Die eigene Angst

Kritiker zu beleidigen gehört zu den zentralen Strategien eines rechten Wahlkampfs. Manchmal ist es eine sehr entlarvende Strategie.

Nur Scheisse was Sie hier schreiben !, schreibt ein "Josef Stein" über meine Schilderungen des rassistischen Aufmarsches mit Neonazi-Beteiligung am Donnerstag in Wien. Abgesehen von der Rechtschreibung (Scheiße schreibt man immer noch mit ß) frage ich mich: Was will mir dieser interessante Zeitgenosse sagen? Diese äußert differenzierte Kritik wirft mehr Fragen auf, als sie beantwortet. Da hat sich jemand offenbar viel Mühe gemacht, seine Gegenposition klar zu machen.

Das einzige, was ich mit Sicherheit behaupten kann, ist, dass dieser Zeitgenosse etwas gegen meinen Blog hat. Das steht ihm zu. Es steht ihm auch zu, das zu dokumentieren. Ich freue mich an sich über negative Kommentare. Als Skeptiker halte ich es für nie ganz ausgeschlossen, dass ich mich irre. Ich lasse mich gerne auf Diskussionen ein, ich setze mich gerne mit den Ansichten politisch Andersdenkender auseinander. Nur, was sind die Ansichten dieses "Josef Stein"? Was kann er artikulieren mit Ausnahme des S-Wortes? Und, was hält er für "Scheiße"?

Ich kann nur spekulieren, aus welcher Richtung dieser Zeitgenosse kommt. Seine Artikulationsfähigkeit lässt mich vermuten, dass er Parteiangestellter der FPÖ ist, möglicherweise auch Funktionär. Aber ich kann mich irren. Jedenfalls scheint er mit dieser Partei zu sympathisieren, warum auch immer. Bei den meisten Wählern ist das nicht klar. Man ist dagegen. Wogegen, kann man nicht immer klar sagen. Und man hat Angst. Es ist eine diffuse Angst, die sich durchs halbe Leben zieht. Eine Angst, die man zu bekämpfen versucht, indem man sie als Aggression nach außen kommuniziert. Das macht es schwer für demokratisch interessierte Menschen, mit ihnen zu sprechen. Ihnen die Angst zu nehmen. Sie hinzuweisen, dass man Probleme lösen kann. Mit einem konstruktiven Ansatz dringt man schwer vor zu Menschen, die in einer Angst gefangen sind, deren Auslöser sie nicht ansprechen können, deren Ursachen ihnen meist selbst unbewusst sind. Wer versucht, das zu ergründen, ist oft konfrontiert mit Aggression. Wer setzt sich gern mit der eigenen Angst auseinander?
http://www.politwatch.at/stories/die-bumsti-waehler/

Das gilt auch für diesen Zeitgenossen, wenn er "nur" mit der Bürgerinitiative "Moschee ade" sympathisiert. Auch diese speist sich aus einer diffusen Angst vor Veränderung. Um Verkehrslärm und Parkplätze geht es bestenfalls vordergründig. Man will verhindern, dass das als fremd empfundene sichtbar wird. Nur, was man nicht sieht, kann man verdrängen. Migranten dürfen aus Sicht dieser Menschen nicht den ihnen zustehenden Platz im öffentlichen Raum in Anspruch nehmen. Vor nichts hat man mehr Angst als vor dem sichtbar gewordenen Fremden. Dass die Bürgerinitiative so militant auftritt und bewusst in Kauf nimmt, dass Neonazis sie unterwandern, macht es unmöglich, mit ihr zu kommunizieren. Hier wird abgeblockt. Nur, wer die Mitglieder in ihrer Angst bestätigt, ist willkommen. "Abendland in Christenhand", um die zentrale Botschaft der FPÖ bei der EU-Wahl zu zitieren. Wer die Angst hinterfragt, sie zu nehmen versucht, wird verspottet und angegriffen. Wenn nicht von der Bürgerinitiative, dann von ihren Helfern. Vermittlunsversuche sind bisher gescheitert. Ähnlich ist es in Bad Vöslau abgelaufen. Ich hab das damals in einer Reportage festgehalten.
Spiel-mit-der-Angst (doc, 32 KB)

"Josef Stein" muss es sich gefallen lassen, dass ich ihn in die Nähe der FPÖ rücke. Selbst wenn er "nur" mit Bürgerinitiative sympathisiert. "Moschee ade" hat sich in die Arme von Bumsti Strache und von Neonazis geworfen. Wer sich mit Hunden schlafen legt, wird mit Flöhen aufwachen. Wenn "Josef Stein" glaubt, er könne all das abblocken, indem er Andersdenkende beschimpft, irrt er. Irgendwann wird er sich seiner Angst stellen müssen. Ich wünsche ihm, dass er dann bessere Helfer findet als Bumsti Strache.
Kraut (Gast) - 16. Mai, 13:40

Eine Sache sollte nicht mehr wiederholt werden (damit ist gemeint der ehemalige Obmann dieser Partei). Kosenamen zu verwenden, wenn auch in kritischer Absicht. Jemand mit Kosenamen hat schon einen Vorsprung. Und das andere: keine Zuspitzung auf einen Person hin; auch das bringt Vorteile, gibt dieser Person mehr Bedeutung. Heinz-Christian Strache ist einer unter vielen in dieser Partei mit äußerst schwer ertragbaren Ansichten. Und eine Zuspitzung auf Herrn Strache bedeutet das stille Einverständnis zu einer Führergesellschaft.

Christoph Baumgarten - 16. Mai, 16:03

Ich habe mir diese Fragen durchaus selbst gestellt und lange überlegt. Ich anerkenne deine Argumente, teile sie aber nicht. Ich denke, die Zeit ist da, die Samthandschuhe auszuziehen, mit der diese Menschen bisher angefasst wurden.
Das Führerprinzip der FPÖ gegen sie zu kehren, ist nicht gleichbedeutend mit einem stillen Einverständnis zu einer Führergesellschaft, zumal dieser Blog primär der Kritik gewidmet ist und es (anerkennend) anderen überlässt, politische Alternativen zu entwickeln und anzubieten.
Danke auf jeden Fall für den Kommentar.

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Mein Name ist Christoph Baumgarten und bin seit mehr als einem Jahrzehnt im Journalismus. Dieser Blog soll meine Sicht auf die politischen Entwicklungen in Österreich wiedergeben. Wobei im Moment der Ausdruck Zustand angebrachter wäre, wenn man an die heimische Politik denkt. Politwatch zeigt gerne vergessene Zusammenhänge auf und soll den Menschen eine Stimme geben, die auch angesichts der zunehmenden geistigen Verwahrlosung in diesem Land ihre fünf Sinne zusammen haben und nicht vergessen haben, was bei Politik im Mittelpunkt stehen sollte: Der Mensch mit seinen Bedürfnissen. Ein Hinweis für InhaberInnen eines Accounts auf twoday.net: Es gibt einen e-mail-Abodienst für neue Beiträge und Kommentare.

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