Exklusiver geht's nimmer
Die von der NÖN wissen echt alles. Zuerst das Wunder von Allhartsberg - Politwatch-Leserinnen -und Leser wissen, das war der doppelte Bürgermeister. Und jetzt die Sache mit dem Spindelegger und dem Leitner. Das wisst ihr noch nicht? Dann aber flogs die NÖN kaufen. Oder Politwatch lesen.Die NÖN scheint sich zu DEM Exklusivmedium der Republik entwickeln. Seit Wochen bringt das Blatt Geschichten, die sonst keiner hat. Die Redakteure der Wochenzeitung, die mehrheitlich der katholischen Kirche gehört, wissen etwa, dass der nö. Landesvorsitzende der SPÖ, Sepp Leitner, die Partei gewechselt hat. Und wenn es im Landesteil der NÖN steht, muss es stimmen. Oder überhaupt sonst wo in der Zeitung.

Den plötzlichen und in Niederösterreich völlig nachvollziehbaren Wechsel zur "Volks"partei bestreitet die niederösterreichische Sozialdemokratie - ja, diese Verwirrten gibt es - bis heute. Wobei der Verdacht im Raum steht, die Partei hätte sich geschlossen dem Landeskaiserwahlverein ÖVP angeschlossen. Ein verständliches Manöver. Alles andere würde im Reich unter Giebelkreuz und Glatze als sicheres Zeichen von Geisteskrankheit gewertet werden. Wer braucht politische Parteien, wenn man die "Volks"partei hat? Die überparteiliche, superpatriotische und überhaupt superste Partei von allen. Vielleicht hat auch das Wunder von Allhartsberg die chronischen Ketzer, Vernaderer und Landesverräter endgültig bekehrt.
Des Kaisers Minister
Ebenfalls mit Erstaunen habe ich dem Landesteil der aktuellen Ausgabe entnommen, dass Michael Spindelegger (ÖVP) eine weitere Funktion übernommen hat.

Es mir bislang nicht bekannt, dass Niederösterreich einen eigenen Außenminister hat. Ja, überhaupt, dass es im Bundesland ein Kabinett mit Ministern gebe, ist meiner Aufmerksamkeit bislang entgangen. Wahrscheinlich zieht Erwin Pröll nach seinem nicht ganz freiwilligen Verzicht auf die Hofburg einfach andere Saiten auf. Wenn er es von Wien aus nicht machen kann, macht er es einfach vom St. Pöltner Landhaus aus. Mit dem Segen der NÖN und dem des Vatikans. Immerhin hängt am niederösterreichischen Landhaus noch das Kreuz vom Papstbesuch in St. Pölten. Bleibt die Frage, ob das in einer Unabhängigkeitserklärung mündet oder Pröll einfach unwichtige Details der Bundesverfassung ignoriert. Wie die Tatsache, dass Außenpolitik Bundessache ist.
Auch der Bundesminister für Äußeres, Michael Spindelegger, muss sich einige Fragen stellen (lassen). Übt er die Funktion des niederösterreichischen Außenministers parallel aus oder ist er als Mitglied der Bundesregierung zurückgetreten? Gegen die erste Variante spricht, dass Mitglieder der Bundesregierung keiner anderen bezahlten Tätigkeit nachgehen dürfen. Das soll Interessenskonflikte verhindern. Und die bestehen in einem Fall wie diesem allemal. Was tut Spindelegger, wenn Niederösterreich Wien den Krieg erklärt? Überbringt er sich dann selber das Dokument oder schickt er einen Boten? Und wie schafft er es, bei der Überbringung der Botschaft einigermaßen unangenehm überrascht dreinzuschauen, wie das in solchen Fällen angebracht ist?
Und wenn er nur mehr Niederösterreichs Außenminister ist: Ist das ein Auf- oder ein Abstieg? Von St. Pölten aus betrachtet mit Sicherheit ersteres. Ob Spindelegger das auch so sieht? Hängt vermutlich davon ab, ob sein Herz eher für die Republik schlägt oder für ein (Landes-)Kaisertum.
Christoph Baumgarten - 20. Okt, 09:14


