Alltäglicher Widerstand
Mit der Aktion "Besser links gehen als rechts hetzen" versucht die SPÖ, eine neue Form des Widerstands gegen Alltagsrassismus und Alltagsfaschismus zu etablieren, mit EU-Spitzenkandidat Hannes Swoboda als Sprecher und Aushängeschild. Mobilisiert wurden mehr Menschen als erwartet.Es sind die persönlichen Momente, die die Höhepunkte des Protestspaziergangs bilden. Iris Steinhauer etwa, die die Grußbotschaft ihres Vaters verliest. "Der Schoß ist fruchtbar noch, aus dem das kroch" zitiert er Bert Brecht. Die junge Sozialdemokratin steht am Morzinplatz. Hier hatte die
Gestapo ihr Wiener Hauptquartier. Hier waren ihr Großvater und der Ururgroßvater gequält worden. Ihr stockt kurz die Stimme, als sie das erzählt. "Das muss sie viel Überwindung gekostet haben", sagt Julia Hinterseer von der JG Ottakring. "Ich weiß nicht, ob ich das so hätte erzählen können."Oder Tina Tauß, Bundesvorsitzende der Jungen Generation (JG). Am Ende des Protestspaziergangs im Augarten erzählt sie von ihrer Jugend aus Ebensee und wie sie der Überfall auf die Befreiungsfeier des Konzentrationslagers erschüttert hatte. "Wir müssen jetzt zeigen, dass wir rassistische Äußerungen, rassistische Witze, dass wir diese Überschreitungen nicht tolerieren. Wir müssen widersprechen, so klein die Überschreitung auch aussehen mag. Wir müssen nicht die erreichen, die an Gedenkfeiern teilnehmen. Wir müssen die erreichen, die es nicht tun." Im Hintergrund steht drohend der Flakturm.
Die Aktion soll eines dieser alltäglichen Signale gegen Alltagsrassismus und Alltagsfaschismus sein, die mit Ebensee und dem EU.Wahlkampf der FPÖ wieder sichtbar geworden sind. Es soll bewusst nicht aussehen wie eine Demonstration, sagt SPÖ-Spitzenkandidat Hannes Swoboda. Er führt den Protestspaziergang an, der vom Judenplatz zum Augarten führt. Dass die Aktion deutlich größer wird, als erwartet, gefährdert das beinahe. Mit 30 Teilnehmerinnen und Teilnehmern haben die Organisatoren gerechnet. Es sind mehr als doppelt so viele. Von der engagierten Antifaschistin ohne Parteibindung zum prominenten SPÖ-Mitglied, Vom sechs Monate alten Kind zum Pensionisten. Migrantinnen und Migranten sind hier, Freidenker, und viele junge Menschen.
Geboren 1841, deportiert 1942
Die Form des Protests schafft die Möglichkeit, sich mit dem auseinanderzusetzen, was das NS-Regime in Wien hinterlassen hat. Man macht einander aufmerksam auf die Bronzeplatten, die in die Gehsteige eingelassen sind. Kleine Merkmale der Erinnerung an vornehmlich jüdische Opfer des NS-Regimes. Geboren 1841, deportiert 1942 steht auf einem der Steine der Erinnerung. So systematisch und zynisch können Menschenverachtung und Haß sein.
Der informelle Widerstand gegen den neuen Alltagsrassismus soll es engagierten Antifaschistinnen und Antifaschisten auch ermöglichen, schnell Proteste auf die Beine stellen zu können, sie in den Alltag hineintragen zu können. Dass es keine große Demo ist, soll auch die Hürden für die beseitigen, die sich bei solchen Formen des Protests unwohl fühlen. Eine neue, kleine, alltägliche Form des Widerstands.
Hitler-Gruß bleibt ungeahndet
Und wieder wird der antifaschistische und antirassistische Protest vom österreichischen Alltagsfaschismus überschattet. Als die Gruppe Richtung Augarten geht, erhebt ein Zuschauer die Hand zum Hitlergruß. Die Polizisten unternehmen nichts. Der Akt der Wiederbetätigung bleibt ungeahndet. Wieder einmal.
Christoph Baumgarten - 23. Mai, 11:08


