Angst vor den Ungeborenen

Ängste können, wenn sie rationalisiert werden, hässliche Formen annehmen. Der heimische Alltagsrassismus beruht auf diesem Phänomen. Wie bei einer Bekannten. Sie möchte Migrantenkinder am liebsten in Sonderschulen wegsperren. Und findet Argumente, die oberflächlich annähernd vernünftig klingen. Dahinter steckt eine banale Sorge.

"Ich will nicht, dass mein Kind in der Schule von Kindern aufgehalten wird, die nicht gut Deutsch können", sagt mir S. beim Mittagessen. Vielleicht nicht mir, der Kommentar ist allgemein in die Runde gerichtet. "Die müssen doch alle ordentlich Deutsch lernen, bevor sie in unsere Schulen kommen. Dürfen die überhaupt aufs Gymnasium, wenn sie die Sprache nicht können? Ich mein, es gibt ja auch Kinder, die kommen erst mit zehn nach Österreich kommen".

Dass das eigene Kind die bestmögliche Ausbildung bekommt, ist ein legitimes Anliegen von Eltern. Allein, S.s Kind befindet sich bestenfalls im Planungsstudium. Das Ungeborene existiert vielleicht nicht einmal außerhalb der Träume und Ängste seiner Mutter. Ich weiß nicht, ob S.s Freund von ihrem Kinderwunsch weiß oder ihn teilt. Ich hoffe es für sie.

"Ich werde schauen, dass mein Kind auf eine Schule geht, wo die Kinder ordentlich Deutsch können", fährt S. fort. Die Ausländerkinder sollen ihr Kind nicht herunterziehen dürfen. Alle Argumente, dass Sprache alleine kein Kriterium ist, prallen an ihr ab. Dass im heimischen Schulsystem die Schwachen zurückbleiben, nicht gefördert werden, die "Besseren" nicht aufhalten - egal. Dass es besser ist, den Kindern mit Sprachproblemen Zusatzlehrer zur Verfügung zu stellen, vielleicht zusätzlich Deutschstunden, interessiert sie wenig. Das betrifft aus ihrer Sicht nur die Eltern anderer ungeborener Kinder. Mag sein, sagt sie, dass das besser ist. Ihr Problem sei in dem Moment gelöst, in dem sie wüsste, dass Kinder, die nicht gut Deutsch können, nicht einfach ins Gymnasium kommen. Egal, welche Begabungen sie sonst haben, sagt S. Ihr Vorurteil steht fest.

Über Reformen im Schulwesen, über Verbesserungen, will S. nicht nachdenken. Das malt sie sich nicht aus für ihr Ungeborenes. Dass es ein Gymnasium geben wird, wo die "Besseren" hinkommen, die Hauptschule für die "Schlechteren", vor allem die Kinder von Migranten, ist für sie gottgeben. Ihre Gedankenkraft gilt der Angst. Für Hoffnung, für Visionen hat sie keine Kraft. Fürs Hinterfragen noch weniger.

S. wirft mir immer vor, alles zu hinterfragen. Die Gespräche mit mir, die politischen wohlgemerkt, seien immer so mühsam. Nie könne ich etwas als das hinnehmen, wie es ist. Eine Aussage einer jungen Frau, die der Sozialdemokratie nahe steht. Aber bei Strache findet sie sich in ihrer Angst wieder. Seine Argumente hat sie übernommen. Dass ihr das nicht bewusst ist, ist mir klar.

S. erzählt manchmal vom Wiener Stadtviertel, in dem sie aufgewachsen ist. Heute hätten dort fast nur Türken ihre Geschäfte. Sie fühle sich dort unwohl. Es ist, so schließe ich aus ihren Erzählungen und denen anderer, die das Viertel kennen, seit jeher nicht das, was man attraktiv nennt. Niedrige Einkommen, niedrige Mieten. Seit ihrer Kindheit sind zwanzg Jahre vergangen. Viel hat sich verändert.

