Der Angstmacher
Hans Dichand, Gründer und langjähriger Herausgeber der Kronen-Zeitung ist gestorben. Er war der einflussreichste Medienmacher des Landes. Ein Einfluss, der vor allem dem Nimbus zu verdanken war, den sich seine Zeitung gab.
Zu behaupten, ich sei aufs Äußerste bestürzt über das Ableben Hans Dichands, wäre eine gewisse Übertreibung. Mein Mitgefühl gilt seiner Familie und seinem Hund. Dass ich mich freue, kann ich auch nicht gerade behaupten. Nicht nur, dass mich ein gewisser Anstand daran hindern würde, das öffentlich hinauszuposaunen. Ich halte es auch für zu einfach, das miefig-reaktionäre Klima in Österreich allein an Hans Dichand festzumachen. Eine Dämonisierung des Alten hilft niemandem weiter. Und wäre sachlich auch nur bedingt berechtigt.
Nicht, dass mir Dichand je als Vertreter gesellschaftlichen Fortschritts erschienen wäre, als Stern der Arbeiter- oder Frauenbewegung, den das Schicksal wider eigenen Willen zum Herausgeber des Kampforgans des wehrhaften Kleinbürgertums gemacht hat. Er war und blieb Kleinbürger und die Zeitung, die ihm zu Macht und Einfluss verhalf, machte ihn wehrhaft. Nur wäre die Behauptung unrichtig, er allein hätte die etwa drei Millionen Krone-Leser verführt und zu den verängstigten Spießern gemacht, die sie zu einem großen Teil sind.
Es gibt Wechselwirkungen. Das hat vermutlich kaum jemand so genau erfasst wie Dichand. Er spürte Stimmungen, gab ihnen ein Ventil - Angst und Ressentiment hatten ihre Plattform bei ihm. Kaum etwas emotionalisiert das Publikum so gut und hält es so effektiv bei der Stange. Man muss nur die Wahrheit etwas verzerren. Aufbauschen und Filtern. Mehr nicht. Was will ein Medienmacher mehr? Was nicht heißt, dass Dichand dem Publikum bloß gegeben hätte, was es wollte. Diese Behauptung, die einige Medien apologetisch aufstellen, ist so unzulässig wie die Dämonisierung des Alten.
Irgendwann stellt sich in so einem Prozess des Ventils für Stimmungen der Effekt ein, dass diese Emotionen verstärkt werden. Nicht nur, dass sich die Kleinbürger und Spießer in der Krone und schrittweise auch anderswo immer lauter artikulierten. Es schuf auch Kleinbürger und Spießer. Wie soll jemand, der mit der Krone als wichtigster Informationsquelle aufwächst auch großartig anders denken? Und die ständige Bestärkung der noch so kleinen Ängste radikalisiert die Angsthabenden. Irgendwann schuf die verzerrte Realität der Krone ihre eigene Realität.
Natürlich kam die Dichand die soziale Wirklichkeit sehr zustatten. Mit zunehmendem Massenwohlstand wurden auch die Verlustängste größer. Wer mehr hat, fürchtet sich mehr, das zu verlieren, als der, der wenig hat. Und immer mehr stellte sich das fordistische Gesellschaftskonzept als brüchiger Kitt heraus, der die Gesellschaft kaum mehr zusammenhielt. Ab den 90ern wurde es für die meisten Menschen fühlbar, dass mehr Bildung und harte Arbeit nicht zwangsläufig einen sozialen Aufstieg oder zumindest höhere Löhne brachten. Bestenfalls blieb man am Fleck stehen. Das weckt Ressentiments und schürt Ängste. Die Profiteure: Krone und FPÖ.
