Blauer Spam

Inserat_FWieder mal kursiert ein Kettenmail, das aus der blauen Giftküche stammen dürfte. Es diffamiert Menschen mit antirassistischer und demokratischer Grundhaltung und versucht, die Bewohnerinnen und Bewohner dieses Landes zu zwangskatholisieren. Ein ärgerliches Mail, das aber einen guten Einblick die Paranoia der FPÖ-Sympathisanten bietet.

Die FPÖ-Sympathisanten, die hinter der Spam-Offensive stecken, dürften eine neue Welle gestartet haben. Das Mail stammt von einer "jungen oberösterreichischen Lehrerin", einer "Patriotin", schreibt die Person, die das Mail weitergeleitet hat. Wer's glaubt. Nachzulesen ist es auf Michel Reimon's Blog.

Stil und Grammatikfehler weisen dieses Beispiel blauer Paranoia unschwer als Produkt von FPÖ-Sympathisanten aus, ebenso die versuchte Geschichtsfälschung. Man verlässt sich darauf, dass sich die Leute schon nicht auskennen werden.

Wem es stört, dass Österreicher untereinander „Grüß Gott“ sagen, der hat das Recht, Österreich zu verlassen und sich in einem anderen Land niederzulassen, schreibt die vorgebliche Lehrerin. Vielleicht hat die gute Dame ja wegen mangelhafter Deutschkenntnisse keine Anstellung an einer Schule erhalten. Das würde ihren Zorn erklären. Wiewohl die Fehler es auch nicht unwahrscheinlich erscheinen lassen, dass das Mail im FPÖ-Parteisekretariat entstanden ist, siehe die peinlichen Fehler bei Wahlkampfslogans- und inseraten. Aber das schlechte Deutsch kann eine zufällige Parallele sein.

Katholisches Österreich
Wieder einmal versuchen die Schreiberlinge, einen weißen katholischen Österreicher als Gegenstück zum dunkelhäutigen muslimischen Einwanderer zu konstruieren. Aufgehängt wird das am "Grüß Gott", das die Schreiberlinge hier umstandslos zum "österreichischen Gruß" machen, den es zu verteidigen gelte. Parallel zu den Kampagnen der früher antiklerikalen FPÖ wird konfessionelle Zugehörigkeit zum alleinigen Merkmal einer Identität, zur historischen Wurzel von Wohlstand und Demokratie erklärt.

Da stört auch massive Geschichtsfälschung nicht. ‘Im Namen Gottes’ ist unser nationales Motto. Das ist schlicht und ergreifend frei erfunden. Wie so manche blaue Geschichtsinterpretation, auch außerhalb dieses Mails. Wir haben dieses Motto angenommen, weil christliche Männer und Frauen diesen Staat nach christlichen Prinzipien gegründet und entwickelt haben. Es ist also auch nicht abwegig, dies an den Wänden unserer Schulen mit einem Kreuz zu manifestieren. Würde ein Migrant das bei einem Staatsbürgerschaftstest behaupten, er würde hochkant aus dem Land geworfen. Zu Recht.

Es waren demokratische Parteien, zuallererst die Sozialdemokratie, die diese Republik gegründet haben. Sie haben diese Staatsform, diesen Staat, gegen die Widerstände breiter Kreise der Christlich-Sozialen durchgesetzt. Die haben die Republik nicht gewollt. Die Prinzipien unserer Verfassung sind nicht christlich. Sie sind demokratisch. Das ist ziemlich genau das Gegenteil. Die Kreuze an den Schulwänden sind nicht als Bekenntnis zu irgendeiner Form der "Identität" gedacht. Sie sind Ausdruck des politischen und gesellschaftlichen Primats des Vatikan. Die Kreuze in den Klassenzimmern sind ein Relikt des Austrofaschismus, stehen in jenem Konkordat, dass der Arbeitermörder Engelbert Dollfuß mit dem Vatikan ausverhandelte. Bei den Verhandlungen machte er dem Vatikan Zugeständnisse, die sogar den katholischen Klerus überraschten. In seiner ursprünglichen Form ist dieses Konkordat von keiner frei gewählten Körperschaft ratifiziert worden.

Die Kreuze in den Klassen sind ein Zeichen für Faschismus und klerikales Machtstreben. Sie sind ein Zeichen der Schande. Nicht einer "nationalen Identität", die im Fieberwahn herbeigefaselt wird.

Genau so ist es mit dem "Grüß Gott". Das ist kein "christlicher Gruß". Es ist der katholische Gruß. Und nur der. In den protestantisch geprägten Gebieten Deutschlands würde das niemandem über die Lippen kommen. "Grüß Gott" steht für die Gegenreformation, ist sozusagen ihr Siegesgruß. "Grüß Gott" steht für eine Zeit, in der Klerus und Monarchie Andersdenkende brutal unterdrückt haben, steht letztlich auch für den 30-jährigen Krieg, der Mitteleuropa in einem Ausmaß entvölkerte, das Europa bis zum Zweiten Weltkrieg erspart blieb.

