Montag, 7. März 2011

Alltagsnazi

Ein Streitgespräch zeigt, wie leicht Nazi-Sprüche über die Lippe gehen. Und wie sehr sich die Menschen in diesem Land an derlei gewöhnt haben.

Vermutlich wird kein Mensch mehr genau rekonstruieren können, wie das Gespräch in einem Wiener Cafe ausgerechnet auf die Revolutionen im arabischen Raum hinauslief. Das Thema ist da. Unvermittelt. Der Mann am Tisch gegenüber sieht sich als Experte für die Region. „Ich hab dort sieben Jahre lang gearbeitet.“ Arbeitslosigkeit und Perspektivenlosigkeit, Massenarmut hätten die Menschen nicht auf die Straße getrieben. „Als ich dort gearbeitet hab im Irak hat jeder Hilfsarbeiter umgerechnet 2500 Mark bekommen.“ Geld hätten „die“ alle, gibt er sich überzeugt, alles andere westliche Medienpropaganda. „Und die Menschen sind vermutlich auf die Straße gegangen, weil es ihnen so gut geht. Passiert ja immer in der Geschichte“, entgegne ich. Mein Gesprächspartner entgegnet mit einer Replik, was er von Intellektuellen hält (ihr glaubt’s immer, ihr wisst’s alles, dabei habt’s ihr keine Ahnung) und präsentiert die brandaktuelle Analyse, dass die Ereignisse in Nordafrika nichts seien als islamistische Staatsstreiche. Und bevor man, oder in dem Fall ich, nachfragen kann, wie er auf das komme, liefert er die Begründung. „Der Araber ist ein Arschloch, das fängt schon in der Türkei an.“

Ob so viel weltpolitischer Expertise muss man bescheiden verstummen. Würde sich mein Gegenüber nicht auch noch als Sozial- und Überhauptexperte betätigen. Wenn man in Schwung ist, kann man gleich weitermachen mit der großen Welterklärung – oder zumindest der Feststellung, wer an allem Übel schuld ist. „Die Sozialisten, das rote G’sindel. Ihr habt’s uns in die Lage gebracht, wo wir heute sind. Wenn die weiter das sagen haben, sind wir in zwei oder drei Jahren hin.“ Ein bisschen Alkohol bremst den Elan nicht. Mein Gesprächspartner hat das passende Beispiel parat: „Die Leut vorm Josy (Betreuungsstelle für Adresslose in Wien, Anm.), die wollen alle nix arbeiten. Wollen nur saufen und den ganzen Tag herumlungern. Wenn ich ein paar von denen einstell, damit sie schwarz arbeiten können, haben’s sofort wieder Wehwechen und müssen aufhören.“

Der (noch) sanfte Einwand, dass die „Leut vorm Josy“ auch irgendwie fertig sein könnten, krank vom Ausgestoßensein, oft auch von Alkohol- oder Drogenmissbrauch, nützt wenig. „Ich hab noch nie Arbeitslosen- oder Krankengeld bekommen. Wenn’s mir schlecht gegangen ist, hab ich immer schwarz gearbeitet. Wenn man will, findet man eine Arbeit, nur das dort sind Sozialschmarotzer.“

Ich versuche, mittlerweile verärgert über die emotionalen Pauschalbeschimpfungen, ein letztes Mal eine Brücke zu schlagen und versuche dem Gesprächspartner zu erläutern, wie sehr unser Wirtschaftssystem Menschen krank machen kann. Man muss nur ihn selbst nehmen: Mit Anfang 50 sieht er aus wie Mitte 60, hat mehrere Finger verloren. Nicht der Alkohol hat sein Gesicht so faltig werden lassen. Es ist das Gesicht eines Menschen, der immer im Freien gearbeitet hat. Als kleiner Subunternehmer auf Baustellen hat er’s sicher nicht einfacher als die Arbeiter, die er beschäftigt. Ob legal oder illegal sei dahingestellt und entzieht sich meiner Kenntnis. Ob ihm das nicht auffalle? „Mir doch wurscht, wenn ich älter ausschau.“

Bevor ich den Punkt machen kann, dass er ein vielleicht besser ausgestiegenes Opfer von Ausbeutung ist als manch andere, aber immer noch ein Opfer, hat er die Lösung für Wiens Obdachlose parat: „Für die g’hört ein kleiner Hitler her.“ Am Nebentisch keine Reaktion, offenbar hat niemand die Aussage registriert. Oder, und die Lautstärke lässt das eher vermuten, man wollte sie nicht registrieren. Ich hole Luft. Bevor ich etwas sagen kann, geht’s weiter in der Tirade. Arbeiterkammern und Gewerkschaften seien genauso wie das „rote G’sindl“ „Sozialschmarotzer“. „Die hetzen die Leute nur auf.“