Die Geschäfte der 80er, die gibt es vielleicht noch am Land. Die Ketten haben sie aufgesogen, in den Bankrott getrieben. Die Inhaber sind in Pension gegangen. Den Plattenladen von damals, die kleine Fleischhauerei, wer will das übernehmen? Anderorts, wo es weniger Migranten gibt, oder die Geschäftsmieten etwas höher sind, die Leute aber nicht mehr Geld haben, stehen diese Geschäftslokale zu einem erheblichen Ausmaß leer. Wo es viele Migranten gibt, haben die ihre Geschäfte übernommen. Oft sind es Ramschläden, Handygeschäfte, aber auch kleine Greißlereien. Jeder wie er will und wie er kann. Es Menschen, denen es mit dem bisschen Umsatz und dem bisschen Gewinn immer noch besser geht als vorher. Als Hilfsarbeiter, als Reinigungspersonal, als Kellner. Der kleine gesellschaftliche Aufstieg, vermeintlich oder wirklich, motiviert sie. Wer sonst würde sich das um so wenig Geld antun. Um Romantisierungen zu vermeiden: Nicht immer sind das die feinsten Menschen. Mir sind persönlich einige Migranten bekannt, die in solchen Geschäften ausgebeutet werden.

Es sind die Ungeborenen dieser Menschen, vor denen S. Angst hat. Angst um ihr eigenes Ungeborenes. Und die Ungeborenen derer, die bis heute kommen in der Hoffnung auf ein besseres Leben und ökonomisch am Rand der Gesellschaft landen. 40 Prozent aller jungen Migranten sind überqualifiziert für ihren derzeitigen Arbeitsplatz. Bei den älteren sieht es nicht viel besser aus.

Die Ungeborenen dieser Menschen sind eine Projektionsfläche für S. Alle Angst, alle berechtigen Sorgen, die sie um ihr eigenes Kind hat, für all das kann sie die Ungeborenen dieser Menschen verantwortlich machen. Das verplante Leben von S.s Ungeborenem wird in ihren Augen nicht von einer Gesellschaft bedroht, in der Solidarität nichts mehr zählt. S. selbst ist ein Produkt dieser Gesellschaft. Solidarische Leistungen erscheinen ihr sinnlos. Sie bringen ihr unmittelbar nichts ein. Auch ihrem Ungeborenen nicht. Die Gefahren dieser Ellbogengesellschaft, Folge eines in alle Winkel der Gesellschaft eingesickerten kapitalistischen Systems, in den Augen von S. manifestieren sie sich in den Verlierern. Und seien sie ungeboren. Sie müssen unten gehalten werden. Das eigene Kind geht vor.

Dass es für alle Kinder besser wäre, ein Schulsystem zu haben, das fördert, das Kindern Freiheit gibt, ist ihr unbegreiflich. Dieses aussortierende System von heute, nichts anderes gibt es für sie. Nicht für ein besseres System, das ihrem Ungeborenen andere Chancen eröffnen könte als das heutige, lohnt es sich zu kämpfen. Gegen den Ungeborenen anderer Leute wird der Kampf geführt. Vorerst nur in der Fantasie. Und in elf Jahren, wenn S.s Kind frühestens die Volksschule verlassen wird? Was passiert dann?
Roman Korecky (Gast) - 27. Jun, 10:30

Guter Artikel. Ich kann das nur voll unterstützen. Das Hauptproblem ist ja, dass unser Schulsystem hoffnungslos veraltet und ineffizient ist. Das System ist komplett an den Lehrern ausgerichtet und nicht an den Bedürfnissen der Schüler. Die Lehrer haben dadurch aber oft das Gefühl, dass ihre Tätigkeit nicht wirklich sinnvoll ist und sind mit der Situation auch unzufrieden.

Zum Thema Alltagsrassismus: Es gibt in Wien eine weitverbreitete Kinderfeindlichkeit. Da es jetzt aber mehr Migrantenkinder gibt (zumindest auf den Straßen), wird diese offenbar in der Wiener Seele tief verankerte Kinderfeindlichkeit in eine Ausländerfeindlichkeit uminterpretiert, weil sie als politisch korrekter erscheint. Ich erinnere mich an meine eigene Kindheit, in der ältere Leute uns mit den gleichen Argumenten das Fußßballspielen verbieten wollten, mit denen heute gegen Ausländerkinder vorgegangen wird.

Christoph Baumgarten - 27. Jun, 10:55

@Roman
Da hast du völlig recht. Wobei der Klassenaspekt nicht ganz zu vernachlässigen ist. Bei den Jugendlichen wird es ebenfalls recht deutlich: Wenn ich mir die Aussagen über Jugendliche aus Arbeiterbezirken vor fünfzig Jahren durchlese, erinnern sie frappant an das, was heute vornehmlich über Jugendliche mit Migrationshintergrund gesagt wird (die ja zumeist aus den Arbeiterbezirken kommen, wo sie einen hohen Anteil an der Jugend stellen). Von Nuancen abgesehen sind die Vorurteile die gleichen. Was mir, in Verbindung mit anderen Aussagen sagt: Wir haben kein Integrationsproblem. Wir haben ein Sozialproblem.

dieter (Gast) - 27. Jun, 18:48

Also mir haben amerikanische Einwanderer erklärt, dass Wien die kinderfreundlichste Stadt der Welt wäre. Ich habe als Kind auch nie schlechte Erfahrungen mit der Generation meiner Großeltern gemacht.

Merkt ihr eigentlich noch, wie genüsslich und unverschämt ihr euch im Hass auf Menschen suhlt?

Zur Gesamtschule. Die wird hier als eierlegende Wollmilchsau stilisiert.
In Ländern mit Gesamtschule wie Frankreich, USA, GB, gibt es das, was es in Wien kaum gibt, nämlich Ghettoisierung, weil S., falls sie sich keine Privatschule leisten kann, eben weg zieht. Im Übrigen ist es löblich, dass S. offen über ihre Motivationen spricht. Doris Knecht vom Falter hat das auch getan: Fick deine Mutter. Das ist jedenfalls besser, als verlogen die Gesamtschule zu fordern, die Kinder aber auf eine Privatschule zu schicken, so wie das ja viele Politiker tun.

Deine Behauptung, dass gute Schüler keinen Nachteil (in Bildung und Karriere) haben, trifft zu. Jedenfalls hat man in den USA Kinder aus bildungsschwachen Gegenden per Zufall an bessere Schulen geschickt. Die guten Schüler hatten keinen Nachteil. Die Bildungsschwachen aber auch keinen Vorteil. Letzterer Aspekt fällt bei dir unter den Tisch.

Ein Beispiel dafür liefert auch die Tochter unseres Ex-Kanzlers. Die Begabung ihres Vaters hat sie wohl nicht geerbt. Daran kann auch das sauteure Lycée nichts ändern. Jetzt will sie Einzelhandelskauffrau werden. Hoffentlich wird sie glücklich damit.

In Österreich wäre plausibel zu erwarten, dass Kinder, die trotz Begabung sprachlich noch nicht auf der Höhe sind und Grenzfälle von der Selektion ab 10 benachteiligt werden.

Der Glaube, dass die Gesamtschule den großen Bildungssprung nach vorne und Lösung aller Integrationsfragen bringt, ist zu optimistisch, um nicht zu sagen, zu gut um wahr zu sein, weshalb viele dann bei den eigenen Kindern doch lieber auf Nummer sicher gehen.

Wenn schließlich die Zusammensetzung der Schulklassen so immens wichtig wäre, dass die Schulwahl der Wunschkinder der S. dir große Sorgen bereitet, ist es nicht verwunderlich, wenn die S. für ihre Kinder eine andere Entscheidung trifft. Ist ihr gutes Recht, schließlich muss sie die Kinder ja auch selber austragen und nicht du.

Mit dem Kapitalismus hat das freilich alles nichts zu tun. Solidarität und gegenseitiges Vertrauen sind gerade in funktionierenden Volkswirtschaften besonders hoch ausgeprägt, schließlich funktioniert eine Martkwirtschaft primär auf Vertrauensbasis und gegenseitigem Austausch. (Dazu gibt es internationale Vergleichsstudien) Parallelgesellschaften gab und gibt es genauso, wenn nicht sogar viel intensiver, in vorindustriellen Gesellschaften oder im Sozialismus.

Christoph Baumgarten - 27. Jun, 19:04

Dieter,
Das Problem ist, dass sich der Glaube hartnäckig hält, dass Privatschulen den Kindern tatsächliche Bildungsvorteile gegenüber guten öffentlichen Schulen bringen. Dafür gibt es keinen wissenschaftlichen Beweis. Die Flucht in die Privatschulen ist schlichtweg Fole ideologischer Indoktrinierung. Dass da auch manche Spitzenpolitiker nicht gerade ideale Vorbilder sind, ist klar. Nur diente dieser Artikel nicht der Widerlegung von S.s Argumenten oder dem Aufbau einer Alternative, er sollte nur illustrieren, wie Alltagsrassismus entsteht.
Seltsam ideologisch dein Einwand, eine Marktwirtschaft würde v.a. auf Vertrauen und gegenseitigem Austausch basieren. Den meisten Marktteilnehmern fehlen schlichtweg die notwendigen Informationen, um das Geschehen auch nur im entferntesten beurteilen zu können, geschweige denn einzuschätzen an welchem Markt sie zu einem gegebenen Zeitpunkt teilnehmen. Da ist das Vertrauen eher Folge von Uninformiertheit. Das nur dazu. Die Solidarität ist schon ziemlich ausgehöhlt und wie groß das gegenseitige Vertrauen ist, zeigt ja das Beispiel meiner Bekannten.
Auf wen bezieht sich deine Aussage: "Merkt ihr eigentlich noch, wie genüsslich und unverschämt ihr euch im Hass auf Menschen suhlt?" Das ist mir etwas rätselhaft.

dieter (Gast) - 27. Jun, 20:37

Das was du über Privatschulen schreibst, trifft auf Schulen inkl. die Gesamtschule generell zu. Es macht im großen und ganzen eben keinen großen Unterschied, wie die Schüler auf Schulen aufgeteilt werden. Nur bei den von mir erwähnten Grenzfällen ist das plausibel.

Ideologische Indoktrinierung? Wer hat denn die Falterjournalistin, Kolumnistin und ehemalige Redakteurin Doris Knecht ideologisch indoktriniert? Wenn schon, dann ist es Ideologie, dass S` Kinder unbedingt neben bildungsfernen Schülern in der Klasse sitzen müssen, damit die Bildungsfernen davon profitieren, Ideologie. Und genau diese ideologische Sichtweise geht meiner Meinung nach nach hinten los, wenn dann die Eltern im Fall der eigenen Kinder befürchten, dass die Beeinflussung auch in die andere, falsche Richtung stattfinden kann.

Darüber hinaus gibt kulturelle Fragen. Doris Knecht hat für ihre Kinder ein Bobo-Dasein projektiert. In ihrer überaus witzigen Kolumne schreibt sie jede Woche, wie sie an ihren Kindern, die ihre eigene Identiät entwickeln, in dieser Hinsicht scheitert. Die peer group der Kinder macht ihr da einen Strich durch die Rechnung. In einer anderen Schule wäre der Effekt noch größer. Auf der anderen Seite gibt es muslimische Eltern, die ihre Kinder bewusst in muslimische Privatkindergärten und Privatschulen schicken.
Eltern haben nun mal eine Vorstellung darüber, wie sich ihre Kinder entwickeln sollen und die Auswahl der peer group über die Schulwahl ist da der größte und sicherste Faktor, den man überhaupt kontrollieren kann.

Die Sache mit der Marktwirtschaft ist nicht ideologisch. Dazu gibt es internationale Vergleichsstudien über das Verhalten von Menschen in Spielsituationen.

Wenn jeder ständig vertragsbrüchig würde und man ständig Beschiss vermuten müsste, wenn man ein Produkt kauft, eine Dienstleistung in Anspruch nimmt, oder einen Arbeitsvertrag unterschreibt, dann kommt ein florierendes Wirtschaftsleben nicht zustande.
Die Marktwirtschaft erzeugt auch Kitt und gegenseitige Abhängigkeit und Austausch über ethnische und kulturelle Grenzen hinaus. Deshalb ist im Friedensprojekt EU auch der Binnenmarkt eine zentrale Komponente.

In Jäger- und Sammlergesellschaften gibt es keine Marktwirtschaft, mit dem Effekt, dass kleine Grüppchen von 100-200 solidarisch zusammenhalten aber schon der Nachbarstamm zu den Feinden zählt, mit dem man nichts anderes anfangen kann, als ihn zu überfallen.

Zum Hass. Entschuldigung, aber soll ich eure Weisheiten über den angeblich Kinder hassenden Herrn Strudl/Manfred Deix-Wiener als Ausdruck von Humanismus verstehen? Es ist für mich ziemlich offensichtlich, dass im energischen "gegen rechts" Milieu aus dem bekanntlich so geistreiche Sprüche wie "Heimat im Herzen - Scheiße im Hirn" entstammen, mit Inbrunst gehasst wird, tw. ohne das selbst selbstkritisch wahrzunehmen, selbstgerecht und im absurden Glauben, damit auf der Seite der Besseren zu stehen.

Der Ausländer ist kriminell. Der Türke faul und der Wiener ein Kinderfeind. Fällt dir da eine Parellele auf?

Christoph Baumgarten - 28. Jun, 13:40

@Dieter: Fazit deiner Aussage: Also, vergessen wir sämtliche Schulreformen, lassen wir alle Versuche ein Schulsystem kindgerechter zu machen, sozial ausgewogen, gleich bleiben. Es nutzt ohnehin nichts. Und die Gesamtschule ist an den Ghettobildungen schuld. Oder so. Auf Doris Knecht will ich mich da nicht einlassen, sie ist für diese Geschichte kein Kriterium.
@Kapitalismus/Marktwirtschaft: Und weil das gegenseitige Vertrauen ja so unglaublich groß ist und alle Marktteilnehmer so gut informiert sind, brauchen wir Konsumentenschutzgesetze, Arbeitsgesetze, Gewerkschaften, Arbeiterkammern und Gerichte, die die Gesetze durchsetzen. Die Spieltheorie ist aufgrund der enormen Informationsassymetrie auf ganze Gesellschaften schlicht nicht anwendbar. Es sind keine Modelle vorstellbar, die die Unterschiede im Informationsstand, die es in unserer Gesellschaft gibt, quantitativ oder qualitativ auch nur annähernd erfassen könnten. Ich werde nicht bestreiten, dass die gegenseitige Abhängigkeit in einer Wirtschaft sozialen Kitt erzeugt und Kriege unwahrscheinlicher, weil teurer und damit unprofitabler, macht. Nur ist das beileibe keine Erfindung der Marktwirtschaft als solcher. Gleiches galt auch für den Kommunismus. Das beweist keinesfalls die "natürliche" Überlegenheit eines Systems über das andere....
@Kinderfeindlichkeit: Es gibt nun einmal Eigenschaften, die tatsächlich auf einen größeren Teil einer Bevölkerung zutreffen. In Wien ist das eine gewisse Kinderfeindlichkeit. In vielen asiatischen Ländern wiederum gibt es eine ausgeprägte Kinderfreundlichkeit. In vielen muslimischen Ländern mögen die Leute Hunde nicht sonderlich. Die gelten dort tw. als unrein. Das bedeutet nicht, dass alle Wiener Kinder hassen, alle Asiaten Kinder lieben und alle Muslime keine Hunde mögen. Solche Aussagen unterscheiden sich qualitativ erheblich von deinen Gegenbeispielen. Hier wurde eine Beobachtung wiedergegeben, die sich empirisch erhärten lässt, dort ein Vorurteil. Der Unterschied ist dir wohl hoffentlich klar.

Mathias (Gast) - 28. Jun, 18:06

@Christoph:
Wo liegt der empirische Beweis für die Kinderfeindlichkeit vieler Wiener? Den hab ich hier noch nicht gefunden.

Dann sprichst du von einer nicht vorhandenen "Erfindung" der Marktwirtschaft in Bezug auf gegenseitige Abhängigkeit und Vertrauen. Dem würde ich zustimmen, denn die Marktwirtschaft als reines Prinzip erfindet überhaupt nichts, sehr wohl resultieren aus ihrer Anwendung allerdings gewisse Phänomene wie sie von Dieter bereits beschrieben wurden.

Warum wir dann dennoch Konsumentenschutz, Arbeitnehmerschutz etc. brauchen? Gute Frage - ich würde sie am ehesten damit beantworten, dass der Mensch seine Verantwortung an den Staat abgegeben hat bzw. dieser Vorgang vom Staat selbst noch gefördert wurde. Wer sich ohnehin auf Kollektivvertrag und Arbeitnehmergesetze verlassen kann, braucht bei Gehaltsverhandlungen und im Betrieb keine eigene Stärke mehr zeigen. Das ist zwar (für die Arbeitnehmer, wohlgemerkt) angenehm, macht die Sache aber auch ziemlich unflexibel und für die Arbeitgeber vielleicht auch ein wenig unfair, wenn er zum Beispiel in Zeiten der Krise nicht rational wirtschaften darf, sondern seltsame Kurzarbeit-Regelungen aushandeln muss.
Beim Konsumentenschutz ist es natürlich das gleiche, denn eigentlich könnte man schon von einem mündigen Bürger verlangen, dass er sich Dienstleistungsverträge oder auch nur die Zutatenliste auf der Tomatensauce durchliest. Nicht jedoch, sobald er sich an die Paternalisierung gewöhnt hat - wobei man dem Bürger selbst da wohl kaum mehr die Schuld geben kann, er hat es schließlich nicht anders gelernt.

Summa summarum: Der homo oeconomicus wäre in seiner tatsächlichen Umsetzung schon um einiges weiter, wenn er vom Staat nicht künstlich entmündigt würde - insofern, als seine Kompetenzen bzw. die Notwendigkeit dafür delogiert würden. Dass der Mensch prinzipiell ein bequemes Tier ist, kommt dem Ganzen nur zugute. ;)

dieter (Gast) - 28. Jun, 21:47

@Christoph:
Du scheinst sehr dualistisch zu denken und das auf mich zu projizieren. Ich habe nichts gegen den Konsumentenschutz gesagt, nur ist der schwächer, als du denkst. Es wird nicht jedes einzelne Produkt zu jeder Zeit vom Konsumentenschutz vorgekostet. Letztlich musst du doch dem Bauern vom Bauernmarkt vertrauen, oder dem Wirten, dass er dir nicht in die Suppe spuckt. Der Konsumentenschutz kann die eine oder andere unsichtbare Gefahr abwenden. Der VKI ist mW privat, weil eben am Markt auch Nachfrage für Produkttests besteht und von diesem bedient werden kann.
Möchte nicht wissen, wie es mit der Produktqualität in der UDSSR bestellt war.

Zum Schulsystem: Ich versuchte einfach eine realistische Analyse über den tatsächlichen Nutzen der Gesamtschule und der aktuellen politischen Realisierbarkeit abzugeben. Ich habe nichts gegen die Gesamtschule. Das sollte aus meinen Postings ersichtlich sein. Und ich halte sie für besser verkaufbar, wenn man realistisch bleibt, als sie als etwas zu verkaufen, was zu gut wäre um wahr zu sein. Aber klar, erschieß den Boten, weil dir die Nachricht nicht passt.
Du scheiterst ja schon an der Überzeugung der S.

Doris Knecht schreibt wenigstens im Falter, während die Meinung der S. zwar anonymisiert, aber vermutlich von dir ungefragt hier publiziert wurde.

Christoph Baumgarten - 29. Jun, 06:55

@Mathias: Der homo oeconomicus. Schau, schau. Den gibt's wirklich? Warum glaubst du denn, gibt es überhaupt Gewerkschaften? Weil die Arbeiter so böse sind oder was? Historisch haben wir wohl ein bisserl wenig Kenntnisse, mein Freund. Sorry, aber mit solchen platten liberalen Phrasen nimmst du dich selbst aus dem Spiel. Wiewohl ich dir ein beeindruckendes Maß an Mut zur Realitätsverweigerung zugestehen muss, in einer Wirtschaftskrise, die eindeutig durch Deregulierung mitausgelöst wurde, subtil Propaganda für eine weitere Deregulierung zu machen. Zumal mit Argumenten, die sich auf die Wirtschafskrise beziehen. Ich würde dir raten, dich mal mehr mit Empirie zu beschäftigen als mit Ideologie.

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