Die Verlorenen

Too little, too late. Selten hat das so zugetroffen wie auf die bedarfsorientierte Mindestsicherung, Auch wenn das vor allem auf die Kappe der christlich-sozialen "Volks"partei geht, die SPÖ kann sich nicht aus der Verantwortung stehlen. Einmal mehr hat sie sich nicht gegen die gebündelten Interessen der Unternehmer und des Kleinbürgertums durchsetzen können.

"Hat's denen alle Sicherungen rausgehaut?", fragt ein junger Sozialdemokrat, als er liest, was die Parteispitze bei der Mindestsicherung verbockt hat. Praktisch alle Vorsitzenden von SPÖ-Landesorganisationen formulieren es etwas diplomatischer. Den eigenen Kernbereich so kampflos aufgeben und das so zu bejubeln wie Bundesgeschäftsführer Günter Kräuter wird von beinahe der gesamten Partei als Provokation empfunden.

733 Euro, 12-mal im Jahr. Das ist vielleicht für Christian Ortner zu viel. Vielleicht verwechselt er das auch mit einem monatlichen Spesenkonto. Leute in seiner Gehaltsklasse verlieren leicht einmal den Bezug zur Realität. Ortner beweist das auf seinem Blog Tag für Tag. 733 Euro, 12-mal im Jahr. Das sind beinahe 200 Euro unter der Armutsgrenze - monatlich wohlgemerkt. Wie man das als Armutsbekämpfung verkaufen will, wie es Sozialminister Rudolf Hundstorfer (SPÖ) versucht hat, erschließt sich mir nicht ganz. Das ist in etwa so, als würde man behaupten, Bumsti Straches Ansichten hätten etwas mit Realität zu tun. Kein Ruhmesblatt für die Sozialdemokratie, noch dazu in einem ihrer Kernbereiche.

Dass jetzt auch ein Günter Kräuter draufkommt, dass das nicht so optimal ist, ist ein gewisser Trost. Dass er stolz drauf ist, dass die bedarfsorientierte Mindestsicherung keine soziale Hängematte ist, ist aber eine Frechheit. Selbst wenn - wenn Menschen so anspruchslos sind, dass sie mit 733 Euro, 12-mal im Jahr auskommen, sollen sie. Viele werden das nicht sein. Die Aussagen fallen unter die Kategorie Wählerverarschung.

Sicher, die Verantwortung tragen ÖVP und BZÖ. Das BZÖ hat die bundesweite Lösung mittels Kärntner Landesregierung mehr als ein Jahr verzögert. Und die "Volks"partei ist den Langzeitarbeitslosen das bisschen Geld schlicht und ergreifend neidig. Als Subvention an Unternehmer oder reiche Erben wär es schließlich besser aufgehoben. Das ist mittlerweile sogar dem angeblichen Arbeitnehmerflügel der ÖVP zuviel. Sogar der ÖAAB bezeichnet die Regelung als unsozial. Bemerkenswert. Beamte werden eher selten in Verlegenheit geraten, die bedarfsorientierte Mindestsicherung zu brauchen.

Der SPÖ bleibt - einmal mehr - sich nicht durchgesetzt zu haben. Was, polemisch formuliert, die Frage aufwirft, warum sie überhaupt in der Regierung sitzt. Eine der wichtigsten sozialpolitischen Reformen hat sie nicht durchgebracht. Die Vermögens- oder Vermögenszuwachssteuer hat sie kampflos aufgegeben. Mit der Anhebung des Arbeitslosengeldes auf ein menschenwürdiges Niveau wird's voraussichtlich auch nichts. Gleichzeitig weiß vermutlich niemand mehr, wie viele Milliarden mittlerweile an Banken und Unternehmen unter dem Titel "Krisenbekämpfung" gezahlt worden sein. Und da wundert man sich noch über die jüngsten Wahlergebnisse?
hc voigt (Gast) - 2. Aug, 18:25

naja, so polemisch finde ich die frage gar nicht.

gar nicht polemisch, eigentlich.

Karl-Hannes (Gast) - 2. Aug, 21:23

Tja, der Herr Hundstorfer war ja auch einer der Ersten, der seinerzeit, anfang der Krise vom Lohnverzicht angefangen hat zu reden ... Mir ist damals schon, ums salopp zu formulieren, das Gimpfte aufgangen...

Das jetzt wäre eigentlich ja nur die asoziale Fortsetzung...

