"Du bist eine Schande für mein Land"
Eine kleine Gruppen Burschenschafter darf am Heldenplatz am 8. Mai einen Kranz niederlegen. Eine noch kleinere Gruppe Antifaschistinnen und Antifaschistinnen macht die Polizei nervös. Der 64. Jahrestag der Befreiung in Wien. Kein Ruhmesblatt.
Sechs oder sieben Polizisten marschieren auf und stellen sich halb drohend fünf Meter hinter der Absperrung auf. Versteckt hinter ihren Schutzschilden schauen sie in Richtung dessen, was sich Gegendemo nennt. Zu besten Zeiten hundert Menschen, großteils Jugendliche. Die 150 bis 250 Burschenschafter, zum Teil bewaffnet, sind von der Kranzniederlegung gekommen und feixen in sicherer Entfernung. Einer der Burschenschafter sieht aus wie der Dritte Nationalratspräsident Martin Graf. Ob er es ist, lässt sich bei der Entfernung und den Lichtverhältnissen nicht genau sagen. Man kann jedenfalls davon ausgehen, dass der Großteil der Burschenschafter in der einen oder anderen Form für die FPÖ aktiv ist. Die Rechten müssen beschützt werden, hat ein Polizist vorher erklärt. Vor den gewalttätigen Linken und vor möglichen Ausschreitungen. Die gleiche Linie verfolgt der Bescheid des Wiener Polizeipräsidenten, der an der Polizeiabsperrung prangt. Von einer "Gefahr für Leib und Leben" ist da die Rede. Der der bewaffneten Burschenschafter wohlgemerkt. Auch hinter der Gegendemo hat sich eine Einsatzeinheit der Polizei positioniert. Helme, kugelsichere Westen.
Was einer Lebensgefahr am nächsten kommt, ist eine neue Parole der Gegendemonstranten. "Steigt ins Auto ein, lasst Haider nicht allein". Ein junger Antifaschist schwingt seinen Arm über die Absperrung hinweg in Richtung Burschenschafter. "Du bist eine Schande für mein Land". Ein paar skandieren, was sie schon vorher, direkt vor dem Zaun am Heldenplatz gesungen haben. "Ihr habt den Krieg verloren, ihr habt den Krieg verloren". Und: "Eure Kinder werden so wie wir". Von schräg gegenüber hört man die Eröffnung der Wiener Festwochen, die zeitweise lauter ist als die beiden Demonstrationen zusammen. Die Polizisten hinter den Schutzschildern bewegen sich nicht. Man hat den Eindruck, sie halten sich an den Schilden fest. Die andere Einsatzeinheit wirkt eher fadisiert. Die junge Notärztin, die hinter der Absperrung steht, zündet sich entspannt eine Zigarette an.
Irgendwann wird den Burschenschaftern langweilig. Sie gehen heim. Auch das, was sich Gegendemo nennt, löst sich auf. Die Absperrung bleibt aufrecht. Man kann ja nie wissen. Dem Vorgang ist etwas operettenhaftes nicht abzusprechen.
Auch Journalisten ausgesperrt
Von der umstrittenen Kranzniederlegung hat niemand etwas mitbekommen. Die Polizei hat das Heldenplatz-Viertel großräumig abgesperrt, bis zum Ballhausplatz. Journalisten sind nicht erwünscht. "Offenbar will man nicht, dass dieses Schauspiel dokumentiert wird", sagt ein deutscher Journalist, der nicht versteht, warum er nicht zu der Burschenschafter-Demo gelassen wird. In Deutschland, sagt seine Fotografin, wären Veranstaltungen rechter Gruppierungen wie der Burschenschafter am Tag der Befreiung unmöglich. Vor allem an derart öffentlichen und symbolsichen Plätzen wie dem Heldenplatz.
Die Burschenschafter versichern treuherzig Jahr für Jahr, sie würden nicht die deutsche Niederlage betrauern. Sie würden die Toten aller Seiten ehren. Dass es jemand überprüfen kann, wollen sie nicht. So weit, sich der öffentlichen Dokumentierung zu stellen, reicht der Mut derer, die sich laut Eigendefinition mutig gegen den Zeitgeist stellen, auch wieder nicht. So läuft man nicht Gefahr, jemand könne einem eine Nähe zum NS-Regime nachweisen. Unbedachte Worte sind schnell gesprochen bei einer Veranstaltung, bei der man sich unter seinesgleichen fühlt. Sie könnten eine Beweis sein, dass vielleicht doch die Trauer um die Ausgang des Kriegs überwiegt.
Im Zweifelsfall ist immer noch die Polizei da, hinter der man sich verstecken kann. Wenn Rechte marschieren, entdeckt sie in Österreich die Liebe zum Demonstrationsrecht. Deren Waffen, Schläger genannte Degen, werden mit Hinweis auf die Tradition verharmlost. Abgenommen werden sie den Burschenschaftern trotz Bewaffnungsverbots nicht. Bei einer antifaschistischen Demo entdeckt man das Vermummungsverbot. Kapuzenpullis und Sonnebrillen reichen da schon.
Österreich 64 Jahre nach der Befreiung. Antifaschistische Jugendliche werden von der Polizei niedergeprügelt. Bewaffnete Burschenschafter dürfen eine Woche später die Republik provozieren, beschützt von hunderten Polizisten. Und niemanden störts. Die österreichische Version von Vergangenheitsbewältigung.
