Der kleine Unterschied

Wie hart darf man mit Freiheitlichen umgehen? Wie weit rechts steht die SPÖ? Darf man ihr ihre Ausländerpolitik vorwerfen? Diese Fragen sind von Usern aufgeworfen haben, die hier diskutiert haben. Aus meiner Sicht gibt es hier eindeutige Antworten.

Ist die SPÖ so ausländerfeindlich wie die FPÖ oder würde sie ähnliche Gesetze vorschlagen? Nein. Auch wenn die SPÖ mit einer rechtspopulistischen Haltung liebäugelt, getrieben von einer falschen Interpretation von Wahlergebnissen, der Angst vor einem gesellschaftlichen Rechtsruck, den es objektiv gesehen gibt, eigenen rassistischen Funktionären (auch die gibt es in der SPÖ) und vom Koalitionspartner. Mir missfallen die Überlegungen, die die Parteispitze im Moment anstellt. Mir missfallen die Fremdengesetze, die die SPÖ mitbeschlossen hat. Ich halte diese Gesetze für diskriminierend und kontraproduktiv. Sie verschärfen die Probleme, mit denen sie gerechtfertigt werden. Aber die Initiative ging in keinem Fall von der Sozialdemokratie aus. Auch diese Realität muss man sehen.

Man kann der Sozialdemokratie in dieser Frage vorwerfen, aus opportunistischen Gründen und aus Feigheit ihre Prinzipien verraten zu haben. Man kann der SPÖ vorwerfen, keine Gegenmaßnahmen gegen die rechte Hetze zu ergreifen. Man kann ihr aber nicht vorwerfen, mit Law and Order-Parolen auf Stimmenfang zu gehen, diskriminierende Gesetzesvorlagen zu schreiben und gegen Ausländer zu hetzen. Das übernimmt im Nationalrat die FPÖ.

In der Regierung macht das die ÖVP. Aus Überzeugung, nicht aus Angst. Was sich die schwarzen Innenminister- und ministerinnen in dieser Hinsicht geleistet haben, spottet jeder Beschreibung. Seit Jahren versuchen die Schwarzen die FPÖ rechts zu überholen. Das juckt höchstens Menschenrechtsorganisationen, die sich dafür von ÖVP, FPÖ und BZÖ verhöhnen lassen müssen. Es waren Ernst Strasser, Liese Prokop, Günther Platter, Wolfgang Schüssel (und nochmal Günther Platter) und Maria Fekter, die aktiv die Bedingungen geschaffen haben, die einen Schubhäftling wahrscheinlich das Leben gekostet haben. Es waren ÖVP, FPÖ und BZÖ, die aktiv ein Klima geschaffen haben, in denen der Tote posthum beleidigt wurde. Das ist ein kleiner Unterschied zur zugegebenermaßen tragischen Rolle der SPÖ.

Geprügelt wird die SPÖ, die hier die Rolle der Getriebenen spielt (wenn auch nicht gerade die der Unschuld vom Land) schon. Aus linker Sicht gesprochen ist der Vorwurf an die Sozialdemokratie gerechtfertigt. Aus dem Munde eines Bürgerlichen ist der gleiche Vorwurf widerwärtig, falsch und selbstgerecht. Und schlichtweg ignorant. Aber mit der Wahrheit hat man es bekanntlich nicht so in der rechten Reichshälfte. Die Freunde von rechts des gesunden Menschenverstands sollten vor der eigenen Haustüre kehren.

Darf man Susanne Winter vorwerfen, die Wahrheit zu verdrehen und Verhetzung zu betreiben? Man darf. Juristisch ist die Sache eindeutig geregelt. Darf man ihr vorwerfen, Muhammed als Kinderschänder bezeichnet zu haben? Man darf. Das hat sie mit ihrer Formulierung gemeint, sich auf einen Teil der muslimischen Erzähltradition berufend. Historisch sind ihre Aussagen keineswegs belegbar. Erstens gibt es andere Erzähltraditionen, die das Alter der jungen Braut mit 16 angeben. Zweitens darf man, selbst wenn die Version mit der Sechsjährigen stimmt, die Situation im frühmittelalterlichen Arabien nicht vergessen.

Für ein Kind ohne lebende Verwandte war in vielen Fällen eine Heirat die einzige Versorgungs- und Überlebensmöglichkeit. So sehr das mit Sicherheit sexueller Ausbeutung in vielen Fällen Tür und Tor geöffnet hat - ein zwingender Hinweis, dass solche Ehen in jedem Fall und auch an Kindern vollzogen wurden, ist das nicht. Vielmehr ist diese Form der Ehe mit einer Form von Adoption zu vergleichen, wie es sie im Römischen Reich gab. Man darf davon ausgehen, dass das auch dort immer wieder zu sexueller Ausbeutung führte, aber mit Sicherheit in jedem Fall. In jedem Fall ist Susanne Winters Aussage faktischer Unsinn. Sie kann ihren Vorwurf durch nichts belegen. Das wird auch nicht dadurch besser, dass Winter ihn ein wenig relativierte.