Tja, ich prophezeie, dass die SPÖ keine Kehrtwende machen wird... dass sie weiter wurschteln wird und dann Final so ein Debakel bei den nächsten NR Wahlen erleben wird, dass ganz aus is ! ... Und dann heißts Vae Victis für die Genossen und Genossinnen an der Spitze ...
Dabei wäre eh zu hoffen, dass die Ratten das sinkende Schiff verlassen ...

alexandra bader (Gast) - 2. Aug, 22:33

du hast recht, und als der kräuter heute auch noch sagt, man muss aber per infokampagne erklären, dass nur ja keiner die mindestsicherung ausnutzen darf... ja, klar denkt ein erfolgloser wkmanager an kampagnen - aber wenns um den leistungsgedanken geht,wär er in jeder werbeagentur nach der eu-wahl nimmer dabei. und er tönt dann gross? aber die spö zeigt ohnehin auflösungserscheinungen, mit einem sozialminister, der sich mit "besser als nichts" (wortwörtlich) in sachen mindestsicherung zufrieden gibt, keine interessen vertritt, niemandem, der noch als sozialdemokrat im sinne von sozial und wissen, woher die soz.dem kommt auftritt (hallo aufwachen! wir steuern auf die zustände zu, die viktor adler einst angeprangert hat!). ich habe übrigens vergeblich über monate versucht, als journalistin ohne soziale absicherung (kein arbeitslosengeld, keine sozialhilfe, nur ein paar ersparnisse), die leute in der spö kennt, sowas wie aufträge zu erhalten. fast ohne erfolg, obwohl es ja nicht um almosen geht, ich ihnen zb sehr gern leute interviewt hätte, wie es ihnen geht md wirtschaftskrise. no chance - keiner in der sozialdemokratie weiss noch, dass es menschen gibt, denen keine partei und keine netzwerke zehn jobs nachschmeissen. aber sie wundern sich, warum sich die menschen von ihnen abwenden - na, wirtschaftsliberale, zynische parteien gibts wahrlich genug. werd dazu auch noch was schreiben, es ist auf meiner web auch einiges zu sozialen themen...

Klaudia Paiha (Gast) - 3. Aug, 15:23

tja, "mein" ex-präsident hat sich ja schon bei der frage um die erhöhung des arbeitslosengeldes nicht mit ruhm bekleckert, er fand ja das schon hoch genug! und das, obwohl der ögb unter seiner präsidentschaft (wohlweislich?) ohnehin nur eine erhöhung der nettoersatzrate auf 60% gefordert hat ...
ein trauerspiel das ganze ...

Mathias (Gast) - 4. Aug, 11:23

Hm... als jemand, der mit noch weniger Geld im Monat auskommen muss (705€, um genau zu sein), kann ich dieses "Gesudere" (sorry) über eine angebliche Menschenunwürdigkeit der Mindestsicherung nicht wirklich nachvollziehen. Mir scheint, manche verwechseln diese mit einem bedingungslosen Grundeinkommen, einem Arbeitsersatz quasi. Das ist aber definitiv nicht der Fall - die Mindestsicherung soll nur für das Nötigste reichen, und zwar so lange, bis man wieder beruflich tätig ist. Da es ja auch noch so etwas wie Wohn- und Kinderbeihilfe gibt, sollte eigentlich jeder Mensch damit gut auskommen, vorausgesetzt, er kennt die Definition des Begriffes "sparsam".

Demzufolge ist es für mich auch unverständlich, wieso es eine "Urlaubsmindestsicherung" und "Weihnachtsmindestsicherung" geben soll. Kritisierenswert ist eigentlich nur, dass man den Termin um ein Jahr verschoben hat, also auf September 2010.
Ansonsten ist es nun mal so, dass in Koalition mit einer wirtschaftsliberalen Partei auch die Sozis Rücktritte machen müssen - Kanzler hin oder her. Meiner Meinung nach ist die jetzige Lösung ein sehr guter Kompromiss aus roten und schwarzen Interessen.

Christoph Baumgarten - 4. Aug, 13:50

Mathias, mir tut es leid, dass du mit noch weniger Geld auskommen musst. Ich hoffe, diese Situation bessert sich bald.
Es ist nun einmal erwiesen, dass ein niedriges ALG oder eine niedrige Notstandshilfe den Arbeitsaufnahmeprozess keineswegs beschleunigen. Eher kann im Gegenteil davon ausgehen, dass beides zur Desozialisierung von Menschen beiträgt. Armut schafft eine permanente Stresssituation und macht die Betroffenen nicht nur krank. Sie verhindert auch in sich mit der Zeit steigerndem Maß, dass sie Initiativen ergreifen können, um aus der Armut zu kommen. Fortbildungsangebote etwa werden aus eigenem Antrieb seltener gemacht usw...
Und, ja, ich stehe dazu: Ein Lohn oder eine staatliche Sozialleistung, die unter der Armutsgrenze liegen, sind im siebtreichsten Land der Welt menschenunwürdig.