Sechs oder sieben Polizisten marschieren auf und stellen sich halb drohend fünf Meter hinter der Absperrung auf. Versteckt hinter ihren Schutzschilden schauen sie in Richtung dessen, was sich Gegendemo nennt. Zu besten Zeiten hundert Menschen, großteils Jugendliche. Die 150 bis 250 Burschenschafter, zum Teil bewaffnet, sind von der Kranzniederlegung gekommen und feixen in sicherer Entfernung. Einer der Burschenschafter sieht aus wie der Dritte Nationalratspräsident Martin Graf. Ob er es ist, lässt sich bei der Entfernung und den Lichtverhältnissen nicht genau sagen. Man kann jedenfalls davon ausgehen, dass der Großteil der Burschenschafter in der einen oder anderen Form für die FPÖ aktiv ist. Die Rechten müssen beschützt werden, hat ein Polizist vorher erklärt. Vor den gewalttätigen Linken und vor möglichen Ausschreitungen. Die gleiche Linie verfolgt der Bescheid des Wiener Polizeipräsidenten, der an der Polizeiabsperrung prangt. Von einer "Gefahr für Leib und Leben" ist da die Rede. Der der bewaffneten Burschenschafter wohlgemerkt. Auch hinter der Gegendemo hat sich eine Einsatzeinheit der Polizei positioniert. Helme, kugelsichere Westen.
Was einer Lebensgefahr am nächsten kommt, ist eine neue Parole der Gegendemonstranten. "Steigt ins Auto ein, lasst Haider nicht allein". Ein junger Antifaschist schwingt seinen Arm über die Absperrung hinweg in Richtung Burschenschafter. "Du bist eine Schande für mein Land". Ein paar skandieren, was sie schon vorher, direkt vor dem Zaun am Heldenplatz gesungen haben. "Ihr habt den Krieg verloren, ihr habt den Krieg verloren". Und: "Eure Kinder werden so wie wir". Von schräg gegenüber hört man die Eröffnung der Wiener Festwochen, die zeitweise lauter ist als die beiden Demonstrationen zusammen. Die Polizisten hinter den Schutzschildern bewegen sich nicht. Man hat den Eindruck, sie halten sich an den Schilden fest. Die andere Einsatzeinheit wirkt eher fadisiert. Die junge Notärztin, die hinter der Absperrung steht, zündet sich entspannt eine Zigarette an.
Irgendwann wird den Burschenschaftern langweilig. Sie gehen heim. Auch das, was sich Gegendemo nennt, löst sich auf. Die Absperrung bleibt aufrecht. Man kann ja nie wissen. Dem Vorgang ist etwas operettenhaftes nicht abzusprechen.
Auch Journalisten ausgesperrt
Von der umstrittenen Kranzniederlegung hat niemand etwas mitbekommen. Die Polizei hat das Heldenplatz-Viertel großräumig abgesperrt, bis zum Ballhausplatz. Journalisten sind nicht erwünscht. "Offenbar will man nicht, dass dieses Schauspiel dokumentiert wird", sagt ein deutscher Journalist, der nicht versteht, warum er nicht zu der Burschenschafter-Demo gelassen wird. In Deutschland, sagt seine Fotografin, wären Veranstaltungen rechter Gruppierungen wie der Burschenschafter am Tag der Befreiung unmöglich. Vor allem an derart öffentlichen und symbolsichen Plätzen wie dem Heldenplatz.
Die Burschenschafter versichern treuherzig Jahr für Jahr, sie würden nicht die deutsche Niederlage betrauern. Sie würden die Toten aller Seiten ehren. Dass es jemand überprüfen kann, wollen sie nicht. So weit, sich der öffentlichen Dokumentierung zu stellen, reicht der Mut derer, die sich laut Eigendefinition mutig gegen den Zeitgeist stellen, auch wieder nicht. So läuft man nicht Gefahr, jemand könne einem eine Nähe zum NS-Regime nachweisen. Unbedachte Worte sind schnell gesprochen bei einer Veranstaltung, bei der man sich unter seinesgleichen fühlt. Sie könnten eine Beweis sein, dass vielleicht doch die Trauer um die Ausgang des Kriegs überwiegt.
Im Zweifelsfall ist immer noch die Polizei da, hinter der man sich verstecken kann. Wenn Rechte marschieren, entdeckt sie in Österreich die Liebe zum Demonstrationsrecht. Deren Waffen, Schläger genannte Degen, werden mit Hinweis auf die Tradition verharmlost. Abgenommen werden sie den Burschenschaftern trotz Bewaffnungsverbots nicht. Bei einer antifaschistischen Demo entdeckt man das Vermummungsverbot. Kapuzenpullis und Sonnebrillen reichen da schon.
Österreich 64 Jahre nach der Befreiung. Antifaschistische Jugendliche werden von der Polizei niedergeprügelt. Bewaffnete Burschenschafter dürfen eine Woche später die Republik provozieren, beschützt von hunderten Polizisten. Und niemanden störts. Die österreichische Version von Vergangenheitsbewältigung.
Christoph Baumgarten - 9. Mai, 09:17



Ja is die Polizei denn wahnsinnig?
Also manchmal frag ich mich, ob die das absichtlich machen... dieses provokative Regelbrechen und Partei ergreifen....