"Das versuche ich Ihnen zu erklären"
50 Minuten heiße Luft und vor dem Spiegel eingeübte Mimik. So die kurze Zusammenfassung des ORF-Sommergsprächs mit Bumsti Strache. Ingrid Thurnher schlägt sich wacker. Enttäuschend Monika Weinzettl, die vor lauter Zurückhaltung eine Möglichkeit nach der anderen versäumt, Strache auf Widersprüche hinzuweisen."Das versuche ich Ihnen zu erklären" war Straches Lieblingssatz, wenn er nicht weiterwusste. Was öfter der Fall war. Geschafft hat er es nie. In der aktuellen Causa Dieter Egger etwa verteidigt er den antisemitischen Sager seines Vorarlberger Landesobmanns und behauptet gleichzeitig, das sei nicht antisemitisch. "Kritik von außen geht nicht an", meint er. Ein nicht österreichischer Staatsbürger habe sich eingemischt. Es sei OK, darauf hinzuweisen, dass der Jude sei. Um unmittelbar darauf zu sagen: "Die religiöse Einstellung ist vollkommen gleichgültig." Warum man sie dann unbedingt zum Gegenstand der Kritik machen muss, konnte Strache nicht erklären.
Ähnlich die Sache mit den Staatsbürgerschaften. Echter Österreicher ist, wessen Wurzeln in die k.u.k-Monarchie zurückreichen, signalisiert er zuerst. Zwei Minuten später meint er, der "Grad an Patriotismus" mache einen Menschen zum echten Österreicher. Was dieser Grad an Patriotismus sei, kann er nicht erklären. Wie so vieles.
Strache bietet Stehsätze in hoher Sprechgeschwindigkeit. Er dürfte einige Coaching-Einheiten zur Vorbereitung gehabt haben. Vor allem im Dialog mit Monika Weinzettl, die vor lauter Zurückhaltung, die sie sich abringt, eher selten das Wort ergreift. Wenn sie eine Frage stellt, versucht Strache ein hörbar einstudiertes Wortspiel mit dem Namen eines ihrer Kabarett-Programme um schnell wieder in seine mühsam auswendig gelernten Phrasen zu verfallen. Mimik und Gesten wirken wie immer. Vor dem Spiegel eingeübt.
Strache und die Widersprüche
Wie Strache es schafft, in so viel heiße Luft so viele Widersprüche zu verpacken, überrascht immer wieder. Herbert Kickl hat offenbar das gesamte Script vorbereitet, das Strache runterzuspulen versucht wie ein Routineprogramm.
Wie durchsichtig sein Slogan "sozial statt sozialistisch" ist, zeigt, dass er viel lieber über Förderprogramme für Klein- und Mittelbetriebe spricht und lieber den Total-Verkauf von Post und Telekom in den Raum stellt, als über Armutsbekämpfung in Österreich. Für Alleinerzieherinnen etwa lehnt er ein einkommensabhängiges Kindergeld ab. Witzig sein Anspruch "unser Parteiprogramm hat eindeutig die soziale Marktwirtschaft definiert". Das war eine Leistung der Parteien der BRD in der unmittelbaren Nachkriegszeit.
Bei seinem Lieblingsthema Migration passt kaum ein Satz zum anderen. "Wer nicht zu seiner Herkunft steht, kann andere nicht mögen", sagt Strache. Und wenig später warnt er vor Parallelgesellschaften. Die Liebe zur Herkunft gilt offenbar nur für Österreicher. Religion und Kultur werden en passant gleichgesetzt. Das von einem Mann, der kaum eine halbe Stunde vorher noch behauptet, das Religionsbekenntnis sei vollkommen egal. Hauptsache es ist christlich. Und für einen kurzen Moment blitzt durch, was Strache immer sagen will und sich nicht traut. "Es kann nicht sein, dass wir sagen, wir wechseln die Bevölkerung in Österreich aus", sagt er. Eine bei Rechtsradikalen beliebte Angststörung.
Das (r)echte Kreuz
"Der selige d'Aviagno hat auch das Kreuz hochgehalten", sagt er angesprochen auf die neue Liebe der FPÖ zum politischen Katholizismus. Nicht zufällig nennt er einen mythisch überhöhten Priester als Vorbild. Der wurde nach der zweiten Türkenbelagerung von Wien zur Chiffre des christlichen Abendlandes hochstilisiert. Die Christlich-Sozialen, historisch die Vorläufer der ÖVP, gruben ihn in den 30ern wieder aus und machten ihn zur Gallionsfigur des Klerikalfaschismus. Keine zufällige Wahl, die Strache getroffen hat.
Unmittelbar darauf: "Wir stehen ja zur Trennung von Staat und Kirche". Ganz sicher. Vor allem, wenn es von einem Mann kommt, der Kultur und Religionsbekenntnis gleichsetzt. "Abendland in Christenhand": Verkürzte politische Botschaft. Eine beliebte freiheitliche Ausrede, wenn man nicht mehr weiterweiß. Die anderen, sprich: türkische Einwanderer, dürfen nicht, was sich Strache herausnimmt. Moscheen dürfen keine Minarette haben, Kirchtürme sind selbstverständlich. Untermauert das wird das mit dem gleichen alten Erdogan-Zitat, das seit mehr als einem Jahrzehnt aus dem Zusammenhang gerissen wird.
Strache und das Gedächtnis
Interessant Straches Gedächtnislücken. Er prangert Massenzuwanderung an, die just während der Zeit geschah, als seine Partei in der Regierung war. Verantwortlich ist er natürlich nicht. Wie für überhaupt nichts. Die Regierungsbeteiligung der FPÖ? Hat nicht stattgefunden. Ist nicht die gleiche Partei. Bilden wir uns alle ein.
Oder doch? Als Monika Weinzettl über die Fernsehbilder der Demonstrationen gegen die Angelobung von Schwarz-Blau im Jahr 2000 spricht, die sie in Israel erlebt hat, meint Strache: "Sie haben die Sozialistische Jugend als Steinewerfer gegen unsere Veranstaltung erlebt". Wenn man die FPÖ zum Opfer stilisieren kann, ist die historische Kontinuität auf einmal wieder gegeben.
So sieht er aus, der Politiker, der sich als "authentisch" beschreibt. Ein Sprachrohr seines Phrasenschreibers Herbert Kickl, der das Programm unbarmherzig durchpeitscht. Was anderes kann er nicht. Wenn das eine Lebensaufgabe ist... .
Christoph Baumgarten - 25. Aug, 21:54



Deshalb habe ich meinen Artikel ja ein wenig anders geschrieben *fg*