Beide spielten sich als Anwälte der zu kurz Gekommenen auf. Die Krone überzeugender als die Freiheitlichen. Allein, um die, die wirklich zu kurz kamen, ging es weder Dichand noch der FPÖ. Angesprochen wurden die, die das Gefühl hatten, sie würden bald zu kurz kommen. Und das ist etwas ganz anderes. Die Angst wurde bei Dichand wie bei FPÖ sehr leicht in Aggressivität gegen "die da oben" oder "die EU" umgemünzt. Da mitheulen zu dürfen, gibt den Kleinbürgern die Illusion, ihre Ohnmacht gegenüber den gesellschaftlichen Veränderungen verwandle sich in Macht.
Und dann gab es noch einen wichtigen Aspekt. Die Krone verkörpert bis heute das verlogene Idyll der österreichischen "Heimat". Viel Natur, liebe Viecherl, Moralin und die Kirche. Dass die täglichen Sexanzeigen etwas anders zeigen - wen kümmert das schon. Ohne Widersprüche ist nichts im Leben. Aber auch das kommt nicht allein aus der Krone. Die miefige Landschaftsidylle ist Produkt der Nachkriegszeit. Siehe das Genre Heimatfilm. Dichand musste nur aufklauben, was auf der Straße lag.
Der Alte hatte bei weitem nicht immer recht mit seinem Stimmungssensorium. Wahrscheinlich ist der Großteil seiner politischen Kampagnen sogar gescheitert. In den 70ern gab's den Versuch, eine Abstimmung zur Todesstrafe zu erzwingen. An deren Abschaffung änderte das nichts. Schwarz-Blau Eins konnte Dichand nicht verhindern, ebenso wenig wie eine Abstimmung zum EU-Vertrag von Lissabon erzwingen. Auch Heinz Fischer bieb Bundespräsident, Erwin Pröll trat nicht mal an. Barbara Rosenkranz - naja.
Was nichts daran änderte, dass die Politik vor Dichand meist zu Kreuze kroch. Er hatte den Nimbus der Macht. Wird der respektiert, verwandelt er sich in reale Macht. Die nutzte der Alte, um sein Heimatbild so weit wie möglich durchzusetzen. Das eines reaktionäre, kreuz-katholischen und ethnisch möglichst einheitlichen Österreichs, wo alle Hunde gern haben.
Zu behaupten, ich sei aufs Äußerste bestürzt über das Ableben Hans Dichands, wäre eine gewisse Übertreibung. Mein Mitgefühl gilt seiner Familie und seinem Hund. Dass ich mich freue, kann ich auch nicht gerade behaupten. Nicht nur, dass mich ein gewisser Anstand daran hindern würde, das öffentlich hinauszuposaunen. Ich halte es auch für zu einfach, das miefig-reaktionäre Klima in Österreich allein an Hans Dichand festzumachen. Eine Dämonisierung des Alten hilft niemandem weiter. Und wäre sachlich auch nur bedingt berechtigt.
Nicht, dass mir Dichand je als Vertreter gesellschaftlichen Fortschritts erschienen wäre, als Stern der Arbeiter- oder Frauenbewegung, den das Schicksal wider eigenen Willen zum Herausgeber des Kampforgans des wehrhaften Kleinbürgertums gemacht hat. Er war und blieb Kleinbürger und die Zeitung, die ihm zu Macht und Einfluss verhalf, machte ihn wehrhaft. Nur wäre die Behauptung unrichtig, er allein hätte die etwa drei Millionen Krone-Leser verführt und zu den verängstigten Spießern gemacht, die sie zu einem großen Teil sind.
Es gibt Wechselwirkungen. Das hat vermutlich kaum jemand so genau erfasst wie Dichand. Er spürte Stimmungen, gab ihnen ein Ventil - Angst und Ressentiment hatten ihre Plattform bei ihm. Kaum etwas emotionalisiert das Publikum so gut und hält es so effektiv bei der Stange. Man muss nur die Wahrheit etwas verzerren. Aufbauschen und Filtern. Mehr nicht. Was will ein Medienmacher mehr? Was nicht heißt, dass Dichand dem Publikum bloß gegeben hätte, was es wollte. Diese Behauptung, die einige Medien apologetisch aufstellen, ist so unzulässig wie die Dämonisierung des Alten.
