Ein bisschen mehr Vernunft
In Österreich gibt's immer weniger Katholiken. Nur mehr 67 Prozent der Bevölkerung sind Angehörige dieser Konfession. Zumindest auf dem Papier. Vor 50 Jahren waren es mehr als 80 Prozent. Die katholische Kirche versucht die Entwicklung wegzuargumentieren. Eine Analyse.Etwas weniger als 5,6 Millionen Menschen sind auf dem Papier Angehörige der katholischen Kirche. Praktizierende Katholiken gibt es weitaus weniger. Selbst bei großzügiger Auslegung der Angaben des Pressereferats der Erzdiöese Wien kommt man auf nicht mehr als etwa 40 Prozent Katholiken, die irgendwann in eine Kirche gehen. Regelmäßig tun das nur 13 Prozent. Auch das ist weniger als früher.
Die Schafe werden weniger und sie lassen sich immer weniger von ihren Hirten herumkommandieren. 40.000 Menschen sind ausgetreten, 5.000 Menschen sind eingetreten. Die Zahl der Katholiken ist um etwa 24.000 gesunken. Die Differenz machen die Taufen aus. Eltern sorgen für unaufhörlichen Nachschub an Menschenmaterial. Sie haben der Kirche im Vorjahr Zehntausende neue Schäfchen zugeführt.
(Genauere Zahlen siehe http://oesterreich.orf.at/stories/383720/)
Gäbe es keine Austritte, würde die Zahl der Katholiken in Österreich sogar steigen. Die Zahlen hier verraten mir: Es sind um 11.000 Babys mehr zwangsverpflichtet worden als Katholiken gestorben sind. Das ist aus Sicht eines Freidenkers weniger erfreulich.
Traditionalismus und Feigheit
Wer zwangsrekrutiert heute sein Kind noch für die Kirche, fragt man sich angesichts der Austrittswelle. Betrachtet man die langfristigen Entwicklungen, wird klar: Es sind Menschen in eher ländlichen Gebieten, die für den unaufhörlichen Nachschub an katholischem Menschenmaterial sorgen.
Sie tun es oft aus Traditionalismus und manchmal aus Feigheit. "Das gehört halt dazu", heißt es oft. Oder: "An irgendetwas muss der Mensch ja glauben". Warum, können sie nie argumentieren. Da wird höchstens etwas vo "Werten" gefaselt, die die Kinder mitbekommen würden. Und, die Kinder sollten es ja nicht schwer haben im Leben.
Konfessionslos sein am Land ist keine angenehme Angelegenheit. Die Eltern oder Großeltern sind meist noch Mitglied der katholischen Kirche und machen Druck auf Kinder und Enkel, Mitglied zu bleiben und das Kind ja taufen zu lassen. In der Schule oder im Kindergarten kann es schon mal passieren, dass die Kleinen zwangsweise in den katholischen Religionsunterricht gesteckt werden. Die betroffenen Eltern tun häufig nichts dagegen. Schaden kann's nicht, sagen sie oft. Nicht daran denkend, dass der konfessionelle Religionsunterricht als vor allem als Propagandainstrument konzipiert ist. Schüler werden bei uns als noch zu werdende Katholiken/Protestanten/Muslime etc. gesehen, die man ausbilden muss. Das Menschsein und Menschwerden der Kleinen hat da Nachrang.
Kirche will Mitgliederschwund wegargumentieren
Vielleicht ist das ein Grund, warum der nachhaltige Mitgliederschwund in der Erzdiözese Wien nicht zu Panikreaktionen führt. Auch finanziell halten sich die Auswirkungen entgegen der kirchlichen Propaganda eher in Grenzen. Mit dem Dauer-Lamento will man eher den Schafen ein schlechtes Gewissen einreden als einen Zustand beschreiben.
Der katholischen Kirche fließt der Löwenanteil der jährlich 2,5 Milliarden Euro direkter und indirekter Förderung von Bundes- und Landesregierungen und Gemeinden für Religionsgemeinschaften dazu. Mit einem solchen Geldfluss lassen sich die paar Millionen, die man weniger Kirchensteuer bekommt, eher leicht verkraften.
In Summe aus Sicht der Oberhirten keine erfreulich Entwicklung. Akut Sorgen machen muss man sich aber auch nicht. Dennoch zeigt sich Erich Leitenberger, Sprecher der Erzdiözese, bemüht, den Mitgliederschwund wegzureden. In Zusammenhang mit den neuesten Daten sagte Leitenberger, dass zur offiziellen Zahl noch eine schwer abzuschätzende Gruppe von "Untergrund-Katholiken" hinzugerechnet werden müsse: "Es gibt unter den Immigranten Katholiken, die aus Ländern kommen, in denen es nicht ratsam war - oder immer noch ist -, seinen Glauben zu deklarieren."
Heißt übersetzt: Dass die Katholiken immer weniger werden, gibt's gar nicht. Eigentlich ist eh jeder katholisch, nur sagt's halt keiner. Dass der Kirche die Leute wegrennen, bilden wir uns alle nur ein. Mit der Realität hält man's in der katholischen Kirche nicht so genau. Wenig überraschend, ist doch das Erzählen von Märchen ihre Geschäftsgrundlage.
Dass Leitenberger so argumentiert, überrascht wenig. Auch wenn die Entwicklung die Organisation nicht unmittelbar in ihrer Existenz bedroht, ist sie schlecht fürs Image. Es könnte doch jemand auf die Idee kommen, die kirchlichen Machtansprüche zu hinterfragen. Was berechtigt wäre. Abgesehen davon, dass das Recht von Religionsgemeinschaften, sich öffentlich wichtig zu machen und Einfluss auf Gesellschaft und Politik auszuüben, grundsätzlich skeptisch beurteilt werden sollte, stellt sich auch die Frage: Welche Berechtigung hat ein Verein, dem die Mitglieder zu Zehntausenden weglaufen, wie selbstverständlich die Gesellschaft insgesamt repräsentieren zu wollen?
Dem muss man mit allen Mitteln entgegenhalten, denkt man sich in der Kirche. So viel Realitätssinn hat man auch dort. Und wenn es mithilfe offenbar metaphysischer Logik ist und man offenkundige Entwicklungen mithilfe schwer überprüfbarer Behauptungen wegzurechnen versucht.
Bleibt aus Sicht eines Freidenkers die positive Entwicklung: Es gibt weniger Katholiken, Es scheint ein bisschen mehr Vernunft einzukehren in Österreich. Da mag die Kirche noch so unvernünftig argumentieren.
Christoph Baumgarten - 20. Aug, 10:09