Mir ist der Geduldsfaden gerissen. Ich sage meinem Gesprächspartner offen, was ich von ihm halte. Mittlerweile fühle ich mich nicht mehr an das Gebot der Höflichkeit gebunden. „Du bist eine kleine Nazisau.“ „Was bin ich? Du kriegst gleich eine, wenn du das nochmal sagst“. Er springt auf und schwingt seine rechte Hand. „Dann komm rüber und hau mir eine rein. Entschuldigen tu ich mich bei so einem wie dir sicher nicht.“ „Ich bin kein Nazi und ich hab auch nichts in der Richtung gesagt.“ Es lebe die Selbsterkenntnis. „Hör selber zu, was du sagst“. Es folgt ein Austausch von Unfreundlichkeiten, dessen Details mir nicht mehr in Erinnerung sind.

Worte wie „Sozialschmarotzer“, „Arschloch“ und „aufhetzen“ fallen des öfteren, ich bringe den Nazi noch ein-, zweimal an. Am Ende droht er mir: „Wenn du noch einmal Nazi sagst zu mir, zeig ich dich an.“ „Und warum bitte?“ „Ich bin kein Nazi“. Ah ja. Was ihn nicht daran hindert, eine „ordentliche Beschäftigungspolitik“ ( © Jörg Haider) in etwas direkteren Worten zu fordern. Genau genommen Gutheißung des Nationalsozialismus.

Der bislang ruhige Nebentisch wacht auf. „Provozier ihn nicht dauernd“, rührt sich einer. In meine Richtung. Ich war schlimmstenfalls die letzte Minute des Streitgesprächs der lautere und offensivere. Mein Gegenüber ist vor Minuten vom Sessel aufgesprungen und gestikuliert wild in der Luft herum. Wieso gerade ich, frage ich zurück. „Er beschimpft mich und andere, wünscht sich einen kleinen Hitler - aber ich soll ihn nicht provozieren?“ Keine Antwort.

Die Kellnerin will schlichten. Zuallererst fährt sie mich an, ich solle Ruhe geben. Als ich meine, in dem vorwiegend von Migranten besuchten Lokal wolle man eher keine Gäste, die Naziparolen von sich geben, lässt sie das kalt. „Das geht mich nichts an.“ Bei allem Verständnis dafür, dass sich das Personal in einem Cafe aus politischen Gespräche heraushält: Wenigstens in einem Migrantenlokal hätte ich mir erwartet, dass rassistische und NS-Parolen gegen einen Minimalkonsens verstoßen und nicht der gescholten wird, der genau das einfordert.

Andererseits kann man solche Parolen in Österreich täglich hören. Wer sich „einen kleinen Hitler“ für diese oder jene Bevölkerungsgruppe wünscht, sieht sich selbst nicht als Nazi oder als Nazi-Sympathisant. Und wird von vielen auch nicht als solcher gesehen. Wer sich über so etwas aufregt, gilt oft als Spielverderber, Miesmacher, Nestbeschmutzer, Vernaderer, „Gutmensch“ oder was es an solchen Ausdrücken mehr gibt. „Lass ihn halt reden“, ist die gutmütigste Ansage, die ich in solchen Situationen meist zu hören bekomme. Unabhängig davon, wie ich auf solche Aussage reagiere. Dass sich andere Lokalgäste ebenfalls solche Aussagen zurückweisen, habe ich selten erlebt. Zivilcourage ist eine seltene Tugend in diesem Land. Passivität ist eher gefragt. Sie nützt ausschließlich denen, die die Parolen brüllen. Der Demokratie schadet sie.
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Christoph Baumgarten

Mein Name ist Christoph Baumgarten und bin seit mehr als einem Jahrzehnt im Journalismus. Dieser Blog soll meine Sicht auf die politischen Entwicklungen in Österreich wiedergeben. Wobei im Moment der Ausdruck Zustand angebrachter wäre, wenn man an die heimische Politik denkt. Politwatch zeigt gerne vergessene Zusammenhänge auf und soll den Menschen eine Stimme geben, die auch angesichts der zunehmenden geistigen Verwahrlosung in diesem Land ihre fünf Sinne zusammen haben und nicht vergessen haben, was bei Politik im Mittelpunkt stehen sollte: Der Mensch mit seinen Bedürfnissen. Ein Hinweis für InhaberInnen eines Accounts auf twoday.net: Es gibt einen e-mail-Abodienst für neue Beiträge und Kommentare.

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