Die Bumsti-Wähler

Ein Schanigarten-Tisch am späten Sonntagvormittag, feiernde Wiener und die Politik. Bumsti Strache steigt als Sieger einer Diskussion aus, bei der nicht alle Beteiligten genau wissen, worum es geht.

Nicht wählen am 7. Juni oder Blau wählen? Eine hitzige Debatte am späten Sonntagvormittag in einem Schanigarten am Yppenplatz. Leere Schnaps- und Biergläser stehen am Tisch. Einer in der Runde ist vor geraumer Zeit eingeschlafen. Der Hauptredner mit einem beginnenden Sonnenbrand auf der Glatze hat einen leichten Zungenschlag. Unüberhörbar seine Argumente für Kaffeetrinker und Zeitungsleser an den Nebentischen.

"Heast, da doaf ma net wö'n geh'. Do untastütz ma nua des System", zeigt sich der Redenschwinger überzeugt. Er fuchtelt mit den Armen und steht auf. "Wenn ma wöhl'n geht, kummt die Tiakei noch Europa". "Geh, Bledsinn", wirft die vollschlanke Tischnachbarin ein, ein leeres Schnapsglas vor sich stehend. "Die wuin jo söba net noch Europa". "A geh, wos host'n du fia a Aohnung". Zustimmendes Nicken eines weiteren Mannes am Tisch. "I woa scho dreiß'g moi unten, i waß wovun i red".

Die Gruppe hatte sich vorher über ein bevorstehendes Sportfest unterhalten, das die offensichtlichen Passivsportler besuchen wollen. Die EU und die Türkei waren unvermittelt als Gesprächsstoff aufgetaucht. Nicht von außen hereingetragen, einfach so. Wenn die Türkei zur EU kommt, ist alles aus, erfährt der interessierte Zuschauer. Darin sind sich alle einig. Was so schlimm werden wird, können die Diskutanten selbst nicht artikulieren. Nur, dass. Nachfragen will man als Zuhörer eher nicht. Der Redenschwinger gestikuliert schon jetzt so wild und versucht Reden gegen EU, Türkei, Euro und alles sonst zu schwingen. Man verkneift sich den Hinweis, dass mit der Türkei etwa nur lange, zähe Beitrittsverhandlungen laufen und ein Beitritt frühestens in etwa zehn Jahren spruchreif ist. Möglicherweise zustandsbedingt bricht er jedes seiner Argumente ab, nachdem er: "Des is a Wahnsinn" oder ähnliches gesagt hat. Einem Argument oder zumindest einer Beschreibung der Ursache der Unzufriedenheit am ähnlichsten sind Äußerungen wie: "Es wiun olle den Schülling z'ruck" und: "In da Tiakei gibt's ka römisch-katholische Kiach'n".

Die Macht "des Juden"

Die Vollschlanke widerspricht gelegentlich. "Des is afach net aso". Was nicht so ist und möglicherweise warum, bleibt Gegenstand der Interpretation des Zuhörers. Ein nicht-schlafender Zuhörer bestellt noch ein Bier. Seines ist warm geworden. Andächtig lauscht er dem Redenschwinger, der versucht, die anderen zu überzeugen, nicht wählen zu gehen. Inmitten einer der Reden, die selten länger sind als drei Sätze, bricht er ab. Einen Ausweg gebe es, sagt er. Vielleicht sei es doch besser, blau zu wählen. "De Amerikana und da Jud wuin, dass die Tiakei zua EU kummt. Da Jud hat so vü Mocht, do passiat des. Außa, mia wehren uns". Wer auch immer "der Jud" ist. Ein tiefer Blick in das, was andere gerne "Volksseele" oder "gesundes Volksempfinden" nennen.

Zustimmendes Nicken, nur die Vollschlanke widerspricht. "Heast, di wuin jo net". "I waß scho, dass Frau'n des ondas seg'n. Wei ihr tat's jo gean mit die Tiak'n bums'n". Auch das Liebenfels'sche Thema von den Phalli der "Tschandalen" scheint tief verwurzelt in der zitierten "Volksseele". "Heast, bist deppat? Des brauch i do net". In diesem Ton geht es weiter. Und doch werden beide bald einig. "Da Strache hod recht", auch wenn sie nicht ganz sicher scheinen, worin er Recht haben könnte.

Der Redenschwinger setzt sich, das Thema wechselt so abrupt wie das letzte Mal. Urlaubsreisen nach Tunesien und "bums'n". Am besten in der Kombination. Der geneigte Zuhörer denkt sich seinen Teil und verzichtet darauf, nachzubohren, Es wäre interessant zu wissen, woher die Diskutanten das, was sie für ihr Wissen halten, beziehen. Erleichternd nur, dass diese Diskussion nicht repräsentativ ist für die gesamte Wählerschaft in Österreich.
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Christoph Baumgarten

Mein Name ist Christoph Baumgarten und bin seit mehr als einem Jahrzehnt im Journalismus. Dieser Blog soll meine Sicht auf die politischen Entwicklungen in Österreich wiedergeben. Wobei im Moment der Ausdruck Zustand angebrachter wäre, wenn man an die heimische Politik denkt. Politwatch zeigt gerne vergessene Zusammenhänge auf und soll den Menschen eine Stimme geben, die auch angesichts der zunehmenden geistigen Verwahrlosung in diesem Land ihre fünf Sinne zusammen haben und nicht vergessen haben, was bei Politik im Mittelpunkt stehen sollte: Der Mensch mit seinen Bedürfnissen. Ein Hinweis für InhaberInnen eines Accounts auf twoday.net: Es gibt einen e-mail-Abodienst für neue Beiträge und Kommentare.

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