Irgendwann stellt sich in so einem Prozess des Ventils für Stimmungen der Effekt ein, dass diese Emotionen verstärkt werden. Nicht nur, dass sich die Kleinbürger und Spießer in der Krone und schrittweise auch anderswo immer lauter artikulierten. Es schuf auch Kleinbürger und Spießer. Wie soll jemand, der mit der Krone als wichtigster Informationsquelle aufwächst auch großartig anders denken? Und die ständige Bestärkung der noch so kleinen Ängste radikalisiert die Angsthabenden. Irgendwann schuf die verzerrte Realität der Krone ihre eigene Realität.
Natürlich kam die Dichand die soziale Wirklichkeit sehr zustatten. Mit zunehmendem Massenwohlstand wurden auch die Verlustängste größer. Wer mehr hat, fürchtet sich mehr, das zu verlieren, als der, der wenig hat. Und immer mehr stellte sich das fordistische Gesellschaftskonzept als brüchiger Kitt heraus, der die Gesellschaft kaum mehr zusammenhielt. Ab den 90ern wurde es für die meisten Menschen fühlbar, dass mehr Bildung und harte Arbeit nicht zwangsläufig einen sozialen Aufstieg oder zumindest höhere Löhne brachten. Bestenfalls blieb man am Fleck stehen. Das weckt Ressentiments und schürt Ängste. Die Profiteure: Krone und FPÖ.
Beide spielten sich als Anwälte der zu kurz Gekommenen auf. Die Krone überzeugender als die Freiheitlichen. Allein, um die, die wirklich zu kurz kamen, ging es weder Dichand noch der FPÖ. Angesprochen wurden die, die das Gefühl hatten, sie würden bald zu kurz kommen. Und das ist etwas ganz anderes. Die Angst wurde bei Dichand wie bei FPÖ sehr leicht in Aggressivität gegen "die da oben" oder "die EU" umgemünzt. Da mitheulen zu dürfen, gibt den Kleinbürgern die Illusion, ihre Ohnmacht gegenüber den gesellschaftlichen Veränderungen verwandle sich in Macht.
Und dann gab es noch einen wichtigen Aspekt. Die Krone verkörpert bis heute das verlogene Idyll der österreichischen "Heimat". Viel Natur, liebe Viecherl, Moralin und die Kirche. Dass die täglichen Sexanzeigen etwas anders zeigen - wen kümmert das schon. Ohne Widersprüche ist nichts im Leben. Aber auch das kommt nicht allein aus der Krone. Die miefige Landschaftsidylle ist Produkt der Nachkriegszeit. Siehe das Genre Heimatfilm. Dichand musste nur aufklauben, was auf der Straße lag.
Der Alte hatte bei weitem nicht immer recht mit seinem Stimmungssensorium. Wahrscheinlich ist der Großteil seiner politischen Kampagnen sogar gescheitert. In den 70ern gab's den Versuch, eine Abstimmung zur Todesstrafe zu erzwingen. An deren Abschaffung änderte das nichts. Schwarz-Blau Eins konnte Dichand nicht verhindern, ebenso wenig wie eine Abstimmung zum EU-Vertrag von Lissabon erzwingen. Auch Heinz Fischer bieb Bundespräsident, Erwin Pröll trat nicht mal an. Barbara Rosenkranz - naja.
Was nichts daran änderte, dass die Politik vor Dichand meist zu Kreuze kroch. Er hatte den Nimbus der Macht. Wird der respektiert, verwandelt er sich in reale Macht. Die nutzte der Alte, um sein Heimatbild so weit wie möglich durchzusetzen. Das eines reaktionäre, kreuz-katholischen und ethnisch möglichst einheitlichen Österreichs, wo alle Hunde gern haben.
Christoph Baumgarten - 17. Jun, 22:34


