Die Dimension des "Göttlichen"

HeiligKreuzKirche1Die Aufregung um die Buskampagne, die die Wiener Linien gestoppt haben, wird größer. Mittlerweile kann auch die katholische Kirche nicht mehr dran vorbei. Kath.Press berichtete heute - freilich ohne die Namen der beteiligten Organisationen zu nennen. Und die Verantwortlichen, mich eingeschlossen, bekommen wirre e-mails.

Ein Thomas R. (Name von mir gekürzt) hat mir heute ein e-mail geschrieben, in dem er sich über die Slogans der Buskampagne "amüsiert" zeigt. Das rechtfertigt er unter anderem mit folgendem "Argument", dessen Logik bestechend ist. Damit zeigen Sie eigentlich nur ihre ideologische Verengung. Auch von "außen", als Atheist/in oder Agnostiker/in (...) muss man der philosphisch-theologischen Wissenschaft und der Religionswissenschaft gemäß festhalten, dass die Tatsache, dass die sogenannten "Werte" letztlich als Ausgang und Ziel immer den Menschen haben, eigentlich "Gott" sind - diese Tatsache bzw. Erfahrung ist eine wesentliche Dimension des Göttlichen!

Soll heißen: Werte werden von Menschen gemacht und haben den Menschen als Objekt. Sogar laut theologischer "Wissenschaft". Wie diese Tatsache die "Dimension des Göttlichen" beweisen soll, ist mir schleierhaft. Werte sind, und das schreibt auch Thomas R., Produkt menschlicher Geschichte, werden von Menschen formuliert und sollen Normen für menschliches Handeln sein. Gott sehe ich in dieser Überlegung, die auch Thomas R. anstellt, nicht. Wir haben nie etwas anderes behauptet. Wir haben nur die "göttliche Dimension" explizit herausgenommen, die selbst ein ausgewiesener Logiker wie Thomas R. durch nichts belegen kann als durch die Behauptung, dass sie halt irgendwie da sei und sich dadurch beweise, dass Werte von Menschen gemacht wurden.

Mit diesem Spruch widersprechen Sie sich eigentlich selbst. , fährt Thomas R. fort. Ich stelle zerknirscht fest: Dass wir feststellen, dass Werte Menschenwerk sind, was auch Thomas R. zugibt, ist ein Widerspruch in sich. Ein Fall von metaphysischer Dialektik. Oder es braucht einen Immanuel Kant, um das zu verstehen.

Kritik nur bei Nicht-Kritik erlaubt
Der Umstand, dass solche und andere pauschalkritische Meldungen gegenüber allem, was irgendwie "Religion" ist, von Ihnen immer wieder aufgegriffen und gefördert werden wollen, lässt eine tiefsitzende ideologische Verengung erkennen, die in einer zeitgemäßen Ausrichtung Ihrer Einstellung und Richtung eigentlich doch ein bisschen offener und reflektierter betrachtet werden sollte. , heißt es weiter. Soll heißen: Wir dürfen gemäß dem allseits geachteten Genie Thomas R., dem fähigsten aller logischen Denker, Religionen kritisieren, wenn wir sie nicht kritisieren. Er nennt das "offener und reflektierter". Wir nennen es eine Aufforderung mit unserer Meinung hinter den Berg zu halten.

Ein weiterer wesentlicher Aspekt ist z.B. die soziale Dimension der christlichen Botschaft. Thomas R. interpretiert hier das Christentum halb neu. Er erliegt einer Post-68-er-Projektion. Das sei ihm unbenommen. Solange er anerkennen würde, dass es Menschen gibt, die sich mit Ideologie-Geschichte beschäftigen. Aber ich vergaß seine ansonsten bestechende Logik.

Nur damit ich richtig verstanden werde: Ich spreche hier nicht im Namen einer Religion oder der von Ihnen wahrscheinlich nicht gerade geschätzten Kirche. Es hat freilich jede/r das Recht, Atheist/in oder Agnostiker/in zu sein. Aber auch von diesem Zugang her sollten Religionsthemen zeitgemäß, offen und reflektiert angegangen werden - und nicht aus einer für Ihre Einstellung scheinbar so sein müssenden Ideolgie heraus., schließt Thomas R. etwas kryptisch.

Ein wahrer Beweis für eine "Dimension des Göttlichen". Der "objektive" Thomas R. gibt uns den guten Ratschlag, zu kritisieren, indem wir nicht kritisieren. Und spricht selbstverständlich nicht aus der Position eines Angehörigen einer Religionsgemeinschaft heraus. Bei so viel bestechender Logik ziehen wir die Kampagne selbstverständlich mit dem Ausdruck des Bedauerns zurück.

P.S.: Auch die Religionsabteilung des ORF kommt mittlerweile nicht mehr an uns vorbei.
http://religion.orf.at/projekt03/news/0906/ne090609_buskampagne_fr.htm

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