Karl-Hannes (Gast) - 4. Aug, 16:26

Wir sind nur mehr siebtreichstes Land ?!...

Christoph Baumgarten - 4. Aug, 16:29

Ach, da kursieren immer verschiedene Zahlen. Sechst- oder siebtreichstes Land der Welt, was macht das schon? Verdammt reich, aber leider gilt das nur für die obersten zehn Einkommensprozent.

alexandra bader (Gast) - 4. Aug, 21:07

habe blog zitiert in kommentar minisicherung oder das leben der anderen:

http://www.ceiberweiber.at/index.php?type=review&area=1&p=articles&id=1328

alexandra bader (Gast) - 4. Aug, 21:11

@ mathias. genau den neid unter denen, die nichts haben, will man doch. verd**** noch mal, der haljahresverlust der aua ist ein jahr mindestsicherung! mit dem, was zum aua-verkauf dazugezahlt wird, kann man die grundsicherung und mehr finanzieren! wenn wir uns alle untereinander immer was wegnehmen und neidig sind, werden immer die "reichen" noch mehr kriegen und die armen arm bleiben! PS: ich lebe von wenigen ersparnissen, bin arbeitslose journalistin ohne anspruch auf arbeitslosengeld, kann keine sozialhilfe kriegen, da ich wohnung abbezahle und weiss auch nimmer, was ich tun soll. aber ich weiss, es geht um solidarität und nicht um neid. und wenn ich heute wieder einmal fast nichts esse, um zu sparen, aber das weiss ich.

Mathias (Gast) - 4. Aug, 21:40

@Christoph: Ich bin ja gegen Armutsbekämpfung - in einem geregelten Maß. Nur sehe ich nicht, wo 733€ da nicht ausreichen sollen. Ich habe eben die persönliche Erfahrung gemacht, dass es sich damit (und mit anderen staatlichen Alimentierungen) recht gut leben lässt - sofern man auf Luxus wie Urlaub, Plasmafernseher oder Haustiere verzichten kann.
Und sorry, aber wer nicht mal den Antrieb dazu findet, einen blöden AMS-Kurs zu besuchen (deren Angebot sich sicherlich verbessern lässt, keine Frage), ist irgendwo auch selbst schuld und kann sich nicht immer auf eine angebliche Desozialisierung ausreden.

@Alexandra:
Welcher Neid? Ich bin nicht auf die Armen neidig, auf ihre Mindestsicherung. Ich hege lediglich die Ansicht, dass zwölfmal 733 Euro völlig ausreichend sind, wenn man bedenkt, dass für diese Geld kein krummer Finger gerührt werden muss, dafür aber andere Leute Teile ihres erwirtschafteten Geldes abgeben müssen. Aus dieser Tatsache heraus können armutsgefährdete Menschen doch durchaus froh sein, wenn ihnen immerhin ein bisschen was zusteht - was in anderen Ländern auch nicht selbstverständlich ist. Dann kommen aber wieder irgendwelche Leute und wollen noch mehr. Und wären von Anfang an 16 Mindestsicherungen geplant gewesen, wären 14 wahrscheinlich immer noch zu wenig gewesen, weil die SPÖ ja umgefallen ist. So funktioniert aber keine Koalition und Armutsbekämpfung auch nicht alleine dadurch, dass man armen Leuten möglichst viel Steuergeld zusteckt.

PS: Was die AUA betrifft, gebe ich dir natürlich vollkommen recht. So wie auch bei allen anderen steuergeldverschlingenden Staatsbetrieben hätte hier schon längst verkauft werden müssen, anstatt die Mär von der Notwendigkeit einer staatseigenen Fluglinie krampfhaft aufrecht zu erhalten.

Mathias (Gast) - 4. Aug, 21:40

Ich meinte natürlich: FÜR Armutsbekämpfung - in einem geregelten Maß.

123 (Gast) - 5. Aug, 09:43

der hundstorfer ist nach faymann eben der zweitbeste övp-mann.

sollte doch schon den meisten aufgefallen sein.

battl (Gast) - 17. Nov, 16:00

werter mathias, du willst mir echt sagen, dass du für einen sinnlosen ams-kurs (zb zum 6ten mal den gleichen oder für menschen mit deutscher muttersprache einen deutschkurs für migranten) antreibe hättest? gehst du auch 6mal zur gleichen vorlesung?

battl (Gast) - 17. Nov, 16:06

außerdem: ich habe auch für banker einen teil meines hart erwirtschafteten geldes ausgeben müssen, ohne was für den crash zu können! ich gebe auch für div. dinge steuergeld aus, was 10mal unsinniger ist, als armen leuten mehr zu geben (es gibt keine jobs für alle, also müssen arbeitslose unterstützt werden)

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