"Grüß Gott" beleidigt nicht nur Muslime. Es beleidigt jenes Drittel der Bevölkerung, das nicht katholisch ist. Das sind großteils Menschen, die keiner Religion angehören, immerhin beinahe zwei Millionen Menschen in diesem Land. Dass es überhaupt noch verwendet wird, liegt daran, dass die meisten Menschen das nicht wissen. Dass ihnen die katholische Propaganda über Jahrzehnte eingeredet hat, ihr Gruß, das katholische, sei das genuin österreichische. Österreich ist, was katholisch ist. Somit bin ich als Atheist offensichtlich kein Österreicher. Die Schreiberlinge sollten meine Ausbürgerung beantragen.

Was ist "unsere Kultur"?
Wieder einmal symptomatisch ist, dass mit Begriffen wie "unserer Kultur" und "unserer Identität" so um sich geworfen wird, dass es eine Freud ist. Nur, was diese sein sollen, bleibt wieder mal unklar. Was ist "österreichische Kultur"? Könnte man das mal definieren? Dann wüssten wir wenigstens, wovon wir reden.

Diesen Gefallen tun die Menschen, die dieses Mail verbrochen haben, nicht. Da wird "Kultur" als etwas ahistorisches präsentiert. Etwas, was immer schon da war, unveränderlich ist, dem Österreicher genetisch gegeben. Es ist ein vages, undefinierbares Etwas, das über diesem Land schwebt, alles beeinflusst, was dieses Land ist und dem niemand in diesem Land entrinnen kann. Außer, die Anderen kommen.

Kultur ist für diese Menschen, was sie Kultur nennen. Ein Zirkelschluss. Das macht es für jeden vernunftbegabten Menschen so gut wie unmöglich, zu verstehen, wass die FPÖ und ihre Sympathisanten meinen, wenn sie "Kultur" sagen. Durchaus beabsichtigt. Man appelliert an ein dumpfes Gefühl, in der Hoffnung, den Verstand auszuschalten. Das macht Lösungen unmöglich.

Wenn diese Leute wenigstens einmal klar definieren würden, was sie unter "Kultur" verstehen, könnte man mit ihnen reden. Man könnte vielleicht sogar ihre massiven Existenzängste, die ins Paranoide gehen, verstehen und ihnen helfen, sie zu bekämpfen. Aber diese Menschen sind erst zufrieden, wenn alle anderen diese Ängste teilen und sie brutal an denen ausleben, die diese Ängste nicht haben und/oder sich nicht wehren können.

Die FPÖ und ihre Sympathisanten sind nicht interessiert, die Ängste, die mit Migration verbunden sind, zu bekämpfen. Sie haben kein Interesse, ein gedeihliches Zusammenleben zwischen denen, die hier geboren wurden, und denen, die neu dazugekommen sind, zu ermöglichen. Sie sind nur daran interessiert, eine möglichst große Gruppe von möglichst entrechteten und diskrminierten Menschen im Land zu haben. Die können besser ausgebeutet werden.
Mathias Baumgart (Gast) - 4. Okt, 16:19

Ich stimme dir vollends zu, nur das:

""Grüß Gott" steht für die Gegenreformation, ist sozusagen ihr Siegesgruß. "Grüß Gott" steht für eine Zeit, in der Klerus und Monarchie Andersdenkende brutal unterdrückt haben, steht letztlich auch für den 30-jährigen Krieg, der Mitteleuropa in einem Ausmaß entvölkerte, das Europa bis zum Zweiten Weltkrieg erspart blieb.

"Grüß Gott" beleidigt nicht nur Muslime. Es beleidigt jenes Drittel der Bevölkerung, das nicht katholisch ist. Das sind großteils Menschen, die keiner Religion angehören, immerhin beinahe zwei Millionen Menschen in diesem Land."

... ist schon eine sehr übertriebene, um nicht zu sagen fundamentalistische antiklerikale Haltung.

Mathias Baumgart (Gast) - 4. Okt, 16:23

Noch was: Das Witzige ist ja, dass Atheisten wie wir ja für gewöhnlich zurecht den §188 StGB anfechten, weil er religiöse Befindlichkeiten in eine strafrechtliche Position erhebt, in der diese nichts verloren haben. Nichts anderes als glaubensbasiertes Beleidigtsein findet sich allerdings bei dir, wenn du über die simple Grußformel "Grüß Gott" derart herziehst und sie als "Diffamierung" Andersdenkender bezeichnest. Als ob ein vernünftiger Muslime oder Atheist nicht damit umgehen könnte, dass jemand das Wort "Gott" bei der Begrüßung erwähnt.

Christine Matha (Gast) - 4. Okt, 16:28

Wenn wir schauen, was für Ängste auch in Südtirol gegenüber den Migranten wachsen und gedeihen, dann wird einem klar, dass Abgrenzung politisch gewollt und gefördert wird, und im Anderen einen potentiellen Feind sehen ist leichter als sich bemühen, das Verbindende im Menschsein zu suchen.Bei uns treten jetzt an Stelle der "Walschen" Pakistaner und andere Fremdlinge.
Und Apropos Grüß Gott, nun das Heilige Land Tirol hat, wie Freud schon feststellte die mesitern Wegkreuze überhaupt....

Christoph Baumgarten - 4. Okt, 18:23

@Mathias: Grundsätzlich ist mir das im Alltag eher wurscht, ich muss damit leben, dass die meisten Mitbürgerinnen und Mitbürger eher gedankenlos in den Tag hineinleben. Ich grüß mit "Guten Tag". Wenn mich jemand mit "Grüß Gott" grüßt, kann ich den oder die allerdings schnell einordnen. Mir geht's um die Kritik an der "Argumentation". Und natürlich gehört das zur Volksaufklärung. Und: Nicht ich bin es, der das "Grüß Gott" ursprünglich zu einem Symbol hochstilisiert, es waren die Verfasser des Mails. Dann sollten sich auch damit leben, dass die Gegenseite das aufgreift.
Der Vergleich mit dem 188er ist übrigens ein ziemlicher Untergriff und argumentativ falsch. Ich leugne ja nicht die Existenz religiöser Gefühle. Ich sage nur (hier an anderer Stelle), dass sie keines anderes Schutzes bedürfen als andere.

hans huber (Gast) - 4. Okt, 21:31

Ich kenne viele Menschen, die Atheisten sind und auch "Grüß Gott" sagen. Voreilige Einordnung oder Kategorisierung ist also vollkommen falsch und weltfremd.

Der Prozess dieser Grußformel läuft oft automatisiert ab. Ob dies schlecht oder gut ist, könnte man an anderer Stelle diskutieren.

Ein Akzeptieren und eine Gleichbehandlung der Atheisten mit - wie soll ich es nennen - Gläubigen oder Angehörigen einer Religionsgemeinschaft sollte eigentlich selbstverständlich sein.

Tja, wird leider noch dauern. Der Mensch neigt dazu, Angst vor Veränderungen zu haben und sich dem Zeitenwandel zu stellen.

Gstposter (Gast) - 15. Okt, 03:15

Grüß Gott Allerseits ;-)

Ich finde die Kombination aus Engstirnigkeit, Selbstgerechtigkeit Oberflächlichkeit und Halbwissen das sich auf dieser Seite auftut sehr interessant. Dem Inhalt der Mail der Lehrerin pflichte ich großteils bei. Für euch bin ich deswegen wahrscheinlich rechtsextrem...??

Dann muß ich noch etwas richtigstellen: Christlich und Katholisch ist nicht dasselbe. Die katholische Kirche pflegt nämlich häufig ihren eigenen Grundsätzen zu widersprechen und mit Füßen zu treten.

Das Christentum ist genauso wie der Islam oftmals für Greultaten mißbraucht worden.

Auch wenn man als Österreicher, so wie ich, kein gläubiger Christ ist , kann man christliche Werte teilen. Ich bin aus der evangelischen Kirche ausgetreten, bezeichne mich als Agnostiker und fühle mich durch den Gruß "Grüß Gott" keineswegs beleidigt. Beleidigt fühle ich mich, wenn ihn mir jemand verbieten will.

Die christliche Ethik ist nämlich, wenn man sich zb. das neue Testament ansieht, durchaus brauchbar, wenn auch teilweise naiv. (Liebe deinen Nächsten, Liebe deine Feinde (sic!), was du dem geringsten deiner Brüder tust hast du mir getan, etc...)
Kurz zusammengefasst kann festgehalten werden, daß fast alle westlichen Demokratien in christlich geprägten Gesellschaften entstanden sind. Zufall?
Christlich und demokratisch widersprechen sich also keineswegs.

Ein bißchen kritische Selbstreflexion und ein Ablegen ideologischer Scheuklappen würde vielen hier gut tun. Nicht jeder, der eine Art von Patriotismus zeigt ist deshalb "böse" und nicht jeder der einer Minderheit angehört ist deswegen "gut". Es gibt nicht nur weiß und schwarz, es gibt auch grau. Und dan gibt es noch hellgrau, dunkelgrau, usw.......

Wenn mein Text einen hier zum nachdenken angehalten hat, hat er seinen Zweck erfüllt.

mfg

ein Gastposter

Cato d. Jüngere (Gast) - 27. Dez, 22:08

Lieber Gastposter,
Klingt gut, was du schreibst, stimmt aber trotzdem nicht.
Die moderne Demokratie ist ein Kind der französischen Revolution, und dass sich die dem Christentum verpflichtet gefühlt hat, wäre mir neu.
Hätten wir uns auf das Christentum verlassen, wären Großteile der antiken Philosophie nicht mehr erhalten - denn die Kirche hatte ja wohl kaum Interesse, diese Gedanken zu fördern. Diese kamen über den Umweg osmanischer Gelehrter wieder zu uns. Aber was diese erforscht haben, während bei uns Minnesänger lyrisch kundtaten, gerne das Badewasser ihrer Geliebten zu trinken, wäre wieder eine andere Geschichte.
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