Verluste mit System

RouletteFür die Verluste der Bundesfinanzierungsagentur will niemand verantwortlich sein. Und doch zeigt sich: Es waren Verluste mit System. Das Karl-Heinz Grasser alleine anzulasten, wäre zu wenig.

Kurt Horwitz von den Vorarlberger Nachrichten ortet ein "System Grasser" hinter den horrenden Verlusten der Bundesfinanzierungsagentur. Seiner Zeitung kann man im allgemeinen nicht nachsagen Kampfblatt des klassenbewussten Proletariats zu sein. Und er ist nicht der einzige. Auch nahezu die gesamte bürgerliche Medienfront sieht in Grasser und dem Gedankengut, für das er steht, die Hauptverantwortung für das Debakel.

GrasserNiemand hat sie mehr bestätigt als Grasser. Dass der neoliberale Wendehals für nichts verantwortlich ist, was in seinen Zuständigkeitsbereich fällt, hat er während und nach seiner Amtszeit mehrfach bewiesen. Heute wieder. Die Aktienkurse bei MIP sinken? Die höchste Steuerlast der Zweiten Republik drosselt das Wirtschaftswachstum? Die VOEST wird zum Freundschaftspreis verscherbelt? Von Privatisierungserlösen ist nichts mehr da? Dafür kann er nichts. Die Bundesfinanzierungsagentur hat unter seiner Ägide mit den Casino-Geschäften begonnen, die jetzt Verluste von 300 Millionen Euro gebracht haben? Was kann er dafür, als Finanzminister war er bloß ressortzuständig. Da war schon eher Molterer schuld, der damals Landwirtschaftsminister und später VP-Klubobmann im Nationalrat war. Vermutlich hat die Bundesfinanzierungsagentur mit Maiskörnern gezockt. Grasser hat sich bekanntlich nie in irgendwas eingemischt und sicher in keinen Bereich seinen Günstlingen lukrative Versorgungsposten gesichert.

Aber, dass zwischenzeitlich auch Gewinne anfielen - dafür fühlt er sich wieder zuständig. Seine kluge Personalauswahl wird's gewesen sein. Und seine ausgewogenen Richtlinien, wie man Steuergeld zu veranlagen habe. Und das Spielgeld, das man aufgenommen hatte. Selbstredend hat das nichts mit dem jahrelangen internationalen Aufwärtstrend auf den Aktienmärkten zu tun, die damals jedem Trottel Gewinne bescherten. Ein Verhalten, das stark an das Verantwortungsbewusstsein von Bankern erinnert, die sich Millionenprämien genehmigten, nachdem Milliarden von Staatsgeld ihr Institut vor der Pleite gerettet hatten.

Der Fall Niederösterreich
Um dsa gleiche, überwältigende, Ausmaß an Verantwortungsbewusstsein zu erleben, muss man nur nach Niederösterreich schauen. Dort hat Finanzlandesrat Wolfgang Sobotka (ÖVP) eine Milliarde Euro Wohnbauförderung verzockt. Wie Grasser fühlt er sich ausschließlich für frühere Gewinne verantwortlich. Den Verlust gibt's gar nicht, sagt er.
Sobotka

Auch wenn Sobotka an Exhibitionismus nicht an Grasser heranreicht und anders als letzterer nicht darüber grübeln darf, ob er als Model arbeitet, wenn alles andere schiefläuft - beide haben die gleiche Geistehaltung. Drüberfahren, zocken und solang es gut geht, sich feiern lassen. Wenn nicht: Schuld sind immer die anderen. Der Neoliberalismus ist in der "volks"partei in Reinstkultur anzutreffen. Und allen Vernebelungsübungen zum Trotz, wirklich verabschiedet hat man sich nicht von ihm.

Wie der brave Katholik bei der Beichte gelobt man zähneknirschend Besserung um nachher wieder fröhlich dem Laster zu frönen. So lange die Leute zu dumm sind, es zu merken, funktioniert das Spiel. Ex-Finanzminister Wilhelm Molterer ist nur die provinzielle Version dieser Geisteshaltung. Auh er zeigt keine Anzeichen, dass er verstanden hat, worum's geht. Vizekanler Josef Pröll (ÖVP) hat's einfach. Ihm fällt die im Moment sympathischere Rolle des reuigen Sünders zu. Dass es die wirtschaftspolitische Logik seiner Partei war, die diese Verluste zu verantworten hat, danach fragt ihn niemand.

Leider. Diese Verluste zeigen, dass man der "volks"partei zwei Dinge nicht überlassen darf: Die Wirtschaft und politische Verantwortung. Von erstem versteht sie nichts. Und letztere ist in ihrer politischen Kultur inexistent. Da spielt man lieber den reuigen Sünder.
eierwerfer (Gast) - 21. Jul, 22:31

Eines hast Du vergessen: Wer es bezahlen soll. Nämlich wir alle. z.B. über Mehrwertsteuererhöhung, wie Felderer das will. Siehe z.B. hier:
http://www.beigewum.at/2009/06/es-geht-ans-bezahlen/
und hier:
http://blog.sektionacht.at/?p=331

F (Gast) - 22. Jul, 18:11

Seit inzwischen auch schon wieder ein paar Jahren, stellt die SPÖ mit Matznetter und jetzt mit Schieder, Staatssekretäre als Aufpasser im Finanzresort. Denen ist natürlich nie etwas aufgefallen. Dass Schieder sein Amt nicht seiner Kompetenz sondern seiner Verwandschaft verdank entschuldigt vielleicht ihn aber nicht die BZÖ-Nachfolgepartei in der Regierung, die nicht in der Lage ist ihre Ressorts kompetent zu besetzen und der zur Wirtschaftspolitik lediglich allfällige Skandalisierungen einfallen. Man kläfft halt ein wenig, schweigt aber in den wesentlichen Fragen.

F (Gast) - 22. Jul, 18:15

Über das rot-schwarze wienerisch-niederöstereichische Skylink-Desaster beweist wieder einmal, dass es rot und schwarz nicht nur an Wirtschaftskompetenz mangelt, sondern dass sie beide nicht in der Lage sind verantwortungsvoll mit Steuergeldern umzugehen. Aber die absolute Mehrheit in Wien ist bald weg, und dann wird die SPÖ auch in Wien ihre Pfründe teilen.

Christoph Baumgarten - 23. Jul, 09:45

Hhhhmmmmm. Lass mich mal nachrechnen. Also: Die SPÖ hat seit 2007 einen Staatssekretär im Finanzamt. Die meisten Veranlagungsgeschichten wurden in diesem Jahr gestoppt, bzw. im nächsten. Offenbar konnte man aber nicht aus allen Geschichten raus...
Die "Skandalisierung", wie du sie nennst, ging übrigens von deiner Partei sowie den anderen Oppositionsparteien aus. Erst nachdem sichGrasser als der Minister, der das initiierte, für unzuständig erklärte, machte auch die SPÖ Druck.
Was Skylink mit Steuergeld zu tun haben soll, musst du mir auch einmal erklären. Der wurde/wird um Geld der Flughafen Wien AG gebaut...

F (Gast) - 23. Jul, 17:04

Hmm Wilhelm Molterer ist böse und (zumindest mit-)schuld. Er wurde 2007 Finanzminister, Matznetter und Parteiaristokrat Schieder sind auch seit 2007 im Finanzministerium, aber unschuldig (Schieder wirklich wegen inkompetenz). Der Flughafen Wien gehört zu 40% den Ländern Wien und Niederösterreich und hat mit Steuergeldern und Staatsvermögen natürlich überhaupt nichts zu tun.
Man muss sich als Roter die Skandale halt aussuchen, ist die SPÖ doch in die meisten selber verwickelt.
Die Spekulation mit Steuergeld zu skandalisieren, gelingt schon durch den Begriff der Spekulation. Man hielt es im dümmlichen von allen geteiltem Vertrauen auf Ratings nicht für unseriös, sondern für eine gewinnbringende Veranlagung. Alle waren sich einig. Manche Parteien gründeten Stiftungen und mache Banken brauchten nicht einmal eine Finanzkrise zum Bankrottieren.
Jahrelang überschlugen sich Blau-Rot-Schwarz - Grün in weitaus geringerem Ausmass - in 'liberaler' Rhetorik, 'solidarische Hochleistungsgesellschaft' usw., nun ändern alle wieder ein wenig die Richtung, die Rhetorik geht wieder zur Sozialen Marktwirtschaft, statt Hayek wird nun Eucken (oder Keynes) nicht gelesen, man entdeckt christliche Werte oder Solidarität - deshalb braucht man aber nicht eine chronologische Differenz in eine Kluft der Parteien umzudeuten.
Wirtschaftspolitisch waren sich Rot und Schwarz seit dem Zweiten Weltkrieg in Mitteleuropa immer im Wesentlichen einig (F.J. Strauss und K. Schillerbildeten das Keynesianischste Duo der deutschen Nachkriegszeit). Während die Schwarzen bis vor kurzem der Öffentlichkeit vorspiegelten, niemals etwas mit böser Staatsschuld und Keynesianismus zu tun gehabt zu haben, versucht nun die SPÖ, die SPD ist da noch ehrlicher, den Leuten vorzuspielen niemals etwas mit 'Neoliberalismus' zu tun gehabt zu haben - nur ist letzteres gerade ein paar Monate her und es gibt noch zu viele Reste (leidige Stiftungen) und sieht man sich aus ideologischen oder pseudopatriotischen Gründen (Gusenbauer Visitenkarte Österreich) nicht rechtzeitig privatisierte Unternehmungen wie die Aua an, kann einem Angst und Bange werden.
Das Problem sind ja weniger die Millionen, die da und dort wieder einmal in den Sand gesetzt werden, sondern das der vermeintliche Skandal das einzige wirtschaftspolitische Thema der SPÖ ist.
Wo kann man der ÖVP engegentreten, inhaltlich wohl kaum, also wird eben skandalisiert mit einem sachten 'wir wissen von nivhts' im Hintergrund.


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