Politwatch hat Geburtstag
Heute vor einem Jahr ist der erste Beitrag auf Politwatch online gegangen. Und auch wenn man sich nicht selbst loben soll - es war ein erfolgreiches Jahr. 313-mal hat sich Politwatch seit seinem Entstehen zu Wort gemeldet. Gut, 314-mal, wenn ich diesen Beitrag mit einschließe. Nicht wenig für eine Freizeitbeschäftigung, denke ich mir. Und zugegeben ist mir in diesem Jahr das eine oder andere Mal die Puste ausgegangen. Was mich immer wieder motiviert hat, weiterzumachen, war der außergewöhnlich große Zuspruch zu manchen Beiträgen. Über die von der Polizei provozierte Eskalation bei der No-WKR-Demo etwa haben sich etwa 5.000 User informiert - innerhalb von nur drei Tagen. Politwatch war nicht das einzige Medium, das berichtet hat - aber ich war der einzige Journalist, der das Geschehen wirklich erlebt hat. Ich hoffe, dass dieser Beitrag und die Folgebeiträge geholfen haben, das Bild, das die etablierten Medien basierend auf Polizeiinformation zeigten, etwas zurechtzurücken.

(Bild: Martin Juen)
Ein Klassiker, den jüngst die "Presse" zitierte, war die Geschichte vom doppelten Bürgermeister.

Aus diesem Bericht hat sich ein spannender e-mail-Wechsel mit Eduard Habsburg entwickelt, dem Pressesprecher von Klaus Küng - und daraus wiederum eine Freundschaft.
Den größten journalistischen Coup habe ich halb bewusst verpasst. Nach den unsäglichen Anschuldigungen von Bumsti Strache gegen den ORF hat sich herausgestellt, dass einer der Neonazis auch ganz ohne ORF bei Strache-Veranstaltungen war. Ganz zufällig hat das meine liebe Freundin Maja Bačer für Politwatch fotografisch dokumentiert. (Zur dazugehörenden Reportage geht's hier)

Ein User hat mich darauf aufmerksam gemacht. Ich habe daraufhin die Fotos den verantwortlichen Stellen zur Verfügung gestellt und danach den Ball bewusst niedrig gehalten. Offen gestanden eine Fehlentscheidung. Hans Rauscher hat im Standard eine Geschichte daraus gemacht - immerhin hat er Politwatch als Quelle genannt.
Und das war alles nicht so geplant. Ich wollte eine alternativ-bissige Sicht auf die EU-Wahlen entwickeln und danach vielleicht zwanglos weitermachen. Alternativ im Sinne von alternativ zur dummdreisten EU-Phobie samt rassistischen Anwandlungen wie sie die FPÖ an den Tag legt. Die hat mich leider nicht losgelassen. Ich habe dieser Truppe mehr Beiträge widmen müssen, als mir lieb ist. Nur lässt mir die politische Kultur, die von den Blauen systematisch vergiftet wird, leider keine andere Wahl. Klimatisch gesehen ist die FPÖ leider die dominante Partei im Land. Und leider versuchen die Großparteien sie immer wieder mal zu kopieren.
Wenn ich nicht gegen diese geistige Verwahrlosung, gegen diese intellektuelle Umweltverschmutzung auftrete, wozu betreibe ich dann einen Blog, der sich als aufklärerisch und demokratisch versteht. Wobei, die intellektuelle Umweltverschmutzung sollte ich zurücknehmen. Ich bin mir nicht sicher, ob man ein Wort, das sich von intellegere = verstehen ableitet, also vom Verstand, im Zusammenhang mit der FPÖ überhaupt gebrauchen kann. Mich überrascht immer wieder die Chuzpe (auch so ein Wort, das nicht zu den Blauen passt), mit der sie das Geschwätz (das passt wieder) von gestern vergessen machen will. Beziehungsweise war's im Zweifelsfall nicht so gemeint. Die müssen ihre Wählerinnen und Wähler für sehr dumm halten. Wobei das fallweise angebracht scheint, wie dieser Beitrag zeigt. Realsatire pur. Eine Partie von Wendehälsen. Wobei die Doch-Wieder-Parteikollegen von den FIK nicht viel besser sind.
Gut gelaufen ist die solidarische Berichterstattung zum Audimax. Immerhin 16 Beiträge und mehrere Solidaritätsaktionen. Schade, dass nicht mehr aus diesem heißen Herbst geworden ist. Andererseit: So wenig haben die Studis nicht erreicht. Jetzt ist ganz Österreich bewusst, wie es auf Österreichs Unis und Fachhochschulen zugeht. Ohne diesen lauten Aufschrei wäre das einer breiten Öffentlichkeit nicht zu vermitteln gewesen. Und nicht einmal das eine oder andere kleinformatige Kampfblatt des wehrhaften Kleinbürgertums hat sich getraut, sich offen gegen die Besetzenden zu stellen.
Alles in allem ein erfülltes Jahr. Anstrengend. Aber ich darf zufrieden sein. Es hat sich ausgezahlt. 67.000 Menschen haben diesen Blog gelesen, seitdem ich das Statistik-Tool installiert habe. Das war fast zwei Monate nach dem ersten Beitrag. Also, es werden schon 70.000 gewesen sein. Immerhin sind es derzeit etwa 230 pro Tag - im Schnitt. Tendenz steigend. Das gibt Kraft. Ich mache weiter.
Christoph Baumgarten - 6. Apr, 18:06


