07:13
Was hat das mit Transit-...
Was hat das mit Transit- und Zielland zu tun? Du schreibst...
Michael (Gast) - 30. Aug, 23:09
Da spricht wieder einer,...
Wie du wissen solltest, ist Österreich für...
Christoph Baumgarten - 30. Aug, 21:07
Interessant finde ich,...
Interessant finde ich, dass gerade Du so tust, als...
Michael (Gast) - 30. Aug, 21:01
Die Argumentation schwächelt...
Die Argumentation schwächelt vor allem in den...
Joachim Losehand (Gast) - 30. Aug, 19:21
Mizzis Wirklichkeit
Sapperlott. Was haben wir für eine Innenministerin....
Christoph Baumgarten - 30. Aug, 18:20
tsss
hast den entwurf der verfassung der fler abgeschrieben? klingt...
saxo (Gast) - 30. Aug, 11:53

Suche

 

RSS Feed

vi knallgrau GmbH

powered by Antville powered by Helma


Creative Commons License

xml version of this page
xml version of this page (with comments)

twoday.net AGB

Web Counter-Modul


Profil
Abmelden
Weblog abonnieren