Auch wenn das hier niemand so gesagt hat: Es gibt nach wie vor viele Menschen, die Winters Aussagen für gerechtfertigt halten. Ihnen sei folgendes Gedankenexperiment ans Herz gelegt. (Aus juristischen Gründen muss ich hier ein wenig vorsichtig formulieren.) Gehen wir von der christlichen Tradition und freiheitlichem Verständnis aus. Gemäß Neuem Testament hat Gott - auf welche Art auch immer - ein junges Mädchen geschwängert. Die Maria der Geschichte kann auf keinen Fall älter als 15 gewesen sein, wahrscheinlich war sie eher zwölf oder dreizehn. Ab diesem Alter galten Mädchen in diesem Teil der Welt (und nicht nur in diesem) nicht nur als heiratsfähig sondern als so bald wie möglich unter die Haube zu bringen. In jedem Fall hat jemand, den man gemäß Erzähltradition zweifellos als Autoritätsperson bezeichnen darf, die Schwangerschaft eines heute als minderjährig geltenden Mädchens zu verantworten. Wie würde man so jemandem nach heutigem Rechtsverständnis nennen?

Ich halte die Geschichte ohnehin für ein Märchen. Menschen, die das Märchen für plausibel halten und denken, Muhammed sei nach heutigem Verständnis ein Kinderschänder, sollten darüber nachdenken, was sie gesagt hätten, hätte Susanne Winter das Resultat meines Gedankenexperiments in ihrer provokanten Art geäußert. Die Frau wäre vermutlich gelyncht worden.
Kraut (Gast) - 1. Okt, 06:39

Es kommt menschgemäß darauf an, nach welchem Rechtsverständnis geurteilt wird. Für ein Mitglied der römisch-katholischen Kirche und damit auch Förderer eines absolutistisch regierten Staates fällt die Anwort mit dem Hinweis auf das extrem niedrige Schutzalter im Vatikan anders aus als für beispielsweise einen Staatsbürger einer demokratischen Republik mit einem höheren Schutzalter als nur 12 Jahre. Zu beantworten bleibt, welches Rechtsverständnis hat ein österreichischer Staatsbürger als Mitglied der römisch-katholischen Kirche.
Dazu noch ein mittelbarer Link: http://bernhardkraut.wordpress.com/2009/09/20/christoph-schonborn-missonsapostel-kreuznetter-sozial-heimatlicher-parteien/

F (Gast) - 2. Okt, 16:22

"Aber die Initiative ging in keinem Fall von der Sozialdemokratie aus. "

Das ist zweifellos richtig.

Christoph Baumgarten - 3. Okt, 09:11

Bernhard: Im Kampf gegen die FPÖ und das, was sie Argumente nennt (eine Verhöhnung jeglicher Definition von Argument), sollte man auf Subtilitäten verzichten. Das kapieren die ohnehin nicht.

hans huber (Gast) - 4. Okt, 12:56

@Christoph:
Einem Bürgerlichen das Recht abzuerkennen, heuchlerische Aktivitäten einer SPÖ zu kritisieren, finde ich sehr seltsam und bestätigt wieder einmal die linke engstirnige, unsachliche und vollkommen unreflektierte Denkweise, insbesondere wenn Argumentationsnotstand vorliegt. Nur, weil ein Bürgerlicher eventuell rechts der SPÖ steht, sollen sämtliche Kritiken an Parteien, die weiter links stehen, "widerwärtig, falsch und selbstgerecht" sein ? Wird so "argumentiert", wenn den Linken wieder mal die Argumente ausgehen ? Selbst eine rechte Partei darf wohl die Doppelmoral der SPÖ kritisieren, oder ?

Dürfte man auch nicht den weit rechts stehenden ehemaligen SPÖ Innenminister und stolzen Preisträger des Big Brother Awards 1999 Schlögl für sein Lebenswerk kritisieren. Er hat demonstriert, dass selbst eine etwas linkere Partei entgegen ihrer offiziellen(!) Grundsätze, Grundrechte einschränken und weit nach rechts gehen darf, ohne von den Wählern abgestraft zu werden. Er hat die Grundlage dafür geschaffen, dass die späteren Ressorträger der scharz-blauen Regierung keine Scheu mehr hatten, sein Werk fortzusetzen.

