Das Wunder von Allhartsberg

NOEN_YbbstalDie kirchennahe niederösterreichische Wochenzeitung NÖN belegt, dass es Wunder gibt. Auf einem Foto ihrer Ybbstaler Ausgabe erscheint ein ÖVP-Politiker zweimal. Dieses Wunder der Bilokalität war der Redaktion nicht einmal eine Zeile wert. Auch Bürgermeister und Kirche schweigen sich aus.

Als gründlicher Journalist fühle ich mich verpflichtet, diesem Wunder von Allhartsberg auf den Grund zu gehen. Allein, man macht es mir schwer. Anton Kasser sagt nichts. Wo er doch so viel Grund hätte, sich zu freuen. Er ist Allhartsberger Bürgermeister und Landtagsabgeordneter der ÖVP. Als vielbeschäftigtem Mann kommt ihm seine Gabe, an zwei Orten gleichzeitig zu sein sicher zustatten. Ob es sich auszahlt, zweimal gleichzeitig am selben Ort zu erscheinen wie er das bei einem Bieranstich zu einem Oktoberfest getan hat, ist eine andere Frage. Das hat die NÖN eindrucksvoll kommentiert. Leider hat Bürgermeister und Landtagsabgeordneter Kasser nicht auf auf meinen Fragenkatalog geantwortet, den ich ihm heute zukommen habe lassen:
Als langjähriger Journalist habe ich beinahe mit Ehrfurcht festgestellt, dass Sie im "Boten von der Ybbs" von vergangener Woche das seltene Kunststück fertig gebracht haben, am gleichen Foto zwei Mal zu erscheinen. Wie machen Sie das?
Es gibt bereits Menschen, die vom "Wunder von Allhartsberg" sprechen. Wie gehen Sie damit um?
Halten Sie es für möglich, dass das Foto retouchiert wurde?
Wenn es retouchiert wurde, warum glauben Sie, dass das passierte?
Kommt so etwas öfter vor?


Bisher hat mir der Bürgermeister nicht geantwortet. Wofür ich bis zu einem gewissen Maß Verständnis habe. Seine Gabe an zwei Orten gleichzeitig zu sein, verschafft ihm im politischen Geschäft erhebliche Vorteile. Zumal er zwei bezahlte Funktionen ausübt. Diese Geheimnisse will man nicht an die große Glocke hängen. Nicht, dass der politische Gegner das nachmacht.

Wobei nur mein Kollege Peter davon ausgeht, dass das fragliche Foto retouchiert sein könnte. Ein Scherz, den man spät in der Nacht in der Redaktion gemacht habe und den man vergessen habe, rückgängig zu machen sagt er. Und einige Kleingläubige und Nörgler vermeinen in dem Foto einen Beweis für vermutete Manipulationen in der NÖN zu sehen, die mehrheitlich der Diözese St. Pölten gehört. Dort würde man bevorzugt Politikerinnen und Politiker wegretouchieren, die nicht der ÖVP angehören.
Wo doch selbst mich als Skeptiker die Tatsache überzeugt, dass die NÖN der Kirche gehört. Bei diesen Eigentumsverhältnissen ist mit einer besonders hohen Wahrhaftigkeit der Berichte zu rechnen. Die katholische Kirche ist bekanntlich moralisch und lügt nie.

Weshalb ich auch dort dem Wunder auf den Grund gehen wollte. In einem e-mail an die Diözese St. Pölten schrieb ich:
Soeben fand ich folgendes Bild im "Boten von der Ybbs", Ausgabe der vergangenen Woche, das den Allhartsberger Bürgermeister Anton Kasser auf dem gleichen Foto zweimal zeigt. Einmal als Landtagsabgeordneten und einmal als Bürgermeister.
Fürwahr ein seltenes Kunststück, das mir noch nie untergekommen ist. Der Mann scheint die Gabe der Bilokalität zu besitzen.
Kann man so etwas als ein Wunder bezeichnen?
Und wenn ja, so scheint außer Zweifel zu stehen, dass es mit göttlicher Hilfe geschah. Herr Kasser ist immerhin Mitglied und Funktionär der ÖVP. Was gedenkt die Diözese in Bezug auf dieses Wunder zu tun?
Wird es eine päpstliche Untersuchung geben?
Werden Sie ein Seligsprechungsverfahren nach dem Ableben von Herrn Kasser einleiten?
Sollte sich das Foto nicht als Wunder herausstellen, welche Erklärung haben Sie dann dafür?

Leider habe ich von dort auch noch keine Antwort bekommen. Was mich ein wenig traurig stimmt. Als neugieriger Mensch hätte ich gerne gewusst, was die oberste Autorität in sowieso allen Dingen, vor allem im Bereich der Wissenschaften, von solchen Phänomenen hält. Andererseits geht man bei der katholischen Kirche mit Erscheinungen einer derartigen Tragweite besonders vorsichtig vor. Die Marienerscheinungen von Medjugorje etwa sind bis heute nicht anerkannt. Und die Kirche denkt bekanntlich in Jahrtausenden. Da werde ich als wissbegieriger Mensch das eine oder andere Jahrhundert übrig haben. Vielleicht hätte ich die Sache beschleunigt, wenn ich ihnen gesagt hätte, dass ich Atheist bin. Die Gelegenheit, einen Ungläubigen zu bekehren hätten sich die St. Pöltner Herren nicht entgehen lassen.

So bleibt mir nur, den bekannten Physiker Heinz Oberhummer um Rat zu fragen. Der wird sich mit den Skeptikern und den Science Busters des Phänomens annehmen.

P.S.: Dieser Artikel ist auch im Humanistischen Pressedienst erschienen.

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