Florian P., Arbeiterkind aus Lerchenfeld
Die Polizei erschießt ein Kremser Arbeiterkind bei einem Supermarkteinbruch von hinten. Der Einsatz wirft viele Fragen auf. Nicht nur nach der Schuld oder Unschuld der Polizistin und des Polizisten. Eine zentrale Frage lautet: Würde der 14-jährige Florian P. noch leben, wenn er kein Arbeiterkind aus Krems-Lerchenfeld gewesen wäre?
In der Nacht, zwischen zwei und drei Uhr, war es schon egal, aus welchem Haushalt Florian P. stammt. Er hätte auch das Kind einer Unternehmerfamilie aus einem Kremser Nobelviertel sein können. Als die Polizistin und der Polizist ihn und seinen mutmaßlichen Komplizen im Dunkel überraschten, war es zu spät. Drei Schüsse fielen und die beiden Verdächtigen brachen zusammen. Die Polizei hatte keine Ahnung gehabt, keine Ahnung haben können, wen sie vor sich hatte. Geschossen hätten sie auf jeden Fall. Ob zu Recht oder zu Unrecht, wird gerade ermittelt. Florian P starb wenig später im Krankenhaus. Vielleicht wäre sein Sarg ein teurerer gewesen, wären seine Eltern keine Arbeiter aus Lerchenfeld.
Das ist die Oberfläche. Die entscheidende Frage ist: Wäre Florian P. in eine vergleichbare Situation geraten, wenn er Kind wohlhabender Eltern gewesen wäre? Die Antwort ist: Höchstwahrscheinlich nein. Auch Rich Kids geraten in schlechte Gesellschaft. Auch Kinder reicher Eltern verstoßen gegen Gesetze, ja. Auch sie bilden Jugendbanden. Ja. Einbrechen gehen sie selten. Diese Form der Eigentumskriminalität übt wenig Reiz auf sie aus. Und in ihren teuren Wohngegenden treffen sie selten auf Menschen, die vorbestraft sind. Die siedeln sich in Gegenden an, die sie sich leisten können. Auf die schiefe Bahn zu geraten ist wesentlich schwieriger, wenn man aus einem einigermaßen begüterten Haushalt kommt als wenn man ein Arbeiterkind ist. (Was nicht heißt, dass Arbeiterkinder automatisch zu Kriminellen heranwachsen) Und wesentlich einfacher, wieder herauszukommen.
Papa wird’s schon richten. Mit ein bisschen Einfluss oder einem guten Anwalt lässt sich so manche Anzeige gegen einen Jugendlichen abbiegen. Zur Not schickt man das missratene Söhnchen auf einen längeren Aufenthalt irgendwo anders, damit es aus der schlechten Gesellschaft herauskommt. Bei einem Arbeiterkind ist das wesentlich schwieriger. Siehe den schwer verletzten Freund von Florian P. Die Ebene der Strafgesetzgebung sei hier der Einfachheit halber bewusst ausgeblendet, ebenso, dass der Jugendgerichtshof unter Schwarz-Blau abgeschafft wurde.
Dass in dieser Lebensphase etwas schief geht, passiert schnell. Es bedarf aber spezieller Umstände, dass es tragisch endet. Der Tod von Florian P. ist eine Verkettung besonders tragischer Umstände und Fehlentscheidungen. Als solcher ist er einzigartig und doch in manchen seiner Aspekte exemplarisch. Die Voraussetzungen, die ihn auf eine derart schiefe Bahn gebracht haben, findet man nicht in „besseren“ Wohngegenden vor.
Das Arbeiterviertel Lerchenfeld unterscheidet sich im ÖVP-dominierten Krems in seiner gesamten Sozialstruktur vermutlich um einiges stärker von den wohlhabenderen Vierteln als das in anderen Städten der Fall ist. Es fehlen die Übergänge. Die soziale Abgrenzung in der schwarzen Stadt im schwarzen Niederösterreich ist groß. Auch das hat eine Rolle gespielt. Segregation, egal welcher Art, funktioniert auf Dauer nie. Man muss aus Lerchenfeld kein Ghetto machen wie das Halb-Gratisblatt Österreich um zu sehen: Kinder aus diesem Viertel haben in Krems nicht annähernd die gleichen Chancen wie Kinder aus „besseren“ Gegenden. Die Kremser Eliten perpetuieren sich selbst in einem stärkeren Maß als das in vielen anderen Städten der Fall ist. Das heißt auch: Sie schotten sich gegenüber Außenstehenden ab. Die sozial untere Schicht wird konzentriert im Arbeiterviertel. Mit all ihren Problemen. Das ist mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit längst kein bewusster Vorgang mehr. Es ergibt sich nur einfach. Durch die Qualität der Schulen, die Grundstücks- und Wohnungspreise und so weiter.
Das soll Forian P. nicht von einer individuellen Verantwortung lossprechen. Nur gilt es nicht zu vergessen: Er war 14. Kaum ein Alter, in dem man verlangen könnte, er müsse sich der vollen Tragweite seiner Handlungen bewusst sein. Es ist davon auszugehen, dass er gewusst hat, dass es falsch war, einbrechen zu gehen. Nur hat es ganz neutral betrachtet etwas gegeben, das stärker war als dieses Falsch-Sein einer Handlung. Der Druck, Freunden zu gefallen, vielleicht. Oder ein diffuses Gefühl aufbegehren zu müssen. Bei einem 14-Jährigen sind viele Gründe denkbar, warum er einen Blödsinn macht.
Eine Frage, die ich mir immer wieder gestellt habe in den vergangenen Tagen: Die Pressestelle der Polizei hat viele Informationen herausgegeben, die angetan sind, Florian P. und vor allem den überlebenden Jugendlichen aussehen zu lassen wie gemeingefährliche Schwerverbrecher. Das Zentralorgan des wehrhaften Kleinbürgertums, die Krone, und seine Schwiegertochter, das Gratisblatt „heute“, haben diese Informationen zum Erbrechen wiedergekäut. Wären diese Informationen auch so freizügig geflossen, wäre Florian P.‘s Vater Anwalt gewesen oder Arzt? Und, hätten Krone und „heute“ genauso reagiert? Hätten sie den Toten und seinen mutmaßlichen Komplizen ebenso schnell zu Freiwild erklärt? Ich habe hier meine Zweifel. Ich denke, auch die Stimmung in Krems wäre eine andere. Die Stadt würde einhelliger um dieses halbe Kind trauern, dem eine tragische Verkettung von Umständen eine tödliche Polizeikugel in den Rücken beschert hat.
Man darf natürlich nicht den Fehler machen und diesen Fall eindimensional sehen. Es wäre dumm, die Kindheit im Kremser Arbeiterviertel und die unglückliche, tödliche, Wendung, die Florian P.‘s Leben genommen hat, in einer unausweichlichen Kausalkette zu sehen. Selbstverständlich waren hier viele andere Umstände ausschlaggebend. Nur: Dass Florian P. nicht aus einer „besseren“ Gegend von Krems kam, hat dieses Ende um vieles wahrscheinlicher gemacht. Wie gesagt: Auch Kinder reicher Eltern geraten auf die schiefe Bahn. Aber diesen Eltern stehen unendlich mehr Möglichkeiten zur Verfügung, das zu korrigieren als Arbeiterinnen und Arbeitern, so sehr diese sich auch bemühen. Die soziale Kluft in diesem Land ist eine traurige Tatsache. Umso tragischer, dass es immer noch Menschen gibt, die alles tun, damit sie nicht überwunden wird und sich gegen die vielen notwendigen Einzelmaßnahmen wie Gesamt- und Ganztagsschule oder wirksame Armutsbekämpfung per Mindestsicherung mit Händen und Füßen wehren.
Vielleicht hätte all das Florian P.'s Leben auch nicht gerettet. Vielleicht wäre er auch in einem Österreich ohne soziale Kluft, einem Österreich mit besserer staatlicher Jugendbetreuung derart auf die schiefe Bahn geraten. Vielleicht. Aber es wäre um einiges unwahrscheinlicher.
In der Nacht, zwischen zwei und drei Uhr, war es schon egal, aus welchem Haushalt Florian P. stammt. Er hätte auch das Kind einer Unternehmerfamilie aus einem Kremser Nobelviertel sein können. Als die Polizistin und der Polizist ihn und seinen mutmaßlichen Komplizen im Dunkel überraschten, war es zu spät. Drei Schüsse fielen und die beiden Verdächtigen brachen zusammen. Die Polizei hatte keine Ahnung gehabt, keine Ahnung haben können, wen sie vor sich hatte. Geschossen hätten sie auf jeden Fall. Ob zu Recht oder zu Unrecht, wird gerade ermittelt. Florian P starb wenig später im Krankenhaus. Vielleicht wäre sein Sarg ein teurerer gewesen, wären seine Eltern keine Arbeiter aus Lerchenfeld.
Das ist die Oberfläche. Die entscheidende Frage ist: Wäre Florian P. in eine vergleichbare Situation geraten, wenn er Kind wohlhabender Eltern gewesen wäre? Die Antwort ist: Höchstwahrscheinlich nein. Auch Rich Kids geraten in schlechte Gesellschaft. Auch Kinder reicher Eltern verstoßen gegen Gesetze, ja. Auch sie bilden Jugendbanden. Ja. Einbrechen gehen sie selten. Diese Form der Eigentumskriminalität übt wenig Reiz auf sie aus. Und in ihren teuren Wohngegenden treffen sie selten auf Menschen, die vorbestraft sind. Die siedeln sich in Gegenden an, die sie sich leisten können. Auf die schiefe Bahn zu geraten ist wesentlich schwieriger, wenn man aus einem einigermaßen begüterten Haushalt kommt als wenn man ein Arbeiterkind ist. (Was nicht heißt, dass Arbeiterkinder automatisch zu Kriminellen heranwachsen) Und wesentlich einfacher, wieder herauszukommen.
Papa wird’s schon richten. Mit ein bisschen Einfluss oder einem guten Anwalt lässt sich so manche Anzeige gegen einen Jugendlichen abbiegen. Zur Not schickt man das missratene Söhnchen auf einen längeren Aufenthalt irgendwo anders, damit es aus der schlechten Gesellschaft herauskommt. Bei einem Arbeiterkind ist das wesentlich schwieriger. Siehe den schwer verletzten Freund von Florian P. Die Ebene der Strafgesetzgebung sei hier der Einfachheit halber bewusst ausgeblendet, ebenso, dass der Jugendgerichtshof unter Schwarz-Blau abgeschafft wurde.
Dass in dieser Lebensphase etwas schief geht, passiert schnell. Es bedarf aber spezieller Umstände, dass es tragisch endet. Der Tod von Florian P. ist eine Verkettung besonders tragischer Umstände und Fehlentscheidungen. Als solcher ist er einzigartig und doch in manchen seiner Aspekte exemplarisch. Die Voraussetzungen, die ihn auf eine derart schiefe Bahn gebracht haben, findet man nicht in „besseren“ Wohngegenden vor.
Das Arbeiterviertel Lerchenfeld unterscheidet sich im ÖVP-dominierten Krems in seiner gesamten Sozialstruktur vermutlich um einiges stärker von den wohlhabenderen Vierteln als das in anderen Städten der Fall ist. Es fehlen die Übergänge. Die soziale Abgrenzung in der schwarzen Stadt im schwarzen Niederösterreich ist groß. Auch das hat eine Rolle gespielt. Segregation, egal welcher Art, funktioniert auf Dauer nie. Man muss aus Lerchenfeld kein Ghetto machen wie das Halb-Gratisblatt Österreich um zu sehen: Kinder aus diesem Viertel haben in Krems nicht annähernd die gleichen Chancen wie Kinder aus „besseren“ Gegenden. Die Kremser Eliten perpetuieren sich selbst in einem stärkeren Maß als das in vielen anderen Städten der Fall ist. Das heißt auch: Sie schotten sich gegenüber Außenstehenden ab. Die sozial untere Schicht wird konzentriert im Arbeiterviertel. Mit all ihren Problemen. Das ist mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit längst kein bewusster Vorgang mehr. Es ergibt sich nur einfach. Durch die Qualität der Schulen, die Grundstücks- und Wohnungspreise und so weiter.
Das soll Forian P. nicht von einer individuellen Verantwortung lossprechen. Nur gilt es nicht zu vergessen: Er war 14. Kaum ein Alter, in dem man verlangen könnte, er müsse sich der vollen Tragweite seiner Handlungen bewusst sein. Es ist davon auszugehen, dass er gewusst hat, dass es falsch war, einbrechen zu gehen. Nur hat es ganz neutral betrachtet etwas gegeben, das stärker war als dieses Falsch-Sein einer Handlung. Der Druck, Freunden zu gefallen, vielleicht. Oder ein diffuses Gefühl aufbegehren zu müssen. Bei einem 14-Jährigen sind viele Gründe denkbar, warum er einen Blödsinn macht.
Eine Frage, die ich mir immer wieder gestellt habe in den vergangenen Tagen: Die Pressestelle der Polizei hat viele Informationen herausgegeben, die angetan sind, Florian P. und vor allem den überlebenden Jugendlichen aussehen zu lassen wie gemeingefährliche Schwerverbrecher. Das Zentralorgan des wehrhaften Kleinbürgertums, die Krone, und seine Schwiegertochter, das Gratisblatt „heute“, haben diese Informationen zum Erbrechen wiedergekäut. Wären diese Informationen auch so freizügig geflossen, wäre Florian P.‘s Vater Anwalt gewesen oder Arzt? Und, hätten Krone und „heute“ genauso reagiert? Hätten sie den Toten und seinen mutmaßlichen Komplizen ebenso schnell zu Freiwild erklärt? Ich habe hier meine Zweifel. Ich denke, auch die Stimmung in Krems wäre eine andere. Die Stadt würde einhelliger um dieses halbe Kind trauern, dem eine tragische Verkettung von Umständen eine tödliche Polizeikugel in den Rücken beschert hat.
Man darf natürlich nicht den Fehler machen und diesen Fall eindimensional sehen. Es wäre dumm, die Kindheit im Kremser Arbeiterviertel und die unglückliche, tödliche, Wendung, die Florian P.‘s Leben genommen hat, in einer unausweichlichen Kausalkette zu sehen. Selbstverständlich waren hier viele andere Umstände ausschlaggebend. Nur: Dass Florian P. nicht aus einer „besseren“ Gegend von Krems kam, hat dieses Ende um vieles wahrscheinlicher gemacht. Wie gesagt: Auch Kinder reicher Eltern geraten auf die schiefe Bahn. Aber diesen Eltern stehen unendlich mehr Möglichkeiten zur Verfügung, das zu korrigieren als Arbeiterinnen und Arbeitern, so sehr diese sich auch bemühen. Die soziale Kluft in diesem Land ist eine traurige Tatsache. Umso tragischer, dass es immer noch Menschen gibt, die alles tun, damit sie nicht überwunden wird und sich gegen die vielen notwendigen Einzelmaßnahmen wie Gesamt- und Ganztagsschule oder wirksame Armutsbekämpfung per Mindestsicherung mit Händen und Füßen wehren.
Vielleicht hätte all das Florian P.'s Leben auch nicht gerettet. Vielleicht wäre er auch in einem Österreich ohne soziale Kluft, einem Österreich mit besserer staatlicher Jugendbetreuung derart auf die schiefe Bahn geraten. Vielleicht. Aber es wäre um einiges unwahrscheinlicher.
Christoph Baumgarten - 14. Aug, 17:22