Ignorant finde ich das Anprangern keineswegs. Die SPÖ ist seit Jahren die einzige Partei, die ihren verblendeten Wählern Versprechungen macht, und sobald sie ihre Macht oder ihr Dasein gefährdet sieht, ihre Ansichten und Denkweise 180 Grad dreht. Ich finde, es ist das Recht eines jeden Menschen - egal ob er der linken oder bürgerlichen Wählerschicht angehört - selbst Missstände der SPÖ zu kritisieren, insbesondere dann, wenn - wie in den letzten Jahren immer offensichtlicher wird - wirtschafts- und nun leider auch schleichend sozialpolitisch - immer mehr mit den rechten Parteien, insbesondere mit dem rechtsextremen Strache, gekuschelt wird. Viele sehen diese schleichende Gefahr der SPÖ nicht, weil sie durch Wegschauen und Ignoranz sowie einseitigem Argumentieren nicht für deren Wähler sichtbar wird. So etwas war früher nur von der rechten Seite bekannt, obwohl diese aufgrund Ihrer - und das klingt jetzt wirklich seltsam - "Ehrlichkeit" rascher durchschaut werden können, als es bei der SPÖ möglich ist.

Wenn viele Menschen nicht die Augen öffnen und anfangen, denken zu lernen, wird es bei den nächsten Landtagswahlen und spätestens bei der nächsten NR-Wahl eine SPÖ/FPÖ Mehrheit geben. Wenn sich die SPÖ dann nach der fast 100%igen wirtschaftspolitischen Übereinstimmung auch in Sachen Sozialpolitik der FPÖ vollkommen angenähert hat, dann sehe ich den Zeiten sehr pessimistisch entgegen.

Man kann nur hoffen, dass diese Mehrheit dann wenigstens wahlarithmetisch nicht möglich ist, weil die SPÖ- und FPÖ Wähler im Prinzip die gleichen sind (und in Summe hoffentlich nicht mehr werden), je nachdem wer gerade mehr Populismus betreibt und je nachdem welche Partei gerade von einer bestimmten Zeitung unterstützt wird.

Christoph Baumgarten - 4. Okt, 13:20

Und, was hat die ÖVP gemacht? Die verarscht laufend ihre Wähler, da macht keiner den Mund auf. Aber bei der SPÖ, da darf man laut schreien und unterstellen, was das Zeug hält. So wie deine Analyse, die sich weder auf Empirie noch auf Logik stützt sondern rein auf bürgerliche Vorurteile. Dass es gerade die Kleinbürger sind, die die FPÖ wählen - egal. Man erklärt sie einfach zu Mitgliedern der Unterschicht und schon passt die Sache wieder.
Und: Nicht die SPÖ stimmt mit der FPÖ in Sachen Wirtschafts- und Sozialpolitik ein, die FPÖ lässt nur bei Bedarf ein paar Sager vom Stapel, die ähnlich klingen wie sozialdemokratische Konzepte. Wofür man dann der SPÖ die Schuld gibt.
Die SPÖ hat genügend Fehler gemacht, ist oft genügend degoutant aufgetreten, hat zu einem weitem Ausmaß ihre Misere selbst verschuldet. Aber es sind auch dumme Vorurteile, die kritiklos rezipiert und wiederholt werden, vor allem von den heimischen Tageszeitungen, die dazu beitragen. Wie sehr, zeigt dein Posting.

hans huber (Gast) - 4. Okt, 21:20

@ Christoph:
Ich sehe mich irgendwie gezwungen, die SPÖ zu kritisieren, weil bei Dir scheinbar immer nur alle anderen Parteien, mit Ausnahme der SPÖ und vielleicht noch der Grünen, beschuldigt werden, nichts für ärmere Bevölkerungsschichten zu tun ... nur Vorurteile Deinerseits, wie beispielsweise "die FPÖ hat noch nie etwas für ärmere Bevölkerungsschichten getan", stimmt doch überhaupt nicht. Ich habe beispielsweise mit vielen alleinerziehenden Müttern gesprochen - darunter auch nicht gerade ÖVP/FPÖ Fans - die froh waren, als die schwarz-blaue Regierung Anfang 2002 das Kindergeld eingeführt hat, um leichter über die Runden zu kommen, weil sie finanziell am Verzweifeln waren.

Ein weiterer Meilenstein war die Abfertigung Neu. Den Begriff "Abfertigung Neu" oder "Abfertigung" konnte ich kein einziges Mal auf Deiner Website mit Hilfe der Suchfunktion finden. Ich habs vermutet, dass hier Verdienste Deiner verhassten Parteien nicht mal erwähnt werden.

Wo verarscht eigentlich die ÖVP "laufend" ihre Wähler ? Oder vielleicht auch die Grünen ?

