Der unbedankte Held
Deutschland berauscht sich heute am 20. Jubiläum des Mauerfalls. Der Jahrestag eines anderen Ereignisses, das die deutsche Geschichte mindestens ebenso hätte beeinflussen können, wird vergessen. Wie es seit Jahren vergessen wird. Heute vor 70 Jahren versuchte ein einfacher Schreiner, Adolf Hitler im Bürgerbräukeller mit einer Bombe zu töten."Ich wollte ja auch durch meine Tat ein noch größeres Blutvergießen verhindern." Der Schreiner, der Arbeiter (Johann) Georg Elser bewies mehr Weitblick als die Herren Generale oder der Klerus. Vielleicht erklärt das, warum man ihn so oft und gern vergisst. Vielleicht stört es auch das neue deutsche Harmoniegefühl, dass er in seiner Jugend Kontakt zu kommunistischen Jugendorganisationen hatte. Vielleicht passt es auch nicht so recht ins Bild, dass nicht nur die Verhinderung eines neuen Krieges ihn zu dem Attentat trieben. Es war auch die Lage der Arbeiterklasse in Deutschland.
Er, der Schreiner, blickte hinter die Lüge des angeblichen Segens, den die Nationalsozialisten für die werktätigen Massen in Deutschland waren. Jeder hatte Arbeit. Ja. Um zu Krieg zu rüsten. Und die Weltwirtschaftskrise war im wesentlichen überstanden. Ohne Zutun der Nazis. Was brachte die angebliche Arbeiterpartei den Menschen? Einen niedrigeren Lebensstandard als 1929. Inflation. Knebelungen bei Kündigungen. Ein Ende nicht nur der politischen Freiheit. Auch der ökonomischen.
Das sah Georg Elser, während die Herren Generale und gute Teile des deutschen Klerus und dessen, was sich für die bessere Gesellschaft hielt, begeistert den Arm zum Hitler-Gruß hochrissen. Und die Herren Krupp und Thyssen den Nazis die Millionen munter überwiesen. Auch Jahre, nachdem sie Adolf Hitler mit ihrem Geld und ihrem Einfluss zum Reichskanzler gemacht hatten. Er leistete ganze Arbeit für sie. Georg Elser sah das.
Vielleicht macht man ihm das bis heute zum Vorwurf. Vielleicht auch der fehlende patriotische Pathos. Auch der Glamor-Faktor ist eher niedrig, im Vergleich zu einem Stauffenberg. Den kann man leichter hofieren. Schaut, die Elite macht doch die besseren Anführer. Oder wenigstens religiöse Motive. Schaut, die Kirche hat nicht kollaboriert. Der Mann aus dem Volk, den der berühmte Film nicht ohne Grund einen aus Deutschland nennt, passt nicht so ins Bild.
Er entlarvt die Selbstlüge der deutschen Eliten, die sich nach Kriegsverbrechertum und Kriegsprofitlertum gerne zum Hort des Widerstands hochstilisiert. Nicht, dass ich einem Stauffenberg den Heroismus abspreche. Nur, der große Demokrat war er auch nicht. Und lang genug hatte er sich von Hitler einkochen lassen. Es ehrt ihn, dass er spät aber doch die Klarheit hatte, zu tun, was getan werden musste. Nur, das hat der Arbeiter Elser auch.
Einzig die DDR, die vielgeschmähte, gedachte Elsers. Die Bundesrepublik vergass ihn schnell und gern. Zu unbequem ist einer wie Elser. Von Österreich konnte man das sowieso nicht erwarten.
Es ist Zeit, diesen Helden zu ehren. Über den Georg-Elser-Arbeitskreis hinaus. In Wien könnte man eine Straße nach ihm benennen. Da würde sich der Karl-Lueger-Ring anbieten. Oder die Ostmarkgasse. Die Schönborn- oder Habsburgergasse wären ebenfalls brauchbare Kandidaten, um den Namen des Arbeiters zu tragen, der als einer der ersten die Lügen der Nazis durchschaute und tat, was ein vernünftig denkender Mensch tun musste. Er nützte seine Fähigkeiten, um dem Verbrecherregime ein möglichst schnelles Ende zu bereiten.
Christoph Baumgarten - 8. Nov, 22:17