Was stützt sich weder auf Empirie noch auf Logik ? Meine Wählerschichten-Aussage ? Ich beschäftigte mich seit Jahren mit Wählerstromanalysen und den dafür notwendigen Optimierungsverfahren (Nicht-lineare Programmierung mit Karush-Kuhn-Tucker Nebenbedingungen, etc.) und weiß ganz genau, wie diese Wählerstromanalysen berechnet werden. Prof. Neuwirth präsentiert immer wieder auf seinen Vorträgen die dahinterstehenden Methoden. Und die Wählerstromanalysen belegen meine Behauptungen immer wieder.

Ich würde Dir empfehlen, Dich mal in die Materie einzulesen, weil DU behauptest, dass ICH es sei, der sich weder auf Logik noch auf Empirie stützt. In Wirklichkeit dürfte es genau umgekehrt sein. Wenn die Argumente der Linken (und natürlich auch der Rechten) ausgehen, wird immer behauptet, man hätte sein Wissen ausschließlich aus den Medien und nähme all dieses Wissen kritiklos hin und baue nur Vorurteile auf ohne stichhaltige Argumente.

Tja, lieber Christoph, ich denke Du sprichst hier ganz von Dir selbst ...

Die meisten meiner Punkte nehme ich übrigens nicht aus den Medien, wie Du behauptest, sondern lese mir ausführlich die Wahlprogramme, Parteilinien auf den Websites der Parteien durch, analysiere Interviews von Politikern und beobachte Konfrontationen der Spitzenkandidaten. Parteiischen Zeitungen wie Krone, Presse, Standard sehe ich natürlich durch, beeinflussen sicher unbewusst etwas meine Meinung genauso wie auch jene anderer Mitmenschen, dürfte aber nur minimale Auswirkungen auf meine Meinung und mein Wahlverhalten haben.

Hier dürftest Du wahrscheinlich resigniert haben, weil Du mich einfach aus dem blauen Himmel heraus als unreflektierten Leser bezeichnest, der keineswegs über Missstände reflektiert spricht.

Mit solchen unüberlegten Vorwürfen ohne stichhaltige Argumente bestätigst Du mich leider immer wieder ... schade. :-(

Bei all der Kritik: Wenn Du als Spitzenkandidat der SPÖ auftrittst, könnte ich mir sogar vorstellen, SPÖ zu wählen. Du bist einer der wenigen Idealisten, denen man heute noch begegnet. :-)

Bernhard Kölbl (Gast) - 7. Okt, 16:08

@Hans ich stimme dir völlig zu, daß die SPÖ in den letzten Jahren oftmals zu plötzlich und nicht immer glaubwürdig ihre Ansichten geändert hat - aber genau hier liegt der entscheidende Unterschied:
die SPÖ vertritt zumindest offen eine, natürlich subjektive, Meinung -
die ÖVP (speziell eine gewisse Gruppierung darin) dagegen versucht der Öffentlichkeit den Eindruck zu vermitteln, sie vertrete keine Meinung, sondern die objektive sachliche Wahrheit. (Und viele Medien haben dabei immer wieder mitgeholfen, was bei der engen Verknüpfung eines großen Teils der hiesigen Medienlandschaft mit Styria und Raiffeisen auch nicht allzu verwunderlich ist.)

SO verarscht die ÖVP ihre Wähler (mit Ausnahme derjenigen wenigen, die bewusst von deren Politik profitieren) - So hat sie es immer wieder getan, angefangen bei den Ereignissen Anfang der 30er Jahre, deren Schuld in der öffentlichen Meinung ja nachwievor 50/50 aufgeteilt bei beiden Großparteien liegt, obwohl das faktisch eindeutig völlig falsch ist.

Wolfgang Schüssel wurde dann zum Großmeister dieser Politik der unterbewussten Manipulation - Er hat es geschafft, nach einer für die Mehrheit größtenteils katastrophalen Politik mit Hilfe von nahezu perfekt eingesetzter NLP und großflächiger Medienkontrolle (inkl. damaligem ORF) einen Erdrutschsieg für seine Partei zu erreichen.
Und Strache probierts ja mit einer ähnlichen Taktik, wenn auch höflich ausgedrückt um vieles weniger gerissen und vermischt mit Populismus - Nach dem Motto "bombardieren wir die Leute solange mit falschen Zahlen und Fakten, bis genügend sie für wahr halten, und denjenigen reden wir dann ein, wir würden nicht EINE Meinung, sondern IHRE Meinung vertreten"

Aber bei einem sind wir uns einig: Einen Spitzenkandidaten Baumgarten würd ich auch sehr fein finden